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Ich glaube schon


08.12.2006 10:15
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Gott hieß immer Geborgenheit

Da war immer was. Sie wusste nicht, was es war, aber sie spürte es. Als Kind ging Rica gern in Kirchen, weil sie sich dort wohl und sicher fühlte. Dabei hatte sie gar keine Vorstellung davon, was in einer Kirche eigentlich passiert. Ihre Eltern hatten sie damals in Rostock atheistisch erzogen. Es gibt keinen Gott, sagten sie, und sie sagen es heute noch.

Während ihrer Ausbildung lernt Rica das Gegenteil kennen. In der Familie einer Freundin wird abends in der Bibel gelesen und gesungen, sonntags gehen alle in die Kirche. Rica verbringt fast jedes Wochenende im Haus der Freundin. „Ich kannte so ein Familienleben nicht. Das war ein anderer Zusammenhalt.“ Als sie zu Hause ausziehen will und das Bafög auf sich warten lässt, bietet ihr die Familie der Freundin an, bei ihnen einzuziehen. „Das war echte Nächstenliebe“, sagt Rica, „die haben auch gelebt, was sie erzählt haben, was es heißt, zuzuhören und füreinander da zu sein. Sie haben mir all die Eckpfeiler des Glaubens gezeigt, ohne mich zu bedrängen.“ Die Saat ist gelegt.

Aufgekeimt ist sie im französischen Taizé, einem Örtchen im südlichen Burgund. In dem ökumenischen Männerorden dort haben es sich etwa hundert Mönche zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen den Glauben näherzubringen. Jährlich kommen 200.000 Besucher in das Kloster, beten, singen und arbeiten gemeinsam. Vor sieben Jahren ist Rica unter ihnen. Dreimal am Tag geht sie zum Gottesdienst, diskutiert mit anderen jungen Leuten aus aller Welt in Bibelkreisen und lebt das religiöse Leben der Gemeinschaft von Taizé. In ruhigen Minuten liest sie die Taufgeschichte Jesu und denkt nach. Sie spielt bereits länger mit dem Gedanken, sich taufen zu lassen. In dieser Woche fällt die Entscheidung.

Mit ihrer Taufe beginnen auch die Schwierigkeiten. Rica verliebt sich zum ersten Mal in eine Frau. Das Paar lebt zusammen in einer lutherischen Gemeinde in Rostock. Aber beide verstecken ihre Liebe. „Ich hab in der Gemeinde gearbeitet, also hätte ich nicht offen leben können“, sagt Rica. Trotz aller Vorsicht wird sie eines Tages Arm in Arm mit ihrer Freundin gesehen. Ihre Gemeinde bittet sie, den Kindergottesdienst nicht mehr zu leiten. Begründung: „Die Leute haben Angst, dir ihre Kinder zu geben.“

Rica geht und heult. Doch den zu erwartenden Groll spürt man bei ihr nicht. Sie besucht ihre alte Gemeinde immer noch, wenn sie mal in Rostock ist. „Ich hab die Leute ja gern, und die Gemeinde gibt mir Geborgenheit“, sagt sie. „Ich kann doch nicht zu allen sagen: ,Leckt mich!‘“

In ihrer jetzigen Gemeinde kann Rica ihre Freundin gefahrlos in den Arm nehmen. Seit sie vor drei Jahren nach Berlin gezogen ist, ist Rica Mitglied bei Queer Christ. Die Gruppe von schwulen, lesbischen und transsexuellen Christen ist zwar von den offiziellen Kirchen nicht anerkannt, aber für Rica eine echte Gemeinde. Am ersten Sonntag im Monat trifft man sich zum Gottesdienst in der AHA, sitzt im Kreis um einen selbstgestalteten Altar, isst, singt, hält Andacht. Und diskutiert. „Das tun wir gern“, sagt Rica und lacht. „Und wir müssen nicht mehr darüber reden, ob Homosexualität falsch ist.“

Reden muss Rica manchmal darüber, ob Christsein falsch ist. Denn Unverständnis und Vorurteile kommen jetzt nicht mehr von homophoben Gemeindemitgliedern oder von der Kanzel. Sie kommen von Lesben und Schwulen. Wenn Rica in der Szene unterwegs ist und sich als Christin outet, sind die Reaktionen meist verständnislos. „Wenn ich dann nachfrage, heißt es: ‚Die akzeptieren dich doch gar nicht.’ Ich bin also immer in einer Randgruppe. Wenn ich zwischen Lesben bin, sind Christen die Randgruppe. Wenn ich zwischen Christen bin, bin ich in der lesbischen Randgruppe.“

Ricas Traum ist, dass das aufhört. Dafür braucht es aber mehr Christen wie sie selbst, die zu ihrer Homosexualität stehen. „In Rostock zum Beispiel ist eine christliche Lesben- oder Schwulenszene eigentlich gar nicht vorhanden. Ich kenne ganz viele Leute, aber die würden sich nie zusammentun. Nicht nur aus Angst, sondern allein schon aus Bequemlichkeit.“

Rica möchte anderen lesbischen und schwulen Christen Mut machen, offener zu sein. In dem evangelischen Kindergarten, in dem sie jetzt als Erzieherin arbeitet, hat sie sich direkt zu Anfang geoutet. „Ich kann nicht anders“, sagt Rica, „und ich hab Glück mit meiner Kita. Die sind da sehr locker, obwohl ich für die meisten die erste Lesbe war, die sie kennen gelernt haben.“

Ablehnung in Berlin hat sie nur in einer Baptistengemeinde in Spandau erfahren, in der sie ein Seelsorgerseminar gemacht hat. In einem Rollenspiel sollte sie den Part der Hilfesuchenden übernehmen. „Ich habe dabei irgendwie rausgehauen, dass ich eine Freundin habe. Für die anderen war damit klar, dass ich deshalb alle Probleme der Welt haben müsste.“ Mit dieser Gemeinde hat Rica heute nichts mehr zu tun.

Anfang des Jahres wird Rica zu einem Brunch von Labrystheia eingeladen, einer Gruppe lesbischer Theologinnen und theologisch interessierter Frauen. Dort lernt sie ihre jetzige Freundin kennen. Ute hat gerade ihr Theologiestudium abgeschlossen und ist auf der Suche nach einer Vikarstelle. Die beiden sind vor kurzem zusammengezogen. Der gemeinsame Glaube hat einen wichtigen Stellenwert in ihrem Alltag. „Wir beten regelmäßig. Das gehört zum Leben dazu, das Gespräch mit Gott.“

Heute ist Rica sich sicher, dass das, was sie schon als Kind gespürt hat, Gott ist. Und dass, entgegen allen Vorurteilen, ihr Glaube nicht ihrer Homosexualität widerspricht. „Ich denke, Gott hat mich so gemacht. Ich bin richtig so.“ Frauke Oppenberg

www.queerchrist.de

Ein neuer Mensch durch den Koran

Die Wohnung von Salih Alexander ist klein und enthält: ein Sofa, einen Sessel, ein kleines Bücherregal, zwei Plastikstühle an einem Esstisch, ein Bett und die Küchenzeile. „Ich hänge nicht mehr an den Dingen“, sagt Salih und klopft sich auf die Brust. „Das Wichtigste ist hier drin.“ Verkauft hat Salih das meiste seines Besitzes, als er für ein „geistliches Jahr“ in ein Kloster ging. Damals hieß er noch Alexander, war katholisch und wollte Kontemplation lernen. „Stattdessen habe ich gelernt, dass das nicht meine Religion ist.“ Bis diese Erkenntnis sein Leben änderte, dauerte es noch einige Zeit. Vor viereinhalb Jahren dann hat Alexander diesen Satz gesprochen: „Es gibt keinen Gott außer Allah, Muhammad ist der Gesandte Allahs.“ Damit wurde der schwule Katholik aus Berlin zu einem schwulen Berliner Muslim.

Warum schließt man sich einer Lehre an, deren Anhänger oft homofeindlich und wenig tolerant sind? Diese Frage hat sich für Salih Alexander nie gestellt. Denn die Hinwendung zum Islam war ein Prozess, der mit seiner Liebe zu Männern erst einmal gar nichts zu tun hatte.

Damals in den 90ern arbeitet Salih als Lektor. Er wirkt an mehreren Büchern mit, die sich mit der Religion beschäftigen, und muss sich tief in die Materie einarbeiten. Dabei stellt er fest, wie nah er sich dem Islam fühlt. Oft geht er an Moscheen vorbei und lauscht. „Den Koran zu hören, ist einfach wunderschön“, schwärmt Salih noch heute.

Vor viereinhalb Jahren weiß er dann wirklich, dass er konvertieren will. Dafür braucht es nicht viel. Wer in Gegenwart von zwei Muslimen das Glaubensbekenntnis spricht, ist dem Islam beigetreten. Im Fall von Alexander ist auch ein Imam anwesend, denn so erhält man vom Zentralarchiv Deutscher Islam eine Bescheinigung. Mit der Konvertierung bekommt Alexander auch einen islamischen Namen. Er wählt Salih, in Erinnerung an einen Schulfreund, bei dem er zum ersten Mal das religiöse muslimische Leben kennen gelernt hat.

Zwischen seiner Religion und seiner Homosexualität sieht Salih Alexander überhaupt keinen Widerspruch. „Darüber steht nichts im Koran. Es gibt zwar die Geschichte vom ,Volk des Lot’, also von Sodom, so wie sie auch in der Bibel steht. Und sie wird von einigen Rechtsgelehrten so interpretiert, dass damit das Heute gemeint ist, aber das ist Schwachsinn.“

Bloß – was hilft es, wenn viele Gläubige das ganz anders sehen? Vielleicht hängt es davon ab, wem man begegnet. Egal in welcher Religion. Salih sagt, er selbst habe von anderen Muslimen noch nie Ablehnung erfahren, auch nicht in der Zeit, als er Mitglied in türkischen Gemeinden war. „Die waren immer offen mir gegenüber.“ Allerdings hat er mit ihnen auch nur das religiöse Leben geteilt, etwas anderes wollte er auch nicht: „In der Gemeinde, da treffen sich oft Nachbarn, die zusammen fernsehen. Das war nicht meine Welt, das ging über das Religiöse hinaus.“ Heute ist er kein Mitglied einer Gemeinde mehr. Aber er geht weiterhin regelmäßig in die Moschee, vor allem zum gemeinschaftlichen Freitagsgebet oder während des Ramadan zu Koranlesungen. „Das sind alles religiöse Dinge, und da wird mein Schwulsein ignoriert, weil das damit überhaupt nichts zu tun hat. Das Schwulsein ist ja nichts, was sich irgendwie in einer Moschee abspielt.“

Mittlerweile ist Salih Mitglied bei GLADT, dem Verein der „Gays & Lesbians aus der Türkei“. Dort erfährt er von unterschiedlichen Reaktionen in den Familien seiner Freundinnen und Freunde. „Das ist ja genauso wie in nichtmuslimischen Familien. Ich glaube, dass ganz viele Dinge auf den Islam geschoben werden, die in Wirklichkeit soziokulturelle Komplexe sind.“

Dass seine Religion schwulenfeindlich sei, lässt Salih nicht gelten. Als Beispiel führt er die Geschichte von Mevlana Celâlettin Rumi an, der heute noch in der Türkei als eine Art Nationalheiliger angesehen wird. Im 13. Jahrhundert verliebt sich der anerkannte Islamgelehrte in den Derwisch Schams-i Tabrizi. Weil er deshalb Familie, Freunde und Studenten vernachlässigt, wird Schams vertrieben, und aus Trauer über den Verlust schreibt Rumi viele Verse, die seine Liebe ausdrücken. „Das ist das schönste Paar, das es gibt“, findet Salih Alexander.

Nach seiner Konvertierung hat er die Koranschule besucht, um die Suren des Korans im Original lesen zu können. Fünf Mal am Tag betet er. „Mir ist immer so, als komme ich aus dem Gebet wie ein neuer Mensch“, sagt Salih. „In den Koranversen ist unendlich viel drin, und du musst immer neu versuchen zu verstehen. Das ist jedes Mal was anderes, eine etwas andere Bedeutung.“ Natürlich hält er sich an die Speisegebote und verzichtet auf Alkohol. Trotzdem geht er gern aus. „Es gibt zwar viele, die sagen, du sollst dich als Muslim auch nicht dort aufhalten, wo Alkohol getrunken wird. Aber dann müsste man einen großen Teil des sozialen Lebens in Berlin aufgeben, und darauf habe ich keine Lust.“

Überhaupt sei der Islam zum großen Teil Auslegungssache. Außer den Gebeten, den Anleitungen für die Waschung vor dem Gebet und den Speisegesetzen stünden im Koran keine konkreten Rechtsvorschriften, erklärt Salih. Alles Weitere sei Interpretation, und schon über die Armhaltung beim Beten gebe es unterschiedliche Auffassungen. „Jeder große Gelehrte schreibt seine eigene ,Tafsir‘, seine Auslegung.“ Salih hält nicht viel von Absolutheitsansprüchen irgendeiner Rechtsschule. „Weil der Koran überhaupt nicht erlaubt, etwas neben zu Gott setzen. Und wer behauptet, ein für alle Mal die endgültige Auslegung zu haben, der tut das. Das steht ihm überhaupt nicht zu. Das ist nicht meine Spezialmeinung, die kann man bei allen großen Muslimen in der Geschichte finden.“

Salih fühlt sich dem Sufismus sehr verbunden. Im Mittelpunkt dieser mystischen Richtung im Islam steht die innere Ausrichtung des Herzens auf Gott. Der Weg zur reinen Seele führt für die Sufis unter anderem über das Aufgeben des Materialismus. Das kommt Salih Alexanders Auffassung von wahrem Glauben sehr nahe. „Allah hat den Propheten nicht geschickt, weil der Höhepunkt der Religion darin besteht, dass wir auf der Straße gehen und allen zeigen, dass wir Perlen abzählen können“, meint er. Doch er will auch niemanden verurteilen.

Ein Zitat von Ibn Arabi, einem der größten Mystiker im Sufismus und Verfechter der Toleranz, ist Salih besonders wichtig: „Es sind so viele Bedeutungen in den Koranversen, wie es Menschen gibt, die sie hören wollen. Für jeden Menschen ist der Koran genau das, was er in dem Moment versteht. Es gibt keine Bedeutung, die Gott nicht kennt und die er nicht diesem Menschen in genau diesem Moment sagen will.“

Frauke Oppenberg

„Muslime bei GLADT e.V.“, Kluckstraße 11, Tiergarten, www.gladt.de. Die Gruppe trifft sich am 7.12. um 19 Uhr zum ersten Mal.

Oh Gott, Religion! Teufelszeug, das Schwulen und Lesben immer Schuld und Ausgrenzung beschert. Oder? Drei Wege zum Glück

Mein genialer Lehrer Buddha
uf der Suche nach etwas mehr Licht verschlägt es mich ausgerechnet ins tiefste Neukölln. Das enge Treppenhaus des Altbaus wirkt wenig einladend, schon gar nicht spirituell. Doch schon im Erdgeschoss schallt mir ein eintöniger, sich wiederholender Gesang entgegen. Ich bin auf dem Weg zu Queer Lotus, einer Gruppe, die sich regelmäßig zum meditativen „Chanten“ trifft. An der Tür streckt sich mir eine Hand entgegen. Der Mann, der geöffnet hat, schenkt mir ein Lächeln. So nett bin ich in der schwulen Szene noch nirgendwo begrüßt worden.

Ob ich religiös bin? Nein. An was ich glaube? Da wird es schon schwieriger. 16 Jahre schwules Leben in Berlin haben Spuren hinterlassen. Gayromeo, Gin Tonic, GMF und weichgespülte Bar-Gespräche haben mein Seelchen nicht unbedingt erhellt. Es gab Zeiten, da dachte ich, ein Gehirnschlag würde auch bei mir ein glatter Schlag ins Leere werden. Wenn ich ehrlich bin, suche ich ein Zuhause – und das am besten in mir. Vor sieben Jahren habe ich die Meditation entdeckt und seitdem einige Ausflüge in thailändische Tempel unternommen. Die buddhistische Lehre hat bei mir mehr Eindruck hinterlassen als 2.000 Jahre Christentum und meine beiden Ex-Lover zusammen.

In der Mitte des Raumes steht ein brauner Altar auf türkisem Teppichboden. Ein melodiös vibrierendes „Nam-Myoho-Renge-Kyo“ aus den Kehlen von zehn Schwulen und Lesben füllt die Altbauwohnung. Das Mantra ist der Titel des „Lotus-Sutra“, einer wichtigen buddhistischen Schrift. Der Gesang soll die Weisheit, den Mut und die Kraft zum Leben erwecken, die in uns allen verborgen liegen. Buddhistische Praxis dient immer dazu, die innere Wahrheit zu erkennen, die schöner aussieht als gedacht. Hört sich durchgeknallt an, aber während ich lausche, muss ich zugeben: Irgendetwas liegt in der Luft. Das Chanten berührt mich, eine wohltuende Energie durchströmt mich, wie beim Genuss von Häagen-Dasz-Eiscreme oder einem ersten Kuss.

„Vor 18 Jahren nahm mich eine Bekannte mit zu einem buddhistischen Treffen“, berichtet Susanne, 45, nach dem Chanten. „Ich litt damals unter Depressionen, Religion war ,Firlefanz’ für mich, Opium fürs Volk halt. Zum Christentum fand ich keinen Zugang, ich fühlte mich erschlagen vom Anspruch: Lebe wie Jesus! Und dann das Geschwafel von Schuld und Sünde. Aber ich spürte ein großes Bedürfnis nach Religiosität. Die buddhistische Philosophie war mir sympathisch, sie ist eine Lehre des schrittweisen Lernens mit psychologischer Geduld. Ich darf auch Fehler machen.“

Niemand will leiden, alle Lebewesen sind auf der Suche nach Glück. Davon gehen fast alle buddhistischen Schulen aus, von denen es zahllose gibt. Queer Lotus gehört zum Mahayana-Buddhismus, einer der beiden großen Strömungen, die sich kurz nach dem Tod des Buddhas voneinander trennten. „Die Gesamtheit aller Lebewesen ist wichtiger als das einzelne Individuum“, erklärt mir Susanne, „deswegen werden Methoden gelehrt, mit denen man die ‚Erleuchtung’ erreichen kann, um dann auch anderen Menschen zu etwas mehr Licht zu verhelfen“. Es geht also um Nächstenliebe.

Ich selbst bin ein „Grübler“ und ein kleiner Angsthase. Auf dem Klo leide ich regelmäßig unter Verstopfung, weil ich im Kopf meine Kontoauszüge durchgehe. Habe ich ein Date, mach ich mir Tage vorher Gedanken, ob ich bei dem Kerl Eindruck hinterlassen werde. Hab ich kein Date, schiebt mich schon allein die „Merci, dass es dich gibt“-Werbung in einen Albtraum unerfüllter Sehnsüchte. Genau hier hilft mir der Buddha. „Ich lehre nichts als das Leiden und das Ende des Leidens“, lautet einer seiner bekanntesten Sätze.

Buddha bedeutet „der Erwachte“. Der Religionsstifter war kein Gott, sondern ein Mensch. Vor knapp 2.600 Jahren wurde er als Siddharta Gautama in Nordindien, dem heutigen Nepal, geboren. Als Königssohn, so wird erzählt, lebte er ein Leben, bei dem auf den ersten Blick keine Wünsche offenblieben: Er genoss bestes Essen, zahllose Zerstreuungen und Sex ohne Ende. Aber er war nicht glücklich. Bei Ausflügen vor die Tore seiner Paläste sah er eines Tages einen alten, einen kranken und einen toten Mann. Total schockiert, erkannte er, dass das Leben leidvoll ist. Kurz darauf traf er einen Bettelmönch, der zutiefst glücklich aussah. Und er beschloss, einen Weg zu finden, das Leiden zu überwinden. Er verließ sein Elternhaus und stürzte sich erst mal ins gegenteilige Extrem: absolute Askese. Nachdem er fast verhungert war, wusste Siddharta, dass darin auch nicht die Lösung lag, und fand schließlich den „Mittleren Weg“: Weder totaler Verzicht noch der Rausch der Sinne führen zum Glück. Mit 35 Jahren erreichte Siddharta in tiefer Meditation Nirvana, einen Zustand des absoluten Friedens, in dem Hass, Gier und Unwissenheit nicht mehr existieren – also ungefähr das Gegenteil einer schwulen Bar.

Mein Blick wandert verstohlen im Raum herum: Ein Himmelreich für ein Beck’s, aber es gibt nur grünen Tee und Wasser. Nun ja, Verzicht war noch nie meine Stärke. Der Buddha bietet mir eine Lösung an: Ein oder zwei Bierchen sind okay. Aber die Nacht in der Szene durchzusaufen bringt den Geist mit Sicherheit ins Ungleichgewicht, mal abgesehen vom Körper, der sich am Morgen danach fühlt wie ein Hamster nach Elektroschocks. „Klar diskutieren wir hier auch über schwullesbische Lebenswelten zwischen Beziehung, Sex und Darkroom“, sagt Susanne. Buddhismus klammert den Alltag nicht aus, ganz im Gegenteil. „Das große Wort der Erleuchtung heißt im Kern nichts anderes als ein geistiger Zustand frei von störenden Emotionen und Leiden. Wir lernen im Hier und Jetzt zu leben und uns jeden Moment wach und verbunden zu fühlen mit uns und der Welt. Mitgefühl zeigen und Hoffnung schöpfen, auch in Situationen, die uns hoffnungslos erscheinen.“

Ich selber nähere mich diesen Zielen mit anderen Mitteln als Queer Lotus. Bei der so genannten Einsichtsmeditation versuche ich, einen mutigen Blick in mein Inneres zu werfen. Es ist der Versuch, meine wahren Ängste, Sorgen und Nöte erst zu erkennen und dann loszulassen. Nach der buddhistischen Lehre ist es das Ego, das sich ständig an Wünsche klammert und gegen unangenehme Wahrheiten rebelliert. So tischt es uns täglich ein neues schmerzhaftes Drama auf, Sehnsucht als süßes Dessert. Meditation verschafft mir einen kurzen verführerischen Einblick in meine innere Glückseligkeit, die sich hinter all meinem täglichen Stress und meiner Unruhe verbirgt. Ein kleiner Kurs im Wundern sozusagen. Das Faszinierende dabei: Ich musste erst mal an nichts glauben, nur bereit sein, mich eine Zeitlang auf die Methode einzulassen. Mit der Praxis wurde mir klar, dass Buddha ein genialer Lehrer ist – nicht mehr und nicht weniger.

Davon sind auch die Jungs vom „Gaysangha“ („Schwule buddhistische Gemeinschaft“) überzeugt. Ich treffe sie bei einer ihrer wöchentlichen Zusammenkünfte in einem buddhistischen Zentrum in Mitte. Wir meditieren in einem stilvoll eingerichteten Meditationsraum: Der Boden besteht aus Parkett, kleine Teelichte und Accessoirs verzieren eine wunderschöne alte Buddha-Statue, minimalistisch-geschmackvoll. Gaysangha meditiert in der Tradition des Theravada-Buddhismus („Lehre der Ältesten“). In der stillen Meditation und mithilfe von ethischen Verhaltensregeln bringt das Individuum den Geist zur Ruhe und befreit sich von negativen Denkweisen und Verhaltensmustern. „Ich würde mich eigentlich gar nicht als Buddhist bezeichnen“, erzählt Steffen, 47, „aber so finde ich innere Ruhe und komme zu mir. Draußen in der Welt wird alles bis ins Detail ,zerredet’.“

Ich erwische mich dabei, wie mein Blick im Raum rumwandert, auf der Suche nach einem Lover oder wenigstens einem Knutschpartner für lange Winterabende. Ein, wie ich finde, berechtigtes Verlangen und ein guter Grund, eine schwule Meditationsgruppe zu besuchen. „Sinnesbegierde“ würde das Gefühl der Buddha nennen. Ein Geisteszustand, der vielen Schwulen ja noch näher liegt als das Fitness-Studio. Nach der Meditation spricht Dieter über die verführerischen Ablenkungen im täglichen Leben. Unsere Gedanken sind ständig in Fantasien verstrickt, Träumereien darüber, wie wir von den Objekten unserer Begierde – zum Beispiel groß und breitschultrig – Besitz ergreifen könnten. Irgendwie ist nie genug, was wir schon haben. Wir wollen bewundert, geliebt und gevögelt werden, am besten alles gleichzeitig. Und wenn wir’s dann endlich bekommen, na ja dann, hmm, ein bisschen langweilig ist es ja schon, das haben wir uns mal wieder alles viel spannender vorgestellt.

Buddhas Lösung ist verblüffend einfach: Meist ist es nicht das „Objekt der Begierde“, welches uns kirre macht und schlecht gelaunt stimmt. Es sind unser eigenes Gefühl des Mangels und der tiefverwurzelte Irrglaube, dass wir glücklich wären, sobald wir das bekommen, was wir uns so sehnsüchtig wünschen. Was man dagegen tun kann? Cremes, Botox, OP? Eher weniger. Aber wenn wir zur Abwechslung mal unsere Gedanken statt unsere neuen Prada-Schnäppchen betrachten, werden wir den Schwindel durchschauen. Ein wenig Geistesgegenwärtigkeit hilft tatsächlich! Plötzlich merken wir, wie unser Geist sich immer wieder an letzlich unbefriedigende Gedanken klammert, sich in Abhängigkeit von Wünschen und Abneigungen stürzt. Wir können üben, diese stressigen „Anhaftungen“ zu lösen. Denn sonst zeichnen sie Falten ins Gesicht – und wer will das schon?

Für welche Form der buddhistischen Praxis man sich entscheidet, ist Geschmackssache. Weder verwerfen Buddhisten andere Traditionen, noch setzen sie andere Lebensformen herab. „Einige unserer Schulen bieten mittlerweile schwullesbische Trauungszeremonien an“, erzählt Susanne. Queer Lotus wurde auch gegründet, um Schwule und Lesben in der buddhistischen Welt sichtbarer zu machen. Gerade die Offenheit für andere Lebensformen macht den Buddhismus für Schwule und Lesben so interessant: Es ist egal, woher ich komme und mit wem ich ins Bett gehe. Aus Buddhas Lehre lässt sich nicht herleiten, dass Homosexualität etwas Falsches wäre. Für ihn zählte einzig und allein die geistig-spirituelle Entwicklung. Gehe ich allerdings mit dem Lebenspartner meines besten Freundes ins Bett, so verletze ich ihn, und das entspricht nicht unbedingt Buddhas Lehre des „ehrenwerten Handelns“... Denn der Buddhist versucht stets, sich selbst und anderen kein Leid zuzufügen. Doch selbst wenn das passiert – und es passiert ständig –, gibt es im Buddhismus keine Schuld, sondern bloß einen neuen Versuch, alles gut zu machen.

Ich verlasse Gaysangha mit einem guten Gefühl. Beide Gruppen haben mich daran erinnert, was für mich wirklich wichtig ist. Dass meine täglichen Konflikte kein lästiger Unfall sind, sondern ein schlichter Teil meiner Realität. Dass ich mich meinen Schwierigkeiten jeden Tag aufs Neue liebevoll zuwenden kann, um sie irgendwann zu überwinden. Und das tut verdammt gut!

Wo das alles hinführt? Nach Auffassung des Buddhismus werden wir immer wiedergeboren in den „Kreislauf der Existenzen“, bis wir den Zustand der „Erleuchtung“ erreichen. Jeder kann durch Übung unabhängig von Sorgen, Ängsten und schmerzhaften Irrtümern leben. Ein göttlicher Zustand, aber ohne Schöpfergott, mitten im Leben. Und wir profitieren von buddhistischer Praxis, schon lange bevor es so weit ist; wir müssen dabei nicht einmal an die Erleuchtung glauben.

Steffen von Gaysangha sieht die Sache ganz gelassen: „Buddha ist für mich einer von vielen spirituellen Lehrern und religiösen Idolen, die den großen Berg erklommen haben. Ob da oben die Erleuchtung wartet, keine Ahnung, ich schreib dir ‘ne SMS, wenn ich angekommen bin ...“

Jörg Wellenkötter

Queer Lotus: queerlotus@t-online.de

Gaysangha: www.gaysangha.de

sehr interessanter Artikel wirklich lesenswert. hab den Text etwas umgestaltet und die Frau als erstes stehen lassen anstatt die beiden Männer. wahrscheinlich kennen ihn schon einige Berliner/innen



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