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ES KOMMEN HÄRTERE TAGE

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23.12.2018 12:18
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DIE GESTUNDTE ZEIT

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann

23.12.2018 12:39
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I'LL BE SEEING YOU

https://youtu.be/QzzqRZ38S94



23.12.2018 13:18
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ICH HÖRTE SAGEN

Ich hörte sagen, es sei
im Wasser ein Stein und ein Kreis
und über dem Wasser ein Wort,
das den Kreis um den Stein legt.

Ich sah meine Pappel hinabgehn zum Wasser,
ich sah, wie ihr Arm hinuntergriff in die Tiefe,
ich sah ihre Wurzeln gen Himmel um Nacht flehn.

Ich eilt ihr nicht nach,
ich las nur vom Boden auf jene Krume,
die deines Auges Gestalt hat und Adel,
ich nahm dir die Kette der Sprüche vom Hals
und säumte mit ihr den Tisch, wo die Krume nun lag.

Und sah meine Pappel nicht mehr.
Celan


editiert am 23.12.2018 13:19 Beitrag melden Zitatantwort
24.12.2018 11:48
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ERKLÄR MIR LIEBE

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn ...
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Ingeborg Bachmann

24.12.2018 11:56
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THE WINNER TAKES IT ALL

https://youtu.be/iyIOl-s7JTU


24.12.2018 12:07
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WELTSCHMERZ

Ich, der brennende Wüstenwind,
erkaltete und nahm Gestalt an.

Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,
oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!

Blick' nun: ein steinernes Sphinxhaupt,
zürnend zu allen Himmeln auf.

Else Lasker-Schüler



editiert am 25.12.2018 16:06 Beitrag melden Zitatantwort
25.12.2018 11:03
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HERBSTMANÖVER

Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,
wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend,
ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmal
trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,
wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.

In den Zeitungen lese ich viel von der Kälte
und ihren Folgen, von Törichten und Toten,
von Vertriebenen, Mördern und Myriaden
von Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,
schlag ich die Tür zu, denn es ist Frieden
und man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht
im Regen das freudlose Sterben der Blätter.

Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen
oder auch unter Palmen oder in den Orangenhainen
zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen,
die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die
unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen!
Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht,
mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause.
Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.

Ingeborg Bachmann

25.12.2018 11:05
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ADAGIETTO SYMPHONIE NO. 5
Gustav Mahler

https://youtu.be/Les39aIKbzE

25.12.2018 12:34
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Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig:
Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft,
etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat,
wieder wegzuwerfen.

* Albert Einstein

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse,
aber nicht für jedermanns Gier.
* Mahatma Gandhi

Alles, was gegen die Natur ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

* Charles Darwin

compelation by Eri


25.12.2018 15:45
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Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


editiert am 25.12.2018 15:46 Beitrag melden Zitatantwort
25.12.2018 18:07
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Ode an das Leben ...
Zitat
„Langsam stirbt ...

Langsam stirbt, wer zum Sklaven der Gewohnheit wird,
indem er jeden Tag nach demselben Muster durchläuft,
wer den Gang nicht wechselt,
wer keinen Mut hat und die Farbe seines Kleides nie ändert,
wer mit Fremden nicht spricht.

Langsam stirbt, wer die Leidenschaft unterdrückt,
wer alles Schwarz auf Weiß zu haben wünscht
und das Tüpfelchen auf dem „i„ statt der Fülle der Emotionen,
die die Augen zum Leuchten bringen,
die ein Gähnen in ein Lächeln verwandeln,
die das Herz höher schlagen lassen,
wenn Fehler gemacht und und Gefühle gezeigt werden.

Langsam stirbt, wer nie den Tisch auf den Kopf stellt,
wer bei der Arbeit unglücklich ist,
wer die Sicherheit nicht zu Gunsten des Risikos aufs Spiel setzt,
um einem Traum zu folgen,
wer sich nicht zumindest einmal in Leben die Freiheit nimmt,
vernünftige Ratschlägen in den Wind zu schlagen
.
Langsam stirbt, wer nicht reist,
wer nicht liest,
wer keine Musik hört,
wer in sich selbst nichts Edles mehr findet.

Langsam stirbt, wer die Liebe zu sich selbst zerstört,
wer sich nicht helfen lässt,
wer seine Tage damit verbringt, über sein eigenes Unglück
oder über den nicht enden wollenden Regen zu klagen.

Langsam stirbt, wer ein Projekt schon fallen lässt, ehe er damit begonnen hat,
wer nicht nach Dingen fragt, die er nicht kennt,
wer auf Fragen keine Antwort gibt, obwohl er es könnte.

Lasst uns einem langsamen Sterben entgehen,
in dem wir niemals vergessen, dass Leben
weit mehr Mühe erfordert als lediglich zu atmen.

Nur die unauslöschliche Geduld wird es uns möglich machen, ein strahlendes Glück zu erlangen.


Martha Medeiros

26.12.2018 12:30
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CORRIDA D'AMOUR

Liebende sind wir im Abschied, in jenem langen
letzten Blick, der noch einmal die Liebe beschwört
wie in einem Aufschrei; leise, daß keiner ihn hört.
Mit diesem Blick in die Augen hat es angefangen,

der Kampf, dessen Ende wir beide besser kennen
als alles, was wir begehrend einander beweisen -
Stiere, die mit brennenden Lungen anrennen
gegen das leichte, täuschende, blutrote

Tuch des Toreros, und sich ganz langsam zu Tode
drehen in immer kleiner werdenden Kreisen,
bis sie stehen, fast schon erlöst und bereit

für die Wahrheit, von der sie nichts wissen,
das lärmende Fleisch bezwungen,
vom Degen, der zustößt, zerrissen.

Wolf Wondratschek

26.12.2018 12:36
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TOMASO ALBIONI ADAGIO( HAUSER)

https://youtu.be/kn1gcjuhlhg



27.12.2018 13:35
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MEINE SEELE HAT ES EILIG

Ich zählte meine Jahre und entdeckte, dass mir weniger Lebenszeit bleibt, als die, die ich bereits durchlebt habe.

Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Schachtel Bonbons gewann: die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit mehr für endlose Konferenzen, in denen Statuten, Regeln, Verfahren und interne Vorschriften besprochen werden, wohl wissend, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.

Ich will nicht in Versammlungen, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.

Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern, wenn's hochkommt, die Überschriften. ​Meine Zeit ist zu knapp, um über Überschriften zu diskutieren.

Ich suche nach dem Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig. Ohne viele Süssigkeiten in der Schachtel.

Ich möchte mit Menschen leben, mit menschlichen Menschen.
Die über ihre Irrtümer lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite von Wahrheit und Anstand gehen möchten.

Das ist es, wofür es sich zu leben lohnt.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die sich darauf verstehen, das Herz der Menschen zu berühren. Menschen, die die harten Schläge des Lebens lehrten, in sanften Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja ... ich habe es eilig ... in der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden.
Ich bin mir sicher, dass sie noch köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Mario de Andrade


27.12.2018 13:48
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FREDERIC CHOPIN

Mysterious Forest

https://youtu.be/L1F3sHklg9k



27.12.2018 13:53
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28.12.2018 14:18
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ICH, DIE ICH DICH LIEBE

Deine ungezähmte Gazelle bin ich,
der Donner, der das Licht auf deiner Brust unterbricht.
Der ungebundene Wind in den Bergen bin ich
und der versammelte Glanz des Ocotefeuers.
Deine Nächte erhitze ich,
entfache Vulkane in meinen Händen,
deine Augen befeuchte ich mit dem Dampf aus meinen Kratern.
Zu dir bin ich getreten, mit Regen und Grüssen bekleidet,
lache das unveränderte Lachen der Jahre.
Unerforscht ein Weg bin ich,
Klarheit, die das Dunkel zersplittert.
Zwischen deine und meine Haut setze ich Sterne,
und gehe dich entlang,
Pfad um Pfad,
ohne Schuhe meine Liebe,
meine Furcht entblösst.
Ein Name bin ich, der erzählt, und umfange dich
von der anderen Seite des Mondes,
deinen Körper und dein Lächeln verlängere ich.
Etwas Wachsendes bin ich,
etwas Lachendes, Weinendes,
ich,
die ich dich liebe

Gioconda Belli

28.12.2018 14:23
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Concierto de Aranjuez

https://youtu.be/nb6Rf2FfCwY

29.12.2018 11:45
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DAS GANZE

Im Taumel war ein Teil, ein Teil in Tränen,
in manchen Stunden war ein Schein und mehr,
in diesen Jahren war das Herz, in jenen
waren die Stürme - wessen Stürme - wer?

Niemals im Glücke, selten mit Begleiter,
meistens verschleiert, da es tief geschah,
und alle Ströme liefen wachsend weiter
und alles Außen ward nur innen nah.

Der sah dich hart, der andre sah dich milder,
der wie es ordnet, der wie es zerstört,
doch was sie sahn, das waren halbe Bilder,
da dir das Ganze nur allein gehört.

Im Anfang war es heller, was du wolltest
und zielte vor und war dem Glauben nah,
doch als du dann erblicktest, was du wolltest,
was auf das Ganze steinern niedersah,

da war es kaum ein Glanz und kaum ein Feuer,
in dem dein Blick, der letzte, sich verfing:
ein nacktes Haupt, in Blut, ein Ungeheuer,
an dessen Wimper eine Träne hing.

Gottfried Benn

29.12.2018 11:48
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Emeli Sandè HURTS

https://youtu.be/EZMOh9TglsI


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