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Zaungäste und ein paar Randnotizen!

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10.08.2017 19:09
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 26.07.2017 um 14:35:

An einen, der vorübergeht...

Du hast mich an Dinge gemahnet,
die heimlich in mir sind,
du warst für die Saiten der Seele
der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte
das Rufen der atmenden Nacht,
wenn draußen die Wolken gleiten
und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
die enge Nähe schwillt,
durch Zweige vor dem Monde
ein leises Zittern quillt.

(H. von Hofmannsthal)

Nun ist dieser Thread vollendet. Danke an alle Userinnen, die Gefallen fanden an dieser Bühne des Lebens, an der Komik und Poesie des Alltags und der Freiheit des Schauens und Plauderns über den nachbarschaftlichen Zaun. LG


Liebe

Wie furchtbar auch die Flamme war,
In der man einst zusammenbrannte,
Am Ende bleibt ein wenig Glut.
Auch uns geschieht das Altbekannte.

Daß es nicht Asche ist, die letzte Spur von Feuer,
Zeigt unser Tagwerk. Und wie teuer
Die kleine Wärme ist, hab ich erfahren
In diesem schlimmsten Jahr
Von allen meinen Jahren.
Wenn wieder so ein Winter wird
Und auf mich so ein Schnee fällt,
Rettet nur diese Wärme mich
Vom Tod. Was hält
Mich sonst? Von unserer Liebe bleibt: daß
Wir uns hatten. Kein Gras
Wird auf uns sein, kein Stein,
Solange diese Glut glimmt.

Solange Glut ist,
Kann auch Feuer sein ..


Eva Strittmatter




10.08.2017 19:10
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Bin ich es, der nachts
durch mein Zimmer wandert, oder der Bettler,
der durch meinen Garten schlich
in der Abenddämmerung?
Ich sehe mich um
und finde, daß alles noch
gleich ist, und ist doch nicht gleich ...
War das Fenster offen?
War ich nicht eben eingeschlafen?
War der Garten nicht blaß-grün? ...
Der Himmel war klar und blau ...
Und da sind Wolken
und es ist windig
und der Garten ist dunkel und traurig.

Ich glaube, mein Haar war schwarz ...
Ich war gekleidet in Grau ...
Und mein Haar ist grau
und ich bin gekleidet in Schwarz ...

Ist dies mein Gang?
Hat diese Stimme, die nun in mir hallt,
noch den Rhythmus der Stimme, die ich einmal hatte?
Und bin ich ich selbst, oder bin ich der Bettler,
der durch meinen Garten schlich
in der Abenddämmerung?
Ich sehe mich um ...
Da sind Wolken, und es ist windig ...
Der Garten ist dunkel und traurig ...
Ich komme und gehe . . . Ist es nicht wahr,
daß ich bereits eingeschlafen war?
Mein Haar ist grau ... Und alles ist
gleich und doch nicht mehr gleich ...

Juan Ramon Jimenez




10.08.2017 19:13
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 25.08.2014 um 19:40:

Für dich, SAM, und mich und all die Userinnen, die ihn mögen:

den Thread, quasi über den nachbarschaftlichen Zaun geplaudert. Es gibt keine Handlung und keine Protagonisten, aber es gibt die Bühne des Lebens, die Komik und Poesie des Alltags und die Freiheit des Schauens.








06.10.2017 10:25
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Clarissa Dalloway denkt darüber nach, warum sie ihrem Mann Richard gegenüber versagt hat, sich ihm seit langem entzieht.

„Sie sah, woran es ihr mangelte. Nicht an Schönheit; nicht an Verstand. Es war etwas Zentrales, das alles durchdrang; etwas Warmes, das Oberflächen sprengte und den kalten Kontakt zwischen Mann und Frau überrieselte, oder zwischen Frauen. Denn davon hatte sie eine schwache Ahnung. Sie ärgerte sich darüber, hatte Skrupel, die sie weiß der Himmel wo aufgelesen oder die ihr die Natur (die unmittelbar weise ist) gesandt hatte: dennoch konnte sie manchmal nicht widerstehen, dem Charme einer Frau -nicht eines Mädchens- einer Frau zu erliegen, die ihr, wie sie es oft bei ihr taten, ein kleines Problem, eine Torheit beichtete. Und ob es nun Mitleid war, oder ihre Schönheit, oder weil sie älter war, oder irgendein Zufall-ein schwacher Duft etwa, oder eine Geige nebenan(so seltsam ist die Macht von Tönen manchmal), sie fühlte dann unzweifelhaft, was Männer fühlten. Nur einen Augenblick lang, aber es war genug. Es war eine plötzliche Offenbarung, ein Anflug wie ein Erröten, das man aufzuhalten suchte und dann, während es sich verbreitete, gab man seiner Ausdehnung nach und eilte an den äußersten Rand und erschauerte dort und fühlte die Welt näherkommen, zum Bersten angefüllt von einer erstaunlichen Bedeutung, einem Druck von Entzücken, das seine dünne Haut sprengte und sich mit unsäglicher Linderung über die Risse und wunden Stellen ergoss und strömte. Da, in diesem einen Moment, hatte sie eine Erleuchtung gesehen; ein Zündholz, das in einem Krokus brannte, einen inneren, fast zum Ausdruck gekommenen Sinn.

(Virginia Woolf. Mrs. Dalloway. 1925)

Sinnlicher und schöner kann man es wohl nicht beschreiben.

Das ist jene orgiastische Verzückung, die der Autorin Virginia Woolf nur mit Frauen vorstellbar war. Ein Jahr später verglich sie Vita Sackville-West mit einer „Erleuchtung“ und entdeckte in der Liebe zu ihr Spuren jenes „inneren Sinns“, nach dem sie immer auf der Suche war.


editiert am 06.10.2017 11:18 Beitrag melden Zitatantwort
13.10.2017 12:21
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Ich bin nicht ich

Ich bin der,
der mich unsichtbar begleitet,
den ich manchmal aufsuche
und manchmal vergesse.
Der gelassen schweigt, wenn ich rede,
der milde verzeiht, wenn ich hasse,
der hingeht, wo ich nicht bin,
der stehen bleiben wird, wenn ich sterbe.


(Juan Ramón Jiménez)

13.10.2017 12:44
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Geheimnis

Augen meiner Liebe, schöner See,
Schaut mich an, damit ich euch ergründe,
Dass mein Herz hinab als Taucher geh,
Suche, wo sich euer Glanz entzünde.
Schimmerst, Seele, du gleich einer bunten
Muschel? Glühst du als versenkter Hort?
Bist du eine Perle, die dort unten
Aufwärts singt ihr farbig Strahlenwort?


(Ricarda Huch)


18.10.2017 11:09
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Sich verwirrt zu fühlen, ist der Anfang wahren Wissens.

Khalil Gibran


26.10.2017 02:44
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Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.


R.M.R



26.10.2017 09:14
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Am Kamin


Die Glut verblasst. In Dämmerdunkel
nur flackern Flämmchen, zart wie Glas.
So bebt des Falters blauer Flügel
auf feuerrotem Mohn im Gras.

Ein bunter Reigen von Gesichten
bannt meinen Blick, drängt sich heran,
und nie enträtselte Gesichter
sehn mich aus grauer Asche an.

Und zärtlich sehe ich erscheinen
vergangnes Glück und Leid vereint.
Die Seele lügt, will sie verneinen,
dass sie das braucht, worum sie weint.


(Foeth. Schenschin)

26.10.2017 11:28
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Die tiefste Nähe

I
Du bist die tiefste Nähe, die zu mir
Ich selbst gewinnen kann: du – meine Nähe.
Du bist das feste Da-Sein, bist das Hier,
Darin ich, übergehend, fortbestehe.

Bist täglich meiner Heimat Wiederkehr,
Dass ich ganz deutlich alles wiedersehe,
Als ob es gestern noch gewesen wär:
Den Nymphenburger Park – wir füttern Rehe –

Starnberger See – Undosa-Wellenbad –
Das „Bratwurstglöckle“ am Oktoberfest –
Bist Edelweiß und schmaler Gemsenpfad –
Du bist es, die mich nicht vergessen lässt

Die Heimat – du bist ihre Liebesglut, ….

II
…………………….

Du, die ich liebte, längst bevor ich dir
Begegnete – oh, es war gut zu träumen,
Hätt ich dich nicht geträumt, wärst du nicht hier.
Wie konnten wir so lange uns versäumen!

Du, die mich denkt, mich besser denkt als ich –
Du, dich mich lenkt, mich besser lenkt als ich –

Ich kann nicht beten, darum bitt ich sehr
Dich und mich selbst: Lass nicht das Glück verwehen!
Was ohne dich geschehen wär?!
Du machtest meinen Tod mir ungeschehen.

III
Ich muss dich immer neu entdecken:
Dein Haar, die Augen, deinen Mund, die Hand,
Links überm Mund den braunen kleinen Flecken,
Die Haut, Geruch von Schnee und Sonnenbrand,

Die Sommerlippen und dein Frühjahrshaar,
Die Hand im Herbst und deinen Wintermund,
In deinen Augen steht septemberklar
Mein eignes Bild, erhellt bis auf den Grund.

Ich muss mich immer wieder neu entdecken,
Mein eignes Bild ist vor mir aufgestellt
In deinem Bild - mich zu erwecken,
Wenn die Verzweiflung lähmend mich befällt.

Du bist mein Wachsein. Auch dein Schlaf bewacht
Mit seinem Atem meine wunde Nacht.

IV
Ich muss dich wieder ferner rücken, du
Mir Allernächste, um dich zu erblicken,
Dann kann ich dir von ferne Grüße schicken
Und komme wieder näher auf dich zu.

….

Entreiß dich mir! Wenn du in Stücke reißt
Das Unzertrennliche, werd ich es fügen,
Und nichts wird, dich zu halten, mir genügen,
Damit du weißt, was du heut nicht mehr weißt:

Die tiefste Nähe bist du, die zu mir
Ich selbst gewinnen kann. Ich bin in dir.


(J. R. Becher)


27.10.2017 13:35
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Georg Maurer
Aus: Gedanken der Liebe


12
Die Luft ist erfüllt von den Bildern der Liebenden.
Weltstädte sind gehüllt in den Duft einer einzigen Frau.
In die rauchigen Bahnhöfe zieht er. Riesen-Avenuen
münden in ein einziges Fenster.
Landschaften bewegen sich zur Geliebten
wie der Rücken der Herde
zur Tränke. Die Tür zur Geliebten
bewegt sich in den Angeln der Welt.

13
Mit der Zaubergerte geht die Liebe
über das sehnsüchtige Fleisch der Erde.
Wohin sie trifft, öffnen Blumen
ihre Münder, ihre Augen mit zitternden Wimpern.
Auf der Regenbogenbrücke steht sie. Um ihren
gespiegelten Mund
stehn breitmäulig Karpfen wie um einen Bissen,
schwärmen Goldfische wie ein roter Fächer.
Der Regen braust vor ihr her. Der Bach füllt sich.
Die alten Weiden streichen mit Gerten das braune
Fließen.
Das Böschungsgras grellt ihm nach seinem Grün.
Alles Innen wird ein Außen durch die Lockung der Liebe.
Der Gedanke der Welt ruht an der Rundung der Brust.

16
Aufgelöst wie Gewürz in einem Getränk
bist du in meinem Wachen, in meinem Schlaf.
Meine Gedanken betäubst du
wie Honig die Zunge des Kindes.
Durch meine Pflichten streifst du
wie ein Sonntag durch Wochentage.
Dein Gefangener bin ich.
Erstickst mein Herz mit Küssen.
Bindest mir die Hände mit deinen Händen.
Und doch bin ich nur frei
In solcher Umstrickung. …



27.10.2017 13:38
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Der Zaungast

Dunkel bricht die Nacht herein
überall wird´s still um´s Heim
bis morgenfrüh das Licht mich weckt
und von vorn der Tag mich neckt.

Glutrot steigt dann hinterm Berg
die Sonne, wie ein Riesenzwerg
glanzvoll in den Himmel hoch
wo vorher sich die Nacht verkroch.

Der Tag erscheint im hellen Glanz
überm Teich der Mückentanz
erfreut die Frösche auch die Schwalben
die Hummel schwelgt in bunten Malven.

Ich seh den Fleiß, hör Bienen summen
in den Lüften emsig brummen
das ist Natur, ein herrlich Leben
ich bin der Zaungast nur daneben.

Weimarschmieden, 15.05.2012 © Hans Eberhard Bertelsen | http://www.bertelsen.de/g [...] ter.html


27.10.2017 14:05
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 27.10.2017 um 13:38:

Der Zaungast

Dunkel bricht die Nacht herein
überall wird´s still um´s Heim
bis morgenfrüh das Licht mich weckt
und von vorn der Tag mich neckt.

....................







21.12.2017 14:08
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BITTE

Liebe mich so ganz nebenbei und sanft, auch ein wenig zerstreut,
gerade so, wie man Atem holt oder wie der Mensch an einem Dienstag,
an dem "überhaupt nichts geschieht”, so lebt.
Ich schätze es nicht mehr, geliebt zu werden wie in der Oper, im zweiten Akt,
wenn sämtliche Hörner schmettern, die Scheinwerfer in allen Farben des Regenbogens strahlen und die Protagonisten pro Abend tausend Pengo für einen Auftritt kassieren.
Liebe mich wie eine ganz wichtige Privatangelegenheit, ohne besondere Aufmerksamkeit.
Dann werde ich, vielleicht, auch aufmerksam sein.


(Aus "Die vier Jahreszeiten” von Sandor Márai)


21.12.2017 14:09
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Eines Tages wird sie über dich kommen, die Liebe. Eines Tages, plötzlich über Nacht, wird sie über dich herfallen wie der Habicht, der aus dem Himmel stürzt, und alles wird anders sein. Dein Innerstes wird sich auskehren, und die Welt, die sich ja nicht verändert hat – nur dass du es nicht weißt – wird in dich einkehren, es wird schrecklich sein, und es wird wunderbar sein. Und der Tag wird kommen.

(Ernst Augustin. Robinsons blaues Haus)


21.12.2017 14:12
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….es müsste nur unser Auge eine Spur schauender, unser Ohr empfangender sein, der Geschmack einer Frucht müsste uns vollständiger eingehen, wir müssten mehr Geruch aushalten und im Berühren und Angerührtsein geistesgegenwärtiger und weniger vergesslich sein - um sofort aus unseren nächsten Erfahrungen Tröstungen aufzunehmen, die überzeugender wären, die überzeugender, überwiegender, wahrer wären als alles Leid, das uns je erschüttern kann…

(Rainer Maria Rilke)


25.12.2017 15:57
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Sie haben mich gequälet,
Geärgert blau und blaß,
Die einen mit ihrer Liebe,
Die andern mit ihrem Haß.

Sie haben das Brot mir vergiftet,
Sie gossen mir Gift ins Glas,
Die einen mit ihrer Liebe,
Die andern mit ihrem Haß.

Doch sie, die mich am meisten
Gequält, geärgert, betrübt,
Die hat mich nie gehasset,
Und hat mich nie geliebt.


Heinrich Heine




25.12.2017 16:02
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Sklaverei ertrag ich nicht
Ich bin immer ich
Will mich irgend etwas beugen
Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte
Oder Menschenmacht
Hier, so bin ich und so bleib ich
Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines
Ich bin immer ich
Steige ich, so steig ich hoch
Falle ich, so fall ich ganz.


Ingeborg Bachmann





26.12.2017 12:11
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Leben, darin liegt kein Glück…

Leben, darin liegt kein Glück.
Leben: das schmerzende Ich durch die Welt tragen.
Aber sein, sein das ist Glück.
Sein: sich in einen Brunnen,
in ein steinernes Becken verwandeln,
in das wie warmer Regen das Universum fällt.


(Milan Kundera, Die Unsterblichkeit)


26.12.2017 12:14
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Wir…

Wir müssen unser Dasein, so weit, als es irgend geht, annehmen;
alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein.
Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.


(Rainer Maria Rilke)



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