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Loveparade-Prozess . . .



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16.01.2019 07:27
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Vorzeitiges Ende durch Rechtsgespräch?

Zitat
Im Loveparade-Prozess geht es im so genannten Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen darum, ob und wie das Verfahren weiter geht.


Zitat
Letztlich geht es im Strafprozess darum, ob den Angeklagten eine juristische Schuld nachgewiesen werden kann. Waren es wirklich diese zehn Angeklagten, die durch ihr Handeln die Massenpanik verschuldeten?

Dass alle Juristen in dem Rechtsgespräch hier zu einer ähnlichen Einschätzung kommen, ist ziemlich unwahrscheinlich.


Ich erinnere:

Das Unglück bei der Loveparade ereignete sich während der 19. Veranstaltung dieser Art am 24. Juli 2010 in Duisburg. Dabei kamen 21 Menschen ums Leben, 541 weitere wurden schwer verletzt.

Und nun soll darüber entschieden werden, ob es dafür Verantwortliche gibt . . .

Ich bin sprachlos.

editiert am 16.01.2019 07:35 Beitrag melden Zitatantwort
16.01.2019 07:39
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Wie sich jetzt wohl die Opfer fühlen?

Ob es für sie wie Hohn klingt?

17.01.2019 10:29
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Und auch hier geht es wieder einmal um Geld, sich frei kaufen von Schuld . . .

Gedankengang nun, Menschen mit wenig Schuld gehen straffrei aus, Menschen mit mehr Schuld sollen zahlen !!!

Geht dieses moralisch, beim Tod von Menschen und Tieren, eine kleinere oder grössere Schuld zu haben?

Ich frage mich mal wieder, was ist ein Leben überhaupt Wert, in unserer Wegwerfgesellschaft.


editiert am 17.01.2019 10:31 Beitrag melden Zitatantwort
18.01.2019 15:07
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Aus Spiegel Online.
http://www.spiegel.de/pan [...] 608.html

Es sei richtig gewesen, die sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und die vier Angestellten des Loveparade-Veranstalters Lopavent anzuklagen, sagt Richter Plein. Es bestehe auch noch immer eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Angeklagten für die Katastrophe mitverantwortlich seien. Dennoch dürfte es sich bei dem Unglück um ein "multikausales Geschehen" gehandelt haben, erklärt der Richter. Eine Vielzahl von möglicherweise voneinander unabhängigen Ereignissen sei wohl für das Massengedränge auf der Technoparade verantwortlich gewesen.

Wie und wen willst du denn konkret für eine solche Verkettung von Ereignissen angemessen bestrafen? Geld für das verlorene Leben eines Menschen erscheint mir immer "unpassend" zu sein, denn es kann kein Ersatz sein. Durch Haftstrafen für städtische Mitarbeiter und Veranstalter wird auch niemand wieder lebendig. In anderen Fällen ähnlicher Großveranstaltungen mit mangelnden Sicherheitsvorkehrungen war es einfach nur Glück, wenn nichts Schlimmes passiert ist, denn das war gewiss nicht das erste Mal, das gepfuscht worden ist. Hier war es Pech. Und die aus schlechter Organisation, mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und Fehlentscheidungen der Polizei entstandene Massenpanik hat ihr Übriges getan.
Die Verstorbenen sind mehrheitlich tot gequetscht worden. Von anderen Teilnehmern. Die stehen aber nicht vor Gericht.

Die Loveparade hatte sich bereits vor dieser Katastrophe über die Jahre in eine schwer zu kontrollierende Massenveranstaltung entwickelt, an der letztlich niemand teilzunehmen gezwungen war (denn solche Veranstaltungen bergen grundsätzlich ein Risiko, Schaden zu nehmen) und die aufgrund ihres exzessiven Charakters mit Konsum von Alkohol und Drogen bereits neben Bergen von Müll auch immer wieder etliche Verletzte verursacht hat.
Und ist nicht ganz zu vergleichen damit, Opfer eines Terroranschlags oder eines Verbrechens zu werden - bei dem in konkret böser Absicht jemand Schaden verursachen will - vielmehr vielleicht vergleichbar damit, in eine Massenkarambolage auf der Autobahn verwickelt zu werden, bei der aus dem Fehlverhalten eines einzelnen eine unglückselige Kette weiterer Fehlreaktionen entstehen, bei der dann abgesehen vom erst auslösenden Faktor alle Beteiligten Mitverantwortung tragen.

Dass Hinterbliebene schwer ertragen können, keinen Hauptschuldigen benennen, ihn oder sie verantwortlich machen zu können, ist menschlich nachvollziehbar und verständlich - aber eigentlich glaube ich weiß jede/r, dass es den oder die für das damalige dynamische Geschehen tatsächlich nicht wirklich gibt bzw. wie es der Richter aufgeführt hat, die Schuld einzelner jedenfalls nicht derart schwerwiegend ist, dass daraus eine konkrete Verurteilung hergeleitet werden kann. Höchstens eine Geldstrafe. Welchen Trost kann das den Angehörigen spenden?

Ob es von einem moralischen Standpunkt aus möglich ist, Schuld zu bemessen, für den Verlust des Lebens von Mensch bzw. Tier (sehr heikel, beide in einem Satz zu benennen, denn da wird ganz entschieden sehr unterschiedlich geurteilt, und das Gewissen der meisten Menschen rührt sich nicht die Bohne, wenn ein Tier stirbt), hängt entscheidend von der Moral jeder/jedes einzelnen und der einer Gesellschaft ab (für die einen ist Abtreibung Mord, für die anderen nicht z.B., in manchen Teilen der Welt wird die Todesstrafe praktiziert und gebilligt, in anderen als moralisch indiskutabel verworfen).

Tiere werden tagtäglich, minütlich zum Verzehr getötet und im Straßenverkehr überfahren, dafür wird niemand zur Rechenschaft gezogen. Weder juristisch noch moralisch.

Die Justiz ist dagegen durchaus bemüht, moralische Grundsätze an die Bemessung einer Schuld anzulegen, wenn Menschen zu Schaden kommen.

Mit Vorsatz oder aus Fahrlässigkeit stellen z.B. einen deutlichen Unterschied dar. Als Teil eines Geschehens (im Straßenverkehr) oder geplant mit Tötungsabsicht etwa, als alleiniger Verursacher oder "nur" Beteiligter, der etwa bei einem Überfall mit tödlichem Ausgang Schmiere gestanden hat, stellen einen Unterschied in der Schwere der Schuld dar usw.
Das menschliche Leben wird unverändert hoch angesiedelt, moralisch und juristisch - zumindest theoretisch (ob das für jeden einzelnen gilt, kann ich natürlich nicht sagen).
Trotz Wegwerfgesellschaft.

Und dennoch kommt es manchmal zu Schaden, und es gibt niemand, den ich juristisch dafür belangen kann (wie etwa bei unvorhergesehenen Komplikationen bei einer Operation, für die nur ganz ganz selten ein Arzt haftbar gemacht werden kann). Und wie bei der Teilnahme an einer Massenveranstaltung. Oder der Fahrt in einem Zug, der verunglückt (Eschede 1998).

Es steht den Betroffenen und Angehörigen frei, jemanden ungeachtet der juristischen Bewertung moralisch schuldig zu sprechen, aber darum ging es in diesem Prozess letztlich nicht, denn das Organisatoren, Verwaltung, Veranstalter und Polizei sowie jede/r Teilnehmer_in, der/die eine/n andere/n geschubst, gedrängelt, zerquetscht hat, moralisch verantwortlich sind, steht doch ganz außer Frage und wird von niemand in Abrede gestellt.

Ob aber moralische Verantwortung (für diversen Pfusch, Leichtsinn und Fahrlässigkeit) juristisch messbar und damit mit einer angemessenen Strafe zu belegen sind, war der entscheidende Punkt.

In diesem Fall anscheinend nicht.


19.01.2019 08:45
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Ein Anwalt sagte in einem Kurzinterview, dass es anscheinend in Deutschland nur genug ursächlich Beteiligte geben muss, dann ist die Anzahl der Opfer unbeachtlich, es gibt keine Strafe.

Habe gerade gestern einen Bericht über das Unglück von Rammstein 1988 gesehen, da war es ähnlich....jeder hat alles richtig gemacht, niemand trägt die Verantwortung, es gibt keine Entschuldigung ( egal von welcher Seite) .

Aber die Oma, die Mundraub auf dem Wochenmarkt begeht....wird verurteilt oder die Kassiererin, die einen Pfandbon einsteckt. Verkehrte Welt, traurige Welt.

19.01.2019 11:51
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Bei mir persönlich hinterlässt es einen sehr schlechten Geschmack und mir fehlen die Worte, bestimmt aus Hilflosigkeit diese Sichtweise vom Kopf her vielleicht zu verstehen, aber moralisch komm ich da überhaupt nicht mit klar.

Wie sagte mir Eine, die dabei und mittendrin war:

"Ich möchte Amok laufen, weiss aber weder die Richtung noch das Ziel . . ."

19.01.2019 19:00
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Beschämend finde ich in dem Zusammenhang das Verhalten des damaligen Oberbürgermeisters, der die Verantwortung einfach auf seine Mitarbeiter in der Verwaltung abgewälzt hat. Er selbst war vor Gericht nur als Zeuge geladen.

Führungskräfte, wir wir sie brauchen und schätzen.

Die höhere Besoldung für die Last der Verantwortung, die sie angeblich tragen, wird gern eingestrichen, wird jedoch tatsächlich einmal Verantwortung zu übernehmen gefordert für Fehler der ihrer Führung anvertrauten Mitarbeiter, weisen sie diese energisch zurück und haben angeblich von nichts eine Ahnung gehabt. Wäre die Veranstaltung nicht in einem Desaster geendet, sondern in einem Erfolg, hätte er sich dafür aber gern feiern lassen.

Moralisch ist, dass nun niemand bestraft wird, zweifellos ganz schwer zu verdauen.

20.01.2019 18:50
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Wenn so etwas ließt, dann kann einem der Glaube an unser Rechtssystem abhanden kommen.

Allerdings muss man auch feststellen, daß es viele Faktoren gab die zu diesem Desaster führten.
Aber auch das der gesamte Prozeß immer wieder verschoben und verzögert wurde, hätten die Richter verhindern müssen.

Das am Ende leider niemand wohl Sühne leisten muss ist für mich unglaublich.

05.02.2019 22:16
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Tag 100 heute in Duisburg im Loveparade Prozess . . .

Zitat
Im Loveparade-Strafprozess ist die Einstellung des Verfahrens gegen die Mehrheit der Angeklagten wahrscheinlicher geworden. Am Dienstag erklärte die Staatsanwaltschaft, dass sie dem Einstellungs-Vorschlag des Gerichts in allen Fällen zustimmt. Das Landgericht Duisburg hatte Mitte Januar vorgeschlagen, das Verfahren gegen sieben Angeklagte ohne, gegen drei Angeklagte mit Auflagen einzustellen.


Wie sagte heute morgen eine Sprecherin im Radio

"Da müssen nur die Zuständigkeiten, die Verantwortlichkeiten auf viele Menschen verteilt werden, alles schwammig gehalten sein, dann gibt es keinen Täter der sich schuldig macht, sondern Schuldige, die ein wenig Schuld, oder auch ein wenig mehr schuld tragen . . .

w.



editiert am 05.02.2019 22:21 Beitrag melden Zitatantwort

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