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In Washington gibt es zu viel Testosteron


11.03.2007 14:49
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„In Washington gibt es zu viel Testosteron“

Louann Brizendine würde gerne in George W. Bushs Hormonhaushalt eingreifen. Und sie erklärt, wie deutsche Männer ein Vorbild für die Welt werden.

Interview: Ariane Bemmer und Claudia Keller

Louann Brizendine (54) ist Neurobiologin und Chefin einer Hormonklinik für Frauen und junge Mädchen in San Francisco. Jetzt erschien ihr Buch „Das weibliche Gehirn“ (Hoffmann & Campe), in dem sie die Biologie für das unterschiedliche Benehmen von Frauen und Männer verantwortlich macht.

* Frau Brizendine, Sie haben Frauen untersucht, betreut, ihnen ins Hirn geschaut, und meistens ging es dabei um Partnerschaft. Worauf sollten Frauen achten, wenn sie den Mann fürs Leben suchen?

Also: Ein schlechtes Zeichen ist, wenn er viele Bemerkungen über ihr Äußeres macht. Er kann sagen, du siehst heute gut aus. Doch wenn er ihr Aussehen zu sehr in den Mittelpunkt rückt, interessiert ihn das auch am meisten. Ansonsten sollten sie genau hinhören, wie er über seine Familie spricht. Wenn er nur über sein Auto oder seine Karriere redet, sollten sie die Finger von ihm lassen.

* Was verrät sein Aussehen?

Vom Aussehen kann man auf den Testosteronspiegel schließen. Sehr behaarte Männer haben viel Testosteron. Glatzköpfe auch. Bei Frauen sind solche Rückschlüsse ebenfalls möglich: Man kann den Östrogenspiegel an ihrer Figur ablesen. Großer Busen, schmale Taille, breites Becken. Das war schon in der Steinzeit ein Hinweis auf Gesundheit.

* Und einer auf ein hohes Untreuepotenzial!

Für Treue sind Östrogen und Testosteron keine gute Indikatoren. Aber Menschen haben auch „soziale“ Hormone: Vasopressin und Oxytocin. Die sind für die sozialen Beziehungen zuständig. Bei Gentests an Affen hat sich herausgestellt, dass die Männchen mit langen Vasopressinrezeptoren den Weibchen treu sind. Vielleicht können Frauen eines Tages einen Test für das Gen kaufen, so wie jetzt die Schwangerschaftstests.

* Würden Sie Ihren Mann testen?

Ich hatte mein eigenes persönliches Assesmentcenter mit ihm. Was mich von Anfang zu ihm hingezogen hat, war, dass er sagte, er könne sich immer nur mit einer einzigen Frau einlassen.

* Das kann ja jeder sagen.

Er sagte, er sei ein Monogamist. Das war eine ziemlich ernste Ansage. Ich habe ihm geglaubt.

* Wie macht eine Frau sich interessant?

Männer mögen Wettbewerb. Sie wollen die Frau erobern. Das ist kein Geschlechterklischee, das wird so in der Natur vorgemacht.

* In Ihrem Buch kommt eine Melissa vor, die nach einem tollen ersten Date mit Rob sagt, er solle ihre Adresse im Internet suchen. Kann er das nicht missverstehen?

Das hängt von der Kultur ab. Aber es ist eine gute Antwort. So kann sie auch testen, wie clever er ist.

* Sie sagen Kultur. Was ist mit der Biologie?

Das gehört zusammen. Es gibt tief verwurzelte Impulse. Wie man sie auslebt, wird durch die Kultur gefiltert. Zum Beispiel: Wenn ein Amerikaner an einer Frau interessiert ist, gibt es ein bestimmtes Balzverhalten, das sich vom Balzverhalten etwa der Deutschen unterscheidet.

* Sie meinen Rituale, die vorschreiben, wohin wer wen beim ersten, zweiten, dritten Date ausführt, wann man sich an den Händen fasst, küsst …

Signale, die nur innerhalb einer Kultur erkannt werden und Sinn machen. So haben auch Mädchen in streng muslimischen Ländern ihre Codes, wenn sie einem Jungen ein Zeichen geben wollten. Dann ziehen sie unter den Ärmeln ihrer Burka ein Stückchen Spitze ihres Unterhemdes hervor, oder wenn sie reiche Eltern haben, tragen sie eine Cartier-Uhr.

* Können Sie das in Zahlen ausdrücken: Wie sehr werden Menschen von Kultur und Natur beeinflusst?

Das ist sehr individuell. Wenn ich eine Zahl sage, ist die bestimmt falsch. Eine meiner Patientinnen hatte keine Lust mehr auf Sex. Ich gab ihr ein Testosteronpflaster – und ihre Einstellung änderte sich. Hormone alleine machen das Verhalten nicht aus, aber sie geben wichtige Impulse.

* Vielleicht 50 zu 50?

Naja, nehmen wir eine Frau, die zwei Tage vor ihrem Eisprung ist. Ihr Testosteron ist auf dem Höhepunkt und sie ist deshalb sehr in Flirtlaune. Und bevor sie am Abend ausgeht, macht sie sich eine aufwendigere Frisur als sonst, nimmt etwas extra Lippenstift. Wenn man die Frau dabei beobachtet, was würde man dann für ein Verhältnis annehmen?

* 90 zu 10! Oder? Sie lachen …

Wenn die Hormone dazu führen, dass Sie Lippenstift nehmen, und das, obwohl Sie vielleicht ein, zwei Tage zuvor an dem Typ gar nicht sonderlich interessiert waren, dann sieht man schon, dass die Hormone eine gewaltige Rolle spielen.

* Also werden Frauen nur rund um den Eisprung von Hormonen beeinflusst?

Oh nein, auch an den anderen Tagen – das ganze Leben lang. Und dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das weibliche Gehirn speichert Gefühle und emotional aufreibende Ereignisse viele Jahre. Ein Mann erinnert sich an etwas, das vor zehn Jahren geschah, weil die Frau ihn daran erinnert hat. Für Gefühle und Erinnerungen haben wir Frauen Schaltkreise, die einer sechsspurigen Autobahn gleichen. Bei Männern sind es eher einspurige Landstraßen.

* Sind Männer von Anfang an so?

Im Bauch der Mutter haben wir alle zunächst ein weibliches Gehirn. Nach acht Wochen wird der männliche Fötus mit Testosteron überspült. Das Zentrum für Sexualität in seinem Hirn verdoppelt sich. Andere Gegenden im männlichen Gehirn werden kleiner, so werden etwa Teile des Kommunikationszentrums zerstört. Das weibliche Gehirn bleibt von Testosteron erst mal unbehelligt.

* Es gibt Studien, in denen Erwachsenen weinende Babys gezeigt wurden. Sagte man, das sei ein Mädchen, nahmen sie an, das Kind habe Angst. Sagte man, es sei ein Junge, dachten sie, er sei wütend.

Das ist dann Projektion. Wir sprechen den Geschlechtern Eigenschaften zu.

* Also wird man doch zur Frau, zum Mann erzogen!

Das dachte ich auch lange. Gerade die Frauen meiner Generation haben sich oft geschworen, die Kinder geschlechtsneutral zu erziehen. Wir wollten unsere Söhne zu den sensiblen Männern machen, die wir gerne geheiratet hätten.

* Sie gaben Ihrem Sohn eine Puppe?

Ja. Eine Barbiepuppe. Er hat ihr die Beine ausgerissen und die als Schwert benutzt.

* Es gab Tests mit Affenbabys. Weibliche Affenbabys griffen zu Puppen, männliche zu Autos.

Dieses Experiment hat unsere alltägliche Beobachtung bestätigt. Aber weil viele immer noch denken, Frauen und Männer seien gleich, ist das nicht politisch korrekt.

* Was heißt hier „nicht politisch korrekt“? Das steht im krassen Widerspruch zu den vergangenen 400 Jahren Menschheitsgeschichte: Da gab es eine Aufklärung, Kant, Hegel, Schriften, Erkenntnisse über den Willen, Rationalität und Vernunft.

Das ist eine Diskussion unter Philosophen seit Urzeiten. Unsere Instinkte auf der einen Seite, freier Wille auf der anderen. Die Deutschen sind da Meister in solchen Haarspaltereien. Ich habe außer Biologie und Medizin auch zwei Jahre Philosophie studiert. Ich war ziemlich schockiert, wie da alle über freien Willen diskutiert haben ohne die geringste Ahnung davon, wie das Gehirn funktioniert.

* Kann die Menschheit sich also künftig auf den Hormonpegel berufen und das Nachdenken einstellen? Wenn einer zugeschlagen hat, stand sein Testosteron grad hoch, geht sie fremd, war eben der Hormonpegel hoch.

Nein, das habe ich nicht behauptet. Ich sage, dass auf unsere tief liegende Biologie das ganze zivilisierte Verhalten obendrauf kommt. Um zusammenleben zu können, müssen wir unser Verhalten kontrollieren. Da kommt der Wille ins Spiel. Aber die Gehirngegend, in der das Verhalten kontrolliert wird, vorne in der Hirnrinde, im Cortex, wird erst im Teenageralter ausgebildet und ist nicht fertig, bis der Mensch ungefähr 20 Jahre alt ist. Deshalb hängt so viel von der Erziehung der Kinder ab.

* Frauen können üben, trotz Eisprungnähe nicht zu viel Lippenstift aufzutragen.

Ja, man kann sagen, ich will jetzt nicht, dass mich meine Hormone bestimmen.

* Ob einem das gelingt, ist eine Frage der Bildung.

Wir können uns bewusst werden, was in den tieferen Regionen geschieht. Wir können bewusst machen, dass es der Wille an manchen Tagen schwerer hat und an anderen leichter.

* Nicht nur Feministinnen, auch das anerkannte Wissenschaftsmagazin „Nature“ wirft Ihnen vor, mit Ihren biologistischen Thesen viel zu weit zu gehen und die Emanzipation zurückdrehen zu wollen.

Aber das stimmt nicht. Solange man nicht weiß, was die Hormone auslösen, kann man sie auch nicht kontrollieren. Man muss doch erst mal akzeptieren, dass es diese biologischen Tatsachen gibt. Davon ausgehend können Frauen dann viel besser ihr Leben planen, ihre Ansprüche gegenüber Arbeitgebern formulieren und sich nehmen, was ihnen zusteht. Das schließt sich doch nicht aus. Und wir reden ja nicht über Intelligenzquotienten. Die sind bei Männern und Frauen sowieso gleich.

* Deutschland wird von einer Kanzlerin regiert. Angela …

… oh ja, Merkel ist ein Rollenmodell für die Welt.

… und in den USA und in Frankreich greifen Hillary Clinton und Ségolène Royale nach der Macht.

Wer sagt, Frauen sollten keine Regierungen führen, redet Unsinn. Aber es gibt sicher Unterschiede, wenn es darum geht, wie und welche Entscheidungen Frauen und Männer für eine Gesellschaft fällen.

* Welche denn?

Frauen haben eine besseres Gespür dafür, was die andere Seite will, sie können pragmatischer verhandeln, die sozialen und emotionalen Nöte besser verstehen. Männer tendieren dazu, immer und überall den Feind zu bekämpfen. Hat Angela Merkel nicht Physik studiert?

* Ja.

Sie ist offensichtlich sehr klug, sehr kreativ und hat die Fähigkeit zum politischen Denken.

* Andererseits wirft man ihr vor, sie könne nicht richtig führen und sie nehme sich nicht die Macht, die ihr zusteht. Ist das hormontypisches Verhalten?

Vielleicht rät ihr jemand zu schlechten Kompromissen, vielleicht gibt es Gründe, hier oder da zurückzustecken. In meinem Land haben wir Präsident Bush, und der ist das genaue Gegenteil. Er hört auf fast niemanden.

* Was würden Sie Bush raten?

Im Urwald gibt es Völker, die mit Blasrohren auf Gegner schießen. In meiner Hormonklinik sagen wir oft, wir sollten als Erstes einen Anti-Testosteron-Pfeil auf Bush schießen. Wir haben eindeutig einen Testosteron-Überschuss in Washington.

* Die Karrieren von Angela Merkel, Hillary Clinton und Condoleezza Rice sind Ausnahmen. Normalerweise können Frauen sich schlecht verkaufen.

Eine ehrgeizige Frau zu sein, war lange etwas, was überhaupt nicht akzeptiert wurde. Das ändert sich ein bisschen. Jetzt müssen sich die Frauen die Macht nehmen und diese Macht auch aushalten. Aber das ist alles sehr neu.

* Die Frauen, die es nach oben schaffen, sind dort meist allein. Außenseiter.

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Arbeitsplätze, die es heute gibt, von Männer geschaffen wurden und für die Bedürfnisse von Männern. Dafür muss man sie nicht anklagen. Frauen machen nur vieles anders. Sie haben keine ausformulierte Hackordnung, es gibt kein Alphaweibchen. Wenn also Frauen an die Macht kommen, sollten sie sich dafür einsetzen, dass die Arbeitsplätze nach ihren Bedürfnissen umgestaltet werden.

* Flache Hierarchien, mehr Konferenzen, flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung?

Zum Beispiel. Wissen Sie, zu mir kommen große Unternehmen, die wissen wollen, wie sie die besten weibliche Absolventen für sich gewinnen können. Denen rate ich, dass sie sich um die Bedürfnisse der Frauen kümmern müssen. Und den Frauen rate ich, dass sie im Bewerbungsgespräch danach fragen sollen, was die Firma tut, damit sie Beruf und Familie unter einen Hut kriegen.

* Warum sollte die Firma sich so anstrengen?

Die westliche Welt kann es sich auf Dauer nicht leisten, auf 50 Prozent der besten Gehirne zu verzichten, nur weil Frauen vielleicht Mütter werden.

* Was ändert sich im weiblichen Gehirn, wenn die Frau Mutter wird?

Der Körper wird mit Östrogen überflutet in der Schwangerschaft. Dazu kommt Oxytocin, das die Geburt einleitet und die Milchproduktion stimuliert. Es ist auch das soziale Hormon, das uns dazu bringt, den Nachwuchs zu umsorgen und, wenn es sein muss, aggressiv zu schützen.

* Sie zitieren in Ihrem Buch zu diesem Thema ausschließlich Studien, die mit Laborratten gemacht wurden. Das kann man doch auf Menschen gar nicht übertragen.

Wir unterscheiden uns natürlich von Ratten, was das Vorderhirn angeht. Aber die tieferen Hirnregionen, dort, wo die Hormone und Instinkte sitzen, ähneln sich bei allen Säugetieren. Alle verändern sich in ähnlicher Weise in der Schwangerschaft und was die Sorge um den Nachwuchs angeht.

* Adoptivmütter können dann ja nie eine enge Beziehung zu ihren Kindern aufbauen, wenn sie nicht durch diese hormonelle Kur gegangen sind?

Doch. Auch Berührungen lösen Oxytocinschübe aus und somit mütterliches Verhalten. Ein Baby zu füttern, zu wickeln, es herumzutragen, stößt auch bei Vätern solche Gefühle an. Sie in Deutschland haben jetzt mit dem neuen Elterngeld die Chance, bei den Vatergefühlen Vorreiter zu werden. Wenn sich die Männer in den frühen Monaten auch um die Babys kümmern, dann bilden sich über die Berührungen im Hirn Verschaltungen aus, die ein ganzes Leben halten. Der deutsche Mann wird ein weltweites Vorbild werden!

* Könnte man nicht Männern einfach eine Oxytocinspritze verabreichen, um die Welt ein bisschen besser zu machen?

Es gab tatsächliche Versuche, bei denen Männern Oxytocin als Nasenspray verabreicht wurde. Danach hatten sie viel mehr Vertrauen in die Welt und ihre Bereitschaft, wirtschaftlich zu investieren, stieg um 50 Prozent.

* Man denkt beim Lesen Ihres Buches schnell, Männer und Frauen seien nicht zwei verschiedene Geschlechter, sondern zwei verschiedene Arten.

Es gibt natürlich auch innerhalb der Geschlechter große Unterschiede. Aber Frauen haben eben gemeinsam, dass sie die Kinder bekommen. Sie haben dieses spezielle Muttergehirn.

* Hat das Männerhirn Sie gar nicht interessiert?

Aber ja. Als Nächstes plane ich ein Buch über Männerhirne. Das wird nur sehr viel dünner.

Quelle: Tagesspiegel 11. März 2007 http://www.tagesspiegel.d [...] 8223.asp


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14.03.2007 15:41
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11.03.2007 17:56
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