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Forum » News, Politik & Wissenschaft » ThreadDiktatur des "positiven Denkens"
01.12.2006 18:45
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0 Das Umkehren scheinbar schon umgekehrter Gedanken ;-) Wenn positives Denken zum "Lebenshilfekabarett" ; wird... Kick-offs, Push-ups und positive thinking. Eine Diktatur und getarnter Dogmatismus unzähliger "positive thinkers", denn: "jeder ist verantwortlich für sein Schicksal".... Ihr Erfolg beruht darauf, dass sie dem Einzelnen eine schier endlose, von gesellschaftlicher Erziehung verschüttete Selbstmächtigkeit unterstellt. Eifernde Evangelisten in den Vereinigten Staaten machten den Anfang, es folgten, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, Dale Carnegie, Joseph Murphy, Norman Peale und Erhard Freitag, in den Achtzigern und Neunzigern Anthony Robbins, Brian Tracy und Tom Peters. In Deutschland will Anfang der siebziger Jahre die Münchnerin Vera F. Birkenbihl, nach zehn Jahren heimgekehrt aus Amerika.Es gab Nikolaus Enkelmann, dann kamen der Holländer Emile Ratelband und seit fünf bis zehn Jahren Ulrich Strunz, Bodo Schäfer, Jürgen Höller, Jörg Löhr. Sie verspricht "Power", Frische und Aufbruch, fließt im Bett des "Positiven Denkens", speist sich hemmungslos aus dem Prinzip Individualismus und ergießt sich in das "Un- und Unterbewusste". Auf ihrem Weg hat sie Kinesiologie und Kybernetik mit sich gerissen und vor allem das "Neurolinguistische Programmieren (NLP)", einen psychologischen Mischmasch, der das Wort mit dem Denken, das Denken mit dem Willen gleichsetzt und mit der verbalen Suggestion das Gehirn neu formatieren, das Individuum auf die Schnelle verändern zu können glaubt. All das also, was Jürgen Höller vermisst, in und an der deutschen Gesellschaft dieser Tage, die das Positive unter Verschwörungsverdacht stelle, dem Nein huldige, den einzelnen Bürger klein und ziellos halte, weil dieser sich klein und ziellos halten lasse und doch groß und erfolgreich werden könne - ein Adler eben. Pessimisten, Nörgler, Skeptiker, Miesmacher, Grübler - alle diese mag er nicht. Ein Patchwork aus Banalesoterik, halbegebideter Psychologie und platten Volksweisheiten. Es herrscht die Oberflächengestaltung: das inszenierte Event. Tiefe und Seriosität, die fürsorglichen Traditionen der Industriegesellschaft, Gemeinschaftlichkeit, Solidarität, die soziale Ethik - all das schwindet. Aber darin liegt ja "eine Chance" - "die Krise als Chance. Versagensangst, Zukunftsangst und Verunsicherung - selbst verantwortet. Jenem Dreigestirn des Pragmatismus - Begeisterung, Mut und Tatkraft - bescheinigt der Führungstheoretiker Oswald Neuberger, Professor für Psychologie an der Universität Augsburg, allenfalls eine zirkuläre Falle zu sein: "Wenn du keinen Erfolg hast, dann bist du eben selber schuld, weil du es offensichtlich nicht richtig probiert hast. Der Trainer aber bleibt unfehlbar." Das Problem des Versagens werde individualisiert, Misserfolg personalisiert, das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von Schuld freigesprochen. Der Einzelne werde gezwungen, seine Biografie fortwährend neu zu gestalten und sich stets aufs Neue zu erfinden, während zur gleichen Zeit die stützenden Soziostrukturen wegbrächen. Das, sagt Neuberger, sei graumsam für viele, die nie und nirgendwo gelernt hätten, ins wilde Wagnis des unberechenbaren Fortschritts hinauszugehen, die halt- und orientierungslos seien, verschreckt und verwirrt von der großen neuen Freiheit eines voluntaristischen Lebens mit seinem ständigen Zwang, sich zu entscheiden. Eine bedrohliche, hemmende Freiheit. Die Schattenseite der "Multioptionsgesellschaft ". In einem kleinen Büro nahe der Isar - im Schaufenster kapitalismus- und sektenkritische Titel - sitzt ein Mann mit langen hellblonden Haaren und nennt die Ideen der Motivationstrainer "psycho- und sozialdarwinistischen Machbarkeitswahn". Der Mann heißt Colin Goldner, ist seit 1995 Leiter des Forums Kritische Psychologie in München und diagnostiziert "Denk- und Wahrnehmungsdefizite" zunehmend bei Leuten, die den "trivialisierten Hypnosuggestionen" und "pseudodialektischen Heilsversprechen" tingelnder "Drittklassgurus" auf den Leim gingen. Ein Zwang zum motivierten Selbst, der den Anspruch eliminiere, die Arbeitsbedingungen mitzubestimmen. Je simpler die Botschaft, desto attraktiver der Fluchtweg. Unzumutbare Positivdenker... Kommt euch das bekannt vor?
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