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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadDie kleinen Dinge des Lebens
09.08.2013 12:13
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0 Die kleinen Dinge des Lebens Eine junge Frau wandert ziellos durch die Straßen. Sie hat eine Ausbildung abgeschlossen, einen attraktiven und aufmerksamen Freund und sie ist gesund. Eigentlich könnte sie glücklich sein. Aber die junge Frau lächelt nicht. Jeder Tag ist gleich. Aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, für ihren Freund kochen, vielleicht einen netten Film im Fernsehen schauen und wieder schlafen gehen. Das kann doch nicht alles sein. Sie möchte reich und berühmt sein, die ganze Welt entdecken, ja, sie möchte einen Prinzen heiraten und dann auf einem Schloss leben! Sie möchte mit dem Finger schnipsen und alles bekommen, was sie möchte. Immer. Ein kleines Mädchen wandert ziellos durch die Straßen. Papa ist immer nur arbeiten und Mama kümmert sich um ihren kleinen Bruder. Ihr Bruder ist noch ein Baby und viel süßer und toller und überhaupt viel wichtiger als sie. Was soll sie also Zuhause, wenn niemand sie beachtet? Sie möchte Bilder malen, die ihre Eltern an die Wand hängen, möchte in den Zoo, ins Kino und ja, wie die anderen Kinder im Kindergarten in den Urlaub fliegen, aber ihre Eltern haben kein Geld für Urlaub. Ein großes Wesen und ein kleines Wesen. Beide in ihrer eigenen kleinen Gedankenwelt versunken. Beide in ihrem eigenen kleinen Gefühlschaos ertrunken. Sie laufen nebeneinander her, ohne sich wahrzunehmen, bis die Stimme eines kleinen Jungen ihre Aufmerksamkeit weckt: "Ey Papi, guck mal, ein Regenbogen." Gleichzeitig werfen sie einen Blick hinauf in den Himmel und sehen einen wunderschönen Regenbogen. Sehen die vielen bunten Farben und fühlen sich von diesen magisch angezogen. Völlig fasziniert setzen sie sich an den Rand des Bürgersteigs, Schulter an Schulter und schauen hinauf. "Bunt ist meine Lieblingsfarbe!", sagt das kleine Mädchen und durchbricht die Stille. Seine Stimme überschlägt sich beinahe vor lauter Euphorie. "Deswegen gibt es auch nichts Schöneres auf der Welt als einen bunten Regenbogen." "Der Regenbogen ist genauso bunt wie das Leben!", erwidert die junge Frau. Sie dreht sich um und schaut das kleine Mädchen zum ersten Mal richtig an. Blonde Engelslocken, blaue Augen wie tiefblaue Seen. Kummervoller Blick. Und doch wunderschön. "So bunt wie das Leben und so bunt wie du!", ergänzt sie mit sanfter Stimme. Wärme durchrieselt ihren Körper, während sie das kleine Mädchen neben sich eingehend betrachtet. Das kleine Mädchen erwidert den Blick und sagt: "Ich bin kein Regenbogen. Ich bin eine viel zu laute Gewitterwolke. Ich bin wie der Donner und der Blitz und..." "Wie die Sonne", füge die junge Frau hinzu. "Wunderschön und strahlend warm." Das kleine Mädchen schaut weg. "Ich bin wie viele kleine Regentropfen, die niemand haben will...", sagt es nach einer Weile und muss heftig schlucken. "Niemand will Regen. Jeder will Sonne. Aber ich bin Regen. Ich bin nasser Regen und bin am liebsten in Regenpfützen. Da kann man wenigstens plantschen." "Ich mag Regen!", entgegnet die junge Frau und realisiert erst jetzt die Regentropfen, die ihre Haut sacht berühren. Sie schließt ihre Augen. Plitsch Platsch, macht der Regen. Wie konnte sie nur vergessen, wie wundervoll dieses Geräusch doch ist? Während sich in der jungen Frau etwas regt, steht das Kind wie von der Tarantel gestochen auf, verschränkt die Arme vor der Brust und verkündet: "Niemand mag Regen. Niemand wird gerne nass. Wenn es regnet, brauchen alle Menschen ihren Regenschirm und wollen schnell wieder nach Hause. Weil man sich vor Regen schützen muss. Weil Regen bäh ist." Die junge Frau lässt die Worte des kleinen Mädchens auf sich wirken. Dann sagt sie: "Weißt du, die Erde braucht Regen, um nicht auszutrocknen. Die Pflanzen brauchen auch Wasser, damit sie trinken können. Und auch der Regenbogen könnte nicht entstehen, wenn es nicht regnen würde. Regen ist wichtig..." Sie stockt und verbessert sich: "Nicht Regen ist wichtig, du bist wichtig." Das Kind beginnt zu weinen."Der Regenbogen ist so schön!", schluchzt es und wiederholt diesen Satz immer wieder. "So Schön. So unglaublich schön. Ich möchte gelb sein und grün und blau. Und alles. Ich möchte alles sein. Wieso bin ich kein Regenbogen? Wieso kann ich mich nicht in einen Regenbogen verwandeln? Hallo Regenbogen, kannst du mich sehen? Kannst du mich hören? Darf ich dich mal besuchen? Wie hast du es geschafft, dass du so bunt bist?" Völlig benommen unterhält das kleine Kind sich mit dem Regenbogen. Die junge Frau schaut zu. Tränen bilden sich in ihren Augen. Wie ähnlich die Kleine ihr doch ist. Voller Wünsche. Sehnsüchtig. Auf der Suche nach etwas ganz Großem. Die junge Frau öffnet ihren Mund, schmeckt den Regen auf ihrer Zunge, schmeckt eine Träne, die über ihr Gesicht läuft. Salzig. Sie schmeckt das Leben. Salzig, süß, bitter. Das Leben bietet so viele Geschmacksrichtungen. Jetzt gerade ist es süß, denkt sie und streichelt dem kleinen Mädchen sacht über die Wange. Das Mädchen ist süß. Süß wie Schokolade. "Fühlst du den Regen?", fragt die junge Frau mit einem Lächeln im Gesicht. "Das sind die Wolken, die mit dir gemeinsam weinen. Die Wolken sind nämlich deine Freunde, so wie der Regen." "Meine Freunde?", wiederholt das kleine Mädchen und legt den Kopf schief. "Ja, schau mal wie die Regentropfen tanzen!", sagt die junge Frau und lacht. " Sie tanzen, weil sie sich freuen dich zu sehen!" Das kleine Mädchen schaut nach oben und versucht mit ihren Händen Regentropfen aufzufangen. "Ich möchte meine Freunde mit nach Hause nehmen!", sagt es. "Aber noch lieber hätte ich den Regenbogen!", fügt es hinzu und seufzt. "Welche Farbe gefällt dir denn am Besten?", fragt die junge Frau. "Sieh mal genau hin!" Das kleine Mädchen überlegt und antwortet schließlich: "Grün!" Die junge Frau kramt in ihrer Handtasche herum und reicht dem kleinen Mädchen einen grünen Stift."Hier, für dich!", sagt sie. Das kleine Mädchen starrt abwechselnd auf den Stift und auf die junge Frau. "Oder malst du nicht gerne?", erkundigt diese sich bei ihr. Das Mädchen nickt. "Doch." Sie nimmt den Stift. "Grün wie die Wiese!", sagt das kleine Mädchen. "Grün wie die Hoffnung!", sagt die junge Frau und schaut auf das Mädchen. Klein ist es. Doch manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.
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