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Verborgene Buchpassagen

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12.02.2019 19:17
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Der Thread „Seite 48“ macht mich hungrig, noch in eine andere Richtung.
Welche Abschnitte aus euren Lieblingsbüchern haben sich eingeprägt bei euch?
Vielleicht habt ihr sie unterstrichen, in Notizbüchern abgelegt, weil ihr sie für bedeutend, einprägsam oder lehrreich befunden habt und weil es euch wichtig war das sie nicht verloren gehen.
Vielleicht entsteht durch eure Teilhabe ein interessanter Fundus für alle.
Gern mit Quellenangabe, Kurzerklärungen, Schwärmereien....es kann so vieles im Leben von Bedeutung werden.

12.02.2019 19:20
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Ich beginne mit...einer Ausnahme
Im Film vom „Wallander“ aufgeschnappt...Der Vater zum Sohn:

„Du siehst nicht hin, oder?!“
„Du betrachtest die Welt gar nicht, du fährst nur durch sie hindurch!“
„Halt mal an und guck hin!“



13.02.2019 05:38
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Es gibt Momente, in denen das Leben plötzlich anhält, weil es sich verschluckt hat. Es verschluckt sich, hält an und hält die Luft an, es hält eine ganze Weile die Luft an und weiß nicht, wie es weitergeht, und schließlich atmet es aus, und bis es wieder den Rhythmus findet, könnte man denken, daß es vergessen hat, wie es sich atmet, aber dann atmet es wieder durch und geht weiter. Aber es hat einen Moment lang angehalten, und etwas bleibt verschluckt und in den angehaltenen Moment eingesperrt, es bleibt zurück und kann nicht mehr aus dem Moment heraus und mit dem Leben mit, wenn es durchatmet und dann weitergeht.

14.02.2019 16:23
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 12.02.2019 um 19:17:

Gern mit Quellenangabe, Kurzerklärungen, Schwärmereien....es kann so vieles im Leben von Bedeutung werden.

Ich hab jetzt gesehen, dass man den Text, den ich oben gepostet habe, hier aktuell auch anhören kann:

https://www.br.de/radio/b [...] 100.html
(~ 4:10 - 4:50)

editiert am 14.02.2019 16:35 Beitrag melden Zitatantwort
26.02.2019 18:00
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Wir lassen etwas von uns zurück, wenn wir einen Ort verlassen.
Wir bleiben dort, obgleich wir wegfahren.
Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wiederfinden können, dass wir dorthin zurückkehren.
Wir reisen zu uns selbst, wenn uns das monotone Klopfen der Räder einem Ort entgegenträgt, wo wir eine Wegstrecke unseres Lebens zurückgelegt haben, wie kurz sie auch sein mag.

aus „ Nachtzug nach Lissabon“

editiert am 15.04.2019 19:17 Beitrag melden Zitatantwort
26.02.2019 18:49
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Verwandlung durch Trauer & Krankheit
Rainer Maria Rilke über das Kranksein, aus seinen Briefen an einen jungen Dichter: An Franz Xaver Kappus.

Borgeby gård, Flädie, Schweden,
am 12. August 1904

Mein lieber Herr Kappus,

Ich will wieder eine Weile zu Ihnen reden, lieber Herr Kappus, obwohl ich fast nichts sagen kann, was hilfreich ist, kaum etwas Nützliches. Sie haben viele und große Traurigkeiten gehabt, die vorübergingen. Und Sie sagen, daß auch dieses Vorübergehen schwer und verstimmend für Sie war.
Aber, bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht vielmehr mitten durch Sie durchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, ob Sie nicht irgendwo, an irgendeiner Stelle Ihres Wesens sich verändert haben, während Sie traurig waren?
Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann.
Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.
Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können.
Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr - ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war.
Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist. Wir können nicht sagen, wer gekommen ist, wir werden es vielleicht nie wissen, aber es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht.
Und darum ist es so wichtig, einsam und aufmerksam zu sein, wenn man traurig ist: weil der scheinbar ereignislose und starre Augenblick, da unsere Zukunft uns betritt, dem Leben so viel näher steht als jener andere laute und zufällige Zeitpunkt, da sie uns, wie von außen her, geschieht.
Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein, um so besser erwerben wir es, um so mehr wird es unser Schicksal sein, und wir werden uns ihm, wenn es eines späteren Tages «geschieht» (das heißt: aus uns heraus zu den anderen tritt), im Innersten verwandt und nahe fühlen. Und das ist nötig. Es ist nötig und dahin wird nach und nach unsere Entwicklung gehen - daß uns nichts Fremdes widerfahre, sondern nur das, was uns seit langem gehört.
Man hat schon so viele Bewegungs-Begriffe umdenken müssen, man wird auch allmählich erkennen lernen, daß das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außen her in sie hinein.
Nur weil so viele ihre Schicksale, solange sie in ihnen lebten, nicht aufsaugten und in sich selbst verwandelten, erkannten sie nicht, was aus ihnen trat; es war ihnen so fremd, daß sie, in ihrem wirren Schrecken, meinten, es müsse gerade jetzt in sie eingegangen sein, denn sie beschworen, vorher nie Ähnliches in sich gefunden zu haben. Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest, lieber Herr Kappus, wir aber bewegen uns im unendlichen Raume.
Wie sollten wir es nicht schwer haben?
Und wenn wir wieder von der Einsamkeit reden, so wird immer klarer, daß das im Grunde nichts ist, was man wählen oder lassen kann. Wir sind einsam. Man kann sich darüber täuschen und tun, als wäre es nicht so. Das ist alles. Wieviel besser ist es aber, einzusehen, daß wir es sind, ja geradezu, davon auszugehen. Da wird es freilich geschehen, daß wir schwindeln; denn alle Punkte, worauf unser Auge zu ruhen pflegte, werden uns fortgenommen, es gibt nichts Nahes mehr, und alles Ferne ist unendlich fern. Wer aus seiner Stube, fast ohne Vorbereitung und Übergang, auf die Höhe eines großen Gebirges gestellt würde, müßte Ähnliches fühlen: eine Unsicherheit ohnegleichen, ein Preisgegebensein an Namenloses würde ihn fast vernichten. Er würde vermeinen zu fallen oder sich hinausgeschleudert glauben in den Raum oder in tausend Stücke auseinandergesprengt: welche ungeheure Lüge müßte sein Gehirn erfinden, um den Zustand seiner Sinne einzuholen und aufzuklären.
So verändern sich für den, der einsam wird, alle Entfernungen, alle Maße; von diesen Veränderungen gehen viele plötzlich vor sich, und wie bei jenem Mann auf dem Berggipfel, entstehen dann ungewöhnliche Einbildungen und seltsame Empfindungen, die über alles Erträgliche hinauszuwachsen scheinen. Aber es ist notwendig, daß wir auch das erleben. Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muß darin möglich sein.
Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Daß die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man «Erscheinungen» nennt, die ganze sogenannte «Geisterwelt», der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, daß die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.
Aber die Angst vor dem Unaufklärbaren hat nicht allein das Dasein des Einzelnen ärmer gemacht, auch die Beziehungen von Mensch zu Mensch sind durch sie beschränkt, gleichsam aus dem Flußbett unendlicher Möglichkeiten herausgehoben worden auf eine brache Uferstelle, der nichts geschieht.
Denn es ist nicht die Trägheit allein, welche macht, daß die menschlichen Verhältnisse sich so unsäglich eintönig und unerneut von Fall zu Fall wiederholen, es ist die Scheu vor irgendeinem Neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt.
Aber nur wer auf alles gefaßt ist, wer nichts, auch das Rätselhafteste nicht ausschließt, wird die Beziehung zu einem Andren als etwas Lebendiges leben und wird selbst sein eigenes Dasein ausschöpfen.
Denn wie wir dieses Dasein des Einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit.
Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.
Wir aber sind nicht Gefangene. Nicht Fallen und Schlingen sind um uns aufgestellt, und es gibt nichts, was uns ängstigen oder quälen sollte. Wir sind ins Leben gesetzt, als in das Element, dem wir am meisten entsprechen, und wir sind überdies durch jahrtausendelange Anpassung diesem Leben so ähnlich geworden, daß wir, wenn wir stille halten, durch ein glückliches Mimikry von allem, was uns umgibt, kaum zu unterscheiden sind.
Wir haben keinen Grund, gegen unsere Welt Mißtrauen zu haben, denn sie ist nicht gegen uns. Hat sie Schrecken, so sind es unsere Schrecken, hat sie Abgründe, so gehören diese Abgründe uns, sind Gefahren da, so müssen wir versuchen, sie zu lieben.
Und wenn wir nur unser Leben nach jenem Grundsatz einrichten, der uns rät, daß wir uns immer an das Schwere halten müssen, so wird das, welches uns jetzt noch als das Fremdeste erscheint, unser Vertrautestes und Treuestes werden. Wie sollten wir jene alten Mythen vergessen können, die am Anfange aller Völker stehen, der Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.
Da dürfen Sie, lieber Herr Kappus, nicht erschrecken, wenn eine Traurigkeit vor Ihnen sich aufhebt, so groß, wie Sie noch keine gesehen haben; wenn eine Unruhe, wie Licht und Wolkenschatten, über Ihre Hände geht und über all Ihr Tun.
Sie müssen denken, daß etwas an Ihnen geschieht, daß das Leben Sie nicht vergessen hat, daß es Sie in der Hand hält; es wird Sie nicht fallen lassen. Warum wollen Sie irgendeine Schwermut von Ihrem Leben ausschließen, da Sie doch nicht wissen, was diese Zustände an Ihnen arbeiten? Warum wollen Sie sich mit der Frage verfolgen, woher das alles kommen mag und wohin es will? Da Sie doch wissen daß sie in den Übergängen sind, und nichts so sehr wünschten, als sich zu verwandeln.
Wenn etwas von Ihren Vorgängen krankhaft ist, so bedenken Sie doch, daß die Krankheit das Mittel ist, mit dem ein Organismus sich von Fremdem befreit; da muß man ihm nur helfen, krank zu sein, seine ganze Krankheit zu haben und auszubrechen, denn das ist sein Fortschritt.
In Ihnen, lieber Herr Kappus, geschieht jetzt so viel; Sie müssen geduldig sein wie ein Kranker und zuversichtlich wie ein Genesender; denn vielleicht sind Sie beides. Und mehr: Sie sind auch der Arzt, der sich zu überwachen hat. Aber da gibt es in jeder Krankheit viele Tage da der Arzt nichts tun kann als abwarten. Und das ist es, was Sie, soweit Sie Ihr Arzt sind, jetzt vor allem tun müssen.
Beobachten Sie sich nicht zu sehr. Ziehen Sie nicht zu schnelle Schlüsse aus dem, was Ihnen geschieht; lassen Sie es sich einfach geschehen. Sie kommen sonst zu leicht dazu, mit Vorwürfen (das heißt: moralisch) auf Ihre Vergangenheit zu schauen, die natürlich an allem, was Ihnen jetzt begegnet, mitbeteiligt ist. Was aus den Irrungen, Wünschen und Sehnsüchten Ihrer Knabenzeit in Ihnen wirkt, ist aber nicht das, was Sie erinnern und verurteilen.
Die außergewöhnlichen Verhältnisse einer einsamen und hilflosen Kindheit sind so schwer, so kompliziert, so vielen Einflüssen preisgegeben und zugleich so ausgelöst aus allen wirklichen Lebenszusammenhängen, daß, wo ein Laster in sie eintritt, man es nicht ohne weiteres Laster nennen darf. Man muß überhaupt mit den Namen so vorsichtig sein; es ist so oft der Name eines Verbrechens, an dem ein Leben zerbricht, nicht die namenlose und persönliche Handlung selbst, die vielleicht eine ganz bestimme Notwendigkeit dieses Lebens war und von ihm ohne Mühe aufgenommen werden könnte.
Und der Kraft-Verbrauch scheint Ihnen nur deshalb so groß, weil Sie den Sieg überschätzen; nicht er ist das «Große», das Sie meinen geleistet zu haben, obwohl Sie recht haben mit Ihrem Gefühl; das Große ist, daß schon etwas da war, was Sie an Stelle jenes Betruges setzen durften, etwas Wahres und Wirkliches.
Ohne dieses wäre auch es nur eine moralische Reaktion gewesen, ohne weite Bedeutung, so aber ist es ein Abschnitt Ihres Lebens geworden. Ihres Lebens, lieber Herr Kappus, an das ich mit so vielen Wünschen denke.
Erinnern Sie sich, wie sich dieses Leben aus der Kindheit heraus nach dem «Großen» gesehnt hat? Ich sehe, wie es sich jetzt von den Großen fort nach den Größeren sehnt. Darum hört es nicht auf, schwer zu sein, aber darum wird es auch nicht aufhören zu wachsen.
Und wenn ich Ihnen noch eines sagen soll, so ist es dies: Glauben Sie nicht, daß der, welcher Sie zu trösten versucht, mühelos unter den einfachen und stillen Worten lebt, die Ihnen manchmal wohltun. Sein Leben hat viel Mühsal und Traurigkeit und bleibt weit hinter Ihnen zurück. Wäre es aber anders, so hätte er jene Worte nie finden können.
Ihr:

Rainer Maria Rilke


26.02.2019 19:38
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Aus Skullis Rede am Ende von "Akte X"

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen,
der dein vollkommenes Gegenstück ist
der dich beschützt und auch in Gefahr bringt.
Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten aller Reisen aufzubrechen
zu einer Suche nach flüchtigen und unberechenbaren Wahrheiten.
Wenn du diese Chance eines Tages haben solltest,
dann zögere nicht, sie zu ergreifen.
Diese Wahrheit wirst du finden, wenn du in dein eigenes Herz schaust
und in diesem Augenblick wirst du gesegnet sein und gestraft
denn die wahrhaftigsten Wahrheiten sind es, die uns zusammen halten
oder uns zum Verzweifeln schmerzhaft
voneinander trennen.


22.03.2019 14:30
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Wenn ein Vogel auf der Spitze des äußersten Baumzweiges sitzt, so erlebt er nur die Bewegungen des Zweiges. Rückt er tiefer hinein auf den Ast, so umfaßt er die Bewegungen von hundert Zweigen und schwankt doch nur wenig. Wählt er aber seinen Platz im Kroneninnern, hart am Stamm, so erlebt er die Bewegungen des ganzen Baumes und wird selbst nicht mehr erschüttert. Noch mehr wie diesem Vogel geschieht es einem Menschen, der bis in die Tiefe seiner Seele sinkt.

Aus dem Buch „ Der Heiligenhof “ von Hermann Stehr

14.04.2019 20:01
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Es war auf einer dieser wunderbaren Abendgesellschaften, die Lady Windermere als eine Ausstellung von Bildnissen zu veranstalten wußte, wo jeder der Gäste mit seiner bis ins letzte verfeinerten Erscheinung selber wie ein echtes, lebendes Bild wirkte.
Auch der berühmte Maler war an jenem Abend zugegen; in seinem Knopfloch prangte eine eigens für ihn geschaffene Blume, schön wie eine der sieben Todsünden. Mitten unter den Galafiguren des Maskenballs bemerkte der Maler eines von diesen rätselhaften, unnahbaren Geschöpfen, wie sie Burne Jones gemalt hat, so ein Wesen, das sein kostbares Brokatgewand wie Seidenmusik hinter sich herzuziehen versteht.
Die Unbekannte trug eine rote Maske. Ihr Fächer, den sie sacht bewegte, war mit vollaufgeblühtem Mohn bemalt, dessen bittersüßer Moderduftvon ihr auszugehen schien, stärkter als all die frischen Blumen, die zum Ballschmuck aufgestellt waren.
Vergeblich suchte der Maler das Wort an das rätselhafte Wesen zu richten...
Als der letzte Schlag von Mitternacht verhallt war, schaute er immer noch nach ihr aus - sie war verschwunden.


(...)


Wie ein Wahnsinniger stürzte er davon, um ihre Spur zu suchen, und fand sich plötzlich im Nebel am Themse-Quai.
Der Geruch des künstlichen Mohns schien ihn durch die Nacht zu führen, ihn weiterzuziehen. Er lief und auf einmal sah er sie vor sich die ihn völlig in ihren Bann geschlagen hatte: wie ein Wesen aus einer anderen Welt, eingehüllt in Mondlicht.
Sie wandte sich um. Unter der roten Maske glaubte er ein Lächeln aufblühen zu sehen.


Oscar Wilde,
Liebe und Tod





14.04.2019 20:38
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Ein erschreckend weißes Gesicht, brennende Augen.
June Mansfield, Henrys Frau.
Als sie aus der Dunkelheit meines Gartens auf mich ins Licht der Haustür zukam, sah ich zum erstenmal die schönste Frau der Welt.
Als ich vor Jahren einmal versuchte, mir wahre Schönheit vorzustellen, schuf ich in meiner Phantasie genau diese Frau.
Ich hatte mir sogar vorgestellt, daß sie eine Jüdin sei.
Die Tönung ihrer Haut, ihr Profil, ihre Zähne, alles kannte ich schon seit langer Zeit.
Ihre Schönheit überwältigte mich.
Als ich ihr gegenüber saß, hatte ich das Gefühl, alles, auch das Verrückteste, für sie tun zu können, alles worum sie mich bat.
Henry verblaßte.
Sie war Farbe, Glanz, Fremdartigkeit.

Anais Nin - Henry, June und ich




14.04.2019 22:54
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Denn jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb ihn suchen heißt. Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, daß seine Freiheit ein Tod war, daß er allein stand, daß die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, daß die Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst sich nicht, daß er in einer immer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte.


Sie war die Erlösung, der Weg ins Freie. Sie mußte mich leben lehren oder sterben lehren, sie mit ihrer festen und hübschen Hand mußte mein erstarrtes Herz antasten, damit es unter der Berührung des Lebens entweder aufblühe oder in Asche zerfalle.


Hermann Hesse
Steppenwolf




15.04.2019 19:08
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(…)

Und so führte er diese Freundschaft in die Wege, die wir, solange es Gott gefiel,
unter uns hegten, so unverletzt und so vollkommen.

(…)

Aber in dieser Freundschaft, von der man auch den verborgensten Grund seines Wesens aufschließt, wo man nichts zurückhält und ausnimmt, da müssen alle Triebfedern vollkommen rein und verlässlich sein.

Montaigne
Über die Freundschaft

12.09.2019 19:17
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Der allergrößte Glanz unserer Lebensverhältnisse wird begleitet von einer immer größeren seelischen Überforderung.
Wir sind unvorstellbar mächtig, aber wir taumeln.
Wir haben nichts was uns hält wenn der Sturm kommt.
Im Grunde wissen wir das.
Wir sagen der Sturm wird leicht sein, er wird den Nachbarn treffen.
Ach, wir werden schon eine Lösung finden.
Aber, das sagen wir nur, das glauben wir nicht.
Wir haben unsere Häuser verlassen, weil sie uns wie Gefängnisse vorkamen.
Wir wollten unterwegs sein mit leichtem Gepäck, jeden Tag ein neuer Strand.
Wir wollten uns selbst entwerfen, wie man schöne Kleider entwirft.
Luftige Höhen, ohne Zwang.
Wir sind angekommen auf großen, leeren Plätzen über den ohne Pause die Sonne scheint.
Wir sind im Paradies.
Sagen wir.
Aber das glauben wir nur.
Das fühlen wir nicht.

aus • Psychotrop •

editiert am 12.09.2019 19:21 Beitrag melden Zitatantwort
12.09.2019 20:42
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Irgendwann habe er zu ihr gesagt, dass ihre Augen wie Sterne seien, und sie habe erwidert, dass seine Augen eher einem Röntgengerät gleichen. Darüber hätten beide so lachen müssen, dass ihnen die Teänen kamen. Danach sei das Eis gebrochen gewesen. Sie hätten sich bestens unterhalten. Natürlich auf französisch. Nicht, dass Therese gut Französisch spräche.

-neu jahr-

12.09.2019 21:41
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"Atemzüge dicht an meinem Ohr, die meine Haare leise aufwirbelten und mein Gesicht warm berührten, bevor die Kälte die Haut zurückeroberte, dass sie sich nach dem nächsten Atemzug sehnte - das Netz glitt über meinen Körper, fein gewoben, wie aus Silber, legte sich um meine Seele, ließ sie schimmern, als sie sich den Kräften, die da Einlass begehrten, zu öffnen begann."

Dagmar Trodler - "Die Waldgräfin"



12.09.2019 21:50
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"You did not need to understand me - as long as you love me."

Diana Gabaldon - "Dragonfly in Amber"

21.09.2019 12:41
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Gemalte Frauenbilder«, fuhr Maximilian fort nach einer Pause, »haben mich immer minder heftig interessiert als Statuen. Nur einmal war ich in ein Gemälde verliebt. Es war eine wunderschöne Madonna, die ich in einer Kirche zu Köln am Rhein kennenlernte. (...)

»Und Sie liebten immer nur gemeißelte oder gemalte Frauen?« kicherte Maria.

»Nein, ich habe auch tote Frauen geliebt«, antwortete Maximilian, über dessen Gesicht sich wieder ein großer Ernst verbreitete. Er bemerkte nicht, daß bei diesen Worten Maria erschreckend zusammenfuhr, und ruhig sprach er weiter:

»Ja, es ist höchst sonderbar, daß ich mich einst in ein Mädchen verliebte, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben war. Als ich die kleine Very kennenlernte, gefiel sie mir ganz außerordentlich gut. Drei Tage lang beschäftigte ich mich mit dieser jungen Person und fand das höchste Ergötzen an allem, was sie tat und sprach, an allen Äußerungen ihres reizend wunderlichen Wesens, jedoch ohne daß mein Gemüt dabei in überzärtliche Bewegung geriet. Auch wurde ich einige Monate drauf nicht allzu tief ergriffen, als ich die Nachricht empfing, daß sie, infolge eines Nervenfiebers, plötzlich gestorben sei. Ich vergaß sie ganz gründlich, und ich bin überzeugt, daß ich jahrelang auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht habe. Ganze sieben Jahre waren seitdem verstrichen, und ich befand mich in Potsdam, um in ungestörter Einsamkeit den schönen Sommer zu genießen. Ich kam dort mit keinem einzigen Menschen in Berührung, und mein ganzer Umgang beschränkte sich auf die Statuen, die sich im Garten von Sanssouci befinden. Da geschah es eines Tages, daß mir Gesichtszüge und eine seltsam liebenswürdige Art des Sprechens und Bewegens ins Gedächtnis trat, ohne daß ich mich dessen entsinnen konnte, welcher Person dergleichen angehörten.

Nichts ist quälender als solches Herumstöbern in alten Erinnerungen, und ich war deshalb wie freudig überrascht, als ich nach einigen Tagen mich auf einmal der kleinen Very erinnerte und jetzt merkte, daß es ihr liebes, vergessenes Bild war, was mir so beunruhigend vorgeschwebt hatte. Ja, ich freute mich dieser Entdeckung wie einer, der seinen intimsten Freund ganz unerwartet wiedergefunden; die verblichenen Farben belebten sich allmählich, und endlich stand die süße kleine Person wieder leibhaftig vor mir, lächelnd, schmollend, witzig und schöner noch als jemals. Von nun an wollte mich dieses holde Bild nimmermehr verlassen, es füllte meine ganze Seele; wo ich ging und stand, stand und ging es an meiner Seite, sprach mit mir, lachte mit mir, jedoch harmlos und ohne große Zärtlichkeit. Ich aber wurde täglich mehr und mehr bezaubert von diesem Bilde, das täglich mehr und mehr Realität für mich gewann. Es ist leicht, Geister zu beschwören, doch ist es schwer, sie wieder zurückzuschicken in ihr dunkles Nichts; sie sehen uns dann so flehend an, unser eigenes Herz leiht ihnen so mächtige Fürbitte...

Ich konnte mich nicht mehr losreißen, und ich verliebte mich in die kleine Very, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben. So lebte ich sechs Monate in Potsdam, ganz versunken in dieser Liebe. Ich hütete mich noch sorgfältiger als vorher vor jeder Berührung mit der Außenwelt, und wenn irgend jemand auf der Straße etwas nahe an mir vorbeistreifte, empfand ich die mißbehaglichste Beklemmung. Ich hegte vor allen Begegnissen eine tiefe Scheu, wie solche vielleicht die nachtwandelnden Geister der Toten empfinden; denn diese, wie man sagt, wenn sie einem lebenden Menschen begegnen, erschrecken sie ebensosehr, wie der Lebende erschrickt, wenn er einem Gespenste begegnet.
Zufällig kam damals ein Reisender durch Potsdam, dem ich nicht ausweichen konnte, nämlich mein Bruder. Bei seinem Anblick und bei seinen Erzählungen von den letzten Vorfällen der Tagesgeschichte erwachte ich wie aus einem tiefen Traume, und zusammenschreckend fühlte ich plötzlich, in welcher grauenhaften Einsamkeit ich so lange für mich hingelebt. Ich hatte in diesem Zustande nicht einmal den Wechsel der Jahrzeiten gemerkt, und mit Verwunderung betrachtete ich jetzt die Bäume, die, längst entblättert, mit herbstlichem Reife bedeckt standen. Ich verließ alsbald Potsdam und die kleine Very, und in einer anderen Stadt, wo mich wichtige Geschäfte erwarteten, wurde ich, durch sehr eckige Verhältnisse und Beziehungen, sehr bald wieder in die rohe Wirklichkeit hineingequält.

Heinrich Heine,
Florentinische Nächte

21.09.2019 12:42
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(...)

»Teurer Freund«, erwiderte Maria, indem sie ein leises Lächeln verbiß, »ich spreche von dem Einklange zweier gleichgestimmten Seelen. Haben Sie dieses Glück nie empfunden? ... Aber ich sehe eine ungewöhnte Röte über Ihre Wangen ziehen... Sprechen Sie... Max?«

»Es ist wahr, Maria, ich fühle mich fast knabenhaft befangen, da ich Ihnen die glückliche Liebe gestehen soll, die mich einst unendlich beseligt hat! Diese Erinnerung ist mir noch nicht verloren, und in ihren kühlen Schatten flüchtet sich noch oft meine Seele, wenn der brennende Staub und die Tageshitze des Lebens unerträglich wird. Ich bin aber nicht imstande, Ihnen von dieser Geliebten einen richtigen Begriff zu geben. Sie war so ätherischer Natur, daß sie sich mir nur im Traume offenbaren konnte. Ich denke, Maria, sie hegen kein banales Vorurteil gegen Träume; diese nächtlichen Erscheinungen haben wahrlich ebensoviel Realität wie jene roheren Gebilde des Tages, die wir mit Händen antasten können und woran wir uns nicht selten beschmutzen. Ja, es war im Traume, wo ich sie sah, jenes holde Wesen, das mich am meisten auf dieser Welt beglückt hat. Über ihre Äußerlichkeit weiß ich wenig zu sagen. Ich bin nicht imstande, die Form ihrer Gesichtszüge ganz genau anzugeben. Es war ein Gesicht, das ich nie vorher gesehen und das ich nachher nie wieder im Leben erblickte. Soviel erinnere ich mich, es war nicht weiß und rosig, sondern ganz einfarbig, ein sanft angerötetes Blaßgelb und durchsichtig wie Kristall. Die Reize dieses Gesichtes bestanden weder im strengen Schönheitsmaß noch in der interessanten Beweglichkeit; sein Charakter bestand vielmehr in einer bezaubernden, entzückenden, fast erschreckenden Wahrhaftigkeit. Es war ein Gesicht voll bewußter Liebe und graziöser Güte, es war mehr eine Seele als ein Gesicht, und deshalb habe ich die äußere Form mir nie ganz vergegenwärtigen können. Die Augen waren sanft wie Blumen. Die Lippen etwas bleich, aber anmutig gewölbt. Sie trug ein seidnes Peignoir von kornblauer Farbe; aber hierin bestand auch ihre ganze Bekleidung; Hals und Füße waren nackt, und durch das weiche, dünne Gewand lauschte manchmal, wie verstohlen, die schlanke Zartheit der Glieder. Die Worte, die wir miteinander gesprochen, kann ich mir ebenfalls nicht mehr verdeutlichen; soviel weiß ich, daß wir uns verlobten und daß wir heiter und glücklich, offenherzig und traulich, wie Bräut'gam und Braut, ja fast wie Bruder und Schwester, miteinander kosten. Manchmal aber sprachen wir gar nicht mehr und sahen uns einander an, Aug in Auge, und in diesem beseligenden Anschauen verharrten wir ganze Ewigkeiten... Wodurch ich erwacht bin, kann ich ebenfalls nicht sagen, aber ich schwelgte noch lange Zeit in dem Nachgewühle dieses Liebesglücks. Ich war lange wie getränkt von unerhörten Wonnen, die schmachtende Tiefe meines Herzens war wie gefüllt mit Seligkeit, eine mir unbekannte Freude schien über alle meine Empfindungen ausgegossen, und ich blieb froh und heiter, obgleich ich die Geliebte in meinen Träumen niemals wiedersah. Aber hatte ich nicht in ihrem Anblick ganze Ewigkeiten genossen? Auch kannte sie mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich keine Wiederholungen liebe.«

»Wahrhaftig«, rief Maria, »Sie sind ein homme à bonne fortune... Aber sagen Sie mir, war Mademoiselle Laurence eine Marmorstatue oder ein Gemälde? eine Tote oder ein Traum?«

»Vielleicht alles dieses zusammen«, antwortete Maximilian sehr ernsthaft.

»Ich konnte mir's vorstellen, teurer Freund, daß diese Geliebte von sehr zweifelhaftem Fleische sein mußte. Und wann werden Sie mir diese Geschichte erzählen?«

»Morgen. Sie ist lang, und ich bin heute müde. Ich komme aus der Oper und habe zuviel Musik in den Ohren.«



Heinrich Heine,
Florentinische Nächte




24.09.2019 16:27
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Unersättlich. Ich war unersättlich.
Nymphomanie des Gehirns. Hungerödem des Herzens.



Erica Jong
Angst vorm Fliegen




24.09.2019 16:28
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Der Blick war viel eher traurig als ironisch, er war sogar abgründig und hoffnungslos traurig; eine stille, gewissermaßen sichere, gewissermaßen schon Gewohnheit und Form gewordene Verzweiflung war der Inhalt dieses Blickes.

Er durchleuchtete mit seiner verzweifelten Helligkeit nicht bloß die Person des eitlen Redners, ironisierte und erledigte die Situation des Augenblicks, die Erwartung und Stimmung des Publikums, den etwas anmaßenden Titel der angekündigten Ansprache - nein, der Blick des Steppenwolfes durchdrang unsere ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit - ach, und leider ging der Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel und Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit, unserer Geistigkeit, unserer Kultur.
Er ging bis ins Herz alles Menschentums, er sprach beredet in einer einzigen Sekunde den ganzen Zweifel eines Denkers, eines vielleicht Wisenden aus an der Würde, am Sinn des Menschenlebens überhaupt.
Dieser Blick sagte: »Schau solche Affen sind wir!
Schau, so ist der Mensch!


Hermann Hesse
“Der Steppenwolf”


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