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Versprengtes - weiterhin ...

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22.05.2019 21:30
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Mein Herz ist dir zugeneigt,
ich will dir tun, was es möchte,
wenn ich in deinen Armen liege.

Mein Wunsch ist´s, der mein Auge schminkt,
dich zu sehen, macht meine Augen hell.
Ich schmiegte mich an dich, um deine Liebe zu spüren,
du großer Schatz meines Herzens!

Wie köstlich ist diese Stunde mit dir,
möge die Stunde zur Ewigkeit werden!
Seit ich mit dir geschlafen habe,
hast du mein Herz erhoben.

Ob in Leid oder Freude -
verlaß mich nicht!


altägyptische Liebeslyrik,
Papyrus Harris 500,
Lied 17




23.05.2019 10:44
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Ich werde meine Seele lieben, im Beben ihrer Schatten leben Jahrhunderte,
erfüllt von den Farben der Fantasie.
Dort in der Seele Windungen hab‘ ich die Schönheit gefunden …
Und dort – wie viele Farben sanken auf den Grund der Kelche der Erinnerungen!
Wie viele Geschichten schliefen und verbargen ihr Geheimnis hinter dem Fühlen.
Wie viele blitzende Träume von Liebe, die eine Weile lebte und dann starb.
Wie viele Melodien eines Sommers, als der Abend drückend und schläfrig war in manchen Dörfern. ….


(Nazik Al-Mala’ika, 1923-2007)

Khalid Al-Maaly (Hg.)
Die Flügel meines schweren Herzens / Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute


editiert am 23.05.2019 10:46 Beitrag melden Zitatantwort
24.05.2019 16:47
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(...)
Du hast mir so lange zugesetzt, bis ich vollständig eingenommen war; dein Feuer hat mich in Brand gesteckt; die Güte, die du für mich hattest, übte ihren Zauber aus, und schließlich waren deine Schwüre da, mich sicher zu machen. Die Heftigkeit meiner eigenen Neigung hat mich verführt; was mit so heitern und glücklichen Anfängen begann, das sind jetzt Tränen, Seufzer, ein trostloser Tod, und ich sehe nichts, was da helfen könnte.

Ich kanns nicht leugnen, meine Liebe zu dir hat mir überaus selige Überraschungen bereitet; aber ich zahle jetzt dafür mit den wunderlichsten Schmerzen. Du bist übertrieben in allen Gemütsbewegungen, die du mir verursachst. Hätte ich die Standhaftigkeit besessen wider dein Gefühl, hätte ich gewußt, dir, um dich heftiger zu entflammen, einen Grund zur Sorge oder Eifersucht zu geben, wäre es dir möglich gewesen, in meinem Benehmen eine künstliche Zurückhaltung zu bemerken, oder hätte ich schließlich Willen genug gehabt, gegen meine natürliche Neigung zu dir, die du mich früh erkennen ließest, meine ganze Vernunft aufzustellen (freilich, diese Anstrengungen wären doch umsonst gewesen), so möchte es am Platze sein, mich strenge zu bestrafen und mich die Macht fühlen zu lassen, die du über mich hast. Aber du schienst mir Liebe zu verdienen, schon bevor du mir gesagt hattest, daß du mich liebst. Dann gabst du mir Beweise einer großen Leidenschaft, ich war außer mir, und ich stürzte mich rückhaltlos in meine Liebe.

(..)

Marianna Alcoforado

Portugiesische Briefe - Die Briefe der Marianna Alcoforado
Übertragen von Rainer Maria Rilke




24.05.2019 17:08
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Mir gefällt´s, wenn du schweigst, als
wärst du in der Ferne.
Du hörst mich dann, als käme mein Wort weither geflossen.
Deine Augen, so scheint es, sind heimlich fortgeflogen,
und ein Kuß hat, so scheint es, dir deinen Mund verschlossen.
Weil jedes Ding erfüllt ist vom Leben
meiner Seele,
tauchst du auf aus den Dingen, erfüllt von meinem Wesen.
Ein Falter wie aus Träumen, ähnelst du meiner Seele,
und das Bild deines Daseins läßt das Wort Schwermut lesen.
Mir gefällt´s, wenn du schweigst, als
wärst du nicht zugegen.
Du bist dann wie ein Falter, weinend, daß man dich wiege.
Und du hörst mich von weitem, kein Laut kann dich berühren:
Laß drum, daß jetzt mein Schweigen in deinem Schweigen liege.
Laß, daß ich zu dir rede mit deinem
eigenen Schweigen,
klar wie die stille Lampe, schlicht wie ein Fingerring.
Wie Nachtluft bist du, lautlos, von Lichtern überfunkelt.
Du schweigst mit Sternestille, ein fernes, kleines Ding.
Du gefällst mir im Schweigen, denn da bist
du wie ferne.
Entrückt, von Schmerz gezeichnet, als längst du schon im Grabe.
Es genügt mir ein Wort dann, ein Lächeln nur, ein kleines.
Und ich bin fröhlich, fröhlich, daß ich dich bei mir habe.


Pablo Neruda
Veinte poemas de amor y una canción desesperada




24.05.2019 17:10
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ich erinnere mich

27.05.2019 23:36
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Das also war der geheimnisvolle Lohn, den die Offenbarung der Schönheit dem täglichen Dasein der hungernden Menge geben konnte; das war der geheimnisvolle Wille, den der Dichter verleihen konnte, wenn er der fragenden Massenseele, die den Wert des Lebens erkennen und auch einmal sich aufschwingen wollte zum ewigen Gedanken, Antwort gab. – In dieser Stunde war er nur die Brücke, auf der die Schönheit den Menschen, die sich in einem durch Jahrhunderte menschlichen Ruhms geweihten Orte versammelt hatten, die göttliche Gabe des Vergessens brachte.
Er tat nichts anderes, als die sichtbare Sprache, in der die alten Künstler das Streben und die Inbrunst des Geschlechts ausgedrückt hatten, in die Rhythmen des Wortes zu übersetzen. Und für eine Stunde mußten diese Menschen die Welt mit anderen Augen betrachten, sie mußten mit einer anderen Seele fühlen, denken und träumen.

Das war die höchste Gabe der offenbarten Schönheit; es war der Sieg der befreienden Kunst über die Jämmerlichkeiten, die Unruhen und die Ödigkeit der gemeinen Tage. Es war die glückliche Ruhepause, in der der Stachel des Schmerzes und der Notdurft aufhört und die geschlossenen Hände des Schicksals sich langsam zu öffnen scheinen.


Gabriele D'Annunzio
Feuer




04.06.2019 21:38
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Wohl trafen deine Verse bei mir ein,
Doch will ihr Inhalt mir in keiner Weise passen.
Du willst in Liebesdingen so erfahren sein
Und hast nicht Mut genug, dein Glück zu fassen?
Wer wahrhaft liebt, den hemmen nicht Bedenken.
Der weiß geschickt, Gefahren auszuweichen.
Was läßt du dich von der Verzweiflung lenken,
Wenn du nur klug sein mußt, um alles zu erreichen?
Noch immer spenden Wolken kühlen Regen.
Noch immer ziehn sich Gärten meilenweit hinan,
In deren Lauben man auf unbegangnen Wegen
Ganz insgeheim einander finden kann.
Dort öffnen sich die Blüten. Und der volle
Süßschwere Duft sinkt satt auf überreife Beeren -
O wüßtest du, aus welchem Grund ich schmolle,
Du würdest dich darüber nicht beschweren.


HAFSA
(an Abu Dscha'far)




04.06.2019 23:03
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Mich frug ein Freund, wie viele Lebensjahre
Bereits auf meinen Schultern ruhten.
Ich sprach: „Im höchsten Falle zwei Minuten.“
Er wies bestürzt auf meine weißen Haare.
Da sagte ich: „Wir müssen klar erkennen,
Wie sich verteilt des Lebens Wert und Maß.
Ich küsste einmal so, dass ich es nie vergaß.
Den Rest der Erdenzeit kann ich nicht Leben nennen!“



Ibn Hazm
aus dem Arabischen von Janheinz Jahn




05.06.2019 05:48
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Im Haus eines alleinlebenden Menschen wird der Esstisch zum Universum, in verschiedene Bezirke unterteilt: einer für die Post, einer für die Arbeit, wenn es denn welche gibt, und ein kleines Fürstentum, das gerade Platz genug für einen Teller, eine Schüssel und eine Gabel bietet. Rebecca musterte ihren Tisch im blassgelben Licht der Lampe und sah ihr Leben in all seiner Einsamkeit vor sich, und als Jim Bates aufblickte, sah sie den Widerschein davon in seinem Gesicht.


(Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land)

05.06.2019 05:49
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aus dem Rahmen fallen

Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Dass es so bleiben würde, konnte ich schwerlich wissen: In welcher Schule ich auch war, in welcher Institution ich auch gearbeitet habe, ich passte nie ganz zu meiner Umgebung.

(aus: Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben, 11. Aufl. Stuttgart 2000, S. 21)


08.06.2019 15:44
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Damals besaßen die Leute noch Taschenuhren mit eingravierten Liebesbekundungen, die man später laut vorlesen konnte, oder sie trugen Manschettenknöpfe und Krawattennadeln mit Monogramm oder hatten aufwendig bestickte Schnupftücher in den Taschen. Die Welt war noch persönlicher. Und heute? Heute hatte jeder dasselbe Handy mit demselben Markenzeichen und hielt sich für einen Individualisten.

Emanuel Bergmann: Der Trick


10.06.2019 17:12
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Vokale

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau - mir ward
der tiefste Sinn von eurem Klang geoffenbart:
A schwarzer Fliegen Schwarm um Aasgestank,
A Schatten, der auf Strand und Hafen sank.

E helle Zelte, Dämpfe, Nebelquellen.
E blendende Gletscher, wehender Gräser Wellen.
I rot gespienes Blut, blutfrischer Lippen Spiel,
die Büßerfieber oder irrer Zorn befiel.

U Kreisen, das in dunklen Fluten bebt,
U Runzeln, welche kluges Studium gräbt,
U Ruh auf kuhbedecktem Flurengrund.

O hohen Hornes toller Ton, Allrund
von Seraphchor und Sonnenstrom durchflogen.
O Omega, der Augen Gottes blauer Bogen.


Arthur Rimbaud
aus dem Französischen von K.L. Ammer




10.06.2019 17:33
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„Betritt den Garten,
größre Wunder schauen,
Holdselig ernst, auf dich,
o Wandrer, hin,
Gewalt’ge Lilien in der Luft,
der lauen,
Und Töne wohnen in dem Kelche drin‘,
Es singt, kaum wirst du selber dir vertrauen,
So Baum wie Blume fesselt deinen Sinn,
Die Farbe klingt, die Form ertönt,
jedwede
Hat nach der Form und Farbe,
Zung und Rede.
Was neidisch sonst der Götter Schluss getrennet,
Hat Göttin Phantasie allhier vereint,
So daß der Klang hier seine Farbe kennet,
Durch jedes Blatt die süße Stimme scheint,
Sich Farbe, Duft, Gesang, Geschwister nennet.
Umschlungen all sind alle nur
Ein Freund,
In sel’ger Poesie so fest verbündet,
Daß jeder in dem Freund sich selber findet."


Ludwig Tieck
Prinz Zerbino
1799




16.06.2019 13:11
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Unversehrt

Älter sind wir nicht mehr
geworden, seit du die Zeit
in den Händen hältst, unsere Jahre
zum Bogen spannst, dass ich
noch immer bei jedem Wiedersehn
von der Sehne federe bis
in die Protuberanzen der Sonne.
Da wird nicht gefackelt, da
fall ich dir schon wieder zu
durch den berstenden Raum,
unversehrt, wie du siehst,
gegen alle Gesetze.


Dagmar Nick

22.06.2019 23:07
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Ich will es dir gerade sagen, was ich glaube.
Dein Feuer lebt' in mir, dein Geist war in mich übergegangen; aber das hätte schwerlich geschadet, und nur dein Schicksal hat mein neues Leben mir tödlich gemacht.
Zu mächtig war mir meine Seele durch dich, sie wäre durch dich auch wieder stille geworden.
Du entzogst mein Leben der Erde, du hättest auch Macht gehabt, mich an die Erde zu fesseln, du hättest meine Seele, wie in einen Zauberkreis, in deine umfangenden Arme gebannt; ach!
Einer deiner Herzensblicke hätte mich fest gehalten,
Eine deiner Liebesreden hätte mich wieder zum frohen gesunden Kinde gemacht; doch da dein eigen Schicksal dich in Geisteseinsamkeit, wie Wasserflut auf Bergesgipfel trieb, o da erst, als ich vollends meinte, dir habe das Wetter der Schlacht den Kerker gesprengt und mein Hyperion sei aufgeflogen in die alte Freiheit, da entschied sich es mit mir und wird nun bald sich enden.

Friedrich Hölderlin
Hyperion




22.06.2019 23:27
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Jetzt kann ich deine Seele lesen,
jetzt kann ich die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen.
Deine Seele ist nicht mehr verloren
und zerstückelt.
Sie ist da, und niemand kann sie dir mehr entreißen.



Haruki Murakami,
Hard-boiled wonderland und das Ende der Welt





23.06.2019 23:50
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Nebelland

Himmeloffen die Wälder,
und lautlos sintert das Licht
ins Windverwitterte.

Mein Chaos, meine Erinnerung,
stört mich auf.
Totgeglaubtes nährt mich
mit Tollkirschenblut.
Der Brunftschrei meines Einhorns.

Ich werde es satteln
und ohne Sporen mit ihm
davonsprengen
durch die irisfarbene Wand,
und mich nicht wundern,
wenn mein Körper dabei
seinen Schatten abwirft,
mein gehäutetes Ich.

( Dagmar Nick )




25.06.2019 05:54
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 22.06.2019 um 23:27:


Jetzt kann ich deine Seele lesen,
jetzt kann ich die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen.
Deine Seele ist nicht mehr verloren
und zerstückelt.
Sie ist da, und niemand kann sie dir mehr entreißen.



Haruki Murakami,
Hard-boiled wonderland und das Ende der Welt






Einen Roman zu schreiben, bedeutet eine Herausforderung für mich, Kurzgeschichten zu schreiben ein Vergnügen. Wenn das Schreiben eines Romans dem Pflanzen eines Waldes gleicht, dann gleicht das Schreiben von Kurzgeschichten dem Anlegen eines Gartens. Die beiden Formen ergänzen einander und fügen sich zu einer Landschaft, die mir kostbar ist.

Haruki Murakami


25.06.2019 18:49
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Der Purzelbaum

Ein Purzelbaum trat vor mich hin
und sagte: "Du nur siehst mich
und weißt, was für ein Baum ich bin:
Ich schieße nicht, man schießt mich.

Und trag' ich Frucht? Ich glaube kaum;
auch bin ich nicht verwurzelt.
Ich bin nur noch ein Purzeltraum,
sobald ich hingepurzelt."

Jenun, so sprach ich, bester Schatz,
du bist doch klug und siehst uns;-
nun, auch für uns besteht der Satz:
wir schießen nicht, es schießt uns.

Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,
und Früchte nun erst recht nicht.
Geh heim in deinen Purzelwald,
und lästre dein Geschlecht nicht.

Christian Morgenstern

28.06.2019 18:48
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Am Strand

Der Himmel
reines Blau
entspannt
das Meer
liegt da
wie ein Laken
leise
stranden Wellen
im Sand
wir lieben -
leben
lassen
sein

Hans-Christoph Neuert


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Titel:

Sehr glücklich Smilie Traurig irritiert Cool Lachen überrascht Zwinkern Augen rollen Teufelchen traurig verliebt Kuss beschämt Zunge rausstreck singen streicheln Engel schlafen müde durcheinander glotzen schweigen krank Alien Blume Daumen hoch Torte weiße Flagge Stern
 




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