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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » Threadein brief an den finabzminister
09.04.2009 01:07
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0 Glosse zur Finanzkrise: Alles nur Peanuts © Copyright 2008 Georg Siemon Sehr geehrter Herr Finanzminister! Bitte, Sie müssen uns helfen. Nur Sie können es. Ich bin mit meiner Familie völlig unverschuldet in Bedrängnis geraten. Wir brauchen dringend eines Ihrer legendären Pakete, oder sagen wir ein Päckchen. Eine Summe im mittleren sechsstelligen Bereich in Ihrem Hause bestimmt Peanuts genannt. Wir haben nämlich ein bisschen konsumiert, um die Wirtschaft zu stützen, so wie Politiker, der Handel und die Industrie es von uns allen erwarten. Das ist doch unsere Pflicht, die Werbung unser Vorbild! Und jetzt will man uns ans Riester! Die Raten für unsere Villa im Grunewald, für die Finca auf Mallorca und meinen Mercedes S-Klasse habe ich bis Ende nächsten Jahres prolongieren können. Da liegt nicht das Problem. Aber der kleinkarierte, popelige Autohändler, bei dem ich zwei Porsche Targa für meine Töchter, Lena und Isabell, gekauft habe und den BMW M5 für meine Frau, dieser Erbsenzähler macht mir die Hölle heiß. Spätestens nächste Woche will er die ausstehenden Raten oder sofort die Vehikel zurückhaben. Aber überlegen Sie bitte mal, wie sollen denn meine Kinder dann zur Schule oder zur Uni kommen? Einfach nicht auszudenken! So geht‘s doch überhaupt nicht! Wo leben wir denn, frage ich Sie? Aber es kommt noch schlimmer. Übermorgen will der Pfandmeister die zwei Reitpferde der armen Kinder abholen lassen. Wenn Sie wüssten, wie meine Mädchen an den Tieren hängen! Sie werden einen schweren seelischen Schaden davontragen, gar keine Frage. So etwas ist unmenschlich. Sie sehen, Sie müssen uns einfach helfen. Die Neider sind schlichtweg unerträglich. Bitte kommen Sie zum Schnüren des Päckchens morgen 22 Uhr zur Gläubigerversammlung ins Hotel Adlon. Dann haben wir alle Zeit der Welt bis zwei Uhr morgens. Bis dahin muss das Päckchen allerdings fertig sein, denn dann öffnet die Börse in Tokio! Das ist letzter Termin! Die Bundeskanzlerin ist ebenfalls eingeladen und ein Platz direkt neben dem Ihrigen schon reserviert. Gemeinsam werden wir es diesen kleinen Geistern zeigen, da freue ich mich schon drauf!!! Mitte nächsten Jahres müssen wir nochmal zusammenkommen. Ja, leider, denn die erste größere Rate für den kürzlich gelieferten Ferrari 599 GTB Fiorano wird fällig und dummerweise gleichzeitig der erste Abschlag für die kleine Cessna Skylane Turbo, die ich dringend brauche, um rechtzeitig zu den verschiedenen Bank - und Gläubigerterminen zu gelangen. Es kommt eben immer alles zusammen. Es ist zum Haare raufen. Wir packen dann gemeinsam ein weiteres Päckchen, eine niedrige zweistellige Millionensumme und alles ist paletti. Für Sie kein Problem, nur Peanuts. Einen Düsenstinker habe ich mir bewusst nicht gekauft, die kleine Cessna reicht mir. Ich neige ja nicht zur Übertreibung. An der Stelle bin ich sehr gewissenhaft. So haben mich meine Eltern eben erzogen, nämlich zur Sparsamkeit und Genügsamkeit. Junge, haben sie mir ständig gepredigt, immer schön die Kirche im Dorf lassen, leben und leben lassen. Und daran halte ich mich strikt. Und trotzdem verstehe ich die Welt nicht mehr. Deshalb sind Sie meine letzte Hoffnung. Sie haben es bei der IKB geschafft, auch bei der WestLB, der Berliner Bank, der SachsenLB, der Hypo Real Estate und der BayernLB etc. Sie sind eben ein Könner! Nur ein paar Steuergelder, die Menschen sind doch sooooo hilfsbereit! Wir, die Bundesbürger sind sehr froh, das darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit einmal sagen, wir brennen direkt darauf, den Reichen, dem Geldadel, den Hedgefonds etc. helfen zu können. Endlich dürfen wir denen, die uns sonst nur ausnehmen, etwas davon zurückgeben. Wir wissen eben, was sich gehört! Seit Brehms Tierleben ist uns klar, Haie und Heuschrecken haben einen großen Appetit und müssen ständig gut gefüttert werden, damit sie nicht ungemütlich werden. Wirft man ihnen ein milliardenschweres Rettungspaket vor, erholen sie sich spontan, die Aktienkurse steigen rapide. Aber wehe, wenn es aufgezehrt ist! Doch am liebsten fressen sie die großen, fetten Brocken, das Vermögen der Bundesbürger. Nach Post, Telekom, Wasserversorgern, Straßenbahnen, Verwaltungsgebäuden etc. haben sie gerade angefangen, die Deutsche Bahn zu verschlingen. Die bekommt dann endlich einen schönen, neuen Namen Aktionärsbahn. Oder: Spekulantenbahn hört sich doch auch gut an! Zockerbahn gefällt uns weniger. Und sind die Investoren, wie bei der Hypo Real Estate, dann ebenfalls pleite, helfen wir ihnen immer wieder gerne weiter. Sofort geht es dann mit den Aktienkursen wieder steil aufwärts. Auf uns ist schließlich Verlass! Steuergelder sind bekanntlich unerschöpflich wie Sand am Meer. Notfalls können wir noch die Autobahnen und Bundesstraßen nachfüttern. Aber was dann? Ja das ist eben die bange Frage! Wenn wir Glück haben, werden sie zu Kannibalen, das heißt, sie investieren zuerst ineinander und fressen sich dann gegenseitig auf. Doch wenn nicht (… das Geld auf den Konten (… dann uns selbst.Angesichts hoher öffentlicher Schulden meinen viele Politiker immer noch „Private können das besser“. Doch die Entwicklung ist umstritten. Denn es gelten andere Gesetze, wenn Investoren Renditen fordern. Dann zahlen am Ende die Bürger die Zeche. Dafür gibt es bereits einige Beispiele, aber frühzeitig und rechtzeitig dazulernen ist schwer und nicht jedermanns Sache. Die Wirtschaft in Schwung zu halten ist eben eine Gratwanderung, ein schwieriger Balanceakt. Aber das wissen Sie ja! Glücklicherweise sind unsere Politiker endlich mit viel Erfolg dabei, gemeinsam mit Spitzenmanagern, Bankern, Wirtschaftsprofessoren und Ökonomen zu beweisen, dass Bäume doch in den Himmel wachsen, wenn man sie nur üppig und intensiv päppelt, sowie entschlossen und unbeirrbar stützt. mfg
editiert am 09.04.2009 01:19
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