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SEELENWANDERUNG

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07.02.2018 11:25
Tehejekuetrheed

ICH DENK AN DICH

Ich denk an dich, und meine Seele ruht
In dem Gedanken aus an dich,
Dem Schiffer gleich, der aus bewegter Flut
Zum stillen Hafen rettet sich.
Als wie am Tag ein wilder Vogel fliegt,
Waldaus, Waldein, nach seiner Lust,
Doch bei der Nacht ins weiche Nest sich schmiegt,
So schmieg ich mich an deine Brust.
Ich ruh in dir, in deiner Liebe ruht
Der Drang der Seele wild und scheu;
Unsicher ist des Lebensmeeres Flut,
Und du allein bist ewig treu.


(Friedrich Rückert )



07.02.2018 11:31
Tehejekuetrheed

Erlaube mir traurig zu sein...


Erlaube mir traurig zu sein
unter deinen Augen, den Sternen.
Vielleicht sehen sie nicht, dass ich traurig bin,
denn die Muschel des Mondes ist abgewandt
und hört nicht auf meine Gespräche.
Bei Tag denkt sicher die Sonnenstirne
niemals über mich Dämmernde nach –
erlaube mir, gänzlich verloren zu gehen
in den Büschen der Schwermut.


(Christine Lavant)


09.02.2018 22:05
Tehejekuetrheed

Am fernen Abend

Du bist so weit von mir entfernt
Am Abend zwischen deinen Freunden;
Meist ist das Dunkel über uns entsternt...
Dann leide ich wie unter Feinden.
Doch glühen die Lichte in den Wolkenzweigen,
So sind sie alle unser Eigen.

Und manchmal kommt ganz weich die Luft
Und streichelt meine und dann deine Wange.
Und deine Stimme ist es, die mich ruft,
Aus allen Stimmen gleitend, in der Halle.
- Und mich umarmen viele Himmel in dem Schalle.

Ich finde aber auch in deinen Augen keine Rast
Und keinen Trost im stummen Zuspruch deiner Reden -
Ich fiel der Liebe und sie mir zur Last.
Mein letzter Schimmer leuchtet heim den Gast,
Ein stilles Kleinod für jedweden.

Und weiß, daß du alleine lieb mich hast ... ganz alleine.
Und bin ich dir auch unbegreiflich fast,
So sagen all die weichen Worte, daß ich weine.

Else Lasker-Schüler


10.02.2018 12:06
Tehejekuetrheed

Wo bist du...

Wo bist du, süße Blume meiner Tage?
Ich strecke müde, glückverlangende Hände
nach deinem holden Kelche aus?
Wo bist du -
daß ich das keusche, sammetweiche Haupt
dir küsse?
Wo bist du -
daß der Falter meiner Seele
an deiner Blüte Staub
sich neu vergolde?
Ich dürste, hungere nach deinem Duft!
Wo birgst du deine Schönheit?
Welcher Garten des Paradieses
umfriedet deine Pracht?
Wo bist du - bist du -
süße Blume meiner Tage?

Christian Morgenstern


10.02.2018 12:24
Tehejekuetrheed

Seelenwanderung
Vor Jahren war mir schon vergönnt, zu weilen
Auf and'rem Stern, wie eine lichte Sage
Schrieb ich Erinnerungen jener Tage
In meiner Seele Grund mit Flammenzeilen.

Sie sind vorbei! Wie gold'ne Märchen eilen
Die alten Götter hin mit stummer Klage;
Und eine freudlos wilde Seele trage
Ich durch des Lebensweges öde Meilen.

Im Haupt des Weltgeist's war ich ein Gedanke,
Bis ich versucht', mich aus ihm wegzustehlen;
Da kam ich in die Welt, die alterskranke. —

Nun bin ich drüben fremd und hüben fehlen
Die alten Götter — arm und einsam schwanke
Ich durch die Welt — so wandern sie, die Seelen!

Max Haushofer

10.02.2018 13:36
Tehejekuetrheed

DIE SEELE STREICHT DIE SEGEL NICHT

Über meinen Rachen gebeugt
betrachte ich den Urwald meiner Innerlichkeit,
vom Wind gepeitscht,
erodiert von vielerlei Fluten.

Es heißt, die Zeit schleift die Auswüchse der Seele,
wie das Wasser der Flüsse die Kontur der Steine
zu zarten Wangen wetzt.
Dass die Erinnerung geschlossenen Auges das
unwandelbare Profil der Küsten erfasst
und man eines Tages das Ende des Staunens erreicht,
Unvorhersagbares sicher erkennt.

Ich aber scheine keine Gewissheiten in der Reife zu finden.
Wenn meine Augen durch das Laubwerk der Brust dringen,
wo mein Herz sich verbirgt,
sind die wieder und wieder beschrittenen Steige
wie das Gras von Rousseau mit Tigern besetzt.
Feuchtigkeiten, unvermutete Jahreszeiten
schüren das Wachstum von jähen Wäldern
und Bäumen ohne Erfahrung,
naive Himmelsteiger
kämpfen sie Ast für Ast um eine Lücke
um den Ort zu erreichen,
den sie erahnten,
als sie vom Keimen träumten.

Ich spüre nicht den Instinkt der Zugvögel in mir,
der mich von diesen fruchtbaren Wäldern fern hielte,
in denen Erfahrungen sich häufen wie Scheite,
die nach Abfall duften;
wo der Arm des Orkans mich mit Palmen niederwirft
und es gegen Insekten kein Mittel gibt
als Nacktheit.

Von Zeit zu Zeit denke ich an Terrassen am Meer,
auf die ich mich zum Alt werden setze,
denke an die Sicht auf Baumkronen,
in Stille wahrgenommen.

Doch es locken Tukane und Pirole,
Jaguar und Ozelot,
das Primitive und Wilde, das unenthüllt blieb
eine unwiderstehliche Versuchung hinter der glatten Illusion
des Horizonts.
Reisende auf dem Weg ins innerste Unbekannte,
Frau mit der von Kolibris zerlöcherten Seele,
verwerfe ich die Erinnerung an die Kammer, wo ich Schilde
und Zauberformeln verwahrte,
diese verletzliche Haut vor Kratzern zu schützen,
und umarme schreiend und bebend
den Orkan, den Tornado, das Gewitter.

Aus der Tiefe meiner Lunge
fordere ich ohne Reue
das zuckende Fleisch zurück, die Schwären,
das angstfreie Auge
der Jugend.

Gioconda Belli

11.02.2018 10:51
Tehejekuetrheed

Leise Lieder

Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht,
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

Christian Morgenstern


12.02.2018 12:53
Tehejekuetrheed

Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und befriedigt sie,
sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her.


Ignatius von Loyola


12.02.2018 13:04
Tehejekuetrheed

Johann Wolfgang von Goethe

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!


(1779)

editiert am 12.02.2018 13:05 Beitrag melden Zitatantwort
13.02.2018 18:20
Tehejekuetrheed

An die Liebe

Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug;
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod.

Francisca Stoecklin



14.02.2018 17:42
Tehejekuetrheed

Versuchsweise

Wie der Frühling, nannten
wir das nicht einst so,
wie der noch einmal,
eh wir ihn plündern,
uns überwältigt,
Magnolienwolken über die Zäune
wirft, den Flieder in Breitseiten
gegen uns öffnet,
Schwärmereien schlaftumber Bienen,
wie der uns wieder den Hochmut
bricht und die Angst und
uns in Handschellen
beim ersten verkrüppelten Veilchen
zu Boden gehn läßt,
uns auszählt: wir haben verloren.

Wir haben verloren.

Dagmar Nick


17.02.2018 12:33
Tehejekuetrheed

UND NÄHME AM ENDE EINE MEIN HERZ

Meine Liebe zu dir in Worte zu kleiden...
als wollte ich meine Liebe zu den Sternen erklären
sie sind so unendlich weit weg und doch nah
ihr Glanz ist unveränderlich
und doch immer wieder
ein neues, noch nie geschehenes Wunder
In dieses Strahlen eintauchen, bedeutet eins zu sein
mit dem Universum
Licht in der Dunkelheit
Sie verschenken sich
Verlangen nichts
Wenn ich sie beobachte, werde ich neugierig
Immer wieder neue Fragen!
Neue Antworten!
Meine Sterne sind ein Rätsel
Bewegen mich
Bringen mir Erleuchtung
Sind Ruhepunkt meiner Seele
Ansporn für das Ungedachte
Führen mich in die Fremde, nach Hause
Sind immer für mich da
Ewiglich
Ohne Worte bist du

Otto Lenk



17.02.2018 16:06
Tehejekuetrheed

Ich liebe dich

Ich liebe dich, ohne zu wissen wie oder wann oder von wo.

Ich liebe dich einfach, frei von Problemen oder Stolz.

Es gibt für mich keinen anderen Weg, als dich so zu lieben,
dass es kein ich oder du gibt.

So nahe, dass deine Hand auf meiner Brust meine Hand ist und

so nahe, dass, wenn du deine Augen schließt, ich sofort einschlafe.

Pablo Neruda

18.02.2018 09:55
Tehejekuetrheed

Es gibt eine Liebe,
die über jede Liebe erhaben ist,
die Leben überdauert.
Zwei Seelen aus einer entstanden.
Vereinigt wie zwei Flammen.
Identisch – und doch getrennt.
Manchmal zusammen, durch Gefühl und Verlangen verschweißt.
Manchmal getrennt, um zu lernen und zu wachsen.
Aber einander immer wieder findend.
In anderen Zeiten, anderen Orten.
Wieder und wieder

(Tatsuya 6.Jhd.)

18.02.2018 12:34
Tehejekuetrheed

💮

Gepriesen sei der Tag, der Mond, das Jahr,
die Jahr- und Tageszeit, der Augenblick,
das schöne Land, der Ort, da mein Geschick
sich unterwarf ein schönes Augenpaar.

Gepriesen sei die erste süße Qual
der Strahlen ihres Blicks, die mich bezwangen,
die Pfeile Amors, die mein Herz durchdrangen,
die Herzenswunden tief und ohne Zahl.

Gepriesen sei’n die Stimmen, die im Leeren
verhallten, nach ihr rufend, dort und hier,
das Seufzen, Weinen, Bitten und Begehren,

gepriesen seien Feder und Papier,
die ihren Ruhm verkünden und die schweren
Gedanken, die ihr nah sind, einzig ihr.
💮

Francesco Petrarca

19.02.2018 10:56
Tehejekuetrheed


Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, -
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen ...
Und das ist Seele.


(R. M. Rilke)


19.02.2018 10:57
Tehejekuetrheed

Genug oft

Genug oft, dass zwei Menschen sich berühren,
- nicht leiblich, geistig nur - dass sie sich "sehn",
dass sie sich einmal gegenüberstehn –
um sich danach auf immer zu verlieren.

Genug oft, dass ein Lächeln zweier Seelen
vermählt - oh nicht vermählt! Nur dies: sie führt,
so voreinander schweigend und erschüttert,
dass ihnen alle Wort' und Wünsche fehlen,
und jede, unaussprechlich angerührt,
nur tief vom Zittern der verwandten zittert.


Christian Morgenstern


20.02.2018 07:58
Tehejekuetrheed

In der Liebe ergreift uns der, nichts anderem ähnliche Drang zueinander eben dadurch, dass ein Neues, Fremdes, ein vielleicht Geahntes und Ersehntes, aber nie Verwirklichtes, den ersten Anstoß dazu gibt, – nichts aus dem uns bekannten, vertrauten Umkreis, dem wir uns selbst längst verschmolzen haben, der uns selbst einfach wiederholt. Deshalb befürchtet man stets das Ende eines Liebesrausches, sobald zwei Menschen sich allzu gut kennen lernen und der letzte Reiz der Neuheit verfliegt, – und deshalb ist den Anfängen eines Liebesrausches mit der ungewissen, zitternden Beleuchtung, in der er beginnt, nicht nur ein so unsäglicher Reiz zu eigen, sondern auch eine so besonders fruchtbar anregende, das ganze Wesen tief aufwühlende, die ganze Seele in Schwingung versetzende Kraft, wie sie später kaum je mehr ausgelöst wird.

(Lou Andreas-Salomé)

23.02.2018 19:53
Tehejekuetrheed

Dämmerstunde

Im Sessel du, und ich zu deinen Füßen -
Das Haupt zu dir gewendet, saßen wir;
Und sanfter fühlten wir die Stunden fließen,
Und stiller ward es zwischen mir und dir;
Bis unsre Augen ineinandersanken
Und wir berauscht der Seele Atem tranken

Theodor Storm

24.02.2018 13:11
Tehejekuetrheed

HEUT NACHT

Heut Nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.

Schreiben etwa: "Mit Sternen übersät ist das Dunkel, und blaugefroren zittern weit entfernte Gestirne."

Der Wind der Nacht zieht seine Kreise an Himmel, singend.

Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.

Ich liebte sie, und manchmal hatte auch sie mich gerne.

In Nächten, so wie diese, hielt ich sie in den Armen.

Küßte sie viele Male unterm endlosen Himmel.

Sie liebte mich, und manchmal hatte auch ich sie gerne.

Wie denn nicht lieben ihre großen, sicheren Augen.

Heut nacht kann ich die trübsten, traurigsten Verse schreiben.

Denken, daß sie mir fern ist. Fühlen, daß sie verloren.

Hören die öde Nachtluft, öder noch, seit sie fort ist.

Der Vers fällt auf die Seele wie der Tau auf das Grasland.

Was macht's, daß meine Liebe sie nicht bewahren konnte.

Sternbesät ist das Dunkel, und sie ist nicht mehr bei mir.

Das ist alles. Sehr ferne singt irgendwer, sehr ferne.

Mein Herz kann es nicht fassen, daß ich sie nicht mehr habe.

Wie um sie herzuholen, ist mein Herz auf der Suche.

Mein Herz ist auf der Suche, und sie ist nicht mehr bei mir.

Die gleiche Nacht, und weißlich schimmern die gleichen Bäume.

Aber wir, die von damals, wir sind nicht mehr die gleichen.

Ja, ich liebe sie nicht mehr, doch wie liebte ich, damals.

Zum Wind lief meine Stimme, um an ihr Ohr zu rühren.

Jetzt hat sie wohl ein andrer. Wie einst, eh ich sie küßte.

Den hellen Leib, die Stimme. Die großen, großen Augen.

Ja, ich liebe sie nicht mehr, oder lieb ich sie noch immer.

So kurz dauert die Liebe, und so lang das Vergessen.

Denn in Nächten wie diese hielt ich sie in den Armen.

Mein Herz kann es nicht fassen, daß ich sie nicht mehr habe.

Mag's auch der letzte Schmerz sein, den ich durch sie erleide, sind's auch die letzten Verse, . die ich für sie nun schreibe.

Pablo Neruda


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