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Coming-out in Russland

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27.06.2020 23:11
HiddenNickname

Hallo zusammen,
ich möchte fragen ob jemand von euch Erfahrungen mit Coming-out in Russland oder auch bei russischer Verwandtschaft außerhalb Russlands hat. Wie habt ihr das gemeistert? Lief es so wie ihr es erwartet habt oder gab es Überraschungen? Gab es Reaktionen, die ihr speziell bei Russ*inn*en erlebt habt, die in anderen Kreisen nicht vorkommen?

Ich bin in Russland aufgewachsen, es ist aber schon 20 Jahre her dass ich mein Heimatland verlassen habe. Meine Eltern und andere Verwandte leben nach wie vor in Russland und wissen bisher nichts über meine sexuelle Orientierung. Ich habe ein eher gespanntes Verhältnis zu meinen Eltern und habe bisher auch kein Bedürfnis verspürt, ihnen mein Privatleben zu erklären. In letzter Zeit erwische ich mich aber immer öfter dabei, dass ich mit ihnen (oder ihren Freunden) in meinen Gedanken Gespräche darüber führe. Vielleicht versucht mein Unterbewusstes mir zu sagen, dass ich doch noch ein Versuch starten sollte, mit meinen Eltern eine sinnvolle Beziehung aufzubauen. Jedenfalls habe ich das Gefühl dass ich mich jederzeit verplappern könnte, und ich weiß nicht ob ich mich extra zurückhalten soll, oder mich einfach gehen lassen... Oder versuchen es ihnen beizubringen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren... Ich weiß es nicht. Falls ihr dazu interessante Gedanken habt, würde ich mich freuen sie zu erfahren.



28.06.2020 12:30
HiddenNickname

Moin Ixte,

ich habe einige Bekannte & Freunde die in Russland gelebt haben.
Olga Tschuk, die einige Bücher verfasste. Nicht mehr nach Russland wegen Mordrohungen nach Hause gehen kann.
Ein Freund lebte einige Jahre in St. Petersburg, organisierte dort u.a. Lesbisch, Schwule Filmfestivals.
Gabriel Wolkenfeld, ein Freund arbeitete in Russland einige Jahre als Deutschlehrer. Schrieb über die Zeit der Einführung des "Propagandagesetz" ein Buch.
https://www.amazon.de/Wir [...] 63002016
"Wir Propagandisten" - dieser Roman beschreibt sehr gut die Zustände in Russland. Auch wie negativ sich die russische Kultur entwickelte.

Die queeren Russen oder russuphilen Freunde die ich kenne sind nicht mehr gerne in Russland. Auch ich mach trotz meiner russischen Wurzeln einen Bogen um Russland.

Es gibt genügend Russen die offen in Russland queer leben. Von ihrem Familien geliebt werden.
Vielleicht ist es gut, wenn du zu solchen Vertrauten Kontakt aufnimmst? Dir bei deinem familien Outing Unterstützung holst. Bei einer russischen Organisation?
Ich weiß was dir als Russin Familie bedeutet. Deinen Schmerz kann ich verstehen.

Dir wünsche ich viel Kraft auf Deinem Weg.

Sonnigst Nadja

28.06.2020 16:08
HiddenNickname

Danke, fischperle, für die Buchtipps. Habe allerdings Schwierigkeiten die "Olga Tschuk" zu finden. Bist Du sicher, dass der Name sich so schreibt? Oder könntest Du mir vielleicht ein Paar weitere Stichwörter geben?

Zitat
Die queeren Russen oder russuphilen Freunde die ich kenne sind nicht mehr gerne in Russland. Auch ich mach trotz meiner russischen Wurzeln einen Bogen um Russland.


Ich vermeide auch in den letzten Jahren nach Russland zu reisen. Nur wenn es absolut sein muss. Bin aber einigermaßen regelmäßig in Kontakt mit meinen Eltern und ein Paar Freunden per Telefon oder Skype. Bei den Freunden bin ich auch geoutet (ohne Probleme!), bei den Eltern aber nicht. Und wir reden halt, und da kommen immer wieder so Themen auf. Wenn ich mich nicht ganz bewusst zurückhalte, sage ich es ihnen halt früher oder später.

Zitat
Ich weiß was dir als Russin Familie bedeutet. Deinen Schmerz kann ich verstehen.


Na, ich weiß nicht ob ich da eine typische Russin bin. Meine Familie liegt in Trümmern, und ist im Grunde ein Haufen von gestörten Arschlöchern. Ich glaube meine Eltern leiden daran dass wir so ein kühles Verhältnis haben. Sie sind nicht mehr die jüngsten, und ich überlege mir ob ich ihnen nicht doch noch eine Chance geben soll. Wie ich sie einschätze, sind sie auch nicht unbedingt militant homophob. Mein Vater ist zumindest ein überzeugter Atheist, und meine Mutter ist anti-christlich-orthodox (wenn man es so bezeichnen kann), und beide sind regimekritisch. Aber ganz bestimmt mega ignorant, was Homosexualität betrifft. Aber vielleicht wäre es sogar gut für sie zu wissen, das auch unsere Familie "nicht ohne" ist? Wäre für sie evtl. eine Chance sich ein Bisschen zum Thema zu informieren?


28.06.2020 18:58
HiddenNickname

Ich frage nach wie Olga wirklich heißt & welche Bücher sie schrieb.

Na, wenns so ist, da wage dein Outing in deiner Familie. Was hast du zu verlieren?
Ist es dir wichtig das sie es wissen? Oder ist es dir egal? Welche Frage zieht dich mehr an?
Wenn du eh kaum noch bei ihnen in Russland bist, dann ist es egal? Schreibe ihnen & gut ist es. Ist manchmal besser als es direkt zu sagen.
Vielleicht ahnen sie es längst?
Also wage den Sprung ins kalte Wasser. Mehr als in Ungnade fallen kannste eh nicht.

Sonnigst Nadja

30.06.2020 09:32
HiddenNickname

Ich habe einige russische Freund*Innen. Die hatten allesamt gar kein Problem als ich mich geoutet habe.

Meine Familie ist nicht russisch, aber dafür homophob.

Weil ich das schon irgendwie wusste hat es auch ziemlich lang gedauert bevor ich mich bei Ihnen geoutet habe.
Die Reaktion meiner Mutter war dann so wie befürchtet, eigentlich sogar schlimmer. Lange habe ich versucht zu ertragen dass sie sich für mich schämen, und auch versucht aufzuklären und zu kämpfen, weil ich meine Familie nicht verlieren wollte.

Seit kurzem denke ich darüber nach den Kontakt zu meiner Familie auf das nötigste einzuschränken. Was bringt es mir wenn es mir nach Treffen mit meiner Familie meistens schlecht geht? Dennoch, dieser Schritt fällt mir schwer.

Was ich eigentlich sagen will. Ich weiss wie schwer es ist Kontakt mit der Familie abzubrechen oder einzuschränken, und das selbst wenn die Familie nicht immer nur nett zu einem war. Aber vielleicht ist es manchmal der bessere Weg, je nachdem wie die Familie so drauf ist.



01.07.2020 22:08
HiddenNickname

Ich habe gestern in Zusammenhang mit der heutigen Abstimmung über die Änderungen zur russischen Verfassung mit meiner Mutter telefoniert und ein Bisschen vorfühlen können, wie sie so drauf ist, was Homosexualität betrifft. Wie ich ungefähr erwartet habe, war es eine ziemlich bizarre Kombination von Vorstellungen. Ihrer Meinung nach sollen Homosexuelle durchaus Kinder adoptieren dürfen, aber nicht heiraten, und nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. Nachdem ich ein Bisschen nachgehakt habe, meinte sie dass man dann eigentlich die Heirat auch für Heterosexuelle abschaffen sollte. Ansonsten hält sie Homosexualität für eine Art Krankheit bzw. Abweichung von der Norm.

03.07.2020 07:19
HiddenNickname

Oh Scheiße, was für eine Einstellung?!
Wie geht es dir damit? Das rückt dich, glaube ich, noch weiter weg von deinen Eltern? Möchtest du dich dennoch outen oder es lieber seien laßen? Eigentlich schneidet sich deine Mutter ins eigene Fleisch. Deine Welt nicht kennen zu lernen, daran teil haben. Zu erleben wie ihr Kind lebt.
Lebe dein buntes Leben, wenn deine Familie nicht daran teilhaben möchte, ist das traurig. Es ist verkraftbar.
Meine Eltern hatten auch nicht wirklich ein großes Interesse an meinem Leben. Ich mußte immer in ihre Welt eintauchen. Meine Mutter war Meisterin die Familie zu vergraulen & auf der anderen Seite hat sie darunter gelitten das wir keine Familie waren. Das ihre Kinder nicht vorbei kamen.
Persönlich habe ich einige Zeit gebraucht dieses zu akzeptieren. "Gut, wenn sie kein Interesse an mir, meinem Leben hat, schneidet sie sich selbst ins Fleisch. Mich gibt es nur einmal." Es war nicht immer leicht das anzunehmen. Da ich selber ein sehr starker Familien-Mensch bin.
Lebe & genieße dein buntes Leben. Wer nicht daran teilhaben möchte, hat Pech gehabt.
Meine Familie sind meine Freunde.

Sonnigst Nadja

05.07.2020 18:04
HiddenNickname

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 01.07.2020 um 22:08:

Ich habe gestern in Zusammenhang mit der heutigen Abstimmung über die Änderungen zur russischen Verfassung mit meiner Mutter telefoniert und ein Bisschen vorfühlen können, wie sie so drauf ist, was Homosexualität betrifft. Wie ich ungefähr erwartet habe, war es eine ziemlich bizarre Kombination von Vorstellungen. Ihrer Meinung nach sollen Homosexuelle durchaus Kinder adoptieren dürfen, aber nicht heiraten, und nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. Nachdem ich ein Bisschen nachgehakt habe, meinte sie dass man dann eigentlich die Heirat auch für Heterosexuelle abschaffen sollte. Ansonsten hält sie Homosexualität für eine Art Krankheit bzw. Abweichung von der Norm.


Hey,
Ich habe einen sowjetischen Hintergrund und mein Outing war schrecklich. Das ganze ist förmlich explodiert. Danach hatte ich zwei Jahre keinen Kontakt zu meiner Famlie. Allerdings muss ich sagen, dass jetzt wirklich alles in Ordnung ist. Ich besuchte vor zwei Tagen meine Eltern mit meiner Frau. Wir haben den Film "Portrait einer jungen Frau in Flammen" geguckt und meine Ma sagte, ich solle doch ein Pärchenbild von uns für ihr Bilderregal schenken.

Bitte gebe die Hoffnung nicht auf. Die Meinung deiner Mutter ist für eine Russin schon recht fortschrittlich. Sie will uns nicht in den Gulag stecken. Das ist doch schon mal was.

Hast du denn vor, dich demnächst zu outen?



12.07.2020 02:59
HiddenNickname

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 05.07.2020 um 18:04:

Hey,
Ich habe einen sowjetischen Hintergrund und mein Outing war schrecklich. Das ganze ist förmlich explodiert. Danach hatte ich zwei Jahre keinen Kontakt zu meiner Famlie. Allerdings muss ich sagen, dass jetzt wirklich alles in Ordnung ist.
....
Hast du denn vor, dich demnächst zu outen?



Ah, das ist interessant! Danke für deine Antwort. Wie ist die Explosion eigentlich verlaufen, und vor allem, was denkst du, warum haben sie ihre Meinung verändert? Hast du sie einfach zwei Jahre in Ruhe gelassen und sie haben sich zur Vernunft bekehrt, ganz von alleine? Oder gab es etwas oder jemanden, der deine Familie positiv beeinflusst hat?

Irgendwann werde ich es meinen Eltern wohl sagen. Wie bald, hängt sehr von den Umständen ab.


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