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Farben des Lebens: 7. Farbe: Angst

von SC4Y


Alisha macht sich auf den Weg in ihre Wohnung. Es zwei Uhr nachts. Doch sie kann nicht schlafen, dafür ist sie viel zu aufgewühlt. Sie entscheidet sich für eine warme Dusche, schlüpft in Jogginhose und T-Shirt und setzt sich dann mit einer Tasse Tee an ihren PC. Sie hat einiges zu recherchieren und nachzulesen. Wie ein Schwamm saugt sie alles in sich auf, druckt sich Informationen aus und notiert bestimmte Informationen in ihr Notizbuch. Alisha schreckt auf, als ihr Wecker in ihrem Schlafzimmer klingelt. Sie blickt auf ihre Armbanduhr und fährt sich durch ihr langen Haare. 6.15 Uhr! Sie streckt sich und gähnt herzhaft, bevor sie ihren Computer runterfährt. Jetzt braucht sie unbedingt einen Kaffee. Die Maschine läuft, während Alisha im Bad verschwindet. Sie hat heute einiges zu erledigen. Zuerst muss sie aber erst einmal richtig wach werden. Letzte Nacht war sehr kurz.

Mila will gerade das Büro aufschließen, als Alisha mit zwei Tassen dampfenden Kaffee auf sie zukommt. "Du hier?" fragt sie ungläubig. "Seit wann gehörst du zu den Frühaustehern?" Sie lacht und öffnet Alisha die Tür. Während Alisha die Tassen auf dem Schreibtisch abstellt, mustert ihre beste Freundin sie aufmerksam. "Hey, was ist?" will Alisha wissen. Mila schüttelt den Kopf und meldet sich an ihrem PC an. "Irgendetwas ist heute anders an dir. Du strahlst wie ein Sonnenschein in Dubai." Alisha reicht ihr eine Tasse. "Ich habe sie gefunden." "Wen?" fragt Mila und verstaut ihre Tasche in ihrem Schrank. "Clarke. Ich habe sie endlich gefunden." Alisha umfasst ihre Tasse, als müsste sie sich daran festhalten. Sie kann es selbst noch nicht richtig glauben. "Echt? Dein fehlendes Puzzle-Teil?" Mila steht die Überraschung ins Gesicht geschrieben. "Alisha! Spann mich nicht so auf die Folter. Erzähl mir alles!"

"WOW!" ist das erste, was Mila sagen kann. "Ich bin sprachlos." Alisha muss lachen, denn das kennt sie von ihrer Freundin nicht. "Und wie geht es jetzt weiter?" will Mila wissen. Alisha greift nach einem Kugelschreiber und dreht ihn zwischen den Fingern. "Deswegen war ich vorhin beim Chef. Unsere Zeitung organisiert doch immer so ein großes Charity-Projekt einmal im Jahr." Mila zieht die Augenbrauen in die Höhe, dabei rutscht ihr die schwarz gerahmte Brille ein wenig nach vorn. "Jaa? Das ist aber doch erst in einem viertel Jahr?" Energisch fährt sich Alisha durch ihr langes Haar und streicht es nach hinten. "Dieses Jahr nicht. Es wird nächste Woche starten." Mila findet bereits das zweite Mal keine Worte und das an einem Tag. "Wir organisieren einen Spendenmarathon in Verbindung mit Stammzellenspenden, die etliches Geld kosten. Stell dir nur vor, im Moment gibt es bereits ca. 7 Millionen Stammzellenspender, aber jeder siebte Betroffene findet keinen geeigneten Spender. Und das müssen wir ändern. Die Aktion würde vielen Menschen helfen." "Und vielleicht auch Clarke." ergänzt Mila, die ihre Sprache wieder gefunden hat. Alisha nickt nur. Das ist ihre Hoffnung, dass ist ihr Kampf und ihre einzige Chance.

Am Abend sitzt Alisha auf Clarkes Bett. Eine Hand von ihr, hält sie fest und streichelt mit ihrem Daumen zärtlich Clarkes Handrücken. Die andere liegt auf Clarkes Stirn. "Du bist ganz heiß. Du hast Fieber." stellt sie besorgt fest. "Ich weiß." flüstert Clarke mit einem matten Lächeln. "Das liegt an dir. In deiner Nähe muss ich einfach verglühen." Selbst das Reden strengt sie sehr an. Kurz schließt sie die Augen, bevor sie weiter spricht: "Wenn ich wieder gesund bin, dann wirst du schon sehen, was ich mit dir anstelle." grinst Clarke und Alisha sieht das Funkeln in ihren grauen Augen. Clarke führt Alishas Hand an ihren Mund und küsst ihre Fingerspitzen. Ein Schauer überläuft Alishas Rücken und sie errötet. "Aber jetzt solltest du schlafen." Clarke hat keine Kraft zu widersprechen. Es dauert auch nicht lange bis sie eingeschlafen ist. Alisha beobachtet sie noch ein wenig, wie ihr Brustkorb sich ruhig hebt und senkt. Etwas dass sie ein wenig beruhigt. Irgendwie schleicht sich immer wieder der Gedanke in ihren Sinn: Was wenn sie nicht mehr aufwacht? Wenn sie keine Kraft mehr hat? Wenn wir keinen passenden Spender finden? Sie weiß, sie könnte es nicht ertragen Clarke zu verlieren. Sie würde mit ihr Sterben. Sie ist der Teil, der immer in ihrem Leben gefehlt hat. Sie hat den Platz, diese Leere, diese Sehnsucht gefüllt. Mit ihr fühlt sie sich so vollständig. Kann es so etwas überhaupt geben? Zum Abschied beugt sie sich über die Frau, für die sie alles tun würde, küsst sie ganz sanft und läßt dann Clarke schweren Herzens allein im Zimmer zurück.

"Wo warst du denn so lange? Du kannst doch nicht andauernd Überstunden machen. Du weißt doch, dass wir mit dem Essen auf dich gewartet haben. Dann wird doch alles kalt. Schatz, wasch dir die Hände und komm dann bitte gleich an den Tisch." Alisha erträgt den Wortschwall ihrer Mutter geduldig und verschwindet kurz im Bad. Weiß sie denn nicht, dass sie kein Kind mehr, sondern bereits 24 Jahre alt ist? Alisha begrüßt ihren Bruder, der schon am Tisch sitzt, und auch ihre Mutter, die hilflos ihre Hände mit Kochlöffel und Topfdeckel von sich streckt. "Dann können wir ja jetzt Essen." "Ja, Mama. Danke für die Einladung." Sie nimmt ihrer Mutter einen Topf ab und stellt ihn auf den Tisch, bevor sie sich selbst setzt. Dann beginnt Jeremy von seinem Tag an der Uni zu erzählen. Alisha ist froh, dass ihr ein paar Minuten Ruhe gegönnt sind. "Und du mein Schatz. Warum kommst du so spät? Lag es wieder an der Arbeit?" Alisha nimmt ihr Glas in die Hand um einen Schluck zu nehmen, stellt es aber wieder unberührt ab. "Nein, Mama. Ich, ich habe jemanden kennen gelernt." Sie weiß nicht warum, aber sie will es ihrer Familie erzählen, sie will nicht warten, sie will kein Geheimnis, denn sie ist sich sicher, obwohl sie Angst vor der Reaktion hat. "Oh." erwidert ihre Mutter entzückt und ihre Mundwinkel zucken erfreut. "Wann lernen wir den jungen Mann mal kennen?" Alisha merkt nicht wie Jeremy sie ernst anblickt und dazu schweigt. "Nein, Mama. Es ist eine Frau. Ihr Name ist Clarke und ich liebe sie." Jetzt ist es raus. Ihr Herz klopft schnell und der Hunger ist ihr vergangen. Trotzdem zwingt sie sich dazu einen Bissen in den Mund zu schieben. Ihre Mutter schaut sie ungläubig an. Das Lächeln ist verschwunden. "Eine Frau? Alisha?" Ihre Stimme scheint eine Oktave nach oben gestiegen zu sein. "Ja, Mama. Und sie hat Leukämie, Blutkrebs. Deswegen organisieren wir von der Zeitung aus eine Spendenaktion von Geld und Stammzellen. Bitte kommt doch. Es ist so wichtig sich testen zu lassen für Clarke, für mich und all die anderen Betroffenen." Ohne ein Wort zu sagen, steht ihre Mutter auf und geht zurück an den Herd. Sie rührt unnötig in den Töpfen umher. Dann endlich dreht sie sich um. "Du musst selbst wissen, was du da machst. Du wohnst ja nicht mehr hier." Ihre Worte klingen verbittert. Sie macht eine kurze Pause, bevor sie weiterspricht. "Aber dein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er davon wüsste. Und glaube ja nicht, dass ich kommen werde." Alisha sitzt wie versteinert da. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ja, dass ihre Mutter nicht begeistert sein würde, war ihr klar, aber so etwas? Sie blinzelt mühevoll, denn sie will jetzt nicht weinen. Sie schaut zu ihrem Bruder, der nur nickt. Aber sie versteht seinen verständnisvollen Blick, ein kleiner Trost für sie. Ihre Mutter setzt sich wieder und wendet sich ihrem Teller zu. "Wie geht es eigentlich Mila?" will sie wissen. Das vorherige Thema ist für sie sprichwörtlich gegessen.

Nach dem Essen will Alisha so schnell wie möglich wieder nach Hause in ihre eigenen vier Wände. Sie hält es hier nicht mehr aus, dieses eisige Schweigen, diese Blicke ihrer Mutter. Sie ist sich nicht sicher, ob es stimmt, was sie über ihren Vater gesagt hat. Aber sie will es nicht glauben. Jeremy bringt sie noch an die Tür und drückt sie fest an sich zum Abschied. "Ich will sie bald kennenlernen. Und klar werde ich nächste Woche kommen." Sein Lächeln und seine Worte geben ihr wieder neue Kraft. Und die wird sie brauchen, dass weiß sie. Für Clarke!



copyright © by SC4Y. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.




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