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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadHauptgericht Leben
09.08.2013 12:15
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0 Hauptgericht Leben Und dann bricht mein Herz in Tausend Einzelteile und ich habe nicht einmal mehr die Kraft mich zu bücken. Dabei brauche ich mein Herz nicht nur zum Überleben, ich brauche es zum Leben. Aber was ist Leben? Ich denke an gestern, ich denke an heute, ich denke an morgen. Ich konzentriere mich auf den Geschmack auf meiner Zunge -Schmeckt so Leben? Ich konzentriere mich auf das Zwitschern der Vögel -Klingt so Leben? Ich konzentriere mich auf das, was ich sehe -Sieht so Leben aus? Ich schließe meine Augen und träume. Schreibt das Leben meine Träume oder träume ich mein Leben? Sprüche, Zitaten, Phrasen, die das Leben schreibt. Das Leben schreibt, um Inhalt vorzutäuschen. Es verschnörkelt Glanzloses, bemalt Farbloses, belebt Lebloses. Das Leben. Das Leben, das ich lebe, lebt und stirbt. Tag für Tag. Das Leben, das ich lebe, ist auf der Suche nach Schätzen, die sich im Labyrinth der Unvollkommenheit tummeln. Das Leben, das ich lebe, hält sich fest an der Ewigkeit, verbrennt sich an der Vergänglichkeit. Das Leben, das ich lebe, wird verziert von verschiedenen Grüntönen. Das Leben, das ich lebe, ist voller Muster, doch es fehlen die Schablonen. Es fehlen die richtenden Richtlinien. Die Augenblicke, in denen Augen nicht nur blicken, sondern versinken. Die Schritte, die nicht bis zum Ziel führen, sondern bis ans andere Ende der Welt und wieder zurück. Alles fehlt. Weil alles kommt und geht. So wie der Tag und die Nacht. Der von mir gekochte Kaffee hat keine Zeit kalt zu werden, so schnell wird er getrunken. Ein Konzert hat gerade erst angefangen, schon verstummt die Musik. Ein Buch fängt gerade an spannend zu werden, schon ist es vorbei. So ist das auch mit dem Leben. Man kommt gerade erst an und schon muss man wieder gehen. Weil das Herz aufhört zu schlagen. Weil alles irgendwann Mal endet. Viel zu schnell. Ja, das Leben ist schnell und mir wird ganz schwindelig davon. Wie ein Karussel, das sich viel zu schnell im Kreis dreht. Wie eine Achterbahn, die im Schnelltempo hoch und runter fährt. Ich möchte einen Spaziergang durchs Leben machen und keinen Sprint geschweige denn einen Marathonlauf. Ich möchte still stehen und schweigen. Ich möchte stille Momente genießen, möchte inne halten und nicht durchs Leben gehetzt werden. Ich möchte halten, wen ich möchte, wann ich möchte, solange ich möchte. Ich möchte ankommen. Endlich zu Hause ankommen und dann Herrgott noch Mal bleiben. Nicht ankommen, um wieder zu gehen. Nicht "Hallo" sagen, um bald wieder "Tschüss" zu gehen. Möchte mich nicht erst gewöhnen zu halten, um dann schon wieder loslassen zu müssen. Kennen lernen, lieben lernen, um Abschied zu nehmen. Freundschaften beginnen und diese beenden, weil man sich früher oder später auseinanderlebt. Wieso auseinanderleben? Kann man sich nicht auch Mal zusammenleben? Ineinander leben? Kann man nicht einmal zusammenkommen, um sich bis zum Rest des Lebens zu lieben und nicht, um sich am Ende zu hassen und mit den Worten "Wir können ja Freunde" bleiben zu verlassen? Wieso habe ich das Gefühl, dass zwischen Beginn und Ende nur ein geringer Zeitraum liegt? Zwischen Leben und Tod nur ein kleiner Moment, der viel zu schnell vergeht? Ist das die Wahrheit oder ist das meine Wahrheit? Meine ganz persönliche Sicht auf die Welt, meine Sicht auf das Leben. Ist meine Sicht eingeschränkt, muss ich meine Augen weiter öffnen, mehr schmecken, mehr riechen, mehr fühlen? Muss ich mehr leben, um wieder zu leben und nicht gelebt zu werden? Ich befinde mich auf der Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Ich balanciere auf einem Seil wie Akrobaten im Zirkus, ich fliege über den Wolken wie Piloten im Flugzeug, ich tanze auf Buchstaben wie Tänzer auf einem Parkettboden, ich kämpfe wie ein Optimist, resgniere wie ein Pessimist. Ich bin albern wie ein kleines Kind, ich bin weise wie eine ältere Dame. Ich bin bunt wie der Regenbogen, dunkel wie die Nacht und regnerisch wie der Herbst. Ich hüpfe von Jahreszeit zu Jahreszeit, wechselhaft wie das Wetter, wechselhaft wie die Kleidung, wechselhaft wie die Mahlzeiten. Ich sitze in einem Lokal. Mein Magen knurrt. Ich habe Hunger. Als der Kellner nach meiner Bestellung fragt, sage ich: "Ich hätte gerne das Hauptgericht Leben!" Er runzelt die Stirn und fragt: "Kein Salat als Vorspeise?" Ich verneine und sage: "Ich brauche weder Vorspeise noch Nachspeise. Ich möchte bitte das Leben mit allen seinen Bestandteilen. Ich möchte mich auf den Geschmack von dem konzentrieren was da ist, nicht von dem was war oder dem was sein wird. Ich möchte das Leben nicht durch irgendwelche Nachspeisen versüßen." Der Kellner scheint zu verstehen, er nickt wissend. "Sie wollen also das Leben ohne Gewürze und Geschmacksverstärker, richtig?" Ich nicke. "Genau. Das Leben in unerfälscht, bitte." "Kommt sofort!", sagt der Kellner und geht in die Küche. Ich lehne mich zurück und seufze. Bald kommt auch schon der Kellner. Ein herrliches Mahl, ein herrlicher Duft, der mir die Sinne raubt. Ja, SO sieht Leben aus, SO riecht Leben, so schmeckt Leben. So und nicht anders. Guten Appetit!
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