Lovestories » Detail

Farben des Lebens: 5. Farbe: Schmerz

von SC4Y


Nein, so will sie sich nicht abspeisen lassen. Nicht nachdem, was zwischen ihnen war. Sie will es genau wissen. Sie folgt Clarke, die im Seitengang in einem Zimmer verschwindet. Gerade als Alisha nach der Klinke greifen will, kommt die Krankenschwester von vorhin heraus. "Ist da Frau Sullivan drin?" fragt Alisha nach. Die Schwester nickt freundlich. "Sie dürfen da aber jetzt nicht hinein. Aber wenn sie möchten, können sie dort Platz nehmen und warten." Sie zeigt auf die Stühle an der Wand. "Ich werde warten." beschließt Alisha und setzt sich.

Alisha sitzt jetzt bereits 2,5 Stunden. Ihr zweiter Kaffeebecher ist schon wieder leer. Tausend Gedanken jagen ihr durch den Kopf. Sie war bereits kurz davor zu gehen, aber sie kann es nicht. Sie muss Gewissheit haben. Vielleicht vergeht dann dieses Gefühl in ihrem Herzen, dass sie nicht einordnen kann. Vielleicht kann sie dann Clarke vergessen. Etwa eine halbe Stunde später tritt Clarke durch die Tür. Verwirrt blickt sie auf Alisha, die wie befreit von ihrem Stuhl aufspringt. "Du bist ja immer noch da." bemerkt Clarke mit einem grimmigen Unterton und wendet sich von Alisha ab um zu gehen. Erschrocken über diese rauhe Art ist Alisha nicht in der Lage etwas zu erwidern und bleibt wie versteinert stehen. Doch irgendetwas treibt sie an, läßt sie nicht aufgegeben. Sie muss es wissen. Also läuft sie Clarke nach und schlüpft noch schnell in den Fahrstuhl, bevor die Türen schließen. Clarke schweigt. Ihre Hände hat sie in den Taschen ihrer Hose vergraben. Als der Fahrstuhl hält, stürmt sie heraus. Alisha folgt ihr bis in ein Zimmer am Ende des Ganges. Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss - Stille. Clarke steht mit dem Rücken zur ihr, ihre Hände umgreifen das Fußteil des Krankenhausbettes, als wollte sie sich daran festhalten. "Was willst du noch?" hört Alisha Clarkes Stimme. Sie klingt dunkel und fremd. Alisha strafft ihre Schultern und macht einen Schritt auf Clarke zu: "Ich will nur eines von dir wissen, dann bin ich weg und werde dich nicht wieder belästigen: Warum? Warum willst du mich nicht mehr wieder sehen? Bist du in einer Beziehung? War ich nur ein One-Night-Stand für dich, ein Abenteuer, ein netter Zeitvertreib, ein Gelegenheitsfick?" Alisa spuckt die Worte förmlich aus. Es ist nicht überhörbar, wie sie sich fühlt. Im gleichen Moment dreht sich Clarke zu ihr um und Alisha ist über ihre Antwort mehr als erstaunt: "Das warst du nie, in keinem einzigen Moment." In ihrer Stimme liegt soviel Gefühl, das Alishas Herz schneller schlägt. Sie schaut in ihre grauen Augen und sieht tiefe Ehrlichkeit. Sie macht einen Schritt auf Clarke zu. "Warum dann?" flüstert Alisha. Clarke hält ihren Blick stand. Alisha erkennt noch mehr - Traurigkeit. Clarke hebt ihre Hand und führt sie zu ihrem Piratentuch. Dann zieht sie es langsam vom Kopf und läßt es auf das Bett fallen. "Deswegen." entgegnet Clarke und setzt ein schiefes Lächeln auf. Alisha steht noch immer an der gleichen Stelle und wagt kaum zu atmen, zu sehr schmerzt der Anblick von Clarkes kahlen Kopf.

"Ich habe Leukämie, Blutkrebs und zwar ziemlich agressiv. Verstehst du nun, warum es besser ist, wenn wir uns nicht wiedersehen?" Unendlich viele Gefühle stürmen auf Alisha ein und wirbeln wild durcheinander. Sie kann es nicht aufhalten und spürt etwas feuchtes an ihrer Wange. Sie will stark sein, aber die Gefühle werden übermächtig und überrollen sie wie ein riesige Flutwelle den Strand.

Clarke kann es nicht mit ansehen und geht auf Alisha zu. Sie öffnet ihre Arme und Alisha läßt sich in die Umarmung fallen. Ein leises Schluchzen erfüllt den Raum, während Clarke sie fest in den Armen hält. Wie sehr hat sie sich gewünscht, Clarke wieder so nah bei sich zu haben, sie zu spüren, ihren Duft einzuatmen. Doch jetzt ist alles anders. Sanft streicht Clarke über ihren Kopf und drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. Nach einer Weile löst sich Alisha aus der Umarmung mit einem schlechten Gewissen. Sie sollte stark sein, sie sollte es sein, die Clarke in den Arm nimmt, ihr Mut macht und für sie da ist. Clarke kann den Drang nicht widerstehen und wischt Alisha mit einem Finger die Tränen von der Wange. "Nicht weinen Süße." flüstert Clarke. Für einen Moment verschwindet die Rauheit in ihrer Stimme. Alisha schaut ihr in die Augen und verliert sich einen Augenblick darin. Sie hat keine Ahnung, was Clarke fühlt, aber sie weiß, was sie will. Sie spürt es, seit ihrer ersten Begegnung ist da etwas, eine magische Verbindung, eine geheime Anziehung zwischen Clarke und ihr. Sie kann es nicht erklären, aber sie fühlt es. Also nimmt sie all ihren Mut zusammen und spricht ihre Gedanken aus: "Ich habe dich gesucht und ich, ich wollte dich unbedingt wiedersehen." Das Flackern in Clarkes Augen verrät sie, auch wenn ihre Stimme fest und dunkel bleibt: "Alisha, bitte geh und komm nicht wieder. Ich kann dir nichts geben und nichts versprechen. Ich werde wahrscheinlich sterben. Mit mir gibt es keine Zukunft." Plötzlich geht Alisha ein Licht auf, jetzt versteht sie, warum Clarke so abweisend reagiert: "Sie will mich nur schützen. Ich bin ihr nicht egal." Ein warmes Gefühl durchflutet ihren Körper. "Vielleicht gibt es keine Zukunft, aber es gibt ein Jetzt und Hier. Und ich will bei dir sein. Noch bist du nicht tot, sondern du lebst. Du lebst! Bitte lass mich ein Teil deines Lebens sein."

Noch nie hat Alisha so etwas zu jemanden gesagt. Noch nie so etwas für jemanden gefühlt. Aber sie weiß, dass es das Richtige ist. Sie will diesen besonderen Menschen, den sie gefunden, verloren und erneut gefunden hat, nicht wieder loslassen. Noch nie, war sie sich bei etwas so sicher wie in diesem Augenblick. Unsicher blickt sie zu Clarke, die mit sich ringt, nach Worten sucht. "Aber wir kennen uns doch gar nicht." wendet sich schwach ein. Alisha lächelt. "Ich weiß." Es stört sie nicht im geringsten. "Das läßt sich ändern." Clarke beisst sich kurz auf die Unterlippe und atmet tief ein und aus: "Es ist verrückt." "Ich weiß." erwidert Alisha. "Aber das ist mir egal." Einen Moment herrscht Stille in dem Krankenzimmer. "Du hast mir gefehlt." gibt Alisha zu. "Du mir auch." gesteht Clarke. Alisha umfasst zärtlich das Gesicht von Clarke und ihre Blicke treffen sich, verbinden sich, verschmelzen. Und da ist es wieder, wie Magnete, die angezogen werden, treffen ihre Lippen aufeinander, ihre Körper stehen eng umschlungen, so dass sie den Herzschlag des anderen spüren können. In diesem Kuss liegt soviel Gefühl, soviel Zuneigung und soviel Schmerz. Alisha fühlt dieses tiefe Glück, endlich ihr Gegenstück, ihr fehlendes Puzzleteil gefunden zu haben. Doch sie spürt auch, wie mit diesem Glücksgefühl der Schmerz in ihrer Brust wächst. Der Schmerz, den sie empfindet, wenn sie an Clarkes Schicksal denkt, an ihr Leid und ihren Kampf. Denn es ist nun nicht mehr allein nur Clarkes Schicksal, es gehört jetzt ihnen beiden. Sie werden gemeinsam leiden, gemeinsam kämpfen, gemeinsam gewinnen oder gemeinsam verlieren.






copyright © by SC4Y. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.



Kommentare


- So schön...
<3
Luna071081 - 15.08.2017 21:56
- Tolle Storrie
 
surfermausw46 - 15.08.2017 12:57
- So schön...
 
Luna071081 - 15.08.2017 05:53
- So schön...
 
Luna071081 - 15.08.2017 05:52
- So schön...
 
Luna071081 - 15.08.2017 05:52

mehr Kommentare

>>> Laufband-Message ab nur 5,95 € für 3 Tage! <<<