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Laterne im Schneesturm Teil 1

Opheliana
HiddenNickname
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14.10.2006 08:46
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Kapitel 1

Missmutig schabte Julie das festgefrorene Eis von ihrem Auto,das sich über Nacht, wie eine feine Schicht, über den Rover gezogen hatte. Während sie mit aller Kraft, die sie morgens um sieben Uhr aufbringen konnte, das Eis von der Windschutzscheibe kratzte, nahm sie sich vor, nach diesen misslungen Start in den Morgen, nicht über den weiteren Verlauf des Tages zu spekulieren.
Sie war nämlich nicht nur spät dran, sondern hatte auch äußerst schlecht geschlafen und die Vorstellung,
gerade an ihrem ersten Arbeitstag zu spät zu kommen, gab ihr die Kraft bereits zehn Minuten später fertig zu sein, um den Motor starten zu können. Ein erleichterter Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie es schaffen würde… Lachend zog sie sich die Mütze vom Kopf, sie war ganz schön ins Schwitzen geraten bei dieser Hektik am Morgen und auf die Autoheizung konnte sie jetzt getrost verzichten.

Fünf herrlich geruhsame Wochen in Irland lagen hinter ihr. Auf ihren langen Spaziergängen in den einsamen Buchten, in denen nur das Gekreische der Seevögel und das Wellenrauschen ihre Ruhe unterbrachen, hatte sie endlich die Zeit gefunden, zu sich zu kommen, ihre Gedanken zu ordnen und sich für die vor ihr liegende Zeit zu wappnen.

Fünfzehn Minuten später betrat Julie den kleinen Coffey Shop,in dem zu dieser Uhrzeit wie gewöhnlich hektische Betriebsamkeit herrschte. Nachdem sie sich den Schnee vom Mantel geklopft und dabei einen missbilligenden Blick einer Frau geerntet hatte,
die hinter ihr stand, sah sie sich suchend im Cafe um.
Sie war mit ihrem Makler zum Frühstück verabredet, der ihre wochenlange Abwesenheit, so hoffte sie jedenfalls, dazu genutzt hatte, endlich das perfekte Gebäude für ihre neu erworbene Unabhängigkeit zu finden. Denn nachdem sie sechs Jahre lang in der Uniklinik gearbeitet hatte, wobei das Wort „gearbeitet“ noch untertrieben war, sich „zerrissen“ hatte, würde es eher treffen,
hatte sie kurz ein Blick auf ihr Sparkonto geworfen, ihre Kündigung eingereicht und war bereit gewesen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um ein Neues zu beginnen.
Und am rechten Tisch neben dem Fenster, sah sie auch schon ein Teil ihres Lebens sitzen, in der Hand einen Milchkaffee.
Als er sie erblickte, winkte er zur Begrüßung übertrieben mit der linken Hand. Lächelnd ging sie auf ihn zu.
„Guten Morgen Benjamin! Schön Dich wieder zu sehen!“
„Sehr schön nach der langen Zeit Dich wieder zu sehen!“ erwiderte Benjamin, der sich inzwischen erhoben hatte und ihre Hand zur Begrüßung länger, als nötig festhielt.
„Ich hoffe meine Freude Dich zu sehen, wird sich in der nächsten halben Stunde verdoppeln!“ sagte sie und öffnete die Knöpfe ihres Mantels.
„Wenn Du damit auf Deine zukünftige Arztpraxis anspielst…dann werden die Immobilien, die ich in Deiner Abwesenheit ausgewählt habe, vollständig befriedigen!“ antwortete er und unterdrückte dabei ein zweideutiges Grinsen. Julie, die damit beschäftigt war, ihren Mantel über den Stuhl zu hängen und vorgab, dies hochkonzentriert zu tun, murmelte darauf:
„Sehr schön!“ Und nahm unter Benjamins herausfordernden Blicken platz.
„Was darf`s sein?“ fragte die Bedienung, die plötzlich neben ihnen stand und gelangweilt auf sie herabblickte. Ohne einen Blick auf die Karte zu werfen, antwortete sie:
„Ein Glas frischgepressten Orangensaft und Rührei mit Toast bitte!“
Kaugummikauend notierte das Mädchen die Bestellung und wandte sich dann dem Nachbartisch zu. Lächelnd und mit einem Blick, den Julie nicht deuten wollte, sah Benjamin sie an.
„Die Auszeit hat Dir anscheinend gut getan! Du siehst ganz bezaubernd aus heute Morgen, weißt Du das?“ fragte er und hob seine Hand, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
Den Impuls unterdrückend zurückzuweichen sagte sie:
„Ich würde jetzt gerne die Immobilien sehen, von denen Du mir am Telefon so begeistert erzählt hast!“
Aber natürlich!“ entgegnete er halbherzig und wand sichtlich bemüht seinen Blick von ihr ab, um nach seiner Aktentasche zu greifen.
„Die meisten Gebäude entsprechen genau Deinen Vorgaben! Ich denke die Auswahl wird wohl nur eine Frage deines Schönheitssinns werden!“ sagte er und schlug die Mappe auf. „Und nebenbei erhoffe ich mir, dass wir nach den Besichtigungen, oder in den nächsten Tagen, Zeit haben werden, um bei einem Glas Wein ausgiebig Deine Rückkehr zu feiern! Wie Du weißt, habe ich einen Kamin…“ sagte er mit einem vielsagendem Lächeln.
Und ich habe kein Interesse! dachte sie, während sie nach der Mappe griff. Stattdessen antwortete sie: „Wenn es meine Termine zulassen, gerne!“ fragte sich im selben Augenblick aber, warum in Gottes Namen sie es nicht fertig gebracht hatte, ehrlich zu antworten, denn das letzte was sie jetzt gebrauchen konnte und Benjamins ungeheuchelter Blick bestätigte ihr dies, war eine erneute Beziehung, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sein würde!
Ihren Blick fest auf das Prospekt vor sich gerichtet, dessen Buchstaben vor ihren Augen verschwammen, versuchte sie das aus dem inneren aufkommende Panikgefühl zu ignorieren, als ihr Frühstück serviert wurde.
Im selben Moment klingelte Benjamins Handy, der sich daraufhin mit einer Entschuldigung erhob und eilig in Richtung Toilette verschwand.
Seufzend blickte sie auf ihr goldgelb dampfendes Rührei, wickelte das Besteck aus der Serviette und nahm sich vor, diesen Vormittag so schnell wie möglich, hinter sich zu bringen.

Ungeduldig trat Julie aufs Gaspedal, während sie in den zweiten Gang schaltete, der stockende Verkehr, der sie fünfzehn Minuten nicht vorhandene Zeit, gekostet hatte, schien sich endlich aufgelöst zu haben. Ihr Handydisplay zeigte fünf unbeantwortete Anrufe an, von denen sie noch keines geschafft hatte zurückzurufen.
Willkommen zurück! dachte sie zynisch und musste lächeln.
Obwohl sie sich in Irland fest vorgenommen hatte, ihre Arbeit erst wieder in ihrer eigenen Praxis aufzunehmen, hatte sie kurz nach ihrer Heimreise, die dringende Bitte eines ehemaligen Kollegen, der von ihrer Kündigung erfahren hatte, nicht abschlagen können, ihn für zwei Wochen zu vertreten. Und durch das Berichte schreiben und ein Notfall hatte sie natürlich zwei Stunden länger als geplant in der Praxis festgesessen. Im Eiltempo war sie nach Hause gefahren, hatte kurz geduscht und war in ihr kleines Schwarzes geschlüpft, obwohl ihr nach Kuschelpyjama und aufs Sofa schmeißen zumute gewesen war. Doch ihre beste Freundin gab für sie eine Willkommen - Zurück Party heute Abend und da sie sowieso viel zu wenig Zeit mit ihren Freunden verbrachte, war ihr das heute Abend sehr wichtig! Nach ein paar heruntergewürgten Schlucken eiskalten Kaffees, der seit heute Morgen dort stand, hatte sie sich in der Lage gefühlt, den Abend zu beginnen.


„Jennifer? Konntest Du Julie schon auf ihrem Handy erreichen?“ fragte Ben während er aus dem Fenster nach ihr Ausschau hielt.
Jennifer, die gerade dabei war, eine weitere Käseplatte ins Wohnzimmer zu tragen, antwortete: „Nein, aber ich bin sicher, das sie schon auf den Weg ist! Wäre Sie länger aufgehalten worden, hätte sie uns angerufen!“
„Wollte sie nicht kürzer treten?“ fragte Mike, der nach den Chips griff.
Ben lachte „Zumindest versuchen wollte Sie es!“ antwortete er.
Benjamin, der ein Martini in der Hand hielt, sagte: „Nicht mehr lange und wir haben mehr von ihr! Heute Vormittag hat Sie sich zusammen mit mir, für eine Immobilie entschieden und sogar gleich den Kaufvertrag unterschrieben!“
„Wie?“ fragte Jennifer und zog die Augenbrauen hoch.
„Ohne den Vertrag von ihrem Anwalt überprüfen zu lassen?!“
„Das liegt daran liebe Jenny“ entgegnete er und verzog seinen Mund zu einem selbstgefälligen Grinsen. „Dass sie großes Vertrauen zu mir hat!“
„Oder…“ warf Mike ein, während er sich Chipskrümmel vom Hemd fegte. „Dass sie endlich Nägeln mit Köpfen machen will!“
„Ich tippe auf Zweiteres!“ sagte Jennifer und warf dabei Benjamin einen feindseligen Blick zu, der daraufhin nur laut lachte und in die Küche ging, um sich einen weiteren Drink zu mixen.
Georgina, die sich bis jetzt nicht am Gespräch beteiligt hatte, da sie sich seit sie das Wohnzimmer betreten hatte, im Sessel zum Lesen zurückgezogen hatte, sagte: „Ich kann sowieso nicht verstehen, wie jemand so viel arbeiten kann! Ich meine, auch wenn Sie es meinetwegen musste, so scheint eure Freundin nun endlich erkannt zu haben, was wichtig im Leben ist!“
„Und das wäre?!“ fragte Ben und sah Georgina belustigt an, die inzwischen ihr Buch zugeschlagen und sich erhoben hatte.
„Das Leben mit allen Sinnen zu erleben! Zeit für Dinge zu nutzen, an denen die meisten Menschen achtlos vorübergehen und Freundschaften pflegen zum Beispiel!“
„Dazu müsste man allerdings Freunde haben, Georgina!“ witzelte Mike
„Du würdest Dich wundern Georgina, denn Julie ist keine von diesen oberflächlichen Karrierefrauen, für die Du sie hältst! Es wird Dich überraschen, wie viel ihr vielleicht gemeinsam habt!“ warf Jennifer ein.
Georgina, die auf den Weg ins Badezimmer schon halb auf der Treppe war, sagte lachend „Das würde mich in der Tat verblüffen!“ und verschwand nach oben.


Als Georgina zehn Minuten später das Bad wieder verließ, blieb sie zögernd im Flur vor dem Treppenabsatz stehen.
Den Begeisterungsrufen nach zu urteilen, war Julie endlich zur ihrer Party erschienen. Wenn sie jetzt nach unten gehen würde, würden Ben und Mike sich vor ihr, über sie lustig machen, indem sie sie mit ihren Worten, die sie vorhin von sich gegeben hatte, aufziehen würden.
Als wenn sie nicht schon genug Peinlichkeiten in ihrem Leben hatte über sich ergehen lassen!
Lautlos ging sie drei Stufen nach unten, um vorsichtig nach links ins Wohnzimmer zu blicken. Wo sie sehen konnte, wie Jennifer lachend auf die Frau, mit den dunkelbraunen, gelockten Haaren einredete und Benjamin dicht hinter dieser stand und so aussah,
als wüsste er nicht wohin mit seinen Händen.
„Das ist also Julie!“ murmelte Georgina leise und fand dass sie trotz ihres strahlenden Lächelns, mit dem sie in die Runde blickte, abgehetzt aussah.
Sie scheint es ziemlich zu genießen im Mittelpunkt zu stehen! dachte sie abfällig, während sie leise drei Schritte zurück nach oben ging. Sie hatte herzlich wenig Lust, jetzt nach unten zu gehen und sich mit dieser Frau auseinanderzusetzen!
Wehmütig dachte sie an ihr Buch, das jetzt unten auf dem Sessel lag und Mike eine weitere Gelegenheit gegeben hätte, Witze zu reißen.
So hoffte sie jetzt wenigstens, dass im Abendprogramm etwas sinnvolles lief und ging aufseufzend in Richtung Schlafzimmer.


„Wie es aussieht, komme ich wohl doch noch zu meinem Glas Wein mit Dir!“ raunte Benjamin, der für ihren Geschmack viel zu dicht hinter ihr stand, ins Ohr. Sie drehte sich um. „Nur auf die Bärenfellnummer vor dem Kamin, wirst Du leider verzichten müssen Benjamin!“ antwortete sie und setzte dabei ihr unschuldigstes Lächeln auf.
Scheinbar nicht im Mindesten beeindruckt von ihrer Abfuhr erwiderte er lachend: „Aber Julie, wenn ich gewusst hätte, dass Du auf solche Gedanken kommst, dann hätte ich Dich heute Morgen nicht zu einem Glas Wein, sondern zu einem Glas Milch in meiner Küche eingeladen!“
In der Hoffnung, dass Benjamin die Bedeutung ihrer Wörter erfassen würde, ging sie ein Schritt nach vorne und sagte, während sie ihn tief in die Augen sah.
„Ich fürchte, den Bananenshake hättest Du dir trotzdem alleine zubereiten müssen!“
Amüsiert sah er sie an. „Das… meine kleine Wildkatze!“ flüsterte er, während er seine Hände hoch zu ihrem Nacken gleiten ließ, ihr in die Haare griff und sie sanft an sich zog.
„Werden wir noch herausfinden!“
„Hey Kumpel, gib ihr die Möglichkeit was zu essen!“ wurden sie von Mike unterbrochen, der in beiden Händen einen Teller mit Essen balancierend aus der Küche kam.
„Jennifer braucht Deine Hilfe bei den Getränken!“ sagte er mit dem Blick zu Benjamin, während er vorsichtig die Teller auf dem Tisch abstellte.
„Und Dir soll ich sagen: Wehe, wenn Du Dich jetzt nicht hinsetzt und etwas isst!“ wandte er sich dann grinsend Julie zu, die diese willkommene Störung dazu nutzte, um sich aus Benjamins Griff zu befreien, was dieser natürlich nur unwillig geschehen ließ.
Mit klopfenden Herzen, ordnete sie ihr Haar und verfluchte sich selbst, als sie ihre geröteten Wangen in der widerspiegelnden Fensterscheibe sah.

„Hätte Dir Dein Ehemann mit den Getränken nicht helfen können?“ erkundigte Benjamin sich leicht ärgerlich.
„Der holt das Eis aus dem Keller!“ entgegnete Jennifer, während sie mit den Gläsern hantierte. „Und außerdem wollte ich Julie Luft zum Atmen geben!“
„Was soll denn das heißen?“ fragte er und sah sie erstaunt an.
„Das soll heißen…“ antwortete Jennifer aufgebracht
„Wie Du auf die Idee kommst, nach allem was war, Dich zu benehmen, als wäre sie noch Dein Eigentum! Ich meine hat sie Dir vor ihrer Abreise, nicht deutlich genug klargemacht, das ihr nicht mehr zusammen seid!?“
Benjamins eben noch wütendes Gesicht verzog sich zu einem unanständigen Lächeln.
„Oh ja, das hat sie mir wirklich sehr ausdrucksvoll demonstriert!“ antwortete er und ging zum Kühlschrank.
Irritiert über sein plötzliches Grinsen sagte sie:
„Jedenfalls hat sie mir das erzählt!“
„Das war auch nicht gelogen, liebe Jenny!“ erwiderte er,während er die Kühlschranktür öffnete.
„Und auch wenn es Dich überhaupt nichts angeht…“ fügte er hinzu. „Hat Julie dir die Kleinigkeit verschwiegen, das kaum als wir auf dem Sofa saßen, sie all ihre Vorsätze überbord geworfen hat!“
„Wer weiß, was für billige Tricks Du wieder angewendet hast!“ schnaubte Jennifer erzürnt.
Empört lachte Benjamin auf. „Das Du so von mir denkst, ist ja mal wieder typisch für Dich, doch ich sage Dir, niemand hat sie dazu gezwungen, mich plötzlich am Hemdkragen zu packen, leidenschaftlich zu küssen und mir dann mit einem Ruck das Hemd vom Leib zu reißen!“
Stirnrunzelns sah sie ihn an „Und Du hast das natürlich auch gleich schamlos ausgenutzt, nicht wahr?“
Laut schlug er die Kühlschranktür zu.
„Weißt Du was Jennifer, jemand Anderes kann Dir Deine Getränke anrühren, denn ich denke nicht, das Du diejenige bist, mit der ich diese Unterhaltung fortführen will!“
„Und ich denke nicht, dass Du derjenige bist, mit dem Julie fortsetzen will!“ rief sie Benjamin hinterher,
der wütend die Küche verließ.
Die Tränen mühsam unterdrückend ließ sie sich auf den
Küchenstuhl sinken und schlug die Hände vor die Augen.


„Wen gehört den dieses Buch?“ fragte Julie verdutzt,
die sich gerade in den Sessel setzen wollte.
„Oh das gehört Georgina!“ antwortete Mike, während er ihr mit einer Hand den Teller rüberreichte.
Behutsam legte sie das Buch ab und nahm den Teller entgegen.
„Scheint so als bin ich nicht mehr ganz auf den Laufenden!“ lachte sie
„Das bist Du tatsächlich nicht!“ grinste Mike, während er ihr gegenüber Platz nahm.
„Georgina ist Bens entfernte Cousine, deren älterer Bruder vor kurzem gestorben ist. Ihr Bruder war immer in irgendwelche Gaunereien verwickelt gewesen und Georgina hat halt bis zu jenem Tag versucht, ihn in positiver Weise zu beeinflussen. Als Ben
und Jennifer, von dem Tod ihres Bruders erfahren haben, boten sie Georgina an, das sie vorübergehend bei ihnen wohnen könnte, bis sie einen Job und etwas Eigenes gefunden hätte! Sozusagen Unterstützung für seinen Neuanfang!“
„Und wo ist sie jetzt?“ fragte sie und drehte sich suchend um.
„Wahrscheinlich in ihrem Zimmer!“ antwortete Mike,
während er sich mit seiner Gabel Nudeln aufhäufte.
„Als sie gehört hat, wie viel Du früher gearbeitet hast und zu den Menschen zählst, die wenig Freizeit haben, hatte sie gleich ein fertiges Bild von Dir und demgemäß mehr oder weniger dankend abgelehnt Dich kennen zu lernen!“
„Na dann werde ich ihr jetzt ihre Lektüre nach oben bringen und ihr vorgefertigtes Weltbild niederreißen!“ sagte sie und griff entschlossen nach dem Buch.
„Vergiss Deinen hippokratischen Eid nicht!“ rief Mike ihr scherzend hinterher, ehe sie auf der Treppe nach oben entschwand.

Georgina, die aufrecht im Bett lag, zappte sich lustlos durch die Kanäle. Sie hatte Probleme sich zu konzentrieren, denn sie bekam langsam Hunger, was sie aber keineswegs von ihrer Absicht abhielt, nicht nach unten gehen zu wollen, solange die „Julie Party“ im Gange war! Resigniert schaltete sie den
Fernseher aus und schleuderte missmutig die Fernbedienung in die Ecke. In dem Moment, klopfte es leise an der Tür und noch ehe sie „Herein!“ oder überhaupt antworten konnte, betrat zu ihrem
größten Erstaunen Julie das Zimmer.
„Tut mir leid, wenn ich hier einfach so reinplatze,
aber wissen Sie vielleicht, wo hier die Klassiker stehen?“ fragte sie ihn im höflichen Ton und sah sie mit einem übertriebenen Augenaufschlag abwartend an.
Georgina sah mit zusammengezogenen Brauen zu ihr hoch.
Da sie nicht wusste, ob sie den Verstand verloren,
oder sie auf den Arm nehmen wollte, zog sie es vor ihr nicht zu antworten. Schweigend stand sie stattdessen auf und hob die Fernbedienung vom Boden. Entschuldigend lächelte Julie sie an.
„Das sollte eigentlich eine kleine witzige Einleitung werden, um Ihnen ihr Buch wiederzugeben, das beinahe von mir zerquetscht worden wäre, als ich mich unten im Sessel setzen wollte!“
Sie zog das Buch hinter dem Rücken vor.
„Na ja und ein echter Klassiker ist dieses Buch auf jeden Fall!“ sagte sie mit Wärme in ihrer Stimme, während sie sorgfältig den Einband glatt strich. „Mein Exemplar sieht deutlich angegriffener aus als ihres, weil ich es bestimmt schon an die hundertmal
gelesen habe und das an den ungewöhnlichsten Orten!“
Die Erinnerung daran, wie sie das Buch zwischen Fließband Operationen, in der Stille des Technikraumes gelesen hatte, brachte sie zum schmunzeln, während sie Georgina das Buch hinhielt.
„Danke schön!“ murmelte sie und nahm ihr zögernd das Buch aus der Hand, während sie es dabei vermied sie anzusehen.
„Ich bin übrigens Julie!“ sagte diese, während sie ihre Hand zur Begrüßung ausgestreckt ließ. „Die Verschollene…“ fügte sie lächelnd hinzu, als Georgina flüchtig nach der Hand griff.
„Georgina!“ erwiderte sie murmelnd, während sie hoffte, dass das Gespräch, das in ihren Augen nur Smalltalk war, bald beendet wäre.
„Jennifer hat sich heute übrigens mal wieder selbst übertroffen!“ sagte Julie, die sich von seiner Unhöflichkeit anscheinend nicht abschrecken ließ. „Wenn Sie also Hunger haben sollten…“
„Nein Danke!“ warf sie mit kühler Stimme ein. „Ich habe schon gegessen!“, behauptete sie, während ihr knurrender Magen aber, den Satz mit Lügen strafte.
„So?“ fragte Julie sie mit hochgezogenen Augenbrauen und ließ den Blick auf ihre Körpermitte ruhen. „Ich höre, dass da jemand ganz anderer Meinung ist!“
„Wenn sie mich jetzt entschuldigen würden!“ ignorierte sie ihre Worte und gab vor beschäftigt zu sein, indem sie sich zu ihrem Schreibtisch begab und anfing wahllos Zettel zu sortieren.

Julie dachte daran, dass sie gerade ihren Bruder verloren hatte und erwiderte deshalb freundlich „Es hat mich gefreut Sie kennen zu lernen Georgina! Und da Sie hier zu Gast sind, werden wir uns bestimmt noch öfters über den Weg laufen!“
Sie drehte sich zur Tür um, da hörte sie sie leise geringschätzig schnauben: „So wie Sie beschäftigt sind, ganz sicher nicht!“
Überrascht drehte sie sich um und sofort stieg Ärger in ihr hoch.
Sie hatte schon eine Erwiderung auf den Lippen, doch ganz die Ärztin zwang sie sich ruhig zu bleiben, und entgegnete stattdessen, wie sie es sonst nur im Umgang mit schwierigen Patienten gewohnt war, im sachlich kompetenten Ton:
„Nicht zu beschäftigt um die Cousine meiner Freunde kennen zu lernen Georgina! Im Übrigen wünsche ich Ihnen mein herzliches Beileid!“ Nach diesen Worten nickte sie ihr aufmunternd zu, wie sie es in ihrer Visite auch immer tat, um dann geschäftig den Raum zu verlassen. Im Flur angekommen, verlangsamten sich ihre Schritte.
Sie hatte sie gezwungen die Ärztin zu spielen, dachte sie ärgerlich während sie müde ihr rechtes Auge rieb. Sie hoffte nur, dass sie, durch ihre Unhöflichkeit nicht gezwungen wäre, sie wie einen unmündigen Patienten zu behandeln.
Denn das…dachte sie insgeheim grinsend. Wäre bei einer Frau, die so einen guten Geschmack in Bezug auf Bücher hat, wirklich schade!


Mit gemischten Gefühlen sah Georgina ihr hinterher, als sie aus dem Zimmer ging. Sie müsste lügen, wenn sie sagen würde, dass ihr anfänglicher Charme sie nicht beeindruckt hatte. Sie hat Humor! dachte sie. Und wie sie auf ihre Abblockungsversuche reagiert hatte, war ziemlich beeindruckend gewesen! Sie konnte sich gut vorstellen, dass sie als Ärztin, zu übellaunigen Zicken wie sie, genauso souverän antwortete. Nachdenklich sah sie auf das Buch, das auf ihrem Bett lag. Es wird ziemlich schwer werden, sie nicht zu mögen! dachte sie grimmig und das war das Erste dessen sie sich seit langer Zeit hundertprozentig sicher war!


„Machs gut meine Süße!“ sagte Jennifer, während sie sich zum Abschied umarmten. Liebevoll strich Julie ihr über den Rücken.
„Ich danke Dir, für das leckere Essen und alles!“ sagte sie, während sie sich aus der Umarmung löste.
Jennifer machte eine abwertende Geste mit der Hand.
„Das war doch das Mindeste, was ich für meine heimkehrende Freundin organisieren konnte!“ lachte sie. Richtig nützlich werde ich Dir erst in den nächsten Wochen sein, wenn wir Deine neue Praxis gestalten!“
„Mir wird jetzt schon ganz Angst und bange, wenn ich daran denke, wie ich das zeitlich alles schaffen soll?“ stöhnte Julie und verrollte theatralisch die Augen, worauf ihr Jennifer kichernd einen freundlichen Schubs gab.
„Du Heuchlerin Du!“ sagte sie im gespielt ärgerlichen Ton.
„Du liebst doch solche Herausforderungen!“
„Richtig!“ stimmte sie in Jennifer Kichern mit ein.
„Trotzdem…“ entgegnete sie und schnappte nach Luft. „Bin ich froh, wenn die zwei Wochen Vertretung rum sind und ich mich nicht mehr zweiteilen muss!“
„Oder Dreiteilen!“ vernahmen sie Benjamins Stimme, der ihnen auf den verschneiten Kiesweg zum Gartentor entgegenkam.
„Wir sehen uns dann!“ sagte Jennifer hastig, als sie Benjamin sah.
Sie drehte sich um und ging an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, eilig in Richtung Haus.
„Wie schade Dich jetzt schon zu verlassen, Jenny!“ rief Benjamin ihr liebenswürdig hinterher, doch als Antwort sah er nur wie sie die Haustür zuknallte.
„Frauen!“ lachte er und ging langsam auf Julie zu.
„Habt ihr euch gestritten?“ fragte sie Benjamin, während sie entgeistert auf die Haustür blickte, so dass sie nicht bemerkte, dass dieser bereits dicht vor ihr stand. Erschrocken zuckte sie zusammen, als er sie an ihr Auto drängte und sich an sie schmiegte.
„Das ist jetzt unwichtig!“ flüsterte er und sein heißer Atem streifte ihr Ohr. „Gib mir Deine Autoschlüssel!“ raunte er, während er mit der linken Hand in ihre Manteltasche griff und die andere Hand dazu benutzte, die Knöpfe ihres Mantels zu öffnen.
„Benjamin lass das!“ sagte sie ungehalten und griff nach seiner Hand, in der er die Autoschlüssel hielt.
„Zu spät mein Liebling!“ lachte er, während er gleichzeitig auf den Knopf drückte und sie das Entriegelungsgeräusch hörten.
„Du weißt gar nicht, wie sehr Du mir gefehlt hast…“ sagte er und der heisere Klang seiner Stimme, ließ sie ungewollt erschauern und als er zärtlich mit seinen Lippen ihren Hals hochfuhr, um dann sanft an ihrem Ohrläppchen zu knabbern, hatte sie große Mühe, nicht einfach ihre Augen zu schließen.
„Es ist nicht mehr wie vor fünf Wochen Benjamin!“ sagte sie und zwang sich, nicht aufzustöhnen, als seine Hände zärtlich unter ihren Mantel glitten. Ich…“ setzte sie an und versuchte dabei verzweifelt seine Hände zu ignorieren.
„Du bist wundervoll!“ flüsterte er den Satz zu Ende, ehe er langsam und mit sanftem Druck, ihr Kleid hochschob.
Sie spürte das Knistern der schwarzen Seidenstrümpfe unter seinen Fingerspitzen, als eine Brise seines Aftershaves, ihr das letzte bisschen Verstand umnebelte. „Das Du mich so gut kennst ist verdammt gefährlich!“ flüsterte sie und zog ihn an seiner Krawatte näher an sich heran.
„Lass uns zu Dir nach Hause fahren, dort zeige ich Dir, wie gut ich Dich wirklich kenne Julie!“ sagte er mit rauer Stimme und vergrub seine Finger in ihrem Haar.
Er bog ihren Kopf zurück und fuhr langsam mit seiner Zungenspitze seitlich ihren Hals hoch. Bebend atmete sie aus. Unfähig sich seinen Lippen und Händen länger zu widersetzen, schlang sie ihr Bein um seine Hüfte und suchte zitternd seinen Mund. Wild und unbeherrscht verschlungen sich ihre Lippen zu einem Kuss.
Nicht aufhörend ihn zu küssen, zerrte sie ungeduldig an seinem Gürtel, während er mit einer Hand die Beifahrertür ihres Autos öffnete. „Steig ein!“ keuchte er, da sie sich inzwischen an seiner Hose zu schaffen machte.
„Solange kann ich nicht warten!“ antwortete sie mit erstickter Stimme und zog ihn mit sich in das Auto.


Aufmerksam geworden durch das geräuschvolle Zuschlagen einer Autotür, spähte Ben durch das Fenster nach draußen, doch außer Julies und Benjamins Wagen, die immer noch vor dem Haus standen,
war nichts auffallendes zu beobachten.
„Sind sie weg?“
„Wer ist weg?“ fragte er den Blick noch auf die Autos gerichtet.
„Der Dandy, der Witzbold und die verlorene Tochter natürlich!“
Langsam wandte er seinen Blick von den Autos ab.
„Wenn Du damit Benjamin, Mike und Julie meinst, dann ist die Antwort ja! Anscheinend sind sie mit Mike mitgefahren!“ sagte er zu Georgina, die langsam die Treppe herunterkam. Anders konnte er sich die Anwesenheit der beiden Autos nicht erklären.
„Und wo warst Du?“ fragte er, während er Georgina in die Küche folgte.
„Du weißt doch dass ich kein Partymensch bin!“
„Dann hast Du doch tatsächlich die Gelegenheit ausgelassen, neue Freunde kennen zu lernen!“ foppte er sie gutmütig.
Georgina, die skeptisch ihre Nase in die Kochtöpfe hielt, brummelte „Das Vergnügen habe ich trotzdem gehabt!“
Ihren Geruchsnerven offenbar wohlgefällig, nahm sie ein Teller von der Anrichte. „Sie hat mir mein Buch zurückgegeben, das ich im Wohnzimmer liegengelassen habe!“ sagte sie und füllte ihren Teller mit dem noch lauwarmen Essen.
„Und ? War es Dir peinlich, das Du solch eine Schnulze liest?“ fragte er feixend, während er sich ein Rest Rotwein ins Glas goss.
„Erstens, gehört dieses Buch zur Weltliteratur, genauso wie Krieg und Frieden von Tolstoi oder Macbeth von Shakespeare...“
„Sag ich doch, eine Schnulze!“ grinste er und schwenkte das Rotweinglas
„Und zweitens ist sie von dem Buch genauso angetan wie ich!“
„Und wie angetan bist Du von ihr?“ fragte er halb scherzend.
„Gar nicht!“ erwiderte Georgina schroff. „Und wenn Du erlaubst,werde ich jetzt oben in meinem Zimmer essen!“
„Geht klar!“ antwortete er und wedelte lässig mit der Hand in Richtung Tür.


Nachdem Georgina was von „Gute Nacht“ gemurmelt und fast schon fluchtartig die Küche verlassen hatte, stand Ben ebenfalls auf und ging, nachdem er sorgfältig die Hintertür verriegelt
und das Licht gelöscht hatte, zurück ins Wohnzimmer.
Da Jennifer, die aus irgendeinem Grund heute Abend ziemlich schlechter Laune war, schon im Bett lag, hatte er vor den Rest des Abends gemütlich vor dem Fernseher zu verbringen.
Leise vor sich hinsummend stellte er die Schale mit den Chips auf den Couchtisch ab. Sich die Wolldecke greifend, blickte er aus dem Fenster und sah, dass es angefangen hatte zu schneien. Gähnend wickelte er sich die Decke um die Schultern.
Nicht allzu erfreut, dachte er daran, wie viel Arbeit er Morgen früh mit den Schneeschippen haben würde, als er plötzlich sah, wie sich von innen die Tür von Julies Rover öffnete. Verwundert blinzelte er mit den Augen, als er Benjamin aussteigen sah.
Zehn Sekunden später stieg auch Julie aus. Er sah, wie sie ihren Mantel zurechtrückte und Benjamin sie an sich zog und küsste.
Er brauchte ein paar Sekunden um das Schauspiel zu begreifen, ehe es ihm einleuchtete, warum die Autos die ganze Zeit da gestanden hatten und wieso er eine Autotür hatte zuschlagen hören.
Anzüglich grinste er. „Hatte Jennifer nicht behauptet, die beiden wären seit Julies Abreise kein Paar mehr?“ dachte er laut, während er sah, wie jeder in sein eigenes Auto stieg.
Immer noch grinsend zog er die Vorhänge zu und kurz darauf hörte er, wie leise die Motoren starteten. In der Wolldecke eingehüllt schlurfte er zum Sofa und griff nach der Fernbedienung.
„Das ist mal eine anständige Willkommensparty!“ sagte er laut, während er nach dem Weinglas griff und dem Fernseher zuprostete.


Schlaflos lag Georgina in ihrem Bett und starrte auf die Schneeflocken, die unermüdlich vor ihrem Fenster herabrieselten.

Sie hatte versucht zu lesen, wie sie das gewöhnlich vor dem Einschlafen tat, doch die Szene, die sich vor ihrem Auge abgespielt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Nachdem es ihr zuvor gelungen war, sich vor weiteren unangenehmen Fragen zu drücken, ging sie, kaum als sie in ihrem Zimmer angekommen war, mit ihrem Teller zum Fenster, um dort im Stehen zu essen und sich gleichzeitig den Sternenhimmel anzuschauen.
Während sie die Sojanudeln mit ihrer Gabel umwickelt hatte und entspannt ihren Blick über die schneebedeckte Strasse schweifen ließ, hatte sie undeutlich zwei Gestalten wahrgenommen, die aussahen, als wenn sie sich um etwas stritten, denn sie hatte beobachten können, wie die Frau versuchte, den Mann etwas aus seinen Händen zu reißen. Nach deutlicherem Hinsehen aber hatte sie erkannt, das diese zwei Personen Julie und Benjamin waren. Sie hatte sich näher vorgebeugt und konnte nun sehen, wie Benjamin Julie ans Auto drängte. Im ersten Augenblick dachte sie daran, nach unten zu laufen, um ihr zur Hilfe zu eilen, bis sie wahrgenommen hatte, wie sie Benjamin an sich heranzog und ihn leidenschaftlich geküsst hatte.
Sofort hatte sie sich wie eine Idiotin gefühlt.
Ihrer Ansicht nach, war Julie in ihrer Achtung gesunken, da sie der Meinung war,
das nur eine bestimmte Sorte von Frauen, auf solch Kerle wie Benjamin reinfielen.
Und dass sie kurz darauf sah, wie die beiden liebestrunken im Auto verschwanden, hatte sie in ihrer Meinung bestätigt.
Verächtlich schnaubend hatte sie sich dann abgewandt und ihr Mahl am Schreibtisch eingenommen.
Und nun lag sie da, ebenso rastlos wie die Flocken vor ihrem Fenster und dachte an nichts anderes mehr, als an die Vorstellung, wie sie sie küssen würde!
Tori89
HiddenNickname
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14.10.2006 10:30
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