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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » Threadrestexemplare
16.04.2011 21:05
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0 also bald nicht mehr zu haben aber dringend zu empfehlen: der tag, an dem die männer verschwanden. "Der Tag, an dem die Männer verschwanden, begann, wie ein typischer Sonntagmorgen in Mariquita..." So beginnt der großartige Roman von James Canón, der uns nach Kolumbien führt. Wir erfahren zuerst, wie so ein typischer idyllischer Sonntagmorgen in Mariquita aussieht, und erleben dann mit Schrecken, wie Guerrilleros in den Ort marschieren, um um Unterstützung zu bitten. Diese Unterstützung, in Form von Lebensmitteln und Geld, fällt aber so mager aus, dass die Guerrilleros vor lauter Wut, kurzerhand, alle männlichen Einwohner des Dorfes über 15 Jahre zwangsrekrutieren und in die Berge mitnehmen. Das Dorf verwandelt sich in einen Ort der Witwen und in ein Tal der Tränen. Ein Jahr später - der Wasserlauf ist eingetrocknet, die meisten Ernten verdorben und die Frauen und Kinder Hunger und Dürre ausgeliefert - nimmt Rosalba viuda (Witwe) de Patino das Heft in die Hand und erklärt sich zur Bürgermeisterin. Trotz ihrer Inkompetenz und größtenteils grotesken Verfügungen entwickelt sich Mariquita im Laufe der Jahre zu einer neuen blühenden Gemeinde. All dies schildert uns James Canón mit einer Art von Humor und Herzenswärme, die seinesgleichen sucht. Er erzählt viele Geschichten, in denen immer wieder eine andere Dorfbewohnerin vorgestellt wird, so dass man am Ende des Romanes das Gefühl hat, man hätte selbst schon immer in Mariquita gelebt. Allerdings will uns Canón auch nicht vergessen lassen, dass dieser Roman in Kolumbien spielt, in einem Land, in dem ein grausamer Bürgerkrieg geführt wird und so streut er zwischen den Kapiteln immer wieder kurze Berichte von Guerrilleros und Regierungssoldaten ein, die uns die grausame Realität Kolumbiens vor Augen führen. Man kann den Namen von James Canón zu Recht in einem Atemzug mit Gabriel García Márquez, Isabel Allende und Giaconda Belli nennen. Er hat einen Roman in großer südamerikanischer Erzähltradition geschrieben, dem ich sehr viele Leser wünsche. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein Missbrauch melden | Kommentar als Link Kommentar Kommentar 6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich: 5.0 von 5 Sternen Ein weibliches Utopia - eine Lobeshymne an die Frauen, 22. Juli 2009 Von Karin Nieslon - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Der Tag, an dem die Männer verschwanden (Gebundene Ausgabe) Mariquita, Kolumbien, 15. November 1992: eine Gruppe von Guerillakämpfern stürmt ein abgelegenes Dorf. Als die eingeforderte Unterstützung zu gering ausfällt, verschleppen sie kurzerhand alle männlichen Bewohner über 12 Jahren. Nur der Priester darf bleiben. Da die Unterstützung durch die Regierung respektive das Militär ausbleibt, müssen sich die Frauen selber helfen.Der Leser erfährt wie sich die resolute Witwe des Dorfpolizisten zur Bürgermeisterin ernennt und wie die Eigentümerin des Bordells verzweifelt versucht, ihre Mädchen in einem Dorf voller Witwen zu halten. Er erfährt von der Zeugungskampagne des Priesters und von den letzten getöteten Buben. Er erfährt von der Lehrerin, die Geschichte nicht mehr unterrichten will, und von der anderen, männlichen Witwe. Eines Tages wird die Zufahrt durch ein Unwetter zerstört, Mariquita komplett von der Außenwelt abgeschnitten. An dem Tag als die Zeit stehenbleibt beginnt der Wandel in ein weibliches Utopia. Ein neues weibliches Zeitsystem wird eingeführt, basierend auf Perioden, und endlich beginnt die Gemeinde aufzublühen. Für jedes Jahr enthält das Buch einen Bericht, der einer speziellen Bewohnerin gewidmet ist und das dörfliche Geschehen beschreibt. Zwischen den einzelnen Berichten sind kurze Erzählungen und Reportagen aus dem Leben von Männern enthalten, von Guerillakämpfern, von Soldaten, von Indios. Sie erzählen von Tötungen, Hinrichtungen, vom grausamen Alltag dieser Männer, teilweise auch von deren Verzweiflung. Canon entwickelt eine dörfliche Gemeinschaft, die von der sozialen Gleichstellung ihrer Mitglieder geprägt ist und funktioniert. Aber ist dieses neugeschaffene weibliche Utopia wirklich realistisch? Eine Welt, in der Entscheidungen nur durch Konsens getroffen werden? Ist der Wandel der energischen Bürgermeisterin, die zunächst noch daran denkt, Versammlungen von mehr als 2 Leuten zu verbieten, das Wörtchen Hilfe verbieten und eine Polizistin ernennen will (alles S. 58), in eine gemeinschaftsorientierte Person glaubhaft? Können Frauen überhaupt so neidlos, so freundschaftlich, so friedlich und liebevoll mit einander umgehen? Nun, zumindest in der von Canon geschaffenen Welt scheint es möglich zu sein, so lebensecht, so greifbar beschreibt er diese Gemeinschaft von Frauen. Canon ist in meinen Augen ein begnadeter Geschichtenerzähler. Freilich zweifle ich, ob diese Lobeshymne an die weiblichen Fähigkeiten jemals wahr werden kann. Aber schön zu lesen ist es allemal und wenn ein Buch zum Träumen verleitet und Ablenkung zur realen Welt bietet, so ist es meiner Meinung nach auf jeden Fall sein Geld wert.
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16.04.2011 21:08
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