Sich beobachten, heisst, sich verändern
Sich beobachten heißt sich verändern
Ein sehr klarer Kopf und scharfer Beobachter hat geschrieben, allen Gefühlen läge Neid zugrunde, sogar der Freundschaft. Ich habe diesen Menschen näher kennengelernt, der so zu denken glaubte.Er war nie neidisch; ich sah, daß er treu und hochherzig war ohne jede Spur von Bosheit; nur brauste er leicht auf. Bin ich ein scharfer Beobachter? Das ist die Frage.
Meine erste Regung besteht im Ablehnen. Ich bin der Ansicht, daß ich von den ersten Zeichen getäuscht werde. Ich bin der Ansicht, daß die Menschen mir zunächst ein Bild von sich bieten, das ihnen kaum ähnelt. Zum Beispiel gibt jeder Mensch in einer Frage, die neu ist und ihn bewegt, überreichlich Dummheiten von sich. Ich weiß jedoch wohl, daß das nicht sein Gedanke ist. Er aber will, daß das sein Gedanke sei; er klammert sich daran; wenn man ihn drängt, schwört er sogar darauf. Man bildet sich ein, dumm zu sein, wie man sich einbildet, boshaft zu sein. Es ist nicht geschickt abzuweisen, es ist nicht geschickt, zu verurteilen. Das heißt das Wasser trüben. Wenn man klar sehen will, muß man abwarten; die erste Erregung muß sich legen. Ich warte, daß er sich beruhigt, ich warte sogar, wenn ich kann, den Schlaf. Schon die Art, zu essen lehrt mehr als die Art zu sprechen; der Ton der Stimme sagt mehr als der Sinn. Aber ich muß noch weiter gehen. Ein Mensch unter der Knute ist nicht das, was er sein könnte; ein Mensch, der gezwungen wird, ist verunstaltet; ein Mensch, der durch das Ereignis überrascht wird, gleicht mehr dem Ereignis als sich selbst. Ebenso läßt ein Kleinkind, das ganz rot ist, das das Gesicht verzerrt und heult, nichts erkennen; ich warte, bis es lächelt. Indem ich bis ans Ende meines Gedankens gehe, werde ich sagen, daß ich von einem boshaften Menschen ganz und gar nichts lernen kann; wenn ich ihn beobachten will, warte ich ab, bis er gut ist. Gut, das ist dasselbe wie frei, natürlich; und zwar seinem Wesen entsprechend, nicht gemäß dem Schock. Nichts verändert einen Menschen mehr als der Blick dessen, der ihn beobachtet. Wenn er auch vermutet, daß ich ihn beobachte, streckt er mir die Zunge raus. Das ist umgekehrte Scheinhelligkeit. Ich bedauere die Irrenärzte, denn Narren bringen Narren hervor.
Dem Wort Psychologe gelingt es nicht, zur Umgangssprache zu gehören. Die Umgangssprache nennt Moralisten den, der sich hinlänglich im menschlichen Herzen auskennt. Das ist eine großartige Idee in einem Wort. Aber welche Idee? Man braucht dem Wort nur zu folgen. Moral sagt man, wenn man sich beruhigen will, wenn man sich erziehen will, wenn man sich wieder in menschliche Form bringen will. Wie ein Mensch, der Angst hat vor einem vermeintlichen Gespenst und der sich sagt: „Das war alles!“ Er verachtet das Gespenst, aber er verachtet auch sich selbst. „Wie kann man nur so dumm sein?“ Das denkt der schlichte Mensch dreimal am Tage von sich. Diese ganz allgemeine Moral bedeutet also, daß man sich zunächst über sich selbst täuscht. Dessen innewerden heißt denken. Woraus ich, ein wenig schnell, die Idee entnehme, daß sich beobachten etwas anderes ist als sich für den halten, der man in der ersten Regung ist. Sich beobachten, heißt, sich verändern, sich wieder in gute Verfassung bringen, suchen, was man will, es finden, es gutheißen, es tun. Die Milde des Augustus ist ein theatralisches Beispiel dafür, also vereinfacht und gleichzeitig übertrieben; aber die Bewegung ist richtig. Er spricht mit sich selbst, und das läuft auf das hinaus, daß er sagt: „Was bin ich?“ Bin ich ein Feigling, der andere verdächtigt? Gewiß bin ich das, wenn ich mich gehen lasse. Bin ich ein brutaler Mensch, der sich rächt? Gewiß will darauf das Tier in mir hinaus. Aber, wie Descartes sagte, es wäre lächerlich, wenn der Mensch, der fähig ist, einen Hund zu erziehen, sich nicht selbst erzöge. Augustus entdeckt schließlich den wahren Augustus, der derjenige ist, der will, das heißt derjenige, der aus all dem einen Menschen macht. Und was hierin Wahres liegt, ist, daß der Anfang von allem immer schlecht ist und daß man sich sehr schlecht kennt, wenn man ihn nicht verändert. Was ist ein Musiker, wenn nicht ein Mensch, der sich zum Musiker gemacht hat? Und glauben Sie, daß einer, der mit acht Kugeln jongliert, das mühelos gelernt hätte? Ich lerne ihn nicht kennen, wenn er die Kugeln fallen läßt, sondern wenn er sie auffängt. Und den Musiker lerne ich nur kennen, wenn er richtig singt.
25. September 1932, Alain (=Emile Auguste Chartier)
Ein sehr klarer Kopf und scharfer Beobachter hat geschrieben, allen Gefühlen läge Neid zugrunde, sogar der Freundschaft. Ich habe diesen Menschen näher kennengelernt, der so zu denken glaubte.Er war nie neidisch; ich sah, daß er treu und hochherzig war ohne jede Spur von Bosheit; nur brauste er leicht auf. Bin ich ein scharfer Beobachter? Das ist die Frage.
Meine erste Regung besteht im Ablehnen. Ich bin der Ansicht, daß ich von den ersten Zeichen getäuscht werde. Ich bin der Ansicht, daß die Menschen mir zunächst ein Bild von sich bieten, das ihnen kaum ähnelt. Zum Beispiel gibt jeder Mensch in einer Frage, die neu ist und ihn bewegt, überreichlich Dummheiten von sich. Ich weiß jedoch wohl, daß das nicht sein Gedanke ist. Er aber will, daß das sein Gedanke sei; er klammert sich daran; wenn man ihn drängt, schwört er sogar darauf. Man bildet sich ein, dumm zu sein, wie man sich einbildet, boshaft zu sein. Es ist nicht geschickt abzuweisen, es ist nicht geschickt, zu verurteilen. Das heißt das Wasser trüben. Wenn man klar sehen will, muß man abwarten; die erste Erregung muß sich legen. Ich warte, daß er sich beruhigt, ich warte sogar, wenn ich kann, den Schlaf. Schon die Art, zu essen lehrt mehr als die Art zu sprechen; der Ton der Stimme sagt mehr als der Sinn. Aber ich muß noch weiter gehen. Ein Mensch unter der Knute ist nicht das, was er sein könnte; ein Mensch, der gezwungen wird, ist verunstaltet; ein Mensch, der durch das Ereignis überrascht wird, gleicht mehr dem Ereignis als sich selbst. Ebenso läßt ein Kleinkind, das ganz rot ist, das das Gesicht verzerrt und heult, nichts erkennen; ich warte, bis es lächelt. Indem ich bis ans Ende meines Gedankens gehe, werde ich sagen, daß ich von einem boshaften Menschen ganz und gar nichts lernen kann; wenn ich ihn beobachten will, warte ich ab, bis er gut ist. Gut, das ist dasselbe wie frei, natürlich; und zwar seinem Wesen entsprechend, nicht gemäß dem Schock. Nichts verändert einen Menschen mehr als der Blick dessen, der ihn beobachtet. Wenn er auch vermutet, daß ich ihn beobachte, streckt er mir die Zunge raus. Das ist umgekehrte Scheinhelligkeit. Ich bedauere die Irrenärzte, denn Narren bringen Narren hervor.
Dem Wort Psychologe gelingt es nicht, zur Umgangssprache zu gehören. Die Umgangssprache nennt Moralisten den, der sich hinlänglich im menschlichen Herzen auskennt. Das ist eine großartige Idee in einem Wort. Aber welche Idee? Man braucht dem Wort nur zu folgen. Moral sagt man, wenn man sich beruhigen will, wenn man sich erziehen will, wenn man sich wieder in menschliche Form bringen will. Wie ein Mensch, der Angst hat vor einem vermeintlichen Gespenst und der sich sagt: „Das war alles!“ Er verachtet das Gespenst, aber er verachtet auch sich selbst. „Wie kann man nur so dumm sein?“ Das denkt der schlichte Mensch dreimal am Tage von sich. Diese ganz allgemeine Moral bedeutet also, daß man sich zunächst über sich selbst täuscht. Dessen innewerden heißt denken. Woraus ich, ein wenig schnell, die Idee entnehme, daß sich beobachten etwas anderes ist als sich für den halten, der man in der ersten Regung ist. Sich beobachten, heißt, sich verändern, sich wieder in gute Verfassung bringen, suchen, was man will, es finden, es gutheißen, es tun. Die Milde des Augustus ist ein theatralisches Beispiel dafür, also vereinfacht und gleichzeitig übertrieben; aber die Bewegung ist richtig. Er spricht mit sich selbst, und das läuft auf das hinaus, daß er sagt: „Was bin ich?“ Bin ich ein Feigling, der andere verdächtigt? Gewiß bin ich das, wenn ich mich gehen lasse. Bin ich ein brutaler Mensch, der sich rächt? Gewiß will darauf das Tier in mir hinaus. Aber, wie Descartes sagte, es wäre lächerlich, wenn der Mensch, der fähig ist, einen Hund zu erziehen, sich nicht selbst erzöge. Augustus entdeckt schließlich den wahren Augustus, der derjenige ist, der will, das heißt derjenige, der aus all dem einen Menschen macht. Und was hierin Wahres liegt, ist, daß der Anfang von allem immer schlecht ist und daß man sich sehr schlecht kennt, wenn man ihn nicht verändert. Was ist ein Musiker, wenn nicht ein Mensch, der sich zum Musiker gemacht hat? Und glauben Sie, daß einer, der mit acht Kugeln jongliert, das mühelos gelernt hätte? Ich lerne ihn nicht kennen, wenn er die Kugeln fallen läßt, sondern wenn er sie auffängt. Und den Musiker lerne ich nur kennen, wenn er richtig singt.
25. September 1932, Alain (=Emile Auguste Chartier)