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Farben des Lebens: 6. Farbe: Glück

von SC4Y


Clarke kann ihr Glück nicht fassen. Diese wundervolle Frau liegt in ihren Armen. Sie spürt ihren gleichmäßigen Atem an ihrem Hals. Sie schließt die Augen und kämpft gegen die Übelkeit an, die langsam aufsteigt. Clarke will noch nicht aufstehen. Sie will Alisha noch nicht los lassen. Ein bisschen noch. Tief atmet sie ihren Duft ein, den sie seit ihrer ersten stürmischen Begegnung nicht mehr vergessen kann. Und es beruhigt sie ein wenig. Das was sie für Alisha fühlt, ist ein so übermächtiges Gefühl. Die ganze Zeit hat sie ihr so gefehlt. So wie einem unter Wasser die Luft zum Atmen fehlt. Sie denkt zurück an ihre überraschende Begegnung, so ganz ohne Worte. Sie hatte nicht erwartet, dass Alisha zurück in die Wohnung kommt. Sie hatte nicht zu träumen gewagt, diese wundervollen, geschwungenen Lippen zu küssen. Und auf einmal stand sie vor ihr. Seitdem ging sie ihr nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Herzen. Dieses Gefühl war einfach gekommen und nicht wieder gegangen. Das Wissen, dass sie Alisha nicht wieder sehen würde, war die ganze Zeit schlimmer für sie gewesen, als die Nebenwirkungen der Chemo.

Sie spürt, wie sich Erschöpfung in ihr breit macht und die Übelkeit sie wie eine Welle überrollt. Noch ein bisschen - hier bei ihr liegen bleiben. Sie zwingt sich ruhig zu atmen. "Alisha!" flüstert sie in das Dämmerlicht ihres Zimmers. Das helle Licht von Straßenlaternen erhellen es zur Hälfte, doch das Bett mit den beiden Frauen liegt im Dunkeln. Sanft drückt sie ihr einen Kuss auf den Scheitel und die Stirn. Am liebsten würde Clarke sie nie wieder los lassen. Doch ist das nicht zu egoistisch von ihr? Sie muss sie gehen lassen, egal wie weh es ihr auch tut. Sie weiß nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Die Ärzte haben ihr wenig Hoffnung gemacht. Die Wirkung der Theraphie ist nicht wie erhofft. Das kann sie ihr nicht antun. Alisha hat soviel mehr verdient. Jemanden an ihrer Seite, der ihr das Leben bieten kann. Nicht Schmerz, Leid, Trauer und Verlust. "Bitte lass mich ein Teil deines Lebens sein!" Der Satz hallt immer wieder in ihren Kopf. Warum sie? Warum ich? Warum wir?

"Denk ja nicht darüber nach, wie du mich wieder los werden kannst. Denn das wird dir nicht gelingen." flüstert eine zarte Stimme. Überrascht schaut Clarke zur Seite und blickt in zwei dunkle Augen. Sie scheinen in der Dunkelheit zu leuchten. "Du musst aber gehen, ich ..." Alisha legt ganz sacht ihren Zeigefinger auf Clarkes Lippen. "Du hast Recht. Ich muss gehen, aber ich werde wieder kommen - jeden Tag." Clarke findet keine Worte, dass ist ihr noch nie passiert. Ihr Herz schlägt schneller. Ein angenehmes warmes Gefühl breitet sich in ihrem Herzen aus und vertreibt die Kälte für einen Moment, die sie nach jeder Chemo überfällt.

Doch das Gift in ihren Venen ist gnadenlos und fragt nicht nach schönen Gefühlen. Diesmal kann sich Clarke nicht dagegen wehren. Sie verschwindet im Bad. Alisha hört, wie sie die Tür verriegelt. Und dann das Würgen. Sie springt aus dem Bett und bleibt an der Tür stehen. Wieder würgen, spülen, würgen. Es zerreißt ihr das Herz und sie kann nichts tun, um ihr zu helfen. Spülen - Stille. "Clarke?" fragt sie ängstlich nach. Wieder würgen. Alisha presst sich eine Faust gegen ihre Lippen und lehnt sich mit den Rücken gegen die Wand. Sie fühlt sich so hilflos. Still leidet sie mit Clarke. Schließlich hört sie, wie der Riegel klackt. Langsam öffnet sie die Tür und blinzelt in das grelle Licht. Das Bad ist nicht sehr groß. Clarke kniet noch immer neben der Toilettenschüssel. Alisha erkennt die Kraflosigkeit ohne ihr in die Augen sehen zu müssen. Sie greift nach einem Tuch, befeuchtet es und wischt damit ganz zärtlich über Clarkes Mund. Diese läßt es geschehen. Dann reicht sie ihr ein Glas Wasser. Clarke trinkt trotz ihrer Erschöpfung ein paar Schlucke, um diesen widerlichen Geschmack aus dem Mund zu bekommen. "Komm, ich bring dich ins Bett." schlägt Alisha vor. Clarke zieht sich hoch und will es allein versuchen, aber ihre Beine geben nach. Alisha ist an ihrer Seite und hält sie fest. Sie legt ihre Arme um sie und führt sie zum Bett. "Siehst du, zusammen geht es viel leichter." Clarke antwortet nicht. Sie liegt nur da. Ihr ist kalt und sie fühlt sich so schwach. Alisha deckt sie zu und bleibt unschlüssig am Bett stehen. Soll sie gehen und Clarke sich ausruhen lassen? "Kannst du noch ein bissschen bleiben?" hört sie Clarkes schüttere Stimme. "Mir ist so kalt." flüstert sie Alisha zu. Da spürt sie einen warmen Körper, der sich ganz eng an sie schmiegt und Arme, die sich liebevoll um sie schlingen. "Danke meine Süße. Womit habe ich das nur verdient?" Doch Clarke erhält darauf keine Antwort. Sie spürt nur einen sanften Kuss in ihrem Nacken. "Gibt es keine Alternative?" fragt Alisha plötzlich. Clarke hört die Besorgnis in ihren Worten. Ihr Hals ist trocken und sie will nur noch schlafen. "Du meinst eine Stammzellenspende?" "Ja, genau." Alisha legt ihre Hand auf Clarkes Brust. Sie spürt ihren schnellen Herzschlag. Clarke tut es ihr gleich. Ihre Finger verkreutzen sich. "Das wäre eine gute Chance." Ihre Stimme klingt schwach. "Aber es gibt keinen passenden Spender in der Datenbank." Die letzten Worte kommen nur noch leise über ihre Lippen. Sie hat ihre Augen geschlossen und gleitet in Alishas Arm davon in einen traumlosen Schlaf. Ihre Hände sind immer noch verbunden und Clarkes Herzschlag hat sich wieder entschleunigt. Noch eine Weile bleiben sie so liegen. Erst als Alisha ganz sicher ist, dass Clarke schläft und sich ihr Körper wieder erwärmt hat, löst sie die Umarmung und klettert vorsichtig aus dem Bett. Sie will Clarke nicht wecken. Sie braucht ihren Schlaf, denn sie muss kämpfen. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das waren die Worte ihres Vaters und nicht zum ersten Mal erkennt sie die Wahrheit dahinter. Sie zieht sich ihre Schuhe wieder an und greift nach ihrer Tasche. Auf ihrem Handy hat sie 3 Anrufe in Abwesenheit und mehrere Nachrichten von ihrer Mutter, eine von ihrem Bruder und zwei von Mila. Sie wollte von Alisha wissen, ob der heutige Termin erfolgreich verlaufen sei. Sie muss lächeln. Dank Mila ist ihr gerade eine Idee gekommen, die Clarke vielleicht helfen konnte. Alisha greift nach einem Zettel aus ihrer Tasche und drückt einen Kuss darauf. Der rote Lippenstift hatte tatsächlich gehalten. Den Zettel legt sie auf Clarkes Nachtisch. Sie soll ihn gleich sehen, wenn sie aufwacht. Zum Abschied streicht sie voller Liebe über Clarkes kahlen Kopf und haucht ihr einen Kuss auf die Wange. Sie ist so froh, dass sie Clarke wieder gefunden hat. Dieses Glückgefühl ist noch immer da. Es hat sich etwas vermischt mit Schmerz und Angst, aber trotzdem ist es stärker, als die beiden anderen zusammen. Leise verläßt Alisha das Zimmer. Sie hat einen Plan und wünschte es wäre bereits früh am Morgen. Denn sie weiß, kämpfen ist nicht einfach und ihnen läuft die Zeit davon...



copyright © by SC4Y. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.




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