Laterne im Schneesturm Teil 2
Kapitel 2
Verzerrt hörte Julie den Klang von Nora Jones Stimme an ihrem Ohr. „Sunrise, sunrise looks like Morning in your Eyes…” trällerte
es schmeichlerisch neben ihr, doch in ihren Ohren dröhnte es. Verwirrt hob sie den Kopf und blinzelte mühsam mit den Augen.
8.32 Uhr blinkten die grellroten Zahlen des Radioweckers fröhlich, aus dem es mittlerweile „Suprise, suprise…“ ertönte.
Stöhnend fasste sie an ihrem schmerzenden Kopf, während sie sich langsam im Bett aufsetzte.
„Guten Morgen meine Prinzessin!“ erfüllte Benjamins Stimme den Raum, der mit einem voll beladenen Frühstückstablett das Schlafzimmer betrat.
Erschöpft lehnte sie sich zurück. Nur vage erinnerte sie sich daran, dass sie zu Benjamin gefahren waren und die „Glas Wein am Kamin“ Sache durchgezogen hatten.
Nur wie viel Glas Wein das waren, das war ihr entfallen, aber die bohrenden Kopfschmerzen, sprachen Bände.
„Hier, nimm erst mal eine Aspirin!“ lachte er, als er ihren gequälten Gesichtsausdruck sah und reichte ihr das Glas.
Dankbar nahm sie es entgegen und leerte es in einem Zug.
„Und da ich weiß, das mein Liebling ohne einen Kaffee und einem ordentlichen Frühstück nicht ansprechbar ist…!“ Vorsichtig stellte er das Tablett auf dem Bett ab. „Ist Frühstück am Bett, nach solch einer aufregenden Nacht natürlich inklusive!“ fügte er schelmisch lächelnd hinzu und goss Kaffee in die bauchigen Tassen.
Benjamin, der schon frisch geduscht war und einen
weißen Frottebademantel trug, während ihre Wangen vom Schlaf
gerötet und ihr Haar zersaust war, ging mit den beiden Tassen
um das Bett herum, um sich neben ihr auf die Bettkante zu setzen. „Schwarz wie Nacht!“ sagte er und hielt ihr die duftende Flüssigkeit unter die Nase.
„Danke!“ sagte sie und lächelte verschlafen.
„Tut mir Leid, wenn der Wecker Dich geweckt hat!“ sagte
er entschuldigend. Er stellte seine Tasse ab und kroch neben
ihr unter die Bettdecke. „Viel lieber hätte ich das
persönlich übernommen!“ flüsterte er ihr mit lockender Stimme
ins Ohr und nahm ihr die Kaffeetasse aus der Hand.
Schwach protestierend, streckte sie die Hand nach dem Becher aus, doch Benjamin, der ihre Hand sofort ergriff, während er das
Gefäß neben sich auf den Nachttisch stellte, zog sie an sich.
„Weißt Du denn nicht, dass ich ohne Kaffee nicht ansprechbar bin!“ murmelte sie gespielt erbost. Qualvoll langsam wanderten
seine Fingerspitzen sanft an ihrem rechten Bein hoch, während er
sie hingebungsvoll anfing zu küssen. „Bei dem was wir jetzt tun, sprechen wir nicht!“ raunte er. Und als sie die Arme um ihn schlang und sie beide in die Kissen sanken, war das letzte was sie hörte, bevor sie in seinen Liebkosungen ertrank:
„Never something I could hide, when I see we made it through another day…”
Zischend landete das Spiegelei in der Pfanne.
Jennifer, die sich eine Schürze umgebunden hatte und mit
dem Pfannenwender in der Hand, vor dem Herd stand, fragte:
„Georgina wie viele Eier willst Du?“
Georgina, die sich hinter der Morgenzeitung verschanzt hatte, murmelte abwesend: „Danke, nur eins bitte!“
„Guten Morgen allerseits!“ rief Ben fröhlich, der in diesem Moment die Küche betrat.
„Mhhh, wie ich sehe, machst Du heute Pfannkuchen und Eier!“
stellte er vergnügt fest, während er seinen Arm um ihre Taille
legte und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte,
bevor er sich zu Georgina an den Tisch setzte.
„Du siehst übernächtigt aus Georgina!“ wandte er sich ihr zu.
„Ich hatte Probleme beim Einschlafen!“ kam es dumpf hinter
der Zeitung vor.
„Und Du hattest wohl keine Probleme beim Einschlafen, oder Liebling?“ fragte er scheinheilig, während er Georgina zur selben Zeit die Zeitung aus den Händen nahm. „Oder weshalb bist Du gestern
nach dem Du Dich von Julie verabschiedet hast, wie eine Furie nach oben gerannt und hast die Tür hinter dir zugeschlagen?“
Jennifer, die gerade Pfannkuchen auf den Tellern verteilte,
hielt für eine Sekunde inne, denn sie hatte das Gefühl,
als bohre sich seine Frage direkt in ihren Rücken.
Verlegen hörte sie Georgina husten.
„Bleib sitzen Georgina, deine Buchweizenpfannkuchen sind
gleich fertig!“ sagte sie deshalb und nahm die Pfanne vom Herd.
Ihn immer noch den Rücken zugewandt antwortete sie:
„Ich hatte gestern eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Benjamin und ich habe vor, nicht darüber zu sprechen!“
Sie unterstrich ihre jedes ihrer Worte, indem sie energisch die Eier auf die Teller klatschte.
Innerlich bis fünf zählend, strich sie sich danach ihre Schürze glatt, nahm das Frühstück in ihre beiden Hände und drehte sich,
nach Außen hin völlig gelassen, um.
„Hier ist euer Frühstück!“ zwitscherte sie fröhlich, während sie ihre Zähne zu einem Lächeln bleckte.
Georgina die sofort aufstand, um ihr behilflich zu sein, nahm ihren Teller mit einem „Dankeschön“ entgegen.
Ben, der sich von ihren Lächeln nicht einschüchtern ließ, griff
nach Messer und Gabel. Ungerührt fragte er: „Kann es sein,
das eure kleine Auseinandersetzung etwas mit Julie zu tun hatte“?
„Wie kommst Du den darauf Darling?“ antwortete sie liebenswürdig
und biss die Zähne zusammen.
„Na ja, vielleicht bist Du verstimmt darüber, das die beiden
wieder zusammen sind?“
Interessiert hielt Georgina mit dem Zerlegen des Pfannkuchens inne.
„Waren sie denn mal auseinander?“ fragte sie, tat im
selben Augenblick aber, als wenn sie das nicht
sonderlich interessiere.
Gemächlich lies Ben Ahornsirup auf seine Omeletts träufeln.
„Kurz vor ihrer Irlandreise hat sie sich von ihm getrennt!“ antwortete er und blickte zufrieden auf seine Kreation.
„Du weißt doch, wie Benjamin ist!“ entgegnete sie. Deswegen
müssen sie noch lange nicht wieder ein Paar sein!“ Nun…,
jedenfalls hoffte sie das!
„Wieso hat sie sich von ihm getrennt?“ rief Georgina dazwischen,
die sich auf die Zunge biss, weil sie Angst hatte, dass sie sich
allzu auffällig benahm.
Knapp antwortete Ben: „Weil er fremdgegangen ist!“
Erstaunt riss sie die Augen auf und blickte zu Jennifer rüber,
die allem Anschein nach seelenruhig ihr Frühstück verspeiste,
doch innerlich war sie zusammengezuckt, als Ben das
Wort „fremdgegangen“ erwähnt hatte.
„Und was würdest Du davon halten, wenn Du wüsstest, das es
die beiden miteinander im Auto getrieben haben!?“
„Musst Du dich so ausdrücken Ben?“ fragte Georgina und bedachte
ihn mit einem missbilligenden Blick.
„Iss weiter Georgina!“ entgegnete dieser unwirsch und sah
Jennifer derweil abwartend an.
Verzweiflung stieg in ihr hoch. Sie wusste, dass Benjamin
jederzeit in der Lage war, sie zu erpressen. Er hatte sie in
der Hand und das gab ihr täglich das Gefühl von Hilflosigkeit.
„Wenn das wirklich passiert ist, dann freue ich mich natürlich
für die beiden!“ antwortete sie äußerlich ruhig und lächelte.
Doch ihr Lächeln war unecht, denn sie wusste, dass es nur eine
Frage der Zeit war, bis Julie hinter Benjamins
schrecklichem Geheimnis kommen würde!
„Brauchst Du meine Hilfe bei der Zubereitung des Abendessens?“
Jennifer, die am Küchentisch über eine Zeitschrift gebeugt
war, blickte verdutzt zu ihr auf. „Aber Georgina! „Du weißt doch,
das wir am Samstagabend immer Essen gehen!“
„Ach ja!“ murmelte sie, während sie krampfhaft einen
„Plan B“ überlegte.
„Ist trotzdem lieb von Dir, das Du mir helfen wolltest!“
Sie klopfte mit der Hand auf den freien Stuhl neben sich.
„Setz Dich doch zu mir und leiste mir ein wenig Gesellschaft!“
Unsicher nahm er Platz.
„Und nun sagst Du mir, weswegen Du wirklich hier bist!“ grinste
sie und sah sie prüfend an.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. „Um Dir zu helfen, das sagte ich doch schon!“
Erheitert lachte Jennifer auf. „Ich kenne keinen Menschen,
der schlechter lügen kann als Du, denn seit wann leidest Du
an Gedächtnisschwund?“
Schuldbewusst blickte sie auf ihre gefalteten Hände. „Nun ja...“
fing sie an und räusperte sich. „Das Verhalten von Benjamin gibt
mir ein Rätsel auf!“
„Wieso?“ horchte Jennifer auf und sah Georgina argwöhnisch an.
„Es ist mir ein Rätsel, wie…“ zögernd hielt sie inne. War es
wirklich klug von ihr, ihre Verwirrung auszusprechen?
Anderseits… überlegte sie. Musste sie der Sache auf den Grund gehen!
Sichtlich nervös sah Jennifer sie an.
„Es ist mir ein Rätsel, wie er eine Frau, wie Julie
betrügen konnte!“ platzte es aus ihr heraus.
Große Erleichterung machte sich auf Jennifers Gesicht breit.
„Ach das meinst Du!“ sagte sie und atmete aus.
Langsam entspannte Jennifer sich. „Aus denselben Grund,
warum Du nichts mit ihr anfangen könntest!“
Schnell nickte sie bejahend bevor sie daran denken würde, was sie
denn alles mit ihr anfangen könnte!
„Julie hat damals bis zu 16 Std. am Tag gearbeitet und das hat
sie nicht getan, weil sie eine Workaholikerin ist, sondern weil
sie ein gutes Herz hat und wirklich helfen wollte!“ erzählte sie, während sie aufstand um Wasser in den Teekessel zu füllen.
„Bei diesem Arbeitspensum…“ fuhr sie fort „Hätte sie eigentlich überhaupt keine Zeit für eine Beziehung gehabt, doch aus einem mir nicht bekannten Grund, war sie richtig in Benjamin verliebt gewesen. Also hat sie anstatt zu schlafen oder sich auszuruhen, jede Minute ihrer Freizeit mit Benjamin verbracht! Das blieb natürlich nicht ohne Folgen!“ berichtete sie und nahm zwei Tassen aus den Küchenschrank. „Eines Nachmittags hatte sie während der Arbeit einen Schwächeanfall und eine Diagnose musste man ihr gar nicht erst stellen, den es war offensichtlich gewesen, das Julie total ausgebrannt war!“ Jennifer bückte sich und kramte in dem Schubfach unter sich nach der gewünschten Teesorte.
Sie schluckte, denn die Geschichte hatte sie mit einer Woge, nicht zu definierbaren Gefühlen überschwemmt.
„Als sie dann vor der Entscheidung stand: „So weitermachen wie bisher oder die Beziehung aufgeben…“ informierte sie ihn, während sie Kekse aus der Dose nahm. „Hat sie ihre gutbezahlte, feste Anstellung gekündigt, um sie gegen eine eigene Praxis und einer Heirat mit Benjamin einzutauschen!“
Anteilnehmend biss sie sich auf die Unterlippe, da sie sich denken konnte, wie die Sache ausgehen würde.
„Doch da Benjamin nie etwas genug war, nicht mal Julie… Hatte er die ganze Zeit neben ihr noch eine Affäre. Sie erfuhr es per Zufall eine Woche, nach ihrer Kündigung und da hatte er schon den Auftrag, für sie eine Praxis zu suchen!“
Fassungslos fragte sie: „Und wie konntet ihr ihn dann zur Willkommensparty einladen und…“
„Weil er immer noch Bens und Mikes Freund ist!“ unterbrach sie ihn scharf. Beschwörend sah sie ihn an. „Deswegen sind wir freundlich zu ihm und das wird auch so bleiben, hörst Du Georgina?!“ Ihre Stimme bekam einen drohenden Unterton.
„Ich kann euer Verhalten zwar nicht verstehen!“ ergeben seufzte sie.
Aber gut…, ich werde mich Dir zuliebe in seiner Gegenwart zusammenreißen!“
„Wofür ich Dir wirklich dankbar bin!“ sagte sie versöhnlich und nahm den pfeifenden Wasserkessel von der Herdplatte.
„Was ich aber noch weniger verstehen kann…“ brachte sie das Thema zum Abschluss. „Wieso ist sie wieder mit ihm zusammen?“
Lachend stellte Jennifer die Teetassen auf den Tisch.
„Das…“ sagte sie und schob Georgina die Schale mit den Keksen zu. „Kannst Du sie heute Abend persönlich fragen!“
Stimmengewirr, das mit leisem Pianoklang verschmolz, schlug Julie entgegen, als sie das Restaurant betrat und ein dicker Polsterteppich ihre Schritte verschluckten, als der Kellner sie zum Tisch geleitete. Sie liebte dieses Restaurant, weil es durch seinen altmodischen Flair, der Eleganz der 20èr Jahre und durch eine Art Pariser Romantik, in ihr jedes Mal das Gefühl, träumerischer Sehnsucht erweckte. Fröhlich winkte Jennifer ihr zu, die in der Hand ein Glas Rotwein hielt.
Ben der sie ebenfalls erblickte stand auf. „Wir dachten schon,
Du bist in einen Schneesturm geraten!“ scherzte er, während er ihr aus dem Mantel half.
„Ihr wisst doch, dass ich nicht mehr im großen Stil dinieren kann, jetzt wo ich doch praktisch arbeitslos bin!“ gab sie Ben lachend kontra, der ihr den Sitzplatz zurechtrückte.
„Keine Sorge Julie Babe!“ gab er großzügig kund. „Heute geht die Rechnung auf mich!“
„Nicht das Du meinetwegen auch noch am Hungertuch nagen musst!“
neckte sie ihn, während sie ihren Arm hob und ihn leicht die Wange tätschelte.
„Hört auf ihr zwei!“ fuhr Jennifer dazwischen und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Lasst uns lieber einen Blick in die Speisekarte werfen!“ schlug sie vor, und griff danach.
„Warten wir doch noch einen Augenblick auf Georgina!“ bat er sie, wobei er gleichzeitig seine Hand auf die Karte legte.
Besorgt fragte Julie, die ihr ablehnendes Verhalten noch gut in Erinnerung hatte. „Weiß sie denn, dass ich am Essen teilnehme?“
„Natürlich weiß sie das und… oh da ist sie ja schon!“
Sie sahen wie der Kellner mit einer ausholenden Bewegung, auf ihren Tisch deutete. Unmerklich rutschte Julie, die mit den Rücken zur Tür saß, ein Stückchen tiefer in den gepolsterten Sessel, bis sie fast darin versank.
„Tut mir leid für die kleine Verspätung, aber ich konnte auf Anhieb keinen Parkplatz finden!“ hörte sie sie sich entschuldigen.
Georgina die ablegte und direkt hinter ihr stand, bemerkte sie nicht.
„Du siehst ja richtig attraktiv in einem Abendkleid aus!“ kam es bewundernd aus Jennifers Mund. Verlegen sah Georgina auf sich herab.
„Da sieht man mal wieder, dass Kleider Leute machen!“ bestätigte Ben anerkennend nickend und forderte Georgina mit einer Geste auf, sich zu setzen. „Und wie findet das Fräulein Ärztin sie?“ fragte Ben grinsend und sah zu ihr rüber.
Erschrocken drehte Georgina ihren Kopf nach rechts und bemerkte dass sie die ganze Zeit dort gesessen hatte. Mit erröteten Wangen setzte sie sich umständlich auf. Bens Frage ignorierend, begrüßte sie sie. „Guten Abend Georgina!“ sagte sie förmlich und reichte ihr übertrieben geziert die Hand.
Irritiert über ihr affektiertes Verhalten nahm Georgina Platz, wobei sie ihren Blick nicht von ihr abwandte.
Ärgerlich über sich selbst, biss sie sich auf die Zunge, da sie wusste, dass sie ihr mit ihrem Benehmen den Eindruck von Arroganz vermittelt hatte.
„Jetzt wo alle anwesend sind, können wir ja endlich bestellen!“ sagte Jennifer, die so tat, als wenn sie die Spannung zwischen Julie und Georgina nicht bemerkte, die sich wie Motten vom Licht magisch angezogen fühlten, ohne zu ahnen, das es sie verbrennen würde.
Dankbar ergriff sie eine der Speisekarten, um hochkonzentriert ihre Aufmerksamkeit der Speiseauswahl zu widmen, was in Wahrheit aber nur ein Vorwand war, um sich selbst einen Moment der Zurückgezogenheit vorzutäuschen, welcher ihr genug Zeit verschaffen würde,
um innerlich die Fassung wiederzugewinnen.
„Ein wirklich stilvolles Etablissement habt ihr hier ausgewählt!“ sagte Georgina, die einen kurzen Blick auf die Preise geworfen hatte und schnell ihre Wahl getroffen hatte, nämlich das erschwinglichste Gericht zu bestellen. Sorgfältig blickte sie um sich. Leise hörte sie das Knacken der Holzscheite im Kaminfeuer, die neben den Kerzen, die an den Wänden und Tischen platziert waren, eine festliche Aura beschworen, was das kleine Kammerorchester, das im Hintergrund dezent einen Walzer spielte, noch verstärkte. „Es ist fast so, als wenn man hier in eine andere Zeit versetzt würde!“ sagte sie schließlich und blickte zu Julie rüber, die allem Anschein nach, noch in der Speisekarte vertieft war.
„Das sagt Julie auch immer!“ lachte Jennifer während sie diese leicht am Ärmel zupfte.
„Wie bitte?“ frage sie blinzelnd und klappte die Karte zu.
„Du sagst doch immer, das jedes Mal wenn Du dieses Restaurant betrittst, dir all Deine Träume und Sehnsüchte die Du hattest oder hast, wieder ins Gedächtnis gerufen werden und Du mit Absicht immer ein Glas Wein mehr trinkst, nur um Dich nicht wie eine unreife 20-jährige zu fühlen!“
„So habe ich das bestimmt nicht gesagt!“ lachte sie verlegen, während sie Haar nach hinten strich. „Das klingt ja beinahe so, als wenn ich mich hier jedes Mal betrinken würde!“
„Was ist falsch daran, Träume und Wünsche zu haben?“ fragte Georgina sie, die sie, wie sie bemerkte zum ersten Mal richtig ansah.
„Gar nichts ist falsch daran!“ Angespannt nestelte sie an der Tischdecke herum. „Nur bei dem ganzen Alltagsstress den man jeden Tag hat, kommen sie hier einem plötzlich so unwirklich und albern vor! So als wenn die Wünsche die man hat, für ein anderes Leben und eine andere Zeit gelten würden, nur nicht für die Realität die dort draußen auf einen wartet!“ Bei den letzten Worten, die sie aussprach, hatte ihre Stimme einen wehmütigen Klang bekommen.
„Vielleicht ist das einzig irreale, sich deswegen albern zu fühlen,
denn es gibt Menschen die haben ihre Träume längst verloren und würden alles dafür geben, sich noch einmal 20 –jährig zu fühlen!“
Aufmerksam sah sie sie an. „Sie eingeschlossen?“
„Sagen wir mal so…“ sagte sie langsam und räusperte sich. „Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich heute keinen einzigen Tropfen Alkohol trinken!“
Verzerrt hörte Julie den Klang von Nora Jones Stimme an ihrem Ohr. „Sunrise, sunrise looks like Morning in your Eyes…” trällerte
es schmeichlerisch neben ihr, doch in ihren Ohren dröhnte es. Verwirrt hob sie den Kopf und blinzelte mühsam mit den Augen.
8.32 Uhr blinkten die grellroten Zahlen des Radioweckers fröhlich, aus dem es mittlerweile „Suprise, suprise…“ ertönte.
Stöhnend fasste sie an ihrem schmerzenden Kopf, während sie sich langsam im Bett aufsetzte.
„Guten Morgen meine Prinzessin!“ erfüllte Benjamins Stimme den Raum, der mit einem voll beladenen Frühstückstablett das Schlafzimmer betrat.
Erschöpft lehnte sie sich zurück. Nur vage erinnerte sie sich daran, dass sie zu Benjamin gefahren waren und die „Glas Wein am Kamin“ Sache durchgezogen hatten.
Nur wie viel Glas Wein das waren, das war ihr entfallen, aber die bohrenden Kopfschmerzen, sprachen Bände.
„Hier, nimm erst mal eine Aspirin!“ lachte er, als er ihren gequälten Gesichtsausdruck sah und reichte ihr das Glas.
Dankbar nahm sie es entgegen und leerte es in einem Zug.
„Und da ich weiß, das mein Liebling ohne einen Kaffee und einem ordentlichen Frühstück nicht ansprechbar ist…!“ Vorsichtig stellte er das Tablett auf dem Bett ab. „Ist Frühstück am Bett, nach solch einer aufregenden Nacht natürlich inklusive!“ fügte er schelmisch lächelnd hinzu und goss Kaffee in die bauchigen Tassen.
Benjamin, der schon frisch geduscht war und einen
weißen Frottebademantel trug, während ihre Wangen vom Schlaf
gerötet und ihr Haar zersaust war, ging mit den beiden Tassen
um das Bett herum, um sich neben ihr auf die Bettkante zu setzen. „Schwarz wie Nacht!“ sagte er und hielt ihr die duftende Flüssigkeit unter die Nase.
„Danke!“ sagte sie und lächelte verschlafen.
„Tut mir Leid, wenn der Wecker Dich geweckt hat!“ sagte
er entschuldigend. Er stellte seine Tasse ab und kroch neben
ihr unter die Bettdecke. „Viel lieber hätte ich das
persönlich übernommen!“ flüsterte er ihr mit lockender Stimme
ins Ohr und nahm ihr die Kaffeetasse aus der Hand.
Schwach protestierend, streckte sie die Hand nach dem Becher aus, doch Benjamin, der ihre Hand sofort ergriff, während er das
Gefäß neben sich auf den Nachttisch stellte, zog sie an sich.
„Weißt Du denn nicht, dass ich ohne Kaffee nicht ansprechbar bin!“ murmelte sie gespielt erbost. Qualvoll langsam wanderten
seine Fingerspitzen sanft an ihrem rechten Bein hoch, während er
sie hingebungsvoll anfing zu küssen. „Bei dem was wir jetzt tun, sprechen wir nicht!“ raunte er. Und als sie die Arme um ihn schlang und sie beide in die Kissen sanken, war das letzte was sie hörte, bevor sie in seinen Liebkosungen ertrank:
„Never something I could hide, when I see we made it through another day…”
Zischend landete das Spiegelei in der Pfanne.
Jennifer, die sich eine Schürze umgebunden hatte und mit
dem Pfannenwender in der Hand, vor dem Herd stand, fragte:
„Georgina wie viele Eier willst Du?“
Georgina, die sich hinter der Morgenzeitung verschanzt hatte, murmelte abwesend: „Danke, nur eins bitte!“
„Guten Morgen allerseits!“ rief Ben fröhlich, der in diesem Moment die Küche betrat.
„Mhhh, wie ich sehe, machst Du heute Pfannkuchen und Eier!“
stellte er vergnügt fest, während er seinen Arm um ihre Taille
legte und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte,
bevor er sich zu Georgina an den Tisch setzte.
„Du siehst übernächtigt aus Georgina!“ wandte er sich ihr zu.
„Ich hatte Probleme beim Einschlafen!“ kam es dumpf hinter
der Zeitung vor.
„Und Du hattest wohl keine Probleme beim Einschlafen, oder Liebling?“ fragte er scheinheilig, während er Georgina zur selben Zeit die Zeitung aus den Händen nahm. „Oder weshalb bist Du gestern
nach dem Du Dich von Julie verabschiedet hast, wie eine Furie nach oben gerannt und hast die Tür hinter dir zugeschlagen?“
Jennifer, die gerade Pfannkuchen auf den Tellern verteilte,
hielt für eine Sekunde inne, denn sie hatte das Gefühl,
als bohre sich seine Frage direkt in ihren Rücken.
Verlegen hörte sie Georgina husten.
„Bleib sitzen Georgina, deine Buchweizenpfannkuchen sind
gleich fertig!“ sagte sie deshalb und nahm die Pfanne vom Herd.
Ihn immer noch den Rücken zugewandt antwortete sie:
„Ich hatte gestern eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Benjamin und ich habe vor, nicht darüber zu sprechen!“
Sie unterstrich ihre jedes ihrer Worte, indem sie energisch die Eier auf die Teller klatschte.
Innerlich bis fünf zählend, strich sie sich danach ihre Schürze glatt, nahm das Frühstück in ihre beiden Hände und drehte sich,
nach Außen hin völlig gelassen, um.
„Hier ist euer Frühstück!“ zwitscherte sie fröhlich, während sie ihre Zähne zu einem Lächeln bleckte.
Georgina die sofort aufstand, um ihr behilflich zu sein, nahm ihren Teller mit einem „Dankeschön“ entgegen.
Ben, der sich von ihren Lächeln nicht einschüchtern ließ, griff
nach Messer und Gabel. Ungerührt fragte er: „Kann es sein,
das eure kleine Auseinandersetzung etwas mit Julie zu tun hatte“?
„Wie kommst Du den darauf Darling?“ antwortete sie liebenswürdig
und biss die Zähne zusammen.
„Na ja, vielleicht bist Du verstimmt darüber, das die beiden
wieder zusammen sind?“
Interessiert hielt Georgina mit dem Zerlegen des Pfannkuchens inne.
„Waren sie denn mal auseinander?“ fragte sie, tat im
selben Augenblick aber, als wenn sie das nicht
sonderlich interessiere.
Gemächlich lies Ben Ahornsirup auf seine Omeletts träufeln.
„Kurz vor ihrer Irlandreise hat sie sich von ihm getrennt!“ antwortete er und blickte zufrieden auf seine Kreation.
„Du weißt doch, wie Benjamin ist!“ entgegnete sie. Deswegen
müssen sie noch lange nicht wieder ein Paar sein!“ Nun…,
jedenfalls hoffte sie das!
„Wieso hat sie sich von ihm getrennt?“ rief Georgina dazwischen,
die sich auf die Zunge biss, weil sie Angst hatte, dass sie sich
allzu auffällig benahm.
Knapp antwortete Ben: „Weil er fremdgegangen ist!“
Erstaunt riss sie die Augen auf und blickte zu Jennifer rüber,
die allem Anschein nach seelenruhig ihr Frühstück verspeiste,
doch innerlich war sie zusammengezuckt, als Ben das
Wort „fremdgegangen“ erwähnt hatte.
„Und was würdest Du davon halten, wenn Du wüsstest, das es
die beiden miteinander im Auto getrieben haben!?“
„Musst Du dich so ausdrücken Ben?“ fragte Georgina und bedachte
ihn mit einem missbilligenden Blick.
„Iss weiter Georgina!“ entgegnete dieser unwirsch und sah
Jennifer derweil abwartend an.
Verzweiflung stieg in ihr hoch. Sie wusste, dass Benjamin
jederzeit in der Lage war, sie zu erpressen. Er hatte sie in
der Hand und das gab ihr täglich das Gefühl von Hilflosigkeit.
„Wenn das wirklich passiert ist, dann freue ich mich natürlich
für die beiden!“ antwortete sie äußerlich ruhig und lächelte.
Doch ihr Lächeln war unecht, denn sie wusste, dass es nur eine
Frage der Zeit war, bis Julie hinter Benjamins
schrecklichem Geheimnis kommen würde!
„Brauchst Du meine Hilfe bei der Zubereitung des Abendessens?“
Jennifer, die am Küchentisch über eine Zeitschrift gebeugt
war, blickte verdutzt zu ihr auf. „Aber Georgina! „Du weißt doch,
das wir am Samstagabend immer Essen gehen!“
„Ach ja!“ murmelte sie, während sie krampfhaft einen
„Plan B“ überlegte.
„Ist trotzdem lieb von Dir, das Du mir helfen wolltest!“
Sie klopfte mit der Hand auf den freien Stuhl neben sich.
„Setz Dich doch zu mir und leiste mir ein wenig Gesellschaft!“
Unsicher nahm er Platz.
„Und nun sagst Du mir, weswegen Du wirklich hier bist!“ grinste
sie und sah sie prüfend an.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. „Um Dir zu helfen, das sagte ich doch schon!“
Erheitert lachte Jennifer auf. „Ich kenne keinen Menschen,
der schlechter lügen kann als Du, denn seit wann leidest Du
an Gedächtnisschwund?“
Schuldbewusst blickte sie auf ihre gefalteten Hände. „Nun ja...“
fing sie an und räusperte sich. „Das Verhalten von Benjamin gibt
mir ein Rätsel auf!“
„Wieso?“ horchte Jennifer auf und sah Georgina argwöhnisch an.
„Es ist mir ein Rätsel, wie…“ zögernd hielt sie inne. War es
wirklich klug von ihr, ihre Verwirrung auszusprechen?
Anderseits… überlegte sie. Musste sie der Sache auf den Grund gehen!
Sichtlich nervös sah Jennifer sie an.
„Es ist mir ein Rätsel, wie er eine Frau, wie Julie
betrügen konnte!“ platzte es aus ihr heraus.
Große Erleichterung machte sich auf Jennifers Gesicht breit.
„Ach das meinst Du!“ sagte sie und atmete aus.
Langsam entspannte Jennifer sich. „Aus denselben Grund,
warum Du nichts mit ihr anfangen könntest!“
Schnell nickte sie bejahend bevor sie daran denken würde, was sie
denn alles mit ihr anfangen könnte!
„Julie hat damals bis zu 16 Std. am Tag gearbeitet und das hat
sie nicht getan, weil sie eine Workaholikerin ist, sondern weil
sie ein gutes Herz hat und wirklich helfen wollte!“ erzählte sie, während sie aufstand um Wasser in den Teekessel zu füllen.
„Bei diesem Arbeitspensum…“ fuhr sie fort „Hätte sie eigentlich überhaupt keine Zeit für eine Beziehung gehabt, doch aus einem mir nicht bekannten Grund, war sie richtig in Benjamin verliebt gewesen. Also hat sie anstatt zu schlafen oder sich auszuruhen, jede Minute ihrer Freizeit mit Benjamin verbracht! Das blieb natürlich nicht ohne Folgen!“ berichtete sie und nahm zwei Tassen aus den Küchenschrank. „Eines Nachmittags hatte sie während der Arbeit einen Schwächeanfall und eine Diagnose musste man ihr gar nicht erst stellen, den es war offensichtlich gewesen, das Julie total ausgebrannt war!“ Jennifer bückte sich und kramte in dem Schubfach unter sich nach der gewünschten Teesorte.
Sie schluckte, denn die Geschichte hatte sie mit einer Woge, nicht zu definierbaren Gefühlen überschwemmt.
„Als sie dann vor der Entscheidung stand: „So weitermachen wie bisher oder die Beziehung aufgeben…“ informierte sie ihn, während sie Kekse aus der Dose nahm. „Hat sie ihre gutbezahlte, feste Anstellung gekündigt, um sie gegen eine eigene Praxis und einer Heirat mit Benjamin einzutauschen!“
Anteilnehmend biss sie sich auf die Unterlippe, da sie sich denken konnte, wie die Sache ausgehen würde.
„Doch da Benjamin nie etwas genug war, nicht mal Julie… Hatte er die ganze Zeit neben ihr noch eine Affäre. Sie erfuhr es per Zufall eine Woche, nach ihrer Kündigung und da hatte er schon den Auftrag, für sie eine Praxis zu suchen!“
Fassungslos fragte sie: „Und wie konntet ihr ihn dann zur Willkommensparty einladen und…“
„Weil er immer noch Bens und Mikes Freund ist!“ unterbrach sie ihn scharf. Beschwörend sah sie ihn an. „Deswegen sind wir freundlich zu ihm und das wird auch so bleiben, hörst Du Georgina?!“ Ihre Stimme bekam einen drohenden Unterton.
„Ich kann euer Verhalten zwar nicht verstehen!“ ergeben seufzte sie.
Aber gut…, ich werde mich Dir zuliebe in seiner Gegenwart zusammenreißen!“
„Wofür ich Dir wirklich dankbar bin!“ sagte sie versöhnlich und nahm den pfeifenden Wasserkessel von der Herdplatte.
„Was ich aber noch weniger verstehen kann…“ brachte sie das Thema zum Abschluss. „Wieso ist sie wieder mit ihm zusammen?“
Lachend stellte Jennifer die Teetassen auf den Tisch.
„Das…“ sagte sie und schob Georgina die Schale mit den Keksen zu. „Kannst Du sie heute Abend persönlich fragen!“
Stimmengewirr, das mit leisem Pianoklang verschmolz, schlug Julie entgegen, als sie das Restaurant betrat und ein dicker Polsterteppich ihre Schritte verschluckten, als der Kellner sie zum Tisch geleitete. Sie liebte dieses Restaurant, weil es durch seinen altmodischen Flair, der Eleganz der 20èr Jahre und durch eine Art Pariser Romantik, in ihr jedes Mal das Gefühl, träumerischer Sehnsucht erweckte. Fröhlich winkte Jennifer ihr zu, die in der Hand ein Glas Rotwein hielt.
Ben der sie ebenfalls erblickte stand auf. „Wir dachten schon,
Du bist in einen Schneesturm geraten!“ scherzte er, während er ihr aus dem Mantel half.
„Ihr wisst doch, dass ich nicht mehr im großen Stil dinieren kann, jetzt wo ich doch praktisch arbeitslos bin!“ gab sie Ben lachend kontra, der ihr den Sitzplatz zurechtrückte.
„Keine Sorge Julie Babe!“ gab er großzügig kund. „Heute geht die Rechnung auf mich!“
„Nicht das Du meinetwegen auch noch am Hungertuch nagen musst!“
neckte sie ihn, während sie ihren Arm hob und ihn leicht die Wange tätschelte.
„Hört auf ihr zwei!“ fuhr Jennifer dazwischen und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Lasst uns lieber einen Blick in die Speisekarte werfen!“ schlug sie vor, und griff danach.
„Warten wir doch noch einen Augenblick auf Georgina!“ bat er sie, wobei er gleichzeitig seine Hand auf die Karte legte.
Besorgt fragte Julie, die ihr ablehnendes Verhalten noch gut in Erinnerung hatte. „Weiß sie denn, dass ich am Essen teilnehme?“
„Natürlich weiß sie das und… oh da ist sie ja schon!“
Sie sahen wie der Kellner mit einer ausholenden Bewegung, auf ihren Tisch deutete. Unmerklich rutschte Julie, die mit den Rücken zur Tür saß, ein Stückchen tiefer in den gepolsterten Sessel, bis sie fast darin versank.
„Tut mir leid für die kleine Verspätung, aber ich konnte auf Anhieb keinen Parkplatz finden!“ hörte sie sie sich entschuldigen.
Georgina die ablegte und direkt hinter ihr stand, bemerkte sie nicht.
„Du siehst ja richtig attraktiv in einem Abendkleid aus!“ kam es bewundernd aus Jennifers Mund. Verlegen sah Georgina auf sich herab.
„Da sieht man mal wieder, dass Kleider Leute machen!“ bestätigte Ben anerkennend nickend und forderte Georgina mit einer Geste auf, sich zu setzen. „Und wie findet das Fräulein Ärztin sie?“ fragte Ben grinsend und sah zu ihr rüber.
Erschrocken drehte Georgina ihren Kopf nach rechts und bemerkte dass sie die ganze Zeit dort gesessen hatte. Mit erröteten Wangen setzte sie sich umständlich auf. Bens Frage ignorierend, begrüßte sie sie. „Guten Abend Georgina!“ sagte sie förmlich und reichte ihr übertrieben geziert die Hand.
Irritiert über ihr affektiertes Verhalten nahm Georgina Platz, wobei sie ihren Blick nicht von ihr abwandte.
Ärgerlich über sich selbst, biss sie sich auf die Zunge, da sie wusste, dass sie ihr mit ihrem Benehmen den Eindruck von Arroganz vermittelt hatte.
„Jetzt wo alle anwesend sind, können wir ja endlich bestellen!“ sagte Jennifer, die so tat, als wenn sie die Spannung zwischen Julie und Georgina nicht bemerkte, die sich wie Motten vom Licht magisch angezogen fühlten, ohne zu ahnen, das es sie verbrennen würde.
Dankbar ergriff sie eine der Speisekarten, um hochkonzentriert ihre Aufmerksamkeit der Speiseauswahl zu widmen, was in Wahrheit aber nur ein Vorwand war, um sich selbst einen Moment der Zurückgezogenheit vorzutäuschen, welcher ihr genug Zeit verschaffen würde,
um innerlich die Fassung wiederzugewinnen.
„Ein wirklich stilvolles Etablissement habt ihr hier ausgewählt!“ sagte Georgina, die einen kurzen Blick auf die Preise geworfen hatte und schnell ihre Wahl getroffen hatte, nämlich das erschwinglichste Gericht zu bestellen. Sorgfältig blickte sie um sich. Leise hörte sie das Knacken der Holzscheite im Kaminfeuer, die neben den Kerzen, die an den Wänden und Tischen platziert waren, eine festliche Aura beschworen, was das kleine Kammerorchester, das im Hintergrund dezent einen Walzer spielte, noch verstärkte. „Es ist fast so, als wenn man hier in eine andere Zeit versetzt würde!“ sagte sie schließlich und blickte zu Julie rüber, die allem Anschein nach, noch in der Speisekarte vertieft war.
„Das sagt Julie auch immer!“ lachte Jennifer während sie diese leicht am Ärmel zupfte.
„Wie bitte?“ frage sie blinzelnd und klappte die Karte zu.
„Du sagst doch immer, das jedes Mal wenn Du dieses Restaurant betrittst, dir all Deine Träume und Sehnsüchte die Du hattest oder hast, wieder ins Gedächtnis gerufen werden und Du mit Absicht immer ein Glas Wein mehr trinkst, nur um Dich nicht wie eine unreife 20-jährige zu fühlen!“
„So habe ich das bestimmt nicht gesagt!“ lachte sie verlegen, während sie Haar nach hinten strich. „Das klingt ja beinahe so, als wenn ich mich hier jedes Mal betrinken würde!“
„Was ist falsch daran, Träume und Wünsche zu haben?“ fragte Georgina sie, die sie, wie sie bemerkte zum ersten Mal richtig ansah.
„Gar nichts ist falsch daran!“ Angespannt nestelte sie an der Tischdecke herum. „Nur bei dem ganzen Alltagsstress den man jeden Tag hat, kommen sie hier einem plötzlich so unwirklich und albern vor! So als wenn die Wünsche die man hat, für ein anderes Leben und eine andere Zeit gelten würden, nur nicht für die Realität die dort draußen auf einen wartet!“ Bei den letzten Worten, die sie aussprach, hatte ihre Stimme einen wehmütigen Klang bekommen.
„Vielleicht ist das einzig irreale, sich deswegen albern zu fühlen,
denn es gibt Menschen die haben ihre Träume längst verloren und würden alles dafür geben, sich noch einmal 20 –jährig zu fühlen!“
Aufmerksam sah sie sie an. „Sie eingeschlossen?“
„Sagen wir mal so…“ sagte sie langsam und räusperte sich. „Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich heute keinen einzigen Tropfen Alkohol trinken!“