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Menschliche Nackheit in den Medien

19.10.2012 16:03
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Weibliche Nacktheit ist der Normalfall, männliche hingegen nicht. Warum ist das so?

Welche Frau nicht mit einem Mann zusammen ist, bekommt selten einen Penis zu Gesicht. Penisse lassen sich in der Öffentlichkeit kaum blicken. Sie leben zurückgezogen unter Ihresgleichen, zeigen sich, was man so hört, freimütig nur auf Herrentoiletten und in Umkleidekabinen von Sportvereinen. Eine Frau kann in Biologiebüchern blättern, sie kann sich Pornos anschauen, in denen sie Penisse in ungeahnten Dimensionen sieht. Im Museum, z. B. in der Glyptothek München, kann sie tausende Jahre alte Geschlechtsteile aus Stein betrachten. Sie kann auf Plakaten für Herrenunterwäsche irgendwo in dem weichen Päckchen zwischen trainierten Schenkeln einen Penis vermuten. Aber Bilder von echten, zeitgenössischen Penissen aus Fleisch und Blut, nicht pornografisch, nicht abstrahiert, nicht medizinisch, sind schwer zu finden. Es gibt keine Bilder von nackten Männern, auf denen Nacktheit etwas erzählt, ein Ausdruck ist von Intimität, von Verletzlichkeit oder von Schönheit.

Männer dürfen heute Kinder erziehen, ihre Tage haben, eine Lieblingsfarbe haben und öffentlich weinen. Es gibt für sie Bio-Intimwaschlotionen und dergl.. Die Männer heutzutage tragen die obersten Hemdknöpfe geöffnet und zeigen damit ihre sekundären Geschlechtsmerkmale: Bart- und Brusthaare und in hochgekrempelten Hosen ihre nackten Fesseln, unrasiert oder rasiert. Es gibt Männer, die das Urteil des Landgerichts Köln begrüßen, das die Beschneidung kleiner Jungen als Körperverletzung einstuft. Sie meinen, man solle seine Vorhaut, eine Körperregion mit 73 m Nervenfasern und 20.000 Nervenendungen, nicht dem kulturellen Überbau opfern müssen. All das deutet darauf hin, dass der Mann von heute einen entspannten, unideologischen Umgang mit seinem Geschlechtsteil pflegt. Doch zu sehen bekommen wir den Penis nicht.

Warum ist das so? Warum spielen Nacktbilder von Männern keine Rolle? Kann männliche Nacktheit im Gegensatz zur weiblichen nichts erzählen? Können wir darauf verzichten, oder entgeht uns, Frauen wie Männern, etwas?

Frauen, so scheint es, muss man nicht lange bitten. Sie ziehen sich aus, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet. Ein Anruf genügt, z. B. vom örtlichen Fotoladen, der sein Schaufenster dekorieren will, schon zeigen sie alles, was sie haben. In Galerien, in Magazinen, auf Blogs, ob Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Models, Sportlerinnen, Moderatorinnen, Fotografinnen oder Ottonormalverbraucherin, ob jung oder alt, dumm oder klug, hübsch oder nicht, alle zeigen sich nackt. Ich auch, aber nur am FKK-Strand.

Bevor der Fotoapparat erfunden wurde, ließen Frauen sich nackt in Öl oder Wasserfarbe malen. Die Guerilla Girls, eine New Yorker Feministinnengruppe, die seit den achtziger Jahren in Gorillakostümen auftritt, zählten im Metropolitan Museum of Modern Art nach: 83 % der Nackten sind Frauen und nur 3 % der ausstellenden Künstler.

Das erste Kulturgut, das Menschen fertigten, der erste Gegenstand, der keinem Nutzen dienen musste, sondern unterhaltend, interessant und dekorativ war, entstand 25.000 Jahre vor Christus und stellt eine nackte Frau dar, und zwar die Venus von Willendorf. Eine kleine Kalksteinskulptur, dick und ohne Gesicht, dafür aber mit kunstfertig geschnitzten Geschlechtsmerkmalen, heute zu bewundern im Naturhistorischen Museum in Wien.

Spätestens seit der sexuellen Revolution sind Fotos von weiblicher Nacktheit und vor allem weiblicher Halbnacktheit, oben ohne, unten etwas Knappes oder nix, alltäglich. Die Normalität in der Medienbilderwelt sieht so aus: Frauen zeigen ihre Brüste oder gar alles, Männer zeigen ihren Dreitagebart.

Ist das so?


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