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Gedichte - Lost and found.

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05.12.2017 20:20
von:
hai8
Status: offline  

Tischsitten

Auf Empfängen und Banketten
bleibt das Obst, wir könnten wetten,
zunächst einmal ganz achtlos liegen,
daß sich fast die Tische biegen.
Stehen alle Diplomaten
nur auf Hummer, Aal und Braten?
Wenn ja, warum? Was ist der Grund?
Denn Obst ist immerhin gesund!
Pfirsich, Kiwi, Apfelsine
stecken voller Vitamine.
Die Frage aller Fragen ist,
warum das Zeug denn keiner ißt?
Zum Ersten, Freunde, fehlt die Zeit,
zum Zweiten die Gelegenheit!
Drittens ist die Zeit zum Essen
schon durchs Protokoll bemessen.
Suppe, Steak! Dann einen heben.
Auf die Freundschaft! Auf das Leben!
Die Linke hält das Glas und kippt.
Ob Reden, Toaste, - einerlei:
Fürs Obst bleibt keine Hand mehr frei!

Unbekannt

05.12.2017 20:36
von:
Pflaenzchen
Status: mobile  

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
aber kam nicht mehr zurück.
Puplikum - noch stundenlang -
wartete auf Bumerang -

Joachim Ringelnatz

05.12.2017 20:55
von:
hai8
Status: offline  

Der Adler und die Schnecke

Adler:
Wie find' ich dich, du träges Tier,
auf diesem Eichenwipfel hier?
Wie kamst du her? - So rede doch!

Schnecke:
Je nun, ich kroch.
...
Sein hohes Ehrenamt gewann
Nicht anders mancher Schneckenmann.

August Friedrich Ernst Langbein

05.12.2017 21:01
von:
RegenbogenTag..
Status: offline  

Ich fand in einem Finkennest
Von einem dicken Buch den Rest.
Sieh an, dacht' ich- der Fink konnte lesen!

Kein Wunder
Es ist ein Buchfink gewesen!

Heinz Erhardt

06.12.2017 08:18
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" James Bond im Nikolausgewand

Am Weihnachtsmarkt stand Fräulein Laura,
wie immer mit naiver Aura,
als Niklaus sich zu ihr gesellte
und hautnah neben Laura stellte.
Er hauchte ihr ins Ohr gekonnt:
„Ich bin in Wirklichkeit James Bond.
Der Nikolaus ist nur zur Tarnung,
von Scotland Yard kam eine Warnung,
ich solle Maskerade tragen,
sonst ginge es mir an den Kragen.
Drei Killer hab’ ich heut erschossen,
dabei ist sehr viel Blut geflossen.“

Der falsche Niklaus schlang den Arm
um Laura, und ihr wurde warm.
Sie lümmelte am Glühweinstand
mit Bond, der sie sehr sexy fand.
Bestimmt glaubt Laura das kein Schwein,
James Bond lud sie zum Glühwein ein.
Und Bond, der falsche Nikolaus,
der machte sich ein Späßchen draus,
als er an Lauras Ohren lutschte
und sie fast bis zur Ohnmacht knutschte.
Sie kraulte seinen Bart aus Watte,
nicht ahnend, dass er Läuse hatte. ""

Alfons Pillach

09.12.2017 21:32
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" Schnee

Nacht und Tag im dichtesten Gewimmel
Wirbelten die weißen Flocken nieder,
Leise, leise. Aber nun am Himmel
Dunkeln all die gold‘nen Sterne wieder.

Ein verzaubert Land im Mondenscheine
Liegt das Feld und die verschneiten Höben.
In der weiten fleckenlosen Reine
Ist kein einz'ger dunkler Weg zu sehen.

Ist es nicht, als ob in dieser Stunde
Unsre Welt von keiner Sünde wusste?
Und als ob zu einem heil‘gen Bunde
Sich der Himmel und die Erde küsste? ""

Emil Besser

10.12.2017 07:37
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" Der Mensch und das Meer

Du freier Mensch, du liebst das Meer voll Kraft,
Dein Spiegel ist's. In seiner Wellen Mauer,
Die hoch sich türmt, wogt deiner Seele Schauer,
In dir und ihm der gleiche Abgrund klafft.

Du liebst es, zu versinken in dein Bild,
Mit Aug' und Armen willst du es umfassen,
Der eignen Seele Sturm verrinnen lassen
In seinem Klageschrei, unzähmbar wild.

Ihr beide seid von heimlich finstrer Art.
Wer taucht, o Mensch, in deine letzten Tiefen,
Wer kennt die Perlen, die verborgen schliefen,
Die Schätze, die das neidische Meer bewahrt?

Und doch bekämpft ihr euch ohn' Unterlass
Jahrtausende in mitleidlosem Streiten,
Denn ihr liebt Blut und Tod und Grausamkeiten,
O wilde Ringer, ewiger Bruderhass! ""

Charles Baudelaire

15.12.2017 16:04
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" Solange Herz und Auge offen,
um sich am Schönen zu erfreun,
solange darf man freudig hoffen,
wird auch die Welt vorhanden sein. ""

Wilhelm Busch

18.12.2017 10:23
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" O Sonnenschein! O Sonnenschein!
Wie scheinst du mir ins Herz hinein
,
weckst drinnen lauter Liebeslust,
daß mir so enge wird die Brust. ""

Robert Reinick

23.12.2017 15:11
von:
Karaganda
Status: mobile  

Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Erich Kästner


23.12.2017 17:25
von:
Kopfchaot
Status: offline  

Am Meer

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein Selbst genießen

Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein
Nur mit Himmel und Erde
hälst du
einsame Zwiesprach
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein Selbst genießen

(Christian Morgenstern)
und

23.12.2017 17:28
von:
influktenta
Status: offline  

Heimatlose

Ich bin fast
Gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
War, im Versteck,
Bewegte sich,
Regte sich
Plötzlich hinter einem Brett
In einem Kasten neben dem Klosett,
Ohne Beinchen,
Stumm, fremd und nett
Ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
Sah mich lange an,
Sann wohl hin und sann her,
Wagte sich
Dann heran
Und fragte mich:
„Wo ist das Meer?”

(Aus: J. Ringelnatz, Allerdings, Berlin 1928)



26.12.2017 12:23
von:
herzwort72
Status: offline  

Lied der Liebe

Weil meine Gedanken nicht in Worte passen,
habe ich Muscheln und Perlen und Kreide gesammelt
deine Schönheit zu malen.

An den Himmel will ich dich malen,
die Möwen werden mir helfen.
In den Sand will ich dich malen,
der Spur dieser kleinen Eidechse werde ich folgen.
Auf feinstes Pergament will ich dich malen,
und mein Glück wird die Feder führen.

Deine Haare,
die aus der Sonne fließen
mit dem herben Duft der Blüten,
wo meine Träume sich bergen,
sind schön.

Dein Lachen - hörst du -
Dein Lachen,
das der Nacht die Sterne schenkt,
das mein Herz verzaubert
wie eine endlose Melodie,
ist schön.

Deine Augen,
wie Morgensonnenschimmer
wie schlankes Geschmeide,
das aus Kelchen fließt,
sind schön.

Du bist schön.
Schön bist du.


(Jorge D.R.)


29.12.2017 23:45
von:
larusargentat..
Status: offline  

Ein bisschen mehr…

Ein bisschen mehr Friede
und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte
und weniger Neid,
ein bisschen mehr Liebe
und weniger Hass,
ein bisschen mehr Wahrheit,
das wär doch schon was.

Statt soviel Hast
ein bisschen mehr Ruh’.
Statt immer nur ich
ein bisschen mehr Du!
Statt Angst und Hemmungen
ein bisschen mehr Mut
und Kraft zum Handeln,
das wäre gut.

Kein Trübsinn und Dunkel,
mehr Freude und Licht.
Kein quälend Verlangen,
ein froher Verzicht
und viel mehr Blumen
so lange es geht,
nicht erst auf Gräbern,
da blühn sie zu spät!

Peter Rosegger

editiert am 29.12.2017 23:46 Beitrag melden Zitatantwort
30.12.2017 13:04
von:
herzwort72
Status: offline  

Glücklich! glücklich! Dich hab ich gefunden,
Hab aus Millionen dich umwunden,
Und aus Millionen mein bist du.


Friedrich von Schiller (1759-1805)


30.12.2017 13:29
von:
Schatzile
Status: offline  

Und wieder stell ich mir die Frage:
Weiß ich denn selber, wer ich bin?
Wie oft erleb ich solche Tage,
Auf langer Suche nach dem Sinn...

Zu wissen, wer man selber ist,
Ist doch das allergrößte Ziel.
Erkennen, was man selbst vermisst,
Erfahren über sich so viel...

Durchdringen zu den tiefsten Schichten,
Die tief in mir verborgen liegen.
Ich frag mich: werden sie sich lichten?
Werd ich mich in den Winden wiegen?

Ohne zu denken, ohne Ziel,
genießen den Moment und viel
Erwarten, nein! Nicht viel,
Doch alles! was auch das Leben bieten mag.

Ich weiß ich will sie, oder nicht?
Will ich nur mich und zu mir finden?
Sie ist wie ich...
Oder auch nicht...
Bin ich wie sie?
Will ich mich binden?

Oh, nein! Wie könnt ich das?
Wenn ich, nicht bei mir bin,
Nicht angekommen...
Ich wandre ruhelos umher
Und fühl mich hoffnungslos beklommen.

Gefangen in mir selber,
So wie es immer war.
Es war nie anders..., doch entkommen,
kann ich mir nicht...

Und jetzt?
Fühl ich mich hoffnungsvoll verloren....

31.12.2017 09:02
von:
larusargentat..
Status: offline  


An die Musik

Musik: Atem der Statuen.
Vielleicht: Stille der Bilder.
Du Sprache wo Sprachen enden.
Du Zeit, die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.

Gefühle zu wem? O du der Gefühle
Wandlung in was? - in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, -
heiliger Abschied:
da uns das Innre umsteht
als geübteste Ferne, als andre
Seite der Luft:
rein,
riesig,
nicht mehr bewohnbar.


Rainer Maria Rilke

04.01.2018 19:22
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" Weiche Herzen

„Weiche Herzen,“ sagt die Welt,
„Haben nur die Toren,
„Wer es kalt und fühllos hält,
„Hat das Glück erkoren!“ —

Aber besser tausendmal,
Gram für tust erhandeln,
Als, wie taub für Andrer
Durch das Leben wandeln! — ""

Gertrude Triepel

05.01.2018 02:53
von:
larusargentat..
Status: offline  


"" Kuss 💋

Auf die Hände küsst die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel'ge Liebe auf den Mund.

Aufs geschloßne Aug' die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Überall sonst die Raserei. ""

Franz Grillparzer

05.01.2018 13:27
von:
hai8
Status: offline  

Für dich

Ich trage dein Herz bei mir.
Ich trage es in meinem Herzen,
Nie bin ich ohne es.
Wohin ich auch gehe, gehst du meine Teure
und was auch nur von mir allein gemacht wird,
ist dein Werk, mein Schatz.
Ich fürchte kein Schicksal,
weil Du mein Schicksal bist, mein Liebling.
Ich will keine Welt, weil du meine Schöne,
meine Welt bist, meine Liebste.

Hier ist das tiefste Geheimnis,
um das keiner weiß.
Hier ist die Wurzel der Wurzel,
und die Knospe der Knospe
und der Himmel des Himmels
eines Baumes namens Leben,
der hoher wächst, als unsere Seele hoffen,
unser Geist verstecken kann.
Das ist das Wunder,
das den Himmel zusammen hält.
Ich trage dein Herz.
Ich trage es in meinem Herzen.

Edward Estlin Cummings


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