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Horst Evers: Google tut nur immer so Schlau..

21.01.2014 00:56
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Samstagmorgen. Sitze in der Küche und mache Pfannkuchen. Seit gut einer Stunde bin ich damit jetzt schon beschäftigt. Ich bin noch nicht sehr weit. Also genau genommen denke ich über das Rezept für Pfannkuchen nach. Eier, Mehl, Milch, Wasser, Salz, Öl, das ist so weit klar, aber in welchem Verhältnis? Könnte das Rezept googeln. Will ich aber nicht. Wer alles immer gleich googelt, denkt über gar nichts mehr nach. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, immer alles gleich sofort zu wissen. Auf Ahnungslosigkeit und Fehler gehen einige der größten Erfindungen und Entdeckungen der Menschheit zurück. Hätte Kolumbus seinerzeit den Seeweg nach Indien gegoogelt, wäre Amerika womöglich nie entdeckt worden. Was hätte das für die weitere Entwicklung der Welt bedeutet? Und speziell, wer hätte dann überhaupt Google erfunden? Dazu kommt: Google weiß ja auch gar nicht alles. Google tut nur immer so schlau.Tatsache ist, als ich dort



>>Was wäre, wenn Kolumbus den Seeweg nach Indien gegoogelt hätte>>



eingegeben habe, wusste Google auch keine Antwort. Hat stattdessen auf Google verwiesen.

Vor Wochen hab ich mal nach dem Sinn des Lebens gegoogelt. Unter anderem wurde mir hier eine Mode-, insbesondere Handtaschenfirma aus der Schweiz empfohlen. Wenn Google Handtaschen aus der Schweiz für den Sinn des Lebens hält, dann frag ich die doch nicht mehr nach einem Pfannkuchenrezept. Da ist doch das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört. Früher hat man ja in solchen Fällen die Mutter angerufen.

Die hat schnell das Rezept durchgegeben und dann noch circa eine Stunde lang gefragt, wie es einem denn so geht. Damals hat man sich die Pfannkuchen noch richtig verdienen müssen.

Google fragt nie, wie es mir so geht. So etwas interessiert Google nämlich gar nicht. Also zumindest nicht wirklich. Wo ich wohne, wie ich wohne, was ich beruflich mache, wann ich wo schon mal gewesen bin, welche Filme ich gucke, welche Spiele ich spiele, welche Musik ich mir wann wo herunterlade. Das alles und bestimmt noch viel, viel mehr würde Google grundsätzlich durchaus interessieren. Aber wie es mir so geht, das ist Google schnurzpiepegal. Also im Prinzip. Nur manchmal verweist es vielleicht mal auf Seiten, wo dann Pop-ups aufgehen, die mich fragen, ob ich einsam bin oder ob ich meinen Traumpartner in meiner näheren Umgebung finden will. Ab und an sind diese Pop-ups auch noch sehr, sehr viel direkter, aufdringlicher und indiskreter. So etwas hätte meine Mutter niemals in dieser Form angesprochen, und dafür bin ich ihr dankbar. Google mag ja an der Börse oder als gigantische Internet- und Wirtschaftsmacht der große Larry sein, aber die Klasse, das Format einer richtigen Mutter, das erreicht es eben doch nie. Familientechnisch gesehen, ist Google eher so was wie der große, etwas nervige Klugscheißer-Bruder. Nur dass Google einen nicht auch noch verkloppt. Also zumindest bislang nicht. Die Frage, ob es Gott jetzt gibt oder nicht, wird Google niemals beantworten können. Schon aus marktwirtschaftlichen Gründen könnte es sich Google niemals leisten, sich in der Gottesfrage festzulegen, weil sie dann womöglich eine oder mehrere Weltreligionen verärgern würden. Aber auch aus logischen Gründen kann es keine Antwort geben. Denn wenn es Gott wirklich gibt, wird der natürlich um jeden Preis verhindern, dass jemand seine Existenz nachweisen kann, was wiederum heißt: Wenn jemand hieb- und stichfest beweist, dass es Gott gibt, bedeutet dies, dass es keinen Gott gibt, weil ja Gott, wenn es ihn denn gäbe, den Beweis seiner Existenz verhindert hätte. Deshalb gibt es ja auch keine seriösen Gottesbeweise, sondern nur Gottesindizien. Hierzu ein Beispiel: Mein alter Geschichtslehrer hat auf Fragen, die er nicht beantworten konnte, immer gesagt: «Fragt mich das nochmal, wenn ich es gerade weiß.» Klingt verschroben, aber ich verstehe heute genau, was er damit gemeint hat. Man hat Phasen, da weiß man irgendwie total viel, und dann aber auch Phasen, da weiß man eher wenig bis sehr, sehr wenig. Einfach so. Diese Phasen können innerhalb nur eines Tages plötzlich und mehrfach wechseln. Immer wieder, hin und her. Wer Glück hat, macht in den Phasen, wo er gerade sehr, sehr wenig weiß, etwas Sinnloses, wie zum Beispiel Staubputzen oder sich beim Mobilfunkanbieter beschweren. Wer Pech hat, ist in den Phasen, wo er gerade sehr viel weiß, praktisch immer am Schlafen. Dieses Phänomen kenne ich gut. Und wenn man sehr, sehr, sehr viel Glück hat, dann kann man vielleicht auch einmal die ganz seltenen Phasen erreichen, in denen man alles weiß. Komplett alles. Früher, nachts an Kneipentischen, habe ich diese Phasen tatsächlich manchmal mit Freunden erreicht. Irgendwann, nach vielen Stunden, wussten wir auf einmal alles. Absolut alles. Doch am nächsten Morgen war alles wieder weg. Keiner konnte sich mehr erinnern. Sehr mysteriös. Beim nächsten Mal waren wir schlauer. Da haben wir, als wir plötzlich wieder alles, aber absolut alles wussten, alle zusammen alles auf Band gesprochen. Aber am nächsten Morgen war auf diesem Band nur noch wirres, sinnloses Gelalle. So. Und jetzt frage ich: Was muss das für eine große, ungeheure Macht sein, die so etwas bewerkstelligen kann? Und sich vor allem auch die Mühe macht, unser aufs Band gesprochenes Wissen durch sinnloses Gelalle zu ersetzen? Als Indiz finde ich das ziemlich stark, aber googeln kann man das natürlich nicht.


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21.01.2014 01:26
editiert am 21.01.2014 01:32 melden kommentieren
21.01.2014 01:21
21.01.2014 01:18
21.01.2014 01:09

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