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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » Threadherbstsonate
05.10.2013 18:52
HiddenNickname
0 herbst. eine jahreszeit, die mir am liebsten ist. der herbst ist fuer mich die ehrlichste jahreszeit und erinnert mich an alte menschen. wie der herbst ist fuer mich das alter die zeit der reife, in der die fruechte des lebens sichtbar werden. dieser lebensabschnitt macht haeufig offenbar, was der mensch in seinem leben fuer wichtig gehalten hat, aehnlich, wie es um ihn bestellt ist. manchmal kommt es mir so vor, als ob ich in gegenwart anderer leute eher drohe unterzugehen, als einen auftrieb zu bekommen. woran liegt das? liegt das ausschliesslich an mir oder auch daran, dass heutzutage alles, aber auch wirklich alles relativiert wird? ich kann mich einfach nicht in einer welt zurechtfinden, in der es keine absoluten werte mehr gibt. was ist heute noch fair? was ist gut und was ist boese? alles relativ! aber ich kann das nicht einfach so stehenlassen, jedenfalls nicht fuer mich. aus diesem grunde verabscheue ich es auch, mit der masse der menschheit auf ein unbekanntes ziel loszurennen. ich gehe gern allein, denn in der masse gehe ich unter. in der masse habe ich nicht das auge, bin blind fuer jene tiefen, in die der mensch immer wieder abstuerzt. jene tiefen, in denen alle zaertlichkeit verschwindet und jedes liebe wort verschluckt wird. aber auch wenn ich allein gehe, lauern gefahren auf mich. wie kann ich mein auge dafuer schulen, dass es sie schnell erkennt und ich nicht in ihnen umkomme? wenn liebe relativiert wird, wie kann ich mich dann noch in ihr geborgen fuehlen? denke ich an menschliche naehe, ueberfaellt mich eine laehmende angst, weil ich nie weiss, ob es ehrlich gemeint ist. wer tief empfindet, der hat heutzutage kaum eine chance mehr, sich zu verwirklichen. der muss versuchen, sich dieser veranlagung zu entledigen oder sie wenigstens so geschickt zu verbergen, dass seine gefuehle nicht schamlos ausgenutzt werden. ich bin jemand, der sich anderen gegenueber ziemlich abgebrueht oder oberflaechig gibt. mit "freunden" kann ich nicht so reden. warum eigentlich? warum bin ich so? diese tiefen empfindungen, diese sensibilitaet machen mich fast krank. was fuer stahl. nichts wuenschte ich mehr, als mich so geben zu koennen, wie ich wirklich bin. ich habe keine freundin und sehne mich meist auch nach niemanden. mir ist durch eine beziehung klargeworden, dass ich selbst in einem menschen, der mich sehr gern hat, nicht das finden kann, was ich suche. obwohl ich, den kopf voller rosinen, noch nicht einmal weiss, wonach ich ueberhaupt ausschau halte, spuere ich, dass meine seele weit mehr braucht als nur einen menschen. irgendwie scheint ein teil von mir immer unerfuellt zu sein, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das kein mittel ist, das mich aus meiner seelischen einsamkeit befreien kann. ich habe keine zweifel: kein mensch wird je in der lage sein, diese sehnsucht zu stillen. der menschlichen liebe fehlt etwas, denn sonst wuerde sie nicht so oft versagen. frage hundert menschen, was liebe ist, und du wirst hundert verschiedene meinungen hoeren und dabei wette ich noch, dass keiner recht hat. es ist auch nicht einfach zu erklaeren, was man unter liebe versteht. ich persoenlich kann hoechstens erklaeren, wie ich gern lieben moechte. ich moechte gern in die leere hinein lieben, ohne ansprueche und erwartungen. den anderen so lieben, wie er ist und nicht, wie man ihn haben moechte, ich will ja auch, dass man mich liebt, wie ich bin. aber der andere teil in mir liebt nur die menschen, die ihm symphatisch sind. es ist so schwer, menschen zu lieben, an denen man dies oder jenes nicht leiden kann. aber ich wuerde so gern. wie oft rege ich mich ueber die fehler der anderen auf, wobei ich meine fehler gar nicht sehen will und wenn ich sie doch sehe, meine ich immer, dass sie nicht so schlimm wie die anderen sind. diesen teil von mir finde ich so verlogen, dass ich mich direkt davor ekele. jeder mensch will lieben, aber manch einer schafft es noch nicht einmal eine ehe aufrechtzuerhalten. ist das nicht zum kotzen? ich kann auf diese menschliche liebe nicht bauen, denn man kann ihr nicht vertrauen, geschweige sich darauf verlassen. nichts ist mir klarer, als dass der liebe etwas ganz entscheidendes fehlt. um eine liebe zum leben erwecken zu koennen, braucht der mensch eben mehr als nur den willen dazu. was mich betrifft, habe ich laengst keine vorstellung ueber die liebe mehr. ich denke, die hatte ich mal und sie war falsch und deshalb glaube ich, dass ich die wahre liebe auch nie kennengelernt habe. eins und eins ist zwei, daran gibt es nichts zu ruetteln und wir brauchen eine liebe, an der es ebenfalls nichts zu ruetteln gibt. solange es nicht nur eine einzige interpretation fuer die liebe gibt, kann ich nicht daran glauben. alle menschen wollen geliebt werden, aber niemand ist bereit zu lieben.. ich suche einen glauben, der nicht nur ein hirngespinst ist, einen glauben, der wahr ist. ich denke, dass es etwas gibt, wovon ich eines tages sagen kann: "das ist es! das steht bombenfest! das kann mir keiner nehmen." ich werde jedenfalls so lange danach suchen, bis ich es gefunden habe. eigentlich weiss ich doch recht wenig ueber mich. wer weiss ueberhaupt, was ich bin und wer? kein mensch, ja, noch nicht einmal mein eigenes ich, kennt mich. aus dieser tatsache heraus muss sich doch ganz automatisch die frage nach dem sinn des lebens stellen. das blosse dasein laesst mich innerlich leer und niemals koennte ich sagen, dass es sich fuer mich gelohnt hat, auf dieser erde gewesen zu sein. wie kann ich mit diesem gedanken ueberhaupt in ruhe sterben? der tod muss eine luege sein, denn er macht mir angst. aber was man so fuerchtet, das kann nicht gut sein und was nicht gut ist, das kann und darf nicht wahr sein. wie kann der tod zu meinem leben gehoeren, wenn allein der gedanke an ihn mir das leben vergiftet? das leben sollte doch gut, wahr und angstfrei sein, oder? ich bringe es einfach nicht fertig, an den tod zu glauben. ich kann nur an das leben glauben und das muesste nach meiner auffassung staerker als der tod sein. wenn der tod sieger ueber mein leben bleibt, ja, habe ich dann ueberhaupt gelebt? ich kann es mir zwar nicht erklaeren, aber ich glaube, dass an einer lebensauffassung irgend etwas nicht stimmt, in der mit dem tod alles vorbei sein soll. es muss ein leben geben, das niemals aufhoert. wenn ein organ meines koerpers ploetzlich sehr krank wird und niemand es wieder gesund machen kann, wird es wahrscheinlich sterben. aber ein totes organ wuerde meinen ganzen koerper vergiften und damit das nicht geschehen kann, muss ein chirurg das tote gewebe entfernen. nur dann kann ich weiterleben. aber wie ist es mit der seele? was muss meine seele abstossen, um nicht auch vergiftet zu werden und deshalb sterben zu muessen? wenn tod und leben schon im koerper nicht zusammen hausen koennen, dann sollte das fuer die seele erst recht geltung haben. ich denke, dass in meiner seele nur eines herrschen kann: entweder der tod oder das leben. es ist unmoeglich, tod und leben meiteinander zu vereinen. den physischen tod werde ich wohl oder uebel hinnehmen muessen, aber den tod meiner psyche werde ich niemals akzeptieren. ich kannte mal jemanden, der meinte, dass der sinn des lebens darin besteht, sich koestlich zu amuesieren. man sollte halt alles mitnehmen, was man mitnehmen kann. nu ja, das war seine meinung und sollte ich mal zu der selben auffassung kommen, wuerde ich jedem chirurgen die erlaubnis erteilen, mir das hirn zu amputieren. arbeit, die mir spass macht und die ich jeden tag tun koennte, wuerde meinem leben etwas mehr sinn geben. aber allein in der arbeit koennte ich den sinn meines lebens auch nicht finden. was macht das leben zum ganzen? heiraten? kinder kriegen? bestimmt nicht.. denn sonst waere das vollkommene leben nur fuer bestimmte leute gedacht. ich kann mich einfach nicht mit einzelnen erfolgen meines lebens zufrieden geben. ich will alles, will das volle und wahre leben. ich will den ganzen kuchen. keine halbheiten, keinen begrenzten sinn. alles. koste es, was es wolle. ich sass einmal da, beobachtete die leute und stellte mit entsetzen fest, dass die meisten versuchen, die zeit totzuschlagen. das wichtigste, das sie in ihrem kostbaren leben haben, machen sie zunichte. meine generation leidet wohl ganz besonders unter dem hunger nach erlebnissen und der toedlichen langeweile, die das leben regelrecht vergiften. unentwegt hoert man die leute nach freiheit schreien, doch wir sind alle gefangene unserer eigenen triebe, aengste und gefuehle. wenn ich nur an die sexuelle freiheit denke, kommt mir das kotzen. ich empfinde eine tiefe abscheu gegenueber menschen, die kein schamgefuehl haben. es ist doch merkwuerdig: obwohl die menschen sich nach mehr freiheit sehnen, ziehen sie sich die ketten immer straffer an. wir sind alle sklaven unserer selbst. man ist sich selbst der schlimmste feind. dabei ist es doch natuerlich dass man sich nach freiheit sehnt. nur wuesste ich nichts mit einer freiheit anzufangen, von der ich gar nicht weiss, wozu sie da ist. auch die freiheit muss den menschen zu einem ziel fuehren und gerade das sehe ich nicht. die freiheit, die ich kenne, fuehrt nirgendwo hin und hat fuer mich irgendwie einen vernichtenden charakter. und zu dieser art von freiheit wollen wir dann noch eine gehoerige portion liebe.. allein bei dem gedanken koennt ich schon wieder kotzen. es ist einfach nicht mehr zum aushalten, wissen wir eigentlich, was wir wirklich wollen? ich bezweifle das sehr. freiheit und liebe fehlt etwas, was ihnen ein gewisses mass an glaubwuerdigkeit schenken koennte. meinem leben fehlt einfach die ueberzeugungskraft, die glaubhaft machen koennte, dass es einen sinn hat. obwohl es mir gut geht, erlebe ich immer wieder zeiten seelischer zerrissenheit, die mich fragen lassen, was ich auf dieser welt ueberhaupt zu suchen habe.
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