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LEBENSLINIEN

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04.11.2015 21:02
von:
kishla
Status: offline  


Ich bin so müde, daß des Tages Gaben
wie überreife Früchte von mir gleiten.
Ich möchte nur noch Deine Lippen haben,

und Deine Arme sollst Du um mich breiten,
wenn ich ins Nichts versinke. Laß mich schlafen
und tastend in die ersten Träume schreiten.

Ich bin so müde, daß ich alle Waffen
am Rand des Daseins kraftlos fallen lasse.
Du wirst mich nicht für meine Schwäche strafen

und dulden, daß ich Deine Hände fasse,
da sie sich öffnen, all die dunklen Türen ...
Ich seh Dein Lächeln, eh ich Dir verblasse

und weiß, es wird mich wieder zu Dir führen.

Annemarie Bostroem

04.11.2015 22:04
von:
blue_moon13
Status: offline  

So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge, meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussähe; es war mir eine große Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern, umarmt von der Großmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab' ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, – siehe, sie erhebt sich und kommt mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht länger bezweifeln, dass ich mein Bild im Spiegel erblicke.

Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint; ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rührender, dass am Scherz auch kein andrer teilnahm, hätte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt' es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen …


(Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde)


04.11.2015 22:13
von:
blue_moon13
Status: offline  

AUGENBLICK

Ich will mich für nichts mehr bewahren,
Was noch kommen könnte,
Und will an mir nicht mehr sparen.
Was ich mir bisher nicht gönnte:
Die lässige Hingabe an den Tag,
Die gönne ich mir endlich.
Und alles ändert sich mit einem Schlag.
Ich lebe nicht mehr überwendlich.
Ich freue mich, dass ich die Freiheit habe,
In der Frühe durch diesen Schnee zu gehn,
Und dass ich dem Schnee meine Spuren eingrabe,
Und dass mich das Licht und die Kälte anwehn.
Da ist das Geheimnis des Glückes entsiegelt:
Der Augenblick kennt kein Ungemach.
Und wie sich rötlich der Himmel spiegelt
Im schwarz unterm Schnee verrinnenden Bach!
Ich habe zuviel von Erwartung gelebt.
Und Fäden zu fremden Menschen gesponnen.
Und aus diesen Fäden Träume gewebt.
Und immer von neuem die Hoffnung begonnen,
Dass etwas in der Ferne geschieht,
Das bis zu mir herüberreicht,
Und mich zu sich hinüberzieht,
Etwas, das nichts auf Erden gleicht.
Jetzt akzeptiere ich mein Geschick
Und seine Ganzalltäglichkeit.
Und ich begreife den Augenblick
Als meinen Anteil an der Zeit.


(Eva Strittmatter)


05.11.2015 18:46
von:
kishla
Status: offline  


Das Andenken

Es hängt an meiner Zimmerwand
Ein welker Strauß an verblaßtem Band.
Den Strauß hat deine liebe Hand
Dereinst, als ich im Garten schlief,
Für mich gepflückt.

Das Band
Schlang sich um einen Abschiedsbrief,
Der mir dein Herz so weit entrückt. – –
Und wie ich lang hinüberseh,
Faßt mich ein seltsam Glück und Weh.

Es hängt an meiner Zimmerwand
Ein Strauß, frischblühend und ohne Band.

Joachim Ringelnatz


06.11.2015 06:07
von:
ilmundo
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DU

Wieviele Meere im Sande verlaufen,
wieviel Sand hart gebetet im Stein,
wieviel Zeit im Sanghorn der Muscheln
verweint,
wieviel Todverlassenheit
in den Perlenaugen der Fische,
wieviele Morgentrompeten in der Koralle,
wieviel Sternenmuster im Kristall,
wieviel Lachkeime in der Kehle der Möwe,
wieviel Heimwehfäden
auf nächtlichen Gestirnbahnen gefahren,
wieviel fruchtbares Erdreich
für die Wurzel des Wortes :
Du -
hinter allen stürzenden Gittern
der Geheimnisse
Du -

Nelly Sach

06.11.2015 18:46
von:
kishla
Status: offline  

Nun schlummert meine Seele

Der Sturm hat ihre Stämme gefällt,
O, meine Seele war ein Wald.

Hast du mich weinen gehört?
Weil deine Augen bang geöffnet stehn.
Sterne streuen Nacht
In mein vergossenes Blut.

Nun schlummert meine Seele
Zagend auf Zehen.

O, meine Seele war ein Wald;
Palmen schatteten,
An den Ästen hing die Liebe.
Tröste meine Seele im Schlummer.

Else Lasker-Schüler


07.11.2015 11:13
von:
kishla
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Verschriener Tod, für mich bist du so schön!
Schon morgens denk ich dich als Hütte aus,
in die ich einziehn werde schon am Abend,
und daß ein Stern darüber scheinen wird.
Nicht einmal vor dem Umzug hab ich Angst!
Man wird zwar viel vorher verbrennen müssen,
den Leib gewiß mit allen seinen Süchten
und von der Seele das, was sie sich hier
zusammentrug an Mut und Freudigkeit.
Nur meine Liebe, Tod, die bring ich mit!
Für die mußt du, wenn du mein Obdach bist,
den besten Winkel meiner Hütte richten
und, wenn es sein kann, baue auch ein Fenster,
damit der Stern, der gute, den ich meine,
ihr dort zu Diensten geht mit allem Trost,
den ich ihr hier niemals hab' geben können.

Christine Lavant

07.11.2015 11:23
von:
ilmundo
Status: offline  

BAU MIR EIN HAUS

Der Wind kommt.

Der Wind, der die Blumen kämmt
und die Blüten zu Schmetterlingen macht,
der Tauben steigen läßt aus altem Papier
in den Schluchten Manhattans
himmelwärts, bis in den zehnten Stock,
und die Zugvögel an den Türmen
der Wolkenkratzer zerschellt.
Der Wind kommt, der salzige Wind,
der uns übers Meer treibt
und uns an einen Strand wirft
wie Quallen,
die wieder hinausgeschwemmt werden.
Der Wind kommt.
Halte mich fest.

Ach, mein heller Körper aus Sand,
nach dem ewigen Bilde geformt, nur
aus Sand.
Der Wind kommt
und nimmt einen Finger mit,
das Wasser kommt
und macht Rillen auf mir.
Aber der Wind
legt das Herz frei
- den zwitschernden roten Vogel
hinter den Rippen -
und brennt mir die Herzhaut
mit seinem Salpeteratem.
Ach, mein Körper aus Sand!
Halte mich fest,
halte
meinen Körper aus Sand.

Laß uns landeinwärts gehn,
wo die kleinen Kräuter die Erde verankern.
Ich will einen festen Boden,
grün, aus Wurzeln geknotet
wie eine Matte.
Zersäge den Baum,
nimm Steine
und bau mir ein Haus.

Ein kleines Haus
mit einer weißen Wand
für die Abendsonne
und einem Brunnen für den Mond
zum Spiegeln,
damit er sich nicht,
wie auf dem Meere,
verliert.
Ein Haus
neben einem Apfelbaum
oder einem Ölbaum,
an dem der Wind
vorbeigeht
wie ein Jäger, dessen Jagd
uns
nicht gilt.

Hilde Domin

08.11.2015 11:19
von:
ilmundo
Status: offline  

EIN NETZ

Freunde sind wir geworden Geliebter
schmolzen im Lauf der Jahre
unsere Schwerter zur Schale
wir tranken draus
Schwermut und Lust

Abschiede kamen wie Hunger und Durst
wir gaben sie immer. Daraus
flocht uns die Zeit ein Netz
aus Treue und Trost

Herzenssatt liege ich bei dir
in sicheren Schlingen
Wir hören zu atmen nicht auf.

Ulla Hahn

08.11.2015 12:55
von:
kishla
Status: offline  

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

Rainer Maria Rilke

08.11.2015 14:27
von:
Equinox
Status: offline  

Zitatblue_moon13 schrieb am 04.11.2015 um 22:04:

... es sucht jeder in der Liebe nur sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt' es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen …


(Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde)


Danke dafür! Wieder einmal hat jemand in Worte fassen können, was ich nicht artikulieren kann.

Ich habe das Taschenbuch soeben bestellt. Und freu mich schon auf die Entdeckungen

09.11.2015 19:04
von:
kishla
Status: offline  

Himmelstrauer

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer;
Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke,
Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.

Vom Himmel tönt ein schwermutmattes Grollen,
Die dunkle Wimper blinzet manches Mal,
So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen, -
Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl. -

Nun schleichen aus dem Moore kühle Schauer
Und leise Nebel übers Heideland;
Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer,
Die Sonne lässig fallen aus der Hand.

Nikolaus Lenau

09.11.2015 22:01
von:
ilmundo
Status: offline  


TRÄNEN IN SCHWERER KRANKHEIT

Mir ist, ich weiß nicht wie; ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen,
und tausend fürcht ich noch; die Kraft in meinem Herzen
verschwind't, der Geist verschmacht, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
vergeht, gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein? Was wünschen wir zu haben?
Jetzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben;
jetzt Blumen, morgen Kot; wir sind ein Wind, ein Schaum,
ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten.
Jetzt was und morgen nichts, und was sind unsre Taten?
als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum.

Andreas Gryphius


10.11.2015 19:35
von:
kishla
Status: offline  

Vergänglichkeit der Schönheit

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit umb deine Brüste streichen.
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

Der Augen süsser Blitz, die Kräffte deiner Hand,
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.
Das Haar, das itzund kan des Goldes Glantz erreichen
Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Der wohlgesetzte Fuss, die lieblichen Gebärden,
Die werden theils zu Staub, theils nichts und nichtig werden,
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Diss und noch mehr als diss muss endlich untergehen,
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau

10.11.2015 19:57
von:
ilmundo
Status: offline  

DAS TREFFEN

Alles ist dein
für dich
geht in deine Hand dein Ohr deinen Blick
ging
ging früher
ging immer
sucht dich suchte dich
suchte dich früher
immer
seit der Nacht schon
in der ich gezeugt wurde.
Um dich habe ich geweint bei meiner Geburt
dich habe ich gelernt in der Schule
dich habe ich geliebt in den Lieben von damals
und in den anderen.
Danach
all die Dinge
die Freunde die Bücher das Scheitern
die Angst die Sommer die Mühen
Krankheiten Pausen Geständnisse
alles war gezeichnet
alles ging
blind
ergeben
auf das eine Ziel zu
auf die Stelle
wo du vorbeikommen würdest
damit du es triffst
damit du darauf trittst.

Idea Vilarino

11.11.2015 06:59
von:
DaisyDump
Status: offline  

upps

editiert am 11.11.2015 07:16 Beitrag melden Zitatantwort
11.11.2015 18:08
von:
kishla
Status: offline  

Alte Liebe

Ich hab dich lieb, kannst du es denn ermessen,
Verstehn das Wort, so traut und süß?
Es schließet in sich eine Welt von Wonne,
Es birgt in sich ein ganzes Paradies.

Ich hab dich lieb, so tönt es mir entgegen,
Wenn morgens ich zu neuem Sein erwacht;
Und wenn am Abend tausend Sterne funkeln,
Ich hab dich lieb, so klingt die Nacht.

Du bist mir fern, ich will darob nicht klagen,
Dich hegen in des Herzens heil'gem Schrein.
Kling fort, mein Lied! Jauchz auf, beglückte Seele!
Ich hab dich lieb, und nie wirds anders sein.

Frank Wedekind

11.11.2015 20:26
von:
ilmundo
Status: offline  

NACHTWACHE

Ich will nicht deine Träume stören.
Die stummen Nächte bleiben dein.
Ich will nur deine Atemzüge hören
und bei dir sein.

Und wachen, weil des Mondes Schimmer
dein Antlitz ganz veränderte,
weil kaltes Licht das fremdgewordene Zimmer
umränderte.

Und warten, bis ein Stern zersplittert
und hinter deine Stirne fällt.
Erwache nicht: es ist mein Herz, das zittert,
weil es dich hält.

Dagmar Nick

12.11.2015 21:07
von:
kishla
Status: offline  

Für Ninon

Daß du bei mir magst weilen,
Wo doch mein Leben dunkel ist
Und draußen Sterne eilen
Und alles voll Gefunkel ist -

Daß du in dem Getriebe
Des Lebens eine Mitte weisst,
Macht dich und deine Liebe
Für mich zum guten Geist.

In meinem Dunkel ahnst du
Den so verborgnen Stern.
Mit deiner Liebe mahnst du
Mich an des Lebens süßen Kern.

Hermann Hesse


12.11.2015 21:49
von:
blue_moon13
Status: offline  

Zitatilmundo schrieb am 10.11.2015 um 19:57:

DAS TREFFEN

Alles ist dein
für dich
geht in deine Hand dein Ohr deinen Blick
ging
ging früher
ging immer
sucht dich suchte dich
suchte dich früher
immer
seit der Nacht schon
in der ich gezeugt wurde.
Um dich habe ich geweint bei meiner Geburt
dich habe ich gelernt in der Schule
dich habe ich geliebt in den Lieben von damals
und in den anderen.
Danach
all die Dinge
die Freunde die Bücher das Scheitern
die Angst die Sommer die Mühen
Krankheiten Pausen Geständnisse
alles war gezeichnet
alles ging
blind
ergeben
auf das eine Ziel zu
auf die Stelle
wo du vorbeikommen würdest
damit du es triffst
damit du darauf trittst.

Idea Vilarino


Berauschend schön. Danke dafür.


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