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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » Thread

Ein weiterer Text ...

05.11.2008 19:31
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Ok ... anscheinend gefällt ja doch dem einen oder anderen, was ich hier so hinterlassen habe (zu meinem Erstaunen, aber dafür ist die Freude noch größer). Auf der Suche nach einem noch nicht zu alten Text, ist mir der hier über den Weg gelaufen ... auch, wenn er nicht ganz so voller Liebe ist, wie der vorherige, ich hoffe, er gefällt trotzdem.
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Es ist jemand gestorben.

Die Nacht kommt über die Welt, wie der Winter hereinbricht. Auf leisen Sohlen schleicht sie sich an den Tag heran, um ihn in der Phase des Erschreckens erbarmungslos zu übermannen. Nun liegt er unter ihr, kann sich seiner nicht mehr erwehren, aber das macht nichts. Gerne lässt er sich von ihr niederringen, um ihr einige Stunden den Triumpf zu gönnen, über ihn zu herrschen. Denn er weiß genau, dass es bald wieder an seiner Zeit ist, sich als Sieger zu präsentieren. Doch nun ist es die Nacht, die ihren Platz als Herrscherin auf dem Thron der Erde einnimmt. Und so, wie der Tag seine Verehrer hat, so scharen sich nun auch die Nachtschwärmer um die Füße der Königin. Sie genießt den Lobpreis in vollen Zügen, genießt es ihnen wundersame Verlockungen zu versprechen und sie in ihren Bann zu ziehen, sie zu liebkosen, heiß mit der Zunge verheißungsvolle Kunstwerke auf ihren Hälsen zu erschaffen.
Langsam legt sie ihre schlanken, graziösen Finger in die Haare ihrer Ergebenen, zieht unter größter Verführung eine Locke heraus und dreht sie mit einer Hingabe in den Fingern, dass es kaum mehr auszuhalten ist und sich jeder danach verzehrt, einen goldenen Kuss von ihrem süßen Mund zu erhaschen – den unendlichen Kuss.
Doch es lässt sich der Tod nicht verleugnen, der sich in dieser dunklen Stunde ereignet hat. Der Mond trauert, weiß, wie dieser blutdurchtränkte Mord von Statten ging, schreit es über die gesamte Welt. Sein Gesicht, rot, voll Trauer, zieht genau in dieser Nacht über das Firmament, blickt weinend auf den Flecken Erde, auf dem sich die verzweifelte Tat zutrug.

Grau sind die Straßen, nass. Schritte verhallen in der Nacht. Ein Schlurfen. Und wieder Schritte. Meine Ohren sind bis zum Zerbersten gespannt und meine Augen, sie haften am rot glühenden Antlitz des Mondes. Die Schritte werden langsamer. Meine Beine führen mich an eine Brücke, an dessen Brüstung der Hall allmählich nach lässt, meine Ohren sich entspannen. Erst nach und nach begreife ich, dass die Schritte von mir kamen, meine innere Unruhe beinahe schon unberechtigt war. Meine Blicke tasten die schwarze Tiefe unter mir ab, als würden sie nach etwas suchen, das ihnen Halt gibt, doch nichts zeigt sich, kein noch so kleines Anzeichen, das mich aus meiner Lethargie befreit. Erneut sauge ich mich an der großen, für diesen Abend fast schon zu großen, Scheibe des Mondes fest. Seine Oberfläche, zerfurcht, die Hügel, Risse und Krater genau erkennbar. Aber alles an ihm ist in dieses seltsame Rot getränkt, das man selten zu Gesicht bekommt. Es heißt, wenn er diese Farbe annimmt, ist in selbiger Nacht Blut geflossen. Wer weiß schon, was passiert ist, die Nacht erscheint mir auch zu traurig und düster. Die Ruhe ist zu vorherrschend, die Vögel schweigen und außer mir ist keiner mehr hier. Auch kein Auto durchschneidet die Stille, die Nacht mit Geräuschen oder Licht. Alles scheint mir in Trauer verfallen zu sein.
Ich selbst – nun, meine eigene kleiner Trauer ist an diesem Abend auch vorhanden. Doch noch glaube ich nicht, dass sie zu groß wird, um mir gefährlich zu werden. Wenige Momente später muss ich mir eingestehen, dass ich mich geirrt hatte. Unruhig ertaste ich das raue, verrostete Geländer unter meinen Fingern, spüre jede Erhebung, merke die Nässe, die sich zwischen meine Haut und das Metal schiebt und meine Augen durchfahren wieder die Tiefen unter mir. Das Wasser schweigt, liegt glatt wie ein Spiegel da, ich sehe meinen Schatten, den die Straßenlampe hinter mir auf die Oberfläche wirft. Beinahe habe ich das Gefühl, dass ich ertrunken bin, zumindest mein zweites Ich. Es starrt mir aus der Tiefe entgegen, durchdringt meine Augen, blickt direkt in mein verkümmertes Hirn. Diese blauen, tieftraurigen Augen. Es ist doch gar nicht möglich, dass ich mein Gesicht so genau wahrnehmen kann. Normal müsste ich nur meinen Schatten sehen, nicht jede Kleinigkeit, die ich in meinem Gesicht habe. Aber erst nach dem fünften Mal Blinzeln erkenne ich die Veränderung. Ich denke mir zwar, dass ich alles sehe, dabei sehe ich lediglich große, blaue Augen, die meine Blicke erwidern.
Dem Gedanken, dass ich ertrunken bin, kann ich mich kaum mehr entziehen, für mich scheint es schon fest zu stehen. Krampfhaft halte ich mich am Geländer fest, die Finger bohren sich in die rostige Oberfläche und meine Trauer wird riesengroß. Eine einzelne Träne, heiß, verirrt sich auf meine Wange. Sie quillt aus meinem Auge heraus, drückt sich der kalten, nassen Welt entgegen und gleitet auf samtenen Pfoten meine Wange entlang. Mein Körper hat die Erkenntnis anscheinend eher aufgenommen, als es mein Hirn noch vermag.
Immer noch steh ich paralysiert an diesem Ort, glotze schon fast meinem Spiegelbild entgegen und beginne etappenweise zu verstehen. Jedes Puzzlestück will sich fügen, zusammensetzen, ohne mein Zutun.

Es ist jemand gestorben.

Ohne Unterlass hämmert sich dieser Satz in meinen Kopf ein, wiederholt sich in einer endlos scheinenden Schleife. Er will mich wohl zur Verzweiflung bringen, wird laut, leise, nimmt an Lautstärke abermals zu. Dieser Satz jagt sich durch meine Adern, treibt auf dem Blut dahin, bis er sich in die entlegensten Stellen meines Körpers gefressen hat. Jemand ist gestorben, ja, und mir ist auch klar wer. Nachdenklich reiße ich mich von diesen Augen los, ertaste meine Hände. Jetzt erst bemerke ich, wie die Flüssigkeit unter mir keinesfalls Tau ist, der sich auf der Brüstung nieder gelassen hat. Meine eigenen Finger sind rot und braun vom Dreck der Erde. Ja, es ist jemand gestorben.

Ich bin gestorben.
Die Erinnerung kehrt zurück. Der Mond ist rot, jemand ist gestorben, ich bin gestorben, heute in Deinen Armen.
Du warst nicht da und doch so präsent, dass es mir durch Mark und Bein ging. Zuerst glitt ich, mich selbst verlierend, Deiner Wärme entgegen, labte mich an Deiner Ruhe, schöpfte neue Kraft. Das trügerische Gefühl, das ich dabei hatte, ignorierte ich wohl zu sehr, was nun meinen Untergang verhieß. Berauscht von den Gefühlen, von der Wärme, der Hingabe, merkte meine Seele nicht, wie sie langsam an dem Halt verlor, in dessen Sicherheit sie sich wähnte.
Der Sturz war tief, als Du meine Hand losgelassen hast. Jeder einzelne Finger löste sich, bis – meine Augen weit aufgerissen – Du nur noch ein Schatten warst, am Rand des Abgrunds.
In jenem Moment bin ich gestorben.

Heute Abend habe ich mich beerdigt. Unter einem großen Baum die Erde aufgekratzt mit den bloßen Fingern und mein Leben hinein gelegt. Das, was ich einst war, der Wärme der Erde überlassen. Soll sie damit tun, was sie für richtig hält, mein Sein in sich aufnehmen und es zu einer wunderschönen Blüte dieses Baumes verwandeln. Jeden Frühling werde ich zu ihm gehen, mich an dem Ergebnis meines alten Lebens erfreuen, meinen Blick an den farbenfrohen Blüten weiden, bestaunen, wie berauschend mein dunkles Leben sein kann und es mit Wasser tränken. Aber danach werde ich wieder gehen, der Mensch sein, von dem ich glaube, besser zu sein.

Still lösen sich meine Hände wieder von dem Geländer und ich weiche einige Schritte zurück. Das Wasser lasse ich hinter mir, genauso wie diese tiefen Augen, voll mit Erfahrung und Trauer. Wieder höre ich die Schritte in der Welt, wie sie fester werden, aber gleichzeitig auch leiser und in der Dunkelheit verschwinden.

Es ist jemand gestorben.


editiert am 05.11.2008 21:39 melden

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06.11.2008 20:24
06.11.2008 20:24
06.11.2008 20:18
06.11.2008 20:16
editiert am 06.11.2008 20:16 melden kommentieren
06.11.2008 11:33
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