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SEELENWANDERUNG

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08.01.2018 18:09
von:
kishla
Status: mobile  

Liebeslied

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht.

Du lass die Finger leise
Und sanft darübergleiten,
Und Melodien werden
Aufraunen und aufrauschen,
Wie nie noch Menschen hörten.
Das wird ein heilig Klingen
Über den Landen sein.

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht,
Und harre Deiner,
Oh Priesterin!
Dass meine Geheimnisse
Aus mir brechen

Und meine Tiefen
Zu reden beginnen
Und wie ein Mantel
Meine Töne
Um Dich fallen -
Ein Purpurmantel
Der Unsterblichkeit.

Christian Morgenstern


09.01.2018 22:45
von:
kishla
Status: mobile  


Nachtschwärmen

Die alte Pappel schauert sich neigend,
Als habe das Leben sie müde gemacht.
Ich und mein Lieb – hier ruhen wir schweigend –
Und vor uns wallt die drückende Nacht.

Bis sich zwei schöne Gedanken begegnen,
Dann löst sich der bleierne Wolkenhang.
Goldene, sprühende Funken regnen
Und füllen die Welt mit lustigem Klang.

Ein trüber Nebel ist uns zerronnen.
Ich lege meine in deine Hand.
Mir ist, als hätt ich dich neu gewonnen. –
Und vor uns schimmert ein goldenes Land.

Joachim Ringelnatz


10.01.2018 21:20
von:
kishla
Status: mobile  

Wir lieben...

Das Meer ist randvoll im Überfluss
vom Wein der Sonnenküsse.
Der dichte Dschungel der Nacht
- weilend bis zur Morgenröte -,
wie sie ihren Körper im Regen reinigt,
scheint uns traumhaft.
Wir sind von diesem Schauspiel
so weit unser Augenlicht erlaubt
vom Zauber jener Schenke voll berauscht
nun steigt in mir das Gefühl auf:
Wir lieben, also sind wir!

Fereydoon Moshiri


14.01.2018 20:40
von:
kishla
Status: mobile  

Did you never know

Did you never know,
long ago, how much you loved me —
That your love would never lessen and never go?
You were young then, proud and fresh-hearted,
You were too young to know.
Fate is a wind, and red leaves fly before it
Far apart, far away in the gusty time of year —
Seldom we meet now, but when I hear you speaking,
I know your secret, my dear, my dear.

Sara Teasdale

14.01.2018 21:30
von:
Yvonne1981
Status: offline  

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist Aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried

14.01.2018 21:58
von:
rafa14
Status: mobile  

Zitatkishla schrieb am 08.01.2018 um 18:09:

Liebeslied

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht.

Du lass die Finger leise
Und sanft darübergleiten,
Und Melodien werden
Aufraunen und aufrauschen,
Wie nie noch Menschen hörten.
Das wird ein heilig Klingen
Über den Landen sein.

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht,
Und harre Deiner,
Oh Priesterin!
Dass meine Geheimnisse
Aus mir brechen

Und meine Tiefen
Zu reden beginnen
Und wie ein Mantel
Meine Töne
Um Dich fallen -
Ein Purpurmantel
Der Unsterblichkeit.

Christian Morgenstern

das ist wunder wunderschön

16.01.2018 17:25
von:
kishla
Status: mobile  

Vereinsamt

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnein –
wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
zur Winter-Wanderschaft verflucht,
dem Rauche gleich,
der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
– bald wird es schnein,
weh dem, der keine Heimat hat!

Friedrich Nietzsche

18.01.2018 09:58
von:
KarlOtto
Status: mobile  

The Snow Man by Wallace Stevens, (ca. 1919)

One must have a mind of winter
To regard the frost and the boughs
Of the pine-trees crusted with snow;

And have been cold a long time
To behold the junipers shagged with ice,
The spruces rough in the distant glitter

Of the January sun; and not to think
Of any misery in the sound of the wind,
In the sound of a few leaves,

Which is the sound of the land
Full of the same wind
That is blowing in the same bare place

For the listener, who listens in the snow,
And, nothing himself, beholds
Nothing that is not there and the nothing that is.

21.01.2018 13:36
von:
kishla
Status: mobile  

An die Geliebte

Sternengold entreiß ich dem nächtlichen All,
schmiede draus ein leuchtendes Diadem,
und um deine züchtige Stirne
flecht ich mit zitternder Hand es, Geliebte!

Sonnengold entwend ich dem Tagesgestirn,
winde draus einen siebenfach strahlenden Ring,
und an deine Hand, die reine,
füg ich in sprachlosem Glück ihn, Geliebte!

Blütenduft erhasch ich und Mondenglanz,
webe draus einen schimmernden Schleier dir,
und um deine Gestalt, die keusche,
lege ich zärtlich und leis ihn, Geliebte!

Was mir etwa entfiel beim wonnigen Werk,
raff ich auf und spinne mir Saiten draus,
süße, selige Weisen tönend -
alle für dich nur, für dich nur.

Christian Morgenstern


27.01.2018 20:38
von:
kishla
Status: mobile  

Aber ich finde Dich nicht mehr

Ich gleite meinen lallenden Händen nach,
Die suchen überall nach dir.

Aber ich finde dich nicht mehr
Unter den Dattelbäumen,
Unter den Zweigen der Träume.

Alle meine starren Kronen sind zerflossen
Vor deinem Lächeln
Und zwischen unseren Lippen jauchzten die Engel.

Ich will meine Augen nicht mehr öffnen,
Wenn sie sich nicht
Mit deiner Süße füllen.

Else Lasker-Schüler


28.01.2018 12:02
von:
kishla
Status: mobile  

Ich liebe Dich

Ich liebe dich, du Seele, die da irrt
im Tal des Lebens nach dem rechten Glücke,
ich liebe dich, die manch ein Wahn verwirrt,
der manch ein Traum zerbrach in Staub und Stücke.

Ich liebe deine armen wunden Schwingen,
die ungestoßen in mir möchten wohnen;
ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen,
ich möchte dich in allen Tiefen schonen.

Christian Morgenstern

30.01.2018 18:02
von:
kishla
Status: mobile  

Erinnerungen

Erinnerungen -, Klänge, nachtverhangen,
und Farben, die ein Wind vom Meer bewegt,
sind eine Traumumarmung eingegangen
zu einem Bild, das etwas Letztes trägt:
Ein Uferschloss mit weissen Marmorsteigen
und plötzlich eines Liedes Übermacht -,
d i e Serenade spielen viele Geigen,
doch hier am Meer in dieser warmen Nacht -.
Es ist nicht viel, - Viel trägt nicht mehr das Eine, -
nach einem Bogen greifen dann und wann -
ein Spiel im Nichts -, ein Bild, alleine,
und alle Farben tragen Bleu mourant.

Gottfried Benn


02.02.2018 20:31
von:
kishla
Status: mobile  

Segelfahrt

Nun sänftigt sich die Seele wieder
und atmet mit dem blauen Tag,
und durch die auferstandnen Glieder
pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.

Wir sitzen plaudernd Seit an Seite
und fühlen unser Herz vereint;
gewaltig strebt das Boot ins Weite,
und wir, wir ahnen, was es meint.

Christian Morgenstern

editiert am 02.02.2018 20:49 Beitrag melden Zitatantwort
02.02.2018 20:31
von:
kishla
Status: mobile  

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen.

Und bin wach - eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

Else Lasker-Schüler

03.02.2018 11:38
von:
kishla
Status: mobile  

Eins und alles

Meine Liebe ist groß
wie die weite Welt,
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles
erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!

Da ist kein Gras,
da ist kein Stein,
darin meine Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein
noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!

Da ist kein Tier
vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze
nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!

Meine Liebe ist weit
wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle,
bin ich allein,
und nichts ist außer mir!

Christian Morgenstern


03.02.2018 13:24
von:
ilmundo
Status: offline  

HALLUZINATION

Heute erwachte ich
ganz still als Poetin
und stellte mir vor ich könnte
mich einfach hinfließen lassen zur Liebe
wie ein träges Segelschiff
spielerisch dem Winde folgt.
Ich könnte plötzlich da sein,
eine Erscheinung,
das Klappern der Schreibmaschinen
vergessen
das Telefon
die Zeit
und dich anschaun
als ob nichts auf der Welt wichtiger sei.
Diese Vogelgefühle machen mir Angst
weiß ich doch nicht wie weit
die Stäbe des Käfigs sind
die ich manchmal in deiner Stimme spüre
wenn du mich zurückholst
in die Wirklichkeit.
Weißt du denn, ob ich nicht
an einem heimlichen
magischen Ort
wo ein freundlicher
gütiger Zauberer haust
den Kompaß finde
der mir den Weg weist
zu deinem Herzen
und mich nicht irren läßt in dem Wald
wo der Kobold der hinter deinen Augen lebt
sein Häuschen hat mit Teekannen,
Spiegeln und Zaubertiegeln?
Es gibt Tage, da füllen sich
meine Arme mit Blumen
und meine Haut riecht
nach duftenden Kräutern
und ich zerzause mein Haar,
ziehe meine Schuhe aus
und denke, diese ganze Verrücktheit
gefällt mir.
Du kannst dir nicht vorstellen
wie sehr mir gefällt
Eva zu sein und dir meine Welt
zu benennen
und zu beobachten wie du
mit diesem seltsamen Ausdruck
als ob du mich um den Schlüssel bätest
und gleich wieder zurückzucktest
in die Vernunft
mit komplizierten Fäden knüpfst
was uns kitzelt
damit wir Telefon und Schreibtisch
verlassen
die verschiedenen Planeten vergessen,
die wir
bewohnen
in freiem Flug aus dem Fenster schweben
- nackt wie übermütige Engel -
die Labyrinthe der Lebensrosen öffnen
die aberwitzigen Maschinen
des Todes stoppen
und zur Mitte der Sonne gelangen
zur Mitte des köstlichen Wahnsinns
wo ein Kuß
alle Weisheit
des unerforschlichen Universums
enthält.

Gioconda Belli

04.02.2018 12:49
von:
kishla
Status: mobile  

Zitatilmundo schrieb am 03.02.2018 um 13:24:

HALLUZINATION

Heute erwachte ich
ganz still als Poetin
und stellte mir vor ich könnte
mich einfach hinfließen lassen zur Liebe
wie ein träges Segelschiff
spielerisch dem Winde folgt.
Ich könnte plötzlich da sein,
eine Erscheinung,
das Klappern der Schreibmaschinen
vergessen
das Telefon
die Zeit
und dich anschaun
als ob nichts auf der Welt wichtiger sei.
Diese Vogelgefühle machen mir Angst
weiß ich doch nicht wie weit
die Stäbe des Käfigs sind
die ich manchmal in deiner Stimme spüre
wenn du mich zurückholst
in die Wirklichkeit.
Weißt du denn, ob ich nicht
an einem heimlichen
magischen Ort
wo ein freundlicher
gütiger Zauberer haust
den Kompaß finde
der mir den Weg weist
zu deinem Herzen
und mich nicht irren läßt in dem Wald
wo der Kobold der hinter deinen Augen lebt
sein Häuschen hat mit Teekannen,
Spiegeln und Zaubertiegeln?
Es gibt Tage, da füllen sich
meine Arme mit Blumen
und meine Haut riecht
nach duftenden Kräutern
und ich zerzause mein Haar,
ziehe meine Schuhe aus
und denke, diese ganze Verrücktheit
gefällt mir.
Du kannst dir nicht vorstellen
wie sehr mir gefällt
Eva zu sein und dir meine Welt
zu benennen
und zu beobachten wie du
mit diesem seltsamen Ausdruck
als ob du mich um den Schlüssel bätest
und gleich wieder zurückzucktest
in die Vernunft
mit komplizierten Fäden knüpfst
was uns kitzelt
damit wir Telefon und Schreibtisch
verlassen
die verschiedenen Planeten vergessen,
die wir
bewohnen
in freiem Flug aus dem Fenster schweben
- nackt wie übermütige Engel -
die Labyrinthe der Lebensrosen öffnen
die aberwitzigen Maschinen
des Todes stoppen
und zur Mitte der Sonne gelangen
zur Mitte des köstlichen Wahnsinns
wo ein Kuß
alle Weisheit
des unerforschlichen Universums
enthält.

Gioconda Belli


wunderschön!!

04.02.2018 12:53
von:
kishla
Status: mobile  

An den Ritter aus Gold

Du bist alles was aus Gold ist
In der großen Welt.

Ich suche deine Sterne
Und will nicht schlafen.

Wir wollen uns hinter Hecken legen,
Uns nie mehr aufrichten.

Aus unseren Händen
Süße Träumerei küssen.

Mein Herz holt sich
Von deinem Munde Rosen.

Meine Augen lieben dich an,
Du haschst nach ihren Faltern.

Was soll ich tun,
Wenn du nicht da bist.

Von meinen Lidern
Tropft schwarzer Schnee;

Wenn ich tot bin,
Spiele du mit meiner Seele.

Else Lasker-Schüler


07.02.2018 05:52
von:
herzwort72
Status: offline  


Von Zeit zu Zeit
sich zurückziehen
in das Haus
unserer Seele,
schweigen,
ausruhen,
ganz für sich sein.
Die Seelenfenster
vom Staub des
Alltags befreien,
an verschlossenen
Türen rütteln,
sich selber auf
den Grund gehen.
und dann hinaus treten in
die Sonne: Da bin ich wieder!


(Jochen Mariss)


07.02.2018 10:27
von:
KarlOtto
Status: mobile  

The White Witch
by Olive Eleanor Custance

Her body is a dancing joy, a delicate delight,
Her hair a silver glamour in a net of golden light.
Her face is like the faces that a dreamer sometimes meets,
A face that Leonardo would have followed through the streets.
Her eyelids are like clouds that spread white wings across blue skies,
Like shadows in still water are the sorrows in her eyes.
How flower-like are the smiling lips so many have desired,
Curled lips that love's long kisses have left a little tired.


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