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Beziehungsanarchie - lieben ohne Label

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11.11.2017 17:12
von:
Linija
Status: mobile  

Es gibt hier keine Gruppe "Beziehungsanarchie". Schade. Dann sollte es wenigstens einen Thread dazu geben.

Was ist das eigentlich?
Hier gibt es eine vierminüntige (englische) Einführung: https://www.youtube.com/w [...] Bdffi0m4

Beziehungsanarchie - ich fasse zusammen:

Es gibt eine Schnittmenge mit Polyamorie, obwohl Beziehungsanarchist*innen auch mono leben können. Gemeinsamkeiten:
- Beziehungen auf der Basis von Konsens, Offenheit, Ehrlichkeit
- Liebe wird nicht als begrenzte Ressource (nur für eine Person) betrachtet. Mehrere Beziehungen zur gleichen Zeit sind möglich
- Der Aufbau von Beziehungen ist wichtiger als Sex

Weitere zentrale Aspekte: Beziehungsanarchist*innen:
- lehnen Regeln und Hierarchien in ihren Beziehungen ab
- Beziehungen, die nicht "in Boxen" gepackt werden müssen, also nicht gelabelt werden müssen. Die sich statt dessen natürlich entwickeln dürfen und frei von Erwartungen sind.
- sie machen keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen romantischen, sexuellen und platonischen Beziehungen

Wie ich es verstanden habe, ist jede Beziehung zwischen zwei Menschen einzigartig und sollte daher in keine Kategorie gepackt werden. Denn wenn dies geschieht (jemand wird zu "meine Freundin" ), dann verändert dies die Beziehung durch die daran geknüpften Erwartungshaltungen.

Schließlich wenden sich Beziehungsanarchist*innen auch gegen den heteronormativen Standard - und schon deshalb sollte das hier diskutiert werden

editiert am 11.11.2017 17:19 Beitrag melden Zitatantwort
11.11.2017 21:30
von:
DrippingLuke
Status: offline  

Ich hab schon genug damit zu tun eine Beziehung auf der Basis von Konsens, Offenheit, Ehrlichkeit zu führen. Das ist sauanstrengend und ich weiß nicht woher man die Zeit nimmt das mit mehreren Leuten zu machen. Oberflächlich, bestimmt möglich. Richtig in die Tiefe gehend? Kann's mir nicht vorstellen.

11.11.2017 21:35
von:
Quilma
Status: offline  

Ist "Beziehungsanarchismus" dann nicht selbst ein Label?

11.11.2017 21:47
von:
MoniChaos
Status: offline  

Ich wüsste nicht, wie ich als Anarchist_in sonst zwischenmenschliche Beziehungen führen würde. Der gängige Standard ist ja - gelinde gesagt - zum Würgen.

11.11.2017 21:51
von:
Paradeiser-68..
Status: offline  

ZitatLinija schrieb am 11.11.2017 um 17:12:

Es gibt hier keine Gruppe "Beziehungsanarchie". Schade. Dann sollte es wenigstens einen Thread dazu geben.

Was ist das eigentlich?
Hier gibt es eine vierminüntige (englische) Einführung: https://www.youtube.com/w [...] Bdffi0m4

Beziehungsanarchie - ich fasse zusammen:

Es gibt eine Schnittmenge mit Polyamorie, obwohl Beziehungsanarchist*innen auch mono leben können. Gemeinsamkeiten:
- Beziehungen auf der Basis von Konsens, Offenheit, Ehrlichkeit
- Liebe wird nicht als begrenzte Ressource (nur für eine Person) betrachtet. Mehrere Beziehungen zur gleichen Zeit sind möglich
- Der Aufbau von Beziehungen ist wichtiger als Sex

Weitere zentrale Aspekte: Beziehungsanarchist*innen:
- lehnen Regeln und Hierarchien in ihren Beziehungen ab
- Beziehungen, die nicht "in Boxen" gepackt werden müssen, also nicht gelabelt werden müssen. Die sich statt dessen natürlich entwickeln dürfen und frei von Erwartungen sind.
- sie machen keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen romantischen, sexuellen und platonischen Beziehungen

Wie ich es verstanden habe, ist jede Beziehung zwischen zwei Menschen einzigartig und sollte daher in keine Kategorie gepackt werden. Denn wenn dies geschieht (jemand wird zu "meine Freundin" ), dann verändert dies die Beziehung durch die daran geknüpften Erwartungshaltungen.

Schließlich wenden sich Beziehungsanarchist*innen auch gegen den heteronormativen Standard - und schon deshalb sollte das hier diskutiert werden


Zu fett gedrucktem:
Sind Beziehungen zwischen Menschen, egal ob im 1 zu 1, oder in einer Gruppe, nicht immer an Erwartungen geknüpft, sowohl an den/die anderen, als auch an mich selbst in dem Moment des sich drauf Einlassens?
Und wer sagt, dass es nur negativ besetzte Erwartungen in dem Zusammenhang gibt? Es gibt doch auch genügend positive...
Menschen in Beziehungen, die absolut frei von Erwartungen sind? Ein theoretisches Konstrukt, das in der Praxis meiner Meinung nach nicht existiert/existieren kann.

Daß sich Beziehungsanarchistinnen(was für ein seltsames Wort) ungelabelte Beziehungen wünschen, die sich natürlich entwickeln dürfen, ist doch bereits eine deutliche Erwartungshaltung an die Beziehung, finde ich.
Für mich ein paradoxon, denn in Beziehung zu etwas oder jemandem Stehen, implementiert bereits Erwartungshaltung und das finde ich zunächst mal auch völlig ok.

Edith gefiel was am paradoxen nicht...

editiert am 11.11.2017 21:54 Beitrag melden Zitatantwort
11.11.2017 22:08
von:
Paradeiser-68..
Status: offline  

@Linija

Zitat gekürzt:
...
Es gibt eine Schnittmenge mit Polyamorie, obwohl Beziehungsanarchist*innen auch mono leben können. Gemeinsamkeiten:
- Beziehungen auf der Basis von Konsens, Offenheit, Ehrlichkeit
- Liebe wird nicht als begrenzte Ressource (nur für eine Person) betrachtet. Mehrere Beziehungen zur gleichen Zeit sind möglich
- Der Aufbau von Beziehungen ist wichtiger als Sex...

Sind nicht alle Aufzählungen genau das? Erwartungen einer Beziehungsanarchistin an eine Beziehung??
Hier beisst sich für mich sprichwörtlich "die Katze in den eigenen Schwanz"...


11.11.2017 22:36
von:
Bayudha
Status: offline  

...die Erwartung formulieren, keine Erwartung zu haben
...merkst du selbst, oder?

11.11.2017 22:40
von:
Maxime81
Status: offline  

ZitatBayudha schrieb am 11.11.2017 um 22:36:

...die Erwartung formulieren, keine Erwartung zu haben
...merkst du selbst, oder?


Prima auf den Punkt gebracht! 😉

11.11.2017 22:48
von:
Bayudha
Status: offline  

ZitatMaxime81 schrieb am 11.11.2017 um 22:40:

Prima auf den Punkt gebracht! 😉


Danke

12.11.2017 00:31
von:
FaithInChaos
Status: offline  

Dann bin ich wohl Beziehungsanarchist.

Bin mit meinen Menschen über 10 bzw. 8 Jahre zusammengewachsen und ja, das war manchmal ein zusammenraufen und "anstrengend", hat sich aber sehr gelohnt, weil wir mittlerweile alle äußerst glücklich miteinander sind und das vermutlich noch sehr lange anhält :-) Dabei haben sich immer wieder Dinge verschoben und verändert, man entwickelt sich eben (zusammen) weiter.

Natürlich kann man solche "Definitionen" immer sehr clever auseinander nehmen und manche Punkte zu genau nehmen. Was man davon hat, Dinge immer zu zerreißen - keine Ahnung. Manches ist eben schwer in Sprache zu packen, so dass Ungenauigkeiten entstehen. Deshalb ist es für die Menschen, die es ausleben und damit glücklich sind, ja nicht falsch.

Zu den Erwartungen: mich überrascht es immer wieder - weil ich tatsächlich relativ frei von Erwartungen an andere Menschen herangehe - dass andere eben entsprechendes haben - z.B. primär an Sex oder ONS denken.

12.11.2017 01:43
von:
Linija
Status: mobile  

Liebe Kritikerinnen,
Ihr macht mir nicht den Eindruck, die Idee verstehen, sondern sie vielmehr zerlegen zu wollen.
Zu den Erwartungen: So wie ich es verstehe, geht es vor allem darum, durch die Gesellschaft vorformulierte Erwartungshaltungen, die mit einem Label ("mein Mann", "meine Freundin" ) verbunden sind, zu vermeiden. Statt dessen, mit jedem Mensch frei und individuell übereinkommen, was man voneinander wünscht.

Ich beschäftige mich mit dem Thema, weil mich die Frage interessiert, wie zwei Menschen, besonders in intimer Beziehung, gut miteinander umgehen können.

editiert am 12.11.2017 01:43 Beitrag melden Zitatantwort
12.11.2017 01:53
von:
Weirdo2013
Status: offline  

@Linija

Es ist halt schwer, eine tief in der Kultur verankerte Beziehungsform in Frage zu stellen bzw. andere, parallel laufende Modelle zu akzeptieren. Vor langer Zeit wurde ich mit dem Thema Polyamorie konfrontiert und betrieb einige Recherchen. Und es wurde zugegeben, dass selbst Wissenschaftler Probleme damit haben, neutral über das Thema zu forschen. Bisher gibt es keine Evidenz, dass die eine oder andere Beziehungsform besser oder schlechter in Hinblick auf das Gluecklichsein sei. Es muss natürlich zu dem jeweiligen Menschen passen. Ich selbst passe nicht zur Polyamorie und bin auch keine Beziehungsanarchistin. Fuehle mich aber auch keinesfalls durch diese bedroht. Ich wünsche dir, dass du hier für dich konstruktive Beiträge erhälst

12.11.2017 12:34
von:
Equina
Status: offline  

Hallo zusammen,

den Begriff Beziehungsanarchie habe ich jetzt hier zum ersten Mal gelesen/gehört. (So wie ich manche Wörter hier schon gelernt habe: pansexuell, demisexuell u.a.).
Wörter/ Begriffe sind für mich da, um Dinge, Menschen, Gefühle, Einstellungen beschreiben und kommunizieren zu können; sogar denken tu ich wohl mit dem Wortschatz, den ich gelernt habe. Und zum Glück haben wir die Fähigkeit - vielleicht manche mehr, manche weniger, vielleicht ist es auch eine Sache des Willens und/oder der Übung – die Wörter zu kombinieren, anzuwenden, in Kontext zu stellen, die Bedeutung zu reflektieren und zu kommunizieren.

Was ist ein Label für dich?

Als ich den Thread hier gelesen habe, kam mir in den Kopf, dass ein Label ein Wort ist, dem eine Mehrheit an Personen eine ganz bestimmte Bedeutung und gemeinsame Konnotationen zuschreibt; diese Zuschreibungen sind wohl im Fall eines Labels zum Teil einseitig, in den Köpfen von vielen recht festgefahren und mit Wertungen verbunden.
Ich glaube, dass ich in Gesprächen immer wieder versuche, solche Wörter in den Köpfen etwas zu "lockern" und eben erstmal wertneutral als Beschreibungs- und Kommunikationmöglichkeiten zu nutzen, wie die meisten anderen Wörter auch.
Ich beschreibe mich (oder andere) eh ungern ausschließlich mit einzelnen Wörtern, nach dem Motto: "Ich bin lesbisch", "ich bin Frau" oder "Bist du homosexuell?" (ja oder nein ). Das mögen Aussagen sein, die ich treffen kann, aber was diese dann für mich oder andere bedeuten, was ich damit verbinde, das hoffe ich, dass noch offen gehalten, hinterfragt oder erklärt werden darf.

Wie werden Wörter/Begriffe denn zu Labels?
Gibt es Wörter/ Begriffe, die dafür prädestiniert sind? Warum?

Manchmal ist mir auch rätselhaft, warum es dies oder jenes Wort überhaupt gibt, wenn man die Bedeutung mindestens (!) genauso gut mit anderen Wörtern sagen könnte. Aber dann denke ich mir: "Vielleicht regt es die Kommunikation an, das Denken an". Ich hoffe nur, dass eben einzelne Wörter nicht zu sehr zur vereinfachten Zuordnung in Schubladen gebraucht werden – dann sind es wohl Labels. Oder?!?
Letztere Überlegungen kamen mir jetzt eben auch zu dem Wort "Beziehungsanarchist".
….
Hm, das waren jetzt einfach mal so meine ersten Gedanken, als ich den Thread las.

Euch einen schönen Sonntag!

Karin



12.11.2017 12:55
von:
Linija
Status: mobile  

ZitatWeirdo2013 schrieb am 12.11.2017 um 01:53:
Bisher gibt es keine Evidenz, dass die eine oder andere Beziehungsform besser oder schlechter in Hinblick auf das Gluecklichsein sei.


Ja, das glaube ich auch. Es wäre zu einfach, die richtige Art der Beziehungsgestaltung zu wählen und dann glücklich zu sein. Es geht in jedem Fall um die Umsetzung und um den Grad an Bewusstheit in unseren Beziehungen, denke ich. Dennoch ist es für mich wichtig, über solche Modelle nachzudenken, um den Gestaltungsspielraum auszuloten und für mich zu klären, wo ich hin will. Den Geist für Veränderung zu öffnen.

ZitatIch selbst passe nicht zur Polyamorie und bin auch keine Beziehungsanarchistin. Fuehle mich aber auch keinesfalls durch diese bedroht.


Das ist schön

ZitatIch wünsche dir, dass du hier für dich konstruktive Beiträge erhälst


Danke

12.11.2017 13:11
von:
Linija
Status: mobile  

ZitatEquina schrieb am 12.11.2017 um 12:34:
Was ist ein Label für dich?


Als Label verstehe ich einfach eine starre Kategorisierung einer Beziehung.

Liebe Karin, danke für Deinen Beitrag. Darin geht es ganz viel um Sprache, um Begriffe und wie wir damit umgehen. Ich denke, darum geht es auch im Kern bei Beziehungsanarchie: hinzuschauen, wie wir sprachlich mit Beziehungen umgehen, Alternativen aufzeigen und damit auch die Art, wie wir einander begegnen zu verändern. Den Raum öffnen für Möglichkeiten jenseits der Begriffe.


12.11.2017 13:18
von:
Linija
Status: mobile  

Ich glaube ich spreche mal über mich, um es etwas konkreter und persönlicher zu machen.

In meiner letzten Beziehung wollte ich unbedingt eine Beziehung. Ich hatte keine anderen Denkmöglichkeiten im Bezug auf eine Person, mit der ich intim bin und auch emotional eng verbunden. Dieses Festklopfen als "Beziehung" hat für uns aber katastrophal geendet.

Heute bin ich an einem Punkt, wo ich skeptisch wäre, erneut eine Beziehung einzugehen. Vielleicht treffe ich irgendwann die Frau, mit der sich das richtig anfühlt. Heute bin ich eher interessiert an all den Schattierungen, die es zwischen Freundschaft und Beziehung gibt.

12.11.2017 13:27
von:
Linija
Status: mobile  

Übrigens dienen Labels oft (auch) dazu, zu kommunizieren, ob ich mit jemandem Sex habe. Diese Annahme machen die Leute, wenn ich jemanden als "meine Freundin" bezeichne. Geht es irgendjemanden etwas an? Nein. Ich lasse die Leute gerne im Unklaren.

editiert am 12.11.2017 17:18 Beitrag melden Zitatantwort
12.11.2017 19:51
von:
Liv67
Status: mobile  

Danke für das interesante Thema. Ich bin mit Polyamourie in Kontakt gekommen, und habe mich dann begonnen. Intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Inzwischen denke ich, dass zwischen platonischer Freundschaft und Partnerschaft vieles möglich ist. Vorher habe ich eher in den Kategorien, Freundschaft, Affaere, Partnerschaft gedacht.

13.11.2017 09:09
von:
TanteKnüppelK..
Status: offline  

Ist die Kategorisierung einer Beziehung nicht die Freiheit die sich jede Person jede Beziehung selbst gibt und diese selbst entscheidet.

Ich finde nicht das es weniger Regeln in einer offenen Beziehung gibt, sondern mehr. Und bewusstere Wahrnehmung der Partner/in und deren Bedürfnisse. Rücksichtnahme.!
In einer Monogamen Beziehung wird meist wortlos davon ausgegangen was die Erwartungen sind und wie die Beziehung gelebt wird. Eben Haupt Blickpunkt ist der/die Partner/in. In einer offenen ist das nicht mehr so selbst verständlich. Das macht das ganze für mich so interessant. Nicht nur das ich mich nicht so eingesperrt fühle sondern man sich auch nicht selbstverständlich fühlt und sie führt.

Ich denke auch das jede Beziehung anders ist in ihrer Intensität und ihrem Anspruch.

Wie führt ihr eure offene Beziehung und wie seht ihr das?

editiert am 13.11.2017 13:03 Beitrag melden Zitatantwort
13.11.2017 15:04
von:
Linija
Status: mobile  

ZitatLiv67 schrieb am 12.11.2017 um 19:51:
Inzwischen denke ich, dass zwischen platonischer Freundschaft und Partnerschaft vieles möglich ist.


Genau das!


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