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18.06.2019 23:02
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Mein Gemüt brennt heiß wie Kohle.
Könnt ich's doch durch Verse kühlen!
Ach, ich berst fast von Gefühlen,
doch mir fehlen die Symbole.

Weltschmerz, banne meine Nöte!
Weltschmerz, den so oft ich reimte.
Tückisch greint die abgefeimte,
schleimig-weinerliche Kröte.

Laster, die mich erdwärts leiten,
gebt mir Verse, zeigt mir Bilder!
Satan lacht und läßt nur wilder
Höllen mir vorüberreiten.

Helft denn ihr, soziale Tücken!
Mußt durch euch ich viel verzichten – –
seid auch Spender! Laßt mich dichten!
Doch sie stechen nur wie Mücken.

In des Monds verfluchtem Scheine
such ich und im Alkohole; – –
alles quält mich; doch Symbole,
ach, Symbole find ich keine.

Aus. Vorbei. – – Ich war ein Dichter. – –
All mein Sehnen, all mein Hassen
ist vom Genius verlassen. – –
Leben, zeig mir neue Lichter! ...

Mag mich denn die Liebe trösten,
Mutter meiner besten Schmerzen.
Strahlend stehn in tausend Kerzen
die Symbole, die erlösten.


Erich Mühsam


Mitglied der Roten Hilfe Deutschlands; intensiver Einsatz als Redner, Publizist und Unterhändler.
1925 Ausschluß aus der Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands wegen seiner Nähe zur KPD.
Als Wortführer der "Anarchistischen Vereinigung" Mitarbeit in vielen linken und antifaschistischen Organisationen,
1927/28 im künstlerischen Beirat der Piscator-Bühne Berlin. Wachsende Verbitterung über Spaltung und politische Ohnmacht der Linksparteien gegenüber dem Erstarken des Nationalsozialismus.
1931 Ausschluß aus dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller. Als einer der eindringlichsten und frühesten Warner vor dem Nationalsozialismus wurde Mühsam am
28. 2.1933 verhaftet (Gefängnis Lehrter Straße, KZ Sonnenburg, Gefängnis Plötzensee, Zuchthaus Brandenburg,
ab Januar 1934 Konzentrationslager Oranienburg),
14 Monate lang Folter und Mißhandlungen ausgesetzt,
in der Nacht zum 10. 7. 34 von SS ermordet.
Seine Unbeugsamkeit wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstands. Beigesetzt am 15. 7. 34 auf dem Waldfriedhof Berlin-Dahlem.


18.06.2019 23:19
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 18.06.2019 um 23:02:





Erich Mühsam



Mitglied der Roten Hilfe Deutschlands; intensiver Einsatz als Redner, Publizist und Unterhändler.
1925 Ausschluß aus der Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands wegen seiner Nähe zur KPD.
Als Wortführer der "Anarchistischen Vereinigung" Mitarbeit in vielen linken und antifaschistischen Organisationen,
1927/28 im künstlerischen Beirat der Piscator-Bühne Berlin. Wachsende Verbitterung über Spaltung und politische Ohnmacht der Linksparteien gegenüber dem Erstarken des Nationalsozialismus.
1931 Ausschluß aus dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller. Als einer der eindringlichsten und frühesten Warner vor dem Nationalsozialismus wurde Mühsam am
28. 2.1933 verhaftet (Gefängnis Lehrter Straße, KZ Sonnenburg, Gefängnis Plötzensee, Zuchthaus Brandenburg,
ab Januar 1934 Konzentrationslager Oranienburg),
14 Monate lang Folter und Mißhandlungen ausgesetzt,
in der Nacht zum 10. 7. 34 von SS ermordet.
Seine Unbeugsamkeit wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstands. Beigesetzt am 15. 7. 34 auf dem Waldfriedhof Berlin-Dahlem.



editiert am 18.06.2019 23:21 Beitrag melden Zitatantwort
18.06.2019 23:20
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Gefesselt

Liebesglück und Liebesschmerz –
Die Minute macht zum Sklaven,
O des Gottes Pfeile trafen
Mein gestählt gewappnet Herz.

Trage Ketten, golden süß,
Aber immer sind es Ketten,
Goldne Ketten, süße Ketten,
Aber Ketten sinds gewiß.

In des Lebens Blütenzeit
Tief verletzt und schwer gebunden,
Und in Fesseln und in Wunden
Dennoch diese Seligkeit?


Ludwig Eichrodt
Pseudonym: Rudolf Rodt


seinen »Gedichten des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes Horatius Treuherz« verdankt der Zeitstil seinen Namen: ›Biedermeier‹




22.06.2019 17:40
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Da hast du recht, SAM, es lohnt sich, Erich Mühsam wieder mehr zu lesen.

Manchmal fühl' ich ein Ahnen,
ein Sehnen, vor dem mir bangt,
und weiß nicht, woher es kommt,
und weiß nicht, wozu es frommt.
Das zieht und zerrt, und ich weiß nicht wohin,
weiß nicht, wonach meine Sehnsucht verlangt. -
Ich weiß nur dies: Es ist Liebe darin!

_____

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
der Feuer sieht, und weiß nicht, wo es brennt;
vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
das küsst und fortschwemmt, - weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.
_____

Wie ich dich liebe!
Denn ich liebe alle dunkeln Fragen,
die die Wahrheit hinterm Auge tragen, -
und die Worte lieb' ich, die verschwiegen
auf dem Grunde einer Lüge liegen. -
Sag' mir nichts! - Ich will aus deinem Wesen
tief heraus mir jedes Goldkorn lesen; -
aus dem Schimmer der Verschwiegenheiten
will ich deiner Seele Bild bereiten; -
und es soll in meinem Herzen stehn,
hauchlos rein - und nur für dich zu sehn.



22.06.2019 18:11
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Unmerklich

Wie leicht fiel es dir, unsere Findung
zur Seite zu stellen, ein Bildnis,
in dem ich vorkam, gefirnißt, als wärs
für die Ewigkeit, und aus dem ich hinausging
durch den längst gespaltenen Rahmen,
ein verfremdetes Stilleben hinter mir
lassend, verlassend die Farben,
Spielereien wie von Watteau. Beinahe
unmerklich verändern sich so
unsere Leben.


(Dagmar Nick. Gewendete Masken. Gedichte)

editiert am 13.07.2019 09:46 Beitrag melden Zitatantwort
22.06.2019 21:12
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Mein Herz als Mond verkleidet

Rühr' im Schlaf an deine Wangen,
Hangen Tropfen an den Kissen,
Du und ich allein nur wissen:
Unser Sehnen hat vereint
Heiß sich in den Schlaf geweint.

Ach, mein Herz wie's liebt und leidet!
Spür es leis als Mond verkleidet
Weiß an deiner Tür.

Sehnsucht muß mit hellen Händen
Noch im Schlaf dein Zimmer blenden,
Und die blanken Scheiben schicken
Blicke, die tags dunkel bleiben;
Wo sie ungesehen fielen,
Steigen Lichter aus den Dielen.

Schweigen müssen Uhr und Zeit,
Sehnsucht spielt auf blauen Geigen,
Und wie einst auf Märzenauen
Werden Balken in den Räumen
Wieder kühn zu Knospenbäumen.
Und auch taut im Mond wie Eis
Lautlos deines Spiegels Glas,
Will mir Heimlichkeiten zeigen,
Die der Spiegel nie vergaß,
Er, der zärtliche Vertraute,
Der nur lebt von deinen Augen
Und in deine Sehnsucht schaute.
Dicht an deinen weißen Wangen
Will ich deinen Atem fangen.
Was die Scham mir nicht gestand,
Küß ich aus dem Schlaf
der kleinen, zagen, zahmen Hand.

Rötet Morgen sich im Land,
Auf dem roten Dach der Welt
Tötet sich der Mond gelassen;
Und wer ahnt in lauten Gassen,
Daß, wo Sehnsucht hingestellt,
Sich noch nachts das Pflaster hellt,
Und mein Herz, als Mond verkleidet,
Nächtlich blinde Wünsche weidet.

Max Dauthendey




22.06.2019 22:45
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~~~~~~
~~~

22.06.2019 22:55
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Aus dem wallenden Ozean der Menge
kam ein Tropfen sanft zu mir,
flüsternd: Ich liebe dich, bald werde ich sterben,
ich bin einen langen Weg gereist,
nur um dich zu sehen, zu berühren,
weil ich nicht sterben konnte,
ehe ich dich einmal gesehen habe,
weil ich fürchtete, dich danach zu verlieren.

Nun haben wir uns getroffen,
haben uns gesehen,
wir sind geborgen,
kehren in Frieden zum Ozean zurück,
meine Liebe,
auch ich bin Teil des Ozeans,
meine Liebe,
wir sind nicht völlig getrennt,
Sieh das gewaltige Rund,
den Zusammenhang von allem,
wie vollkommen!
Aber für mich,
für dich bedeutet das unaufhaltsame Meer Trennung,
trägt uns für eine Weile auseinander,
doch kann uns nicht für immer
auseinander tragen;
sei nicht ungeduldig
- eine kurze Weile -
wisse,
dass ich die Luft, den Ozean und das Land grüße,
jeden Tag bei Sonnenuntergang um deinetwillen,
meine Liebe.


Walt Whitman




22.06.2019 22:59
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Komm, junge Zauberin, die meine Seele bannte!
Als Göttin priese dich Virgil, als Engel Dante,
So hoch ist deine Stirn, so schwebend leicht dein Fuß,
Und vom halboffnen Mund so lieblich klingt dein Gruß.
Wie müsste wundervoll zu deinen stolzen Brauen
Der blaue Panzer stehn der alten Schildjungfrauen.
Und mehr als ein Serail beneidete vielleicht
Der um der Lippen Rot, das der Koralle gleicht.

Cellini würd, entzückt von deiner Anmut gülden
Auf einem Trinkgefäß dein holdes Gleichnis bilden,
Wie du, das Haupt empor, mit sanftgebognem Leib
Aus einer Lilie stiegst, die ausläuft in ein Weib,
Aus einem Lotuskelch, von Laubgerank umkleidet,
Um dessen fremden Reiz Natur die Kunst beneidet.

Komm und hör mich an, du, deren Blick ein Strahl.
Der Tag, an dem ich dir genaht zum erstenmal,
Das war ein goldner Tag. O, blieb in deinem Innern,
So wie in meiner Brust, von ihm ein licht Erinnern?
Du lächelst. Gib mir denn die Hand so weiß und weich,
Und komm. Der Frühling blüht, der Pfad ist schattenreich,
Die Luft ist lau, und dort am Hang im Eichengrunde
Vernimmt kein lauschend Ohr das Wort aus unserm Munde.

Victor Hugo




22.06.2019 23:14
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MONOGAMIE

Fleisch. Es bewegt sich mit Blutschatten,
Und es versickert in zehn Tropfen Zehen.
Laß dich von meinen Seelenaugen sehen!
Sag etwas! Gattin, nenn mich deinen Gatten.

Die Küsse schlagen mich! Etwas Allmacht
Ist doch in den Anhäufungen von Armen.
Wie Kameraden liegen wir im warmen
Biwak der Herzen diese Fleischesnacht.

Wenn mir der Morgen in die Haare saust,
Schläfst du bei mir vom Mund bis an die Zehen.
Wir sind gottlos. Nur unser Herz verehrend.
Ein Löwenpaar, das unter Sternen haust.

Einer des andern große Stärke mehrend.
Wir sterben nicht. Das kann uns nicht geschehen.


Paul Boldt
Junge Pferde! Junge Pferde! - Monogamie




29.06.2019 23:36
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Heimlich zur Nacht



Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen.

Und ich bin wach - eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An den seeligen Glanz deines Leibes
zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.



Else Lasker Schüler




29.06.2019 23:47
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Du sprichst, daß ich mich täuschte,
Beschworst es hoch und hehr,
Ich weiß ja doch, du liebtest,
Allein du liebst nicht mehr!

Dein schönes Auge brannte,
Die Küsse brannten sehr,
Du liebtest mich, bekenn es,
Allein du liebst nicht mehr!

Ich zähle nicht auf neue,
Getreue Wiederkehr.
Gesteh nur, daß du liebtest,
Und liebe mich nicht mehr!



August von Platen





30.06.2019 16:00
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Kein Gedicht
hat mir je so viel bedeutet
wie eine SMS
an dich

Und dabei
sind es so wenige Zeilen
so wenige Zeichen
die ich Nacht für Nacht
allein und
unendlich langsam
in mein Handy tippe

Gerade mal 160 Zeichen sind es
maximal
und dabei ist ein Zeichen
so wenig
ein Zeichen
das ist weniger als ein Wort
das ist oft nicht einmal ein Buchstabe
das ist nur ein Gedankenstrich
oder ein Punkt
oder noch weniger
ein Zeichen
das ist ein Leerzeichen
das
sagt eigentlich
alles

Maximal 160 Leerzeichen also
um nichts zu sagen
beziehungsweise nichts
was nicht ohnehin bekannt wäre

Im Morgengrauen schicke ich meine SMS
dann endlich ab
an deine
Unbekannte Nummer

Nacht für Nacht
sende ich
nichts
an niemanden

Seit einer Ewigkeit
warte ich auf Antwort

(A. Unterweger. Aus: Weil du die Welt bist. Neue Liebesgedichte)


02.07.2019 17:09
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Wunderbarer Zauber, glühend trauriger
Zauber der Vergänglichkeit! Und noch
wunderbarer, das Nichtvergangensein,
nicht Erloschensein des Gewesenen,
sein geheimes Fortleben, seine geheime
Ewigkeit, seine Erweckbarkeit in
der Erinnerung…

(Hermann Hesse)


02.07.2019 19:13
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Wer sehnt sich nach dir
wenn ich mich nach dir sehne ?

Wer streichelt dich
wenn meine Hand nach dir sucht ?

Bin das ich oder sind das
die Reste meiner Jugend ?

Bin das ich oder sind das
die Anfänge meines Alters ?

Ist das mein Lebensmut oder
meine Angst vor dem Tod ?

Und warum sollte
meine Sehnsucht dir etwas bedeuten ?

Und was gibt dir meine Erfahrung
die mich nur traurig gemacht hat ?

Und was geben dir meine Gedichte
in denen ich nur sage

wie schwer es geworden ist
zu geben oder zu sein ?

Und doch scheint im Garten
im Wind vor dem Regen die Sonne

und es duftet das sterbende Gras
und der Liguster

und ich sehe dich an und
meine Hand tastet nach dir


Erich Fried




02.07.2019 19:31
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Wie furchtbar auch die Flamme war,
In der man einst zusammenbrannte,
Am Ende bleibt ein wenig Glut.
Auch uns geschieht das Altbekannte.
Dass es nicht Asche ist, die letzte Spur von Feuer,
Zeigt unser Tagwerk. Und wie teuer
Die kleine Wärme ist, hab ich erfahren
In diesem schlimmsten Jahr
Von allen meinen Jahren.
Wenn wieder so ein Winter wird
Und auf mich so ein Schnee fällt,
Rettet nur diese Wärme mich
Vom Tod. Was hält
Mich sonst? Von unserer Liebe bleibt: daß
Wir uns hatten. Kein Gras
Wird auf uns sein, kein Stein,
Solange diese Glut glimmt.

Solange Glut ist,
Kann auch Feuer sein ...


Eva Strittmatter




13.07.2019 09:48
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Bei dir
kann ich sein
mit all meinen Seiten:
den zarten, den groben
denen unten & oben
den blutigen, den blöden
den blödeligen
sogar

Denn du
lässt mich sein
mit all meinen Seiten
und staunst nur
und freust dich
und tröstest
wenn nötig
und liebst mich
voll stiller
Begeisterung


Gita Tost. TRau!MFRAU. Gedichte und Geschichten

Ich mag diesen von der Autorin kurz vor ihrem Tode selbst zusammengestellten Band mit Gedichten und Geschichten sehr. Sie berührt mit ihrem kritischen Geist, ihrem Mut, Humor, ihrer Sensibilität, auch Verzweiflung. Und ich mag auch ihren zärtlich-erotischen und sprachspielerischen Stil.


editiert am 13.07.2019 09:54 Beitrag melden Zitatantwort
13.07.2019 09:58
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Ich lerne, was Liebe ist

Ich trinke aus deiner Quelle
ich bade in deinen Wassern
ich wasche meine Hände in Achtsamkeit
und liebe in endloser Gier

Ich reiche dir meine Sehnsucht
ich wachse dir entgegen
ich schenke dir meine Flügel
und trag deine Ströme in mir.


Gita Tost


13.07.2019 11:22
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Viva!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes
Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht.
Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft,
Wir wären eines Blutes
Und ein Erfüllen, eine Leidenschaft,
Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!

Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen
Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden
In einen Gipfel, unerreichbar weit!
Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen
Und uns in jedem Hauche finden
Und überstrahlen alle Ewigkeit!

Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen,
Wir beide ineinanderstürzen werden,
Wie Quellen, die aus steiler Felshöh' sich ergiessen
In Wellen, die dem eignen Singen lauschen
Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen
In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!


Else Lasker-Schüler

13.07.2019 11:31
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Dein Sturmlied

Brause dein Sturmlied du!
Durch meine Liebe,
durch mein brennendes All.
Verheerend, begehrend,
dröhnend wiedertönend
wie Donnerhall!

Brause dein Sturmlied du!
Und lösche meine Feuersbrunst,
denn ich ersticke in Flammendunst.
Mann mit den ehernen Zeusaugen,
grolle Gewitter,
entlade Wolken auf mich.
Und wie eine Hochsommererde
werde ich
aufsehnend
die Ströme einsaugen.
Brause dein Sturmlied du!

Else Lasker-Schüler




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