|
|
Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadDie neue Katze
25.11.2009 08:54
HiddenNickname
0 Die neue Katze Für die erste Lektion des Grundkurses fühlt sich die Katze geschickt in die stolze der Psyche ihrer Gasteltern ein: sie weiß, dass Sie denken, nun hätten Sie eine Katze. Also wird Sie Ihnen beibringen, dass diese Annahme weitreichender ist, als Sie glauben. Lektion 1 Die Katze zeigt Ihnen, dass sie immer in Ihrer Nähe ist, besonders dann, wenn Sie sie nicht sehen. Das alte Kinderspiel: >>ich sehe was, was du nicht siehst!<< ist davon abgeleitet. Es gibt dazu zwei Standardübungen, die jeweils nach Einschätzung Ihrer Person regelmäßig abwechselnd durchgeführt werden – oder in überraschenden zeitlichen Abständen. Übung a Die Katze ist weg. Da Sie bisher ohne Katze gelebt haben, können Sie natürlich gar nicht wissen, wie viele Schranktüren und Schubladen in Ihrer Wohnung täglich von Ihnen geöffnet werden. Nicht alle werden auch wieder mit gleicher Sorgfalt geschlossen. Spätestens am zweiten Tag kommen Sie nach Hause und erwarten, dass hinter der vorsichtig aufgeschlossenen Wohnungstür jenes süße Tierchen mit hoch erhobenem Schwanz auf Sie wartet, um schnurrend einen Slalom zwischen Ihren Beinen zu beginnen. Stattdessen finden Sie nur eine durch den Briefschlitz geworfene Telefonrechnung, die leider zur Unkenntlichkeit zerfetzt und damit als Einzahlungsschein unbrauchbar gemacht wurde.( Die Schwierigkeiten bei der Post gehören nicht hierher.) Während Sie noch den Erwerb eines Briefkasten erwägen, suchen Ihre Blicke bereits die Katze. Sie lässt sich natürlich nirgends blicken ->natürlich<, denken Sie, >da sie ein schlechtes Gewissen hat<. Mit diesem simpelsten Trick einer einfachen Spurenlegung hat die Katze Sie zum Anfang Ihrer Lektion und zur Motivation eines ersten Lernvorganges gebracht. Denn die Katze hat keineswegs ein schlechtes Gewissen, sie nutzt nur derartige menschliche Vorurteile pädagogisch geschickt aus. Während Sie nun mit den Papierfetzen in der Hand in der Wohnung von Zimmer zu Zimmer gehen und sich noch nicht einmal die Zeit genommen haben, die Jacke auszuziehen, da Sie ja die Katze von ihrem angeblich schlechten Gewissen so rasch wie möglich erlösen möchten und deshalb mit den unsinnigsten Verrenkungen und unter ständigem Hersagen sämtlicher verfügbarer Kosenamen unter Betten, Stühle und Schränke kriechen – während Sie also langsam, aber sicher immer unruhiger werden, weil Sie zwar inzwischen noch eine zerkaute Einladungskarte zu einer Galerieeröffnung am heutigen Abend gefunden haben, aber noch immer keine Katze, zählt dieses liebe Tierchen mit stillem Lächeln bereits alles vier Pfoten ab,...wie oft Sie nun schon unter ihm vorbeigekrochen sind. Wenn zu dieser Zählung selbst die Schnurrhaare nicht mehr ausreichen und Sie bereits zum Telefon greifen wollen, den Hörer aber sonderbarer weise noch unter der Kommode hervorziehen müssen, spätestens dann wird sich Ihre Liebling Ihrer erbarmen. Ganz zufällig sehen Sie nun, wie sich aus einer nicht ganz geschlossenen Schublade der Kommode eine Pfote hervor streckt und vielleicht noch ein Ohr. Sie richten sich abrupt auf und rufen begeistert:>>Da bist Du ja!<< - und je lauter Sie rufen, desto weniger spüren Sie den Schmerz im Knie, da Sie sich eben an der nicht ganz geschlossenen Schublade gestoßen haben. Wenn Sie jetzt dazu fähig wären, die Lage kühl zu analysieren, würden es Sie wundern, wie ruhig die Katze es auf sich nimmt, scheinbar überraschend doch noch gefunden zu werden. Aber Sie freuen sich, reiben sich ihr Knie und haben gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. >Bin ich den<, so glauben sie sich fragen zu müssen, >ein solcher Unmensch, dass sich meine arme kleine Katze nur wegen einer zerfetzten Telefonrechnung und eines hinfällig gewordenen Champagner abends mit neuen Bildern in einer dunklen Schublade verkriechen muss? Was habe ich denn falsch gemacht?< Diese Frage wird im Allgemeinen von der Katze mit einem baritonalem Schnurren begleitet. Da auch nach mehrmaliger Wiederholung dieser Übung bisweilen der Lernerfolg ausbleibt, weil der geistig schwerfällige Mensch nicht so rasch begreifen kann, dass seine Katze immer in seiner Nähe ist, besonders wenn er sie nicht sieht, kombiniert man in einigen Katzenkreisen diesen Test mit einer Variante: Übung b Die Katze war da. Der wesentliche Unterschied zur Übung a besteht in der Tageszeit: Nun nämlich ist dunkle Nacht. Ursprünglich sind Katzen Nachtjäger gewesen, haben aber Ihren Lebensrhythmus speziell Ihretwegen geändert. Die Infrarot-sensorischen Radaraugen haben sie allerdings behalten: sie können im Dunkeln sehen, der Mensch bekanntlich nicht. Diesen ungerechten biologischen Unterschied nutzt die Katze geschickt für ihre pädagogischen Zwecke. Angenommen, Sie haben geschlafen, schlecht geträumt, sind aufgewacht und wollen sich ein Glas Wasser holen (oder Sie haben vorm Einschlafen ein Glas zu viel getrunken und müssen es nun wieder rausbringen) – Sie kennen Ihre Wohnung im Schlaf, sind schon Hunderte Male im Dunkeln über den Flur getapert: alles kein Problem: Aber damals wohnten Sie noch nicht mit einer Katze zusammen. Jetzt können Sie zwar noch über den Flur tapern, aber kurz vor der (oder jener anderen) Tür treten Sie mit bloßen Füßen auf etwas Weiches. Sie fahren entsetzt zusammen, stolpern und wachen bei der unsanften Berührung Ihrer Stirn mit dem Türpfosten endgültig auf. Sofort wissen Sie, dass die Katze da war, das Sie Ihre geliebte Katze getreten haben, und bekommen wiederum prompt ein schlechtes Gewissen. Sehr geschickt eingefädelt, das müssen Sie zu geben. Aber Sie denken:>Da hat sich miene arme Katze voller Vertrauen auf dem Teppichboden geräkelt, weil sie nicht wissen kann, dass ich im Dunkeln nichts sehe. Und ich habe sie getreten. Meine großen Füße sah sie auf sich zukommen und ist voller Glauben an mein Nacht sicheres Auge liegen geblieben. Und dann habe ich diese vertrauen missbraucht und sie getreten. Furchtbar!< Inzwischen steht das arme Tier längst neben Ihnen und wundert sich, warum Sie statt des Wassers einen Whisky zu sich nehmen. Aber das Eis gegen die verbeulte Stirn halten. Der Katze ist natürlich nichts passiert, sie hatte nur ihren Schwanz in den Weg gelegt, zu pädagogischen Zwecken. Diese Übungsvariante wird gerne von etwas eingebildeten Katzen benutzt, die ihre natürliche Überlegenheit bei jeder Gelegenheit unter Beweis stellen wollen. Um Minderwertigkeitskomplexe durch die Häufung solcher Erlebnisse zu vermeiden, sollten Sie sich als Erstes unbedingt merken: Ihre Katze ist immer in der Nähe; besonders, wenn Sie sie nicht sehen! Aus der Allgegenwärtigkeit der Katze ergeben sich gewisse Probleme. Als moderner Mensch vertrauen Sie bei auftretenden Problemen auf irgendeine rationale Lösung: Vernunft und Ordnung garantieren schließlich das Zusammenleben seit Adam und Eva – nein, eigentlich erst seit....? Eine Katze ist klüger als Adam, Eva und der Apfel zusammen, die Schlange nicht mit gerechnet. Die alten Ägypter, die bekanntlich sehr ordentliche und kluge Menschen waren (sonst hätten sie ihre merkwürdige Schrift nicht lesen können), hielten die Katze deshalb für ein gottähnliches Wesen: Es ist immer da, auch wenn man es nicht sieht, es ist weiser als Menschenwitz, und es hält vor allen Dingen nichts von rationalen Lösungen irdischer Probleme. Versuchen Sie zum Beispiel einmal, Ihrer Katze klar zumachen, dass sie entweder das milde geräucherte Forellenfilet auf ihrem Teller oder dar nichts zum Diner bekommt: Sie werden rasch merken, dass die Katze keines von beiden, sondern den Käsetoast in Ihrer Hand möchte. Vergessen Sie also am besten alles, was Sie über rationale Problemlösungen gehört haben. Die Katze wird Ihnen zeigen, wie hinfällig derartige menschliches Denken ist. Sie benutzt dazu das Körbchen, das Sie ihr gekauft haben, womit sie bei der nächsten Lektion angelangt ist: der Platzfrage Bekanntlich ist dies unter Menschen seit Adam und Eva ein anscheinend unlösbares Problem: Im Paradies gefiel es ihnen zu gut,..und sie wurden übermütig, dann übervölkerten sie die Erde, und in Spanien sind jetzt die Hotelzimmer meistens doppelt belegt. Der Mensch ist auf der weiten Erde ohne rechten Platz, deshalb fährt er ständig im Auto umher oder führt sinnlose Kriege um überflüssige Grenzen. Ganz anders die Katze : sie hat in der Wohnung ihren festen Platz. Die Schwierigkeit für den Mensch besteht einzig darin, dass er lernen muss, für wie viele Gelegenheiten es einen festen Platz gibt. Dazu verhilft ihm eine schöne Übung, die zum Standartrepertoire jeder Katze gehört. Lektion 2 Wo ist denn das Körbchen? In der weisen Fürsorge, dass Ihre Katze es besser haben soll als diese unterentwickelten Drittweltler, die Ihnen im Fernsehen immer das Abendessen verderben, haben Sie Ihrem Liebling ein feines Körbchen gekauft, natürlich aus handgebogenem Naturbambus, hergestellt von denen im Fernsehen,..innen schön wattiert und mit rotem Stoff ausgeschlagen. Katzen mögen Rot. Auch Ihre Katze wird das Körbchen zunächst aufmerksam beschnuppern und sich das in das von Ihnen in riskanter Vorfreude hastig abgestreifte Verpackungspapier legen. Vielleicht hatten Sie die naive Idee, das Körbchen in der Küche zu platzieren, in der Nähe von Essteller und Wasserschale, damit Ihr bestes Stück ein eigenes Eckchen bekommt. Was Sie nicht wissen können, ist, das Ihre Katze Sie zwar für ziemlich dumm, aber nicht für hinterlistig hält. Es ist für eine Katze weit unter ihrer Würde, nachts den Essteller zu überwachen. Oder würden Sie Ihr wirklich das Forellenfilet klauen? Deshalb ist der Platz für das Körbchen neben dem Teller ganz ungeeignet; Sie schlafen ja auch nicht vor dem Kühlschrank. Wenn Sie nun im Verlauf des weiteren Abends wieder aufgewacht sind, das Fernsehgerät ausgeschaltet haben und ins Bett fallen möchten, werden Sie feststellen, das Ihre Katze schon vor Ihnen da ist. Sie liegt unübersehbar in der Bettmitte und putzt sich auffällig. Da Sie noch der Mittelstandsideologie vom eigenen Korb anhängen, tragen Sie die Katze gähnend in die Küche. Spätestens, wenn Sie sehen, dass in dem schönen neuen Körbchen bereits Forelle liegt, werden Sie an der Richtigkeit der Platzwahl zu zweifeln beginnen. Inzwischen setzt Ihre Katze jenes auffällige Putzen schon wieder im Bett fort. Sie glauben vielleicht, dass Ihr nächster Versuch erfolgreicher sein wird. Da die Katze ein pädagogisches Genie ist, lässt sie Ihnen diesen Glauben. Und zwar genauso lange wie brauchen, um das Körbchen zu säubern, die Katze eigenhändig hineinzulegen und mit dem Korb ins Badezimmer zu tragen. Aber es ist, das hätten Sie sich eigentlich denken können, eine unzumutbare Situation, neben dem Klo schlafen zu wollen. Vielleicht fällt Ihnen das ein, wenn Sie wieder im Schlafzimmer stehen und hinter Ihnen die Katze sich ins nun aufgeschlagene Bett legt. Da Sie zu müde sind, verschieben Sie die Klärung der Platzfrage auf den nächsten Tag. Möglicherweise finden Sie Ihre Katze dann nicht erst nach langem Suchen, sondern sofort: sie schläft, jedenfalls tut sie aus pädagogisches Gründen so, auf dem Fernseher. Oder sie liegt hinter den Gläsern im Barschrank und hat keines davon heruntergeworfen, sondern nur die Flaschen etwas umgestellt. Vielleicht liegt sie auch im Bücherregal zwischen Nietzsche und Freud oder in der Küche im Hängebord bei den Kochbüchern. Keinesfalls aber liegt sie in dem schönen neuen Körbchen. So beginnt nun also der tagelange Irrweg, den Sie unter ständigem freundlichen Hersagen der etwas dümmlichen Frage:>>Wo ist denn das Körbchen?<< in Ihrer Wohnung anstellen. Wo immer das Körbchen sein mag, nie wird Ihre Katze darin liegen. Sie hat inzwischen ihren festen Schlafplatz: auf dem Fernseher, im Barschrank, im Bücherregal, hinter den Telefonbüchern, im Wäschekorb.....Ihre Katze wird so lange immer woanders liegen, bis Sie das Prinzip des >>festen Platzes an jeder Stelle<< gelernt haben. Dann entfernen Sie genervt das schöne, neue, aber immer noch etwas nach geräucherte Forelle riechende Körbchen aus Ihrem Gesichtsfeld und wollen davon nichts mehr wissen. Schade um das Geld, weg damit unter den Kleiderschrank! Nach einer ruhigen Nacht, die Sie auf hoher See als kleiner Moses in einem rot wattierten Körbchen verbringen, bis Sie schließlich kurz vor dem fröhlichen Radiowecken von einer gütig lächelnden Katzenprinzessin aufgefischt werden, erwachen Sie mit den düstersten Vorahnungen für den kommenden Tag. Sie werden zwar beim ersten Blick in den Spiegel beruhigt feststellen, dass die Prinzessin Sie noch nicht geküsst und in einen Kater verwnselt aht. Dennoch stimmt etwas nicht: Sie sind heute noch nicht schlaftrunken über die Katze gestolpert. Besorgt werden Sie im Barschrank nachsehen, im Bücherregal, natürlich auch hinter den Telefonbüchern; wahrscheinlich kramen Sie sogar hektisch den Wäschekorb aus. Aber die Katze bleibt verschwunden. Dabei ist diese neue Lektion so einfach zu lernen: Die Katze liegt natürlich unter dem Kleiderschrank in ihrem Körbchen. Dort ist es so schön dunkel, und Sie brauchen ihr mitleidiges Grinsen nicht zu sehen!!!!!!! wer kennt diese tolle Kurzgeschichte diese hier ist von w.f.
0
![]()
08.12.2009 20:55
26.11.2009 06:39
HiddenNickname
0
25.11.2009 09:09
HiddenNickname
0
25.11.2009 09:06
0
![]() |
|