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Farben des Lebens: 9. Farbe: Hoffnung

von SC4Y


Alisha steht nervös vor der Tür und drückt den Klingelknopf. Es dauert nicht lange bis ihre Mutter öffnet. Als sie eintritt, umarmt sie Alisha, aber ungewollt versteift sich die Tochter dabei. Es fühlt sich irgendwie kalt an, unecht. "Schatz, komm wir setzen uns in die Küche. Magst du etwas trinken?" Alisha lehnt ab und folgt ihrer Mutter. Da sitzt sie nun am Küchentisch, die Hände unsicher verschränkt im Schoß liegend. Ihre Mutter steht mit dem Rücken zu ihr und wartet, dass der Kaffee in die Tasse läuft. Unangenehmes Schweigen dehnt sich immer mehr im Raum aus und nimmt Alisha die Luft zu Atmen. Sie würde gern das Fenster öffnen, aber sie weiß, dass ihre Mutter etwas dagegen hätte. Sie spürt einen brennenden Blick auf sich und wendet sich ihrer Mutter zu, die an der Arbeitsplatte lehnt und anscheinend nicht vorhat sich zu ihr zu setzen. Die Tasse Kaffee steht dampfend unberührt neben ihr. Alisha hält diese Anspannung nicht mehr aus. "Also Mum, was ist mit Clarke? Über was wolltest du mit mir reden?" platzt es aus ihr heraus. Ihre Mutter hat die Arme verschränkt und ihre Lippen sind schmal, als würde sie ihre nächsten Worte sorgsam abwägen. "Es gibt einen passenden Spender für deine Clarke." Die letzten beiden Worte spuckt sie förmlich aus. Alisha reißt die Augen auf. Sie kann es nicht glauben. "Wie? Woher?" Ihre Mutter unterbricht sie. "Ich habe mich doch testen lassen und meine Zellen passen." Sie klingt so geschäftlich, ohne jede Regung erzählt sie Alisha davon, die gerade von einem Hochgefühl durch strömt wird. Es gibt Hoffnung. Ein Spender. "Mum, das ist wundervoll." Als sie die Worte ihrer Mutter realisiert, muss sie aufspringen und schließt sie in eine Umarmung. Doch diesmal bleibt ihre Mutter steif und erwidert diese nicht. Alisha macht einen Schritt zurück. "Mum, was ist los?" Ihre Mutter antwortet nicht sofort, sondern wendet sich von ihrer Tochter ab und geht hinüber an das Küchenfenster. "Ich werde meine Stammzellen für diese Frau spenden - unter einer Bedingung." Plötzlich begegnet Alisha eine Eiseskälte. Sie erfasst sie von außen und dringt hinein bis in ihr Herz, dass hart und schmerzhaft schlägt. Worte bilden sich in ihrem Kopf, aber schaffen es nicht aus ihrem Mund, der trocken und rauh ist. "Du musst mir schwören, dass du diese Frau nie wieder siehst und auch keine andere. Du wirst jeglichen Kontakt zu ihr abbrechen und dich an diese Abmachung halten." Alisha schluckt. Wer ist diese Frau, die ihr da gegenüber steht? Sie weiß es nicht. Eine Fremde... "Mum, du hast keine Ahnung, was sie mir bedeutet. Du kennst sie doch gar nicht." bringt Alisha schließlich heraus. "Du weißt nicht, was du da redest. Kaum bist du ausgezogen, läßt du dich von dieser Frau verführen. Du solltest einen Mann finden und glücklich werden." Alisha muss bei diesen Worten tief Luft holen. "Ich bin glücklich - mit ihr!" erwidert Alisha. Ihrer Mutter entfährt ein verächtliches Schnauben. "Es ist deine Entscheidung. Mehr habe ich nicht dazu zu sagen." Alisha fühlt sich wie betäubt, innerlich leer. "Gib mir einen Tag zum Nachdenken." erwidert sie mühsam, dreht sich um und geht. Die Tür fällt hinter ihr ins Schloß, als sie die Treppen hinunter steigt. Sie setzt sich in ihr Auto, aber kann nicht losfahren. Irgendwo hupt jemand, dass holt sie in die Gegenwart zurück. Ein Tränenschleiher nimmt ihr die Sicht. Sie legt erschöpft ihre Arme auf das Lenkrad und vergräbt ihr Gesicht darin. Sie muss sich entscheiden, dass weiß sie. Eigentlich hat sie sich schon entschieden, denn für Clarke würde sie alles tun. Es ist da nur diese Enttäuschung, die sie empfindet. Sie hätte nicht gedacht, dass Hoffnung so einen bittereren Geschmack verursachen kann. Sie wischt sich die salzigen Tränen weg und fährt los. Sie muss zu Clarke, auch wenn es ein Abschied sein wird.

"Wie war die Chemo?" fragt Alisha, als die sich zu Clarke ans Bett setzt. Diese schenkt ihr ein schiefes Lächeln. "Kalt. Aber jetzt bist du ja hier." Sie greift nach Alishas Hand und hält sie fest. Jede Berührung brennt schmerzlich. Ihr Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Wie soll sie es Clarke erklären? Vielleicht ist es besser, wenn sie gar nichts sagt und einfach geht? Ich Herz fühlt sich unsagbar bedrängt an in ihrer Brust, als würde es mit einem Backstein beschwert. Sie zwingt sich zu einem Lächeln. Sie sieht Clarke an, dass die Chemo sie wieder sehr mitgenommen hat, auch wenn sie es nicht zugibt. Das Essen steht noch unberührt am Nachttisch. "Magst du was Essen?" Clarke schüttelt den Kopf. "Ich wäre dir dankbar, wenn du es wieder wegbringen könntest. Allein bei dem Geruch von Essen wird mir schlecht. Aber etwas Wasser wäre gut." Sie ist so tapfer, so stark. Alisha schluckt den Kloss in ihrem Hals qualvoll hinunter und nickt. Schnell bringt sie das Tablett nach draußen und kehrt mit einem kleinen Krug Wasser zurück. "Darf ich dich um etwas bitten?" fragt Clarke. "Alles, was du willst." lächelt Alisha liebevoll und greift wieder nach Clarkes Hand. "Würdest du mir etwas vorlesen?" Damit hätte sie nicht gerechnet. "Was soll ich dir denn vorlesen?" fragt sie ein wenig unsicher. "Egal, ich höre nur so gern deine Stimme." gesteht ihr Clarke. "Du bist süß." lacht Alisha und küsst Clarke auf die Stirn.

Als Alisha ihre Wohnungstür hinter sich schließt, ist es draußen bereits dunkel. Sie schaltet kein Licht ein, sondern bewegt sich sicher durch die Wohnung. Hier hat alles begonnen. Hier hat sie das erste Mal in diese wundervollen, geheimnisvollen grauen Augen geblickt, diese starken Arme gespürt, diese heißen Küsse. Die Erinnerungen übermannen sie und heiße Tränen finden ihren Weg über ihre Wangen. Alisha läßt sich auf ihr Bett fallen. Sie fühlt sich kraftlos und ausgelaugt. Morgen erwartet ihre Mutter auf eine Antwort. Sie muss es tun - für Clarke. Ihr Herz zieht sich krampfhaft zusammen. Es tut so weh. Als würde es zerreißen. Doch IHR Leben ist es wert. Allein der Gedanke daran, raubt ihr den Atem. Sie steht wieder auf und öffnet das Fenster. Angenehme kühle Nachtluft strömt ihr entgegen. Sie merkt nicht, dass sie noch immer weint. Leise flüstert sie IHREN Namen in die Dunkelheit.

Es ist ihr Telefon, dass sie am nächsten Morgen aus dem unruhigen Schlaf reißt. Schlaftrunken springt sie aus ihrem Bett und stolpert in den Flur. Ihr Handy muss irgendwo in ihrer Handtasche sein und die war ... ach nein, auf dem Sofa. Sie stößt sich die große Zehe am Sessel und beißt vor Schmerz die Zähne zusammen. Das Klingeln hat immer noch nicht aufgehört. Sie greift nach dem Telefon: Anruf von Dr. Bernado. Ihr Herz krampft sich sofort schmerzhaft zusammen und ein unbestimmbares Gefühl von Angst legt sich um ihren Hals, als die den grünen Button drückt. "Ja, Feldberg." Ihre Stimme ist nur mehr ein Krächzen. Sie muss sich räuspern, aber es hilft nichts. "Ist etwas mit Clarke?" Sie merkt nicht, wie sie zu zittern beginnt. Sie hört seine Worte, aber sie erreichen nicht wirklich ihr Gehirn. Selbst als er aufgelegt hat, steht sie noch immer da mit dem Smartphone in der Hand, dass ihr ins Ohr tutet. Sie kann sich nicht rühren. Ihr Mund steht noch offen, als hätte sie etwas sagen wollen. Ihr Kopf ist wie leer gefegt. In ihr tobt ein Sturm, doch außen ist Stille und Tränen, die ihr ungesehen über die Wangen laufen.



copyright © by SC4Y. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.




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