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Moralischer Konflikt: Wohnung kaufen oder nic

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13.08.2019 23:35
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Hallo ihr Lieben,

also ich bin in einem moralischen Konflikt und bräuchte euren Rat: Ich lebe in Berlin, ich wohne gerade in einer Wohngemeinschaft, könnte es mir aber leisten, mir eine Wohnung zu kaufen.

Allerdings: Eigentlich bin ich eine in die Jahre gekommene linke Socke und gegen Eigentum (klingt jetzt sehr pauschal, will aber auch nicht zu weit ausholen) und finde, es sollte eigentlich nur landeseigene Wohnungsbaugenossenschaften geben. Davon gibts aber viel zu wenig, denn die Berliner Wohnungsmarktpolitik ist furchtbar. Und genau aus letzterem Grund denke ich nun über einen Kauf nach. Ich mag aus verschiedenen Gründen gerade und in der Zukunft einfach nicht mehr in einer klassischen WG wohnen. Andererseits ist es derzeit echt richtig schwer, eine Wohnung zur Miete in Berlin zu finden und dann kann ich mir auch nicht sicher sein, dass ich nicht gekündigt werde, wg Eigenbedarf oder dass irgendwas an der Whg gemacht wird, was ich nicht möchte oder dass der/die Eigentümer*in mies ist (tatsächlich alles schon passiert). Und irgendwann mag ich schlichtweg auch etwas Sicherheit im Leben haben.

Ich wälze das gerade immer in meinem Kopf hin- und her und komme da nicht so recht zu einem Schluss. Vermutlich läge es an dem "Wie": Ich will z.B. nicht, dass jmd. rausgeworfen werden müsste oder schon wurde, weil ich eine Whg kaufe und nun einziehen möchte. Aber nun würde ich gern erst mal eure Meinungen hören. Es wäre schön, wenn ihr dabei sachlich bleibt und alle lieb zueinander sind

Lieben Dank euch schon mal für euer Meinungsbild!
Karla



14.08.2019 08:54
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Ein Konflikt, der durch das Spannungsfeld, das sich zwischen Werten/Selbstbild (So bin ich. So will ich sein. Es ist pc so zu sein. Etc.) und Zielen/Bedürfnissen (Sicherheit, Unabhängigkeit, ...) auftut.

Vielleicht wäre es zielführend, dir beide Seiten der Medaille mal genauer anzuschauen und zu überprüfen, ob und in welchen Punkten Werte/Selbstbild und Wünsche/Bedürfnisse/Ziele vereinbar sind. Ist dein Selbstbild auf dem aktuellen Stand? Menschen verändern sich. Hast du Wünschen, die für dich inakzeptabel sind? Warum sind sie das?

Und ja das "Wie" scheint mir mit ein Schlüssel zu sein, um aus diesem Spannungsfeld heraus zu kommen. Deine Bedürfnisse auf eine Weise zu befriedigen, die im Einklang zu deinen Werten stehen. Wie das gehen könnte, hast du ja selbst schon angedacht.

Alles Gute für die Entscheidungsfindung.

14.08.2019 11:05
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Der Mensch entwickelt sich ja und Einstellungen und Orientierungspunkte verändern sich. Die Frage, die ich mir an deiner Stelle, stellen würde, werde ich als Eigentümerin weniger authentisch oder kann frau der linken Gesinnung nicht auch als Wohnungsbesitzerin entsprechen?
Aus finanz und steuerlicher Sicht gebe ich zu bedenken, dass das normale Sparverhalten ausgedient hat und du ein höheres Sicherheitsdenken im Alter bekommst. Was spricht gegen den Kauf? Wie ist das Wohnungsumfeld und die Bausubstanz? Kannst du andere Menschen mit Wohnraum unterstützen? Möchtest du dich über einen langen Zeitraum so festlegen, oder wäre weniger mehr und du verlebst es und entschleunigst? Du kannst auch als Wohnbesitzer ein soziales Gewissen haben.

14.08.2019 19:16
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Hm, wenn ich in deiner glücklichen Situation wäre, mir einen Wohnungskauf leisten zu können, dann würde ich nur eine Wohnung kaufen, die keine Verdrängungsgeschichte hat. Also kein ent-mietetes saniertes Bestandsgebäude, aus dem die Vormieter*innen ausziehen mussten. Ein absolutes moralisches No-Go wäre Kündigung auf Eigenbedarf. Das heißt, ich würde eine eigene Wohnung nur in einem leerstehenden Neubau kaufen.

14.08.2019 19:31
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ich hatte schon lange keine Lust, irgend welchen "Großgrundbesitzern" mein Geld in den Rachen zu werfen - deshalb finde ich einen Kauf auf alle Fälle sehr gut. Ich tendiere immer zu Neubau, denn dann kannst Du davon ausgehen, dass Du nicht demnächst wieder Kosten hast (neues Dach, neue Heizung...). Außerdem ist das Haus dann gut gedämmt und Du sparst Heizungskosten und tust dabei noch was für die Umwelt.
Natürlich ist die Lage sehr wichtig. Nicht dass Du so weit außerhalb wohnst, und das Gesparte dann durch weite Wege (und Umwelt belastend) wieder raushauen musst.
Viel Erfolg!

14.08.2019 20:49
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Es gibt manche "linke Socken" und auch welche, die keine sind, die sich zusammentun und gemeinsam ein ganzes Mietshaus kaufen - um günstigeren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten.

14.08.2019 22:53
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Lieben Dank euch schon mal für eure Anworten, die mich zum Nachdenken bringen!

14.08.2019 22:57
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 14.08.2019 um 20:49:

Es gibt manche "linke Socken" und auch welche, die keine sind, die sich zusammentun und gemeinsam ein ganzes Mietshaus kaufen - um günstigeren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten.


Das war lange mein Traum, aber ich merke einfach, dass ich gerne meine eigene Wohnung haben will. Klar, es gibt auch Baugruppen, in denen dann in den Häusern separate Wohnungen sind. Das wäre mein absoluter Wunschtraum. Mit coolen Leuten ein Haus kaufen, in dem eigene Wohnungen bezogen werden. Aber bisher war es immer so, dass sich das alle wünschen, aber bisher alle (zumindest in meinem erweiterten Kreis) noch nicht dazu bereit sind, die Mühen auf sich zu nehmen, geschweige denn das Geld haben. Oder es bleibt nur bei einer netten Vorstellung. In der fernen Zukunft schwebt mir auch so was vor. In der nahen Zukunft würde gerade eben eine eigene Whg eher passen.

14.08.2019 23:02
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 14.08.2019 um 19:16:

Hm, wenn ich in deiner glücklichen Situation wäre, mir einen Wohnungskauf leisten zu können, dann würde ich nur eine Wohnung kaufen, die keine Verdrängungsgeschichte hat. Also kein ent-mietetes saniertes Bestandsgebäude, aus dem die Vormieter*innen ausziehen mussten. Ein absolutes moralisches No-Go wäre Kündigung auf Eigenbedarf. Das heißt, ich würde eine eigene Wohnung nur in einem leerstehenden Neubau kaufen.


Das kostet aber einerseits nicht nur erheblich mehr, wenn die Wohnung leer ist, sondern die leeren Wohnungen sind meistens modernisiert und es bleibt unklar, ob die Leute, die da vorher drin waren, durch die Modernisierung verdrängt wurden. Darüber wird nie Auskunft erteilt. Hab das schon ein paar Mal unverdächtig angefragt. Außerdem gibt es so gut wie keine "natürlich" leerstehenden Whg mehr in Berlin. Die Leute ziehen einfach fast nicht mehr aus wegen der horrenden Mieten bei Neuvermietung in Berlin. Zumindest erkläre ich mir so diese Rarität auf dem Verkaufsmarkt.

14.08.2019 23:04
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 14.08.2019 um 08:54:

Ein Konflikt, der durch das Spannungsfeld, das sich zwischen Werten/Selbstbild (So bin ich. So will ich sein. Es ist pc so zu sein. Etc.) und Zielen/Bedürfnissen (Sicherheit, Unabhängigkeit, ...) auftut.

Vielleicht wäre es zielführend, dir beide Seiten der Medaille mal genauer anzuschauen und zu überprüfen, ob und in welchen Punkten Werte/Selbstbild und Wünsche/Bedürfnisse/Ziele vereinbar sind. Ist dein Selbstbild auf dem aktuellen Stand? Menschen verändern sich. Hast du Wünschen, die für dich inakzeptabel sind? Warum sind sie das?

Und ja das "Wie" scheint mir mit ein Schlüssel zu sein, um aus diesem Spannungsfeld heraus zu kommen. Deine Bedürfnisse auf eine Weise zu befriedigen, die im Einklang zu deinen Werten stehen. Wie das gehen könnte, hast du ja selbst schon angedacht.

Alles Gute für die Entscheidungsfindung.


Danke dir für diese Denkanstöße. Das Wie ist der Schlüssel, ja. Nur auf dem irren Berliner Wohnungsmarkt sind diese beiden Seiten der Medaille (Werte und Bedürfnisse) sehr schwer vereinbar, wie ich feststellen muss. Evtl. wäre das in einer anderen Stadt oder auf dem Land nicht ganz so zwickmühlenartig.

15.08.2019 11:53
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 14.08.2019 um 23:02:

... und es bleibt unklar, ob die Leute, die da vorher drin waren, durch die Modernisierung verdrängt wurden. Darüber wird nie Auskunft erteilt. ....


Du kannst davon ausgehen, dass diese Leute zum größten Teil verdrängt wurden. Warum sonst soll man eine schöne Wohnung in einem schönen Kiez verlassen? (Und die Käufer*innen wollen doch genau dies: Schöne Wohnungen in schönen Kiezen.) Man bleibt, solange man es sich leisten kann. Dass ausgerechnet zum Zeitpunkt der Sanierung und Veräußerung ein neuer Job in einer anderen Stadt oder eine Trennung oder eine schönere/ günstigere/ passendere Wohnung oder ein Tod oder ein Geldsegen, der es ermöglicht, die ehemalige Mietwohnung selbst zu kaufen, eintritt, ist wenig wahrscheinlich.

Die Leute kriegen Abfindungen, mit denen sie den Umzug nach Marzahn, Hellersdorf, Spandau oder ins Umland finanzieren. Wenn sie Pech haben und Harz IV oder Grundsicherung erhalten haben, erlischt mit der Abfindung ihr Anspruch hierauf und sie müssen davon die nächsten Monate den Lebensunterhalt und eine freiwillige gesetzliche Krankenversicherung selbstständig finanzieren, bevor sie am Ende der Fahnenstange wieder in den Bezug kommen.

editiert am 15.08.2019 12:45 Beitrag melden Zitatantwort
17.08.2019 09:57
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Wohnung kaufen und sozial verträglich an eine Familie vermieten.
So kann man auch helfen, die Situation zu verbessern.

17.08.2019 11:17
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 15.08.2019 um 11:53:

Die Leute kriegen Abfindungen, mit denen sie den Umzug nach Marzahn, Hellersdorf, Spandau oder ins Umland finanzieren. Wenn sie Pech haben und Harz IV oder Grundsicherung erhalten haben, erlischt mit der Abfindung ihr Anspruch hierauf und sie müssen davon die nächsten Monate den Lebensunterhalt und eine freiwillige gesetzliche Krankenversicherung selbstständig finanzieren, bevor sie am Ende der Fahnenstange wieder in den Bezug kommen.


Oh nein O.O )))-:
wie kann das sein, daß das noch kein Gericht verboten hat
so widerlich, entsetzlich

17.08.2019 11:40
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Wenn du dir eine Wohnung kaufst, hast du immerhin etwas für die Altersvorsorge getan, was ja auch wichtig ist.

Du wirst bestimmt eine Wohnung finden mit der du dich wohlfühlst, das kannst du mit deiner Socke sicher vereinbaren, es gibt schon Lösungen.

Und ich bin sicher, es gibt genügend Linke die sogar Häuser besitzen und reich sind, sich trotzdem für Andere einsetzen.

Du kannst auch eine Neubauwohnung kaufen, oder es gibt auch Eigentümer die ganz normal ihre Wohnung verkaufen möchten aus persönlichen Gründen,
die müssen nicht immer tragisch sein.

Wenn du dein Suchfeld vergrößerst, dann wird es auch bessere Möglichkeiten geben.

Ich würde mich eher auch fragen, was mir ein Eigentum bringt, also die vor und nachteile durchgehen und mich auch beraten lassen, damit man nicht die Katz im Sack kauft.





17.08.2019 13:09
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(@ Nordvirginia)

ja, irgendwo (anders), kann sie sicher eine Neubauwohnung kaufen, aber IN Berlin - also eben nicht Randlage, GIBT es doch so gut wie keinen (Platz für) Neubau.

ich denke, "kleine"/ private EigentümerInnen/ selbstbewohnende oder vor Ort befindliche/ real erreichbare EigentümerInnen wären Konzernen und Immobilien von wer weiß wo zur Bereicherung kaufenden (& teurer wieder abstoßenden) Privaten/ " Privaten" im Prinzip immer vorzuziehen,
aber in den inzwischen umkämpften urbanen Bereichen wenn Du nicht eine *gute* Vermieterin sein willst, sondern sie unbedingt leer brauchst, dann tatsächlich das von TE und etlichen anderen dargelegte große ethische Problem...
------


@ TE

man könnte, wenn jemand NachmieterIn sucht rausfinden, ob das Haus noch einer Privatperson gehört und bei der anfragen, ob sie die Wohnung statt sie (Dir) weiter zu vermieten, Dir verkaufen würde
ein paar alte HausbesitzerInnen ((evtl. sogar die letzten Reste der InstandbesetzerInnen)) die mit sozialem Gewissen aber mit schrumpfender (oder noch nie vorhanden gewesener, aber von den 70ern bis 90ern waren die WohnAusstattungs...-Ansprüche von AltbauOfenheizungHolzfenster...-Mietenden/Bew ohnenden auch deutlich geringer) Fähigkeit, alle geforderten Modernisierungen zu stemmen und in der Zwickmühle, sich das gute VermieterIn sein finanziell oder vom Alter her oder beides... nicht mehr leisten zu können und eigtl. nicht ihre 'Seele'/ Haus/ Wohnungen den Finanzhaien verkaufen zu wollen, aber irgendwem evtl. verkaufen zu müssen, gibt es schätze ich dort NOCH

(vermutlich nicht mehr allzulange (gibt es diese HausbesitzerInnen)).

(und Dein Einsatz für die Ethik wäre, mit Renovierungskosten direkt selbst anzufangen.
(denn die "Guten" veräußern ja nicht aus Spaß.)
aber fair in alle Richtungen wäre das.)

editiert am 17.08.2019 13:21 Beitrag melden Zitatantwort
17.08.2019 18:40
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 17.08.2019 um 11:17:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 15.08.2019 um 11:53:

Die Leute kriegen Abfindungen, mit denen sie den Umzug nach Marzahn, Hellersdorf, Spandau oder ins Umland finanzieren. Wenn sie Pech haben und Harz IV oder Grundsicherung erhalten haben, erlischt mit der Abfindung ihr Anspruch hierauf und sie müssen davon die nächsten Monate den Lebensunterhalt und eine freiwillige gesetzliche Krankenversicherung selbstständig finanzieren, bevor sie am Ende der Fahnenstange wieder in den Bezug kommen.


Oh nein O.O )))-:
wie kann das sein, daß das noch kein Gericht verboten hat
so widerlich, entsetzlich


Ich persönlich meine nicht, dass das "verboten" gehört oder dass es "widerlich" oder "entsetzlich" wäre, aber es zeigt, dass das Argument "Die kriegen ja alle eine üppige Abfindung" nicht für jede verdrängte Person dasselbe bedeutet, das kann man ja ruhig mal mitbedenken.
Ich bin nicht betroffen, weder von Verdrängung noch von Wohnungskaufoptionen, aber in meinen Standpunkt als eher linke Socke würden solche und andere Erwägungen derart einfließen, dass ich in kein Haus auf dem Markt einkaufe, das eine Verdrängungsgeschichte hat.

17.08.2019 23:45
HiddenNickname

die meisten Leute bekommen sicherlich KEINE Abfindung, all die, die kein Geld für AnwältInnen haben, die rausgedroht oder durch absichtlich auch nichts absolut notwendiges mehr reparieren fertiggemacht werden
das ist in SEHR viel weniger krassen Städten als Berlin schon Usus, da wird es ausgerechnet dort kaum nicht üblich vorkommen :-/




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