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Forum » News, Politik & Wissenschaft » ThreadArmut
06.10.2009 20:31
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0 1. Wir können von einer „Normalisierung“ von Armut sprechen. Armutsphasen sind vielfach Bestandteile ´normaler´, nicht randständiger oder asozialer Lebensverläufe. Gerade die These der 70-20-10-Gesellschaft mit 70% Nie-Armen, 20% gelegentlich Armen und 10% häufiger Armen transportiert diesen Befund der Entgrenzung präziser und unangreifbarer sowohl als die Zweidrittelthese als auch als die üblichen Querschnittsmessungen. 2. Armutslagen sind sehr viel „beweglicher“ als dies bisher angenommen wurde. Auch Wiederaufstieg ist möglich. 3.Die Dauer macht´s! Wir müssen mehr als bisher ausgehen von einer Differenzierung zwischen Kurz- und Langzeitarmen. Und zugleich je intern viel genauer die Lebenslagen unterscheiden. Was diese Punkte bedeuten? Armutspolitik auf allen Niveaus sollte sich grundsätzlich an Integration orientieren und der Diskurs über „Leistung“ sollte vor allem angesichts jener 20% gelegentlich Armer viel vorsichtiger werden. Und das der Armenpolitik zugrundeliegende Menschen- und Gesellschaftsbild muss gründlich modifiziert werden. 4. Armut bezeichnet weder einen Zustand noch eine Eigenschaft von Personen noch einen festen Bevölkerungsteil, sondern eine ein- oder mehrmalige, kürzer oder länger dauernde Episode im Leben von Menschen. Dies sollte als methodische Annahme und empirische Realität zugleich akzeptiert werden, die den „als naheliegend, ja unhintergehbar erscheinenden Problemzugriff“ (Leisering 1995: 71) der Gruppenbetroffenheit zumindest relativiert und es nahelegt, besser von Armutslagen zu sprechen - von Armutslagen anstatt von „Problemgruppen“, die rein sozialstrukturell erzeugt sein sollen oder von „Randgruppen“, wo immer gleich eine weitergehende Bedeutung mitschwingt. Armut hat einen Anfang, eine bestimmte Dauer, einen bestimmten Verlauf und häufig auch ein Ende. 5. Deshalb muß sich eine Analyse von Armutslagen auf den ganzen Verlauf Wege in die, durch die und aus der Armut beziehen (vgl. Leibfried/Leisering u.a. 1995). 6. Gleicharm sein bedeutet oft völlig verschiedenes - und zwar auch bei Langzeitbetroffenen! Armutslagen werden biographischsubjektiv höchst unterschiedlich „angeeignet“ und erschließen insofern höchst unterschiedliche biographische und subjektive Perspektiven. Zusammengenommen legen die letztgenannten Punkte – in den Worten von Leibfried/Leisering u.a. (ebd.: 193) nahe, dass Armutskarrieren „nicht als `Einbahnstraße´ gedacht werden, wie im ´deterministischen´ Modell, auch nicht als ´Korridor´, der in Maßen unterschiedliche Bewegungen in eine Richtung gestattet – wie im ´probabilistischen´ Modell – sondern dürften nur im Modell eines ´Verteilerkreises´ angemessen erfolgt sein, bei dem viele, auch in unterschiedliche Richtungen führende Wege möglich sind (´kontingentes´ Modell)“. Und dennoch lassen sich weiterhin die Gruppen benennen, die herausragend von Armut betroffen sind - die 5 „A“-Gruppen: Arbeitslose, Alleinerziehende, Aufwachsende, Ausländer und Aussiedler. Ein vorläufiges armutspolitisches Zwischenfazit legt es nahe, zunächst einmal dringend ein tragfähiges Fundament „geldlicher“ Sicherung vorzusehen - trotz all seiner struktureller Wirkungsdefizite. Sein Ziel sollte es angesichts der sich ausdifferenzierenden armutspolitischen Herausforderungen sein, die Integrationsperspektive so lange wie möglich für so viele wie möglich und so würdig wie möglich zu stützen. Aufbauend aber empfehlen sich dringend entsprechend ausgerichtete Unterstützungsmöglichkeiten in vieler Hinsicht, von Infrastrukturen (wie vielleicht Mütterzentren)bis zu psycho-sozialer Beratung. Wenn die These der unterschiedlichen subjektiven Aneignung von Armutslagen und daraus resultierenden völlig unterschiedlichen Bewältigungsmöglichkeiten stimmt, hat dies beträchtliche Konsequenzen für die Konzeption von Unterstützungsformen jenseits „ökonomischer Intervention“ (Kaufmann 1981). S oziale Arbeit ist hier viel mehr als nur „Ruhigstellung“, „Pädagogisierung“ oder Unterstützung innerpsychischer Bewältigung, sondern kann in allen Phasen des Weges durch die und aus der Armut Prozesse einer Reintegration in „normale“ Subsistenzsicherungsformen entscheidend flankieren. Volltext: http://w210.ub.uni-tuebin [...] 0706.pdf
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