Um LESARION optimal zu gestalten und fortlaufend zu verbessern verwenden wir zur Auswertung Cookies. Mehr Informationen über Cookies findest du in unseren Datenschutzbestimmungen. Wenn du LESARION nutzst erklärst du dich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.




Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » Thread

vielleicht zu einem gläschen rotwein.

06.10.2011 20:29
HiddenNickname
0


Herrlich, heute ist Montag. Ich liebe Montage. Sie sind für mich wie Neujahr. Immer wieder ein Neuanfang. Heute habe ich mir felsenfest vorgenommen, meine To-Do Liste zu reduzieren, indem ich soviel wie möglich davon erledige. Das alles muss ich bis Mittag geschafft haben. Denn da beginnt meine Vorlesung:
„Rhetorik, die Kunst der Verführung durch Worte“. Meine Dozentin ist leicht grobmotorisch veranlagt und außerdem kann ich ihr nur schwer folgen. Ich muss gestehen, dass ich eigentlich aus einer ganz anderen Motivation hingehe. Ich stehe unheimlich auf die Streberin, die sich ständig in die erste Reihe setzt. Sie hat so was Unnahbares und sie weiß einfach alles. Ich habe gehört, dass sie was mit einem Jockey haben soll. Die Vorstellung ist irgendwie absurd. Sind Jockeys nicht gerade mal größer, als zwei Pinguine übereinander? Sie dagegen ist groß und schlank und hat die schönsten Locken, die ich je gesehen habe. Sie hat noch nie gefehlt. Ich weiß dass, weil ich ihretwegen immer anwesend war. Wir hatten erst einmal richtigen Blickkontakt. Eigentlich hat sie vielmehr die Augen verdreht, als ich anscheinend etwas nicht ganz so korrektes von mir gegeben habe.

So, und nun aber zurück zur Alltagsbewältigung. Erst einmal muss ich die Bremsen meines einzig geliebten fahrbaren Untersatzes reparieren lassen. Ich habe das schnittigste Rad bei uns im Viertel. Ein echtes Bonanza-Rad mit einer Unikatlackierung, mentholgrün mit Goldverzierung. Also ab vor die Haustür. Herrlich, keine Sonne, dafür aber typisches Hamburger Schietwetter. Hamburg ist ohne Zweifel meine Traumstadt. Würde ich jemals jemandem einen Heiratsantrag machen, dann wäre es dieser Stadt. Und das mit dem Regen würde ich als zukünftige Ehegattin der Stadt Hamburg auch noch irgendwie deichseln.
Ich glaub, dass ja wohl nicht. Wo zum Henker ist mein Fahrrad? Ich habe es doch noch vorgestern hier direkt am Gitter ordnungsgemäß gesichert. Toll, ist das etwa mein Schloss? Super, und wo ist das Fahrrad? Das ist doch nicht etwa geklaut worden? Ich hoffe, Du, der Dieb, der mich gerade um ein Stück Lebensqualität beraubt hat, stürzt mit dem Fahrrad in ein Feld voller Brennnessel und wirst von über dir fliegenden Greifvögeln für eine fette Beute gehalten.
Abgesehen davon, werde ich dich anzeigen. Ob ich nachher noch weinen werde? Bei mir setzen Tränen immer versetzt ein. Letztes Jahr ist mein Großvater gestorben. Ich habe irgendwie nicht weinen können, obwohl er mir sehr viel bedeutet hat. Und plötzlich zwei Wochen später, habe ich beim Laufen im Stadtpark eine Auseinandersetzung mit einem älteren Herrn. Der hat mir doch tatsächlich mit Absicht seine Nordic Walking Spieße vor die Füße gehauen. Ich habe ihn angeschrieen und ihm die Stöcke aus der Hand gerissen.
Naja, versucht habe ich es zumindestens, denn irgendwie ist mir der alte Griesgram zuvor gekommen und hat mir doch tatsächlich ein Bein gestellt. Ich bin gestürzt. Was für ein Pavian.
Plötzlich reicht er mir aber seine Hand an und hilft mir hoch, damit hatte ich nun gar nicht gerechnet. Ich dachte, er würde mich wie ein Pitbull zerfleischen wollen.
Da passierte es plötzlich, ich musste weinen. Keine kleinen Kullertränen, sondern das komplette Programm inklusive Nasenschlotter und Atemnot. Der Griesgram guckte mich nur verwundert an und sagte: „ Mensch Deern, so schlimm ist es doch nun auch wieder nicht!“.

Kein Fahrrad. Dann muss ich jetzt wohl mit dem Bus zur Polizeiwache. Busfahren kann ich nicht leiden. Irgendwie riecht es dort immer unangenehm. Im Winter, weil die Leute es anscheinend zu Hause schön muggelig mögen und im Sommer zieht sich grundsätzlich eine penetrante Schweißnote durch den Bus. Ich dagegen, dufte. Ich rieche unbeschreiblich gut. Das habe ich schon empirisch festgestellt. Jede Verabredung, und ich hatte nicht wenig Dates, war begeistert von meinem Duft.

Oh, da kommt der Bus. Ich lege einen schnellen Sprint ein. Noch zwei Meter, dann habe ich es geschafft. Was zum Henker? Der, will doch nicht etwa los fahren? Ich glaub mich streift ein Bus. Spitze, jetzt habe ich auch noch den Bus verpasst.
Ich setze mich gefrustet auf eine Bank und stecke mir eine Zigarette an. Mit dem Rauchen wollte ich eigentlich schon vor geraumer Zeit aufhören. Vielleicht mache ich es nächsten Montag, wenn ich wieder mein persönliches Neujahr zelebriere.
Während ich auf den Bus warte, werde ich von einer augenscheinlich freundlichen älteren Dame angesprochen: „ Junges Fräulein, hätten Sie mal ein Zigarette für mich? Ich habe gerade erfahren, dass ich ein Enkelkind bekomme.“
Ich antworte: „ Das ist ja großartig!“ und hole dabei eine Zigarette heraus. Ich lächle und halte ihr die Zigarette entgegen. „Die kriegen Sie aber nur, wenn Sie das Enkelkind nach mir benennen!“ Die gut gekleidete Dame nimmt mir die Zigarette aus der Hand und antwortet grinsend: „Ich bin schon längst Oma, dass war nur ein Vorwand um eine Zigarette zu bekommen. Klappt immer!“ Ich drehe völlig am Rad. Immer diese hinterhältigen Rentner. Jetzt schnorrt mich schon ein Ömchen an und ich merke nichts davon. „Wie heißen sie denn?“ fragt sie mich. „Söngül“, entgegne ich ihr.
„So, so. Eine Türkin. Ich habe es ja nicht so mit den Türken.“
Bitte, was soll das denn heißen? Ich habe es noch viel weniger mit kriminellen Rentnern. Außerdem bin ich nicht nur Türkin, sondern auch eine Lesbe. Das bin ich tatsächlich. Meine Eltern wissen noch nichts von ihrem Glück. Man hat es so schon nicht einfach als Migranten-Tochter in Deutschland und dann noch dieser gleichgeschlechtliche Quatsch. Was soll’s. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich eh viel lieber schwul. Die haben eine wesentlich bessere Auswahl. Die meisten Schwulen die ich kenne sind sehr modisch, ernährungsbewusst und erfolgreich. Lesben dagegen haben es meistens nicht so mit der Mode, es sei denn ein Trekkingoutfit wird als modisch betrachtet. Viele sind sehr burschikos, introvertiert und neigen zum Stalken. Außerdem sind sie dazu von der Menschheit enttäuscht und haben daher mindestens eine Katze, welche als Ersatzfamilie hinhalten muss.
Das ist so gar nicht Söngül´s Welt. Aber die Nele aus der ersten Reihe hat es mir angetan. Ich verliebe mich immer in heterosexuelle Frauen. Endlich kommt der Bus.
Hinten im Bus sitzt eine Gruppe Halbstarker, im mittleren Bereich ein junges Mädchen mit Down-Syndrom. Sie bewegt ihren Kopf zu der Musik, welche die Jugendlichen übers Handy abspielen. Schon komisch der Anblick. Wenn ich mich nach vorne setze, habe ich nicht wirklich was Spannendes zu beobachten. Platziere ich mir aber im hinteren Bereich, muss ich damit rechnen den einen oder anderen doofen Teenie-Spruch zu kassieren. Man weiß ja nie. Ich entscheide mich für den hinteren Bereich des Busses. Das ganze Leben ist ein Risiko und ich bin ein Gefahrensucher. Eine Freundin von mir ist Psychologin, während ihres Studiums meinte sie mich immer bei neu gelernten Persönlichkeitstheorien analysieren zu müssen. Demnach wäre ich jetzt wahrscheinlich eine contraphobische Sensationseekerin.
Die Teen-Gang starrt mich an wie ein Auto, sagt aber nichts. Das Mädel mit dem Down-Syndrom trägt ein Tokio Hotel T-Shirt. Verrückt, was Musik im Leben für eine Rolle spielt. Also sollte ich irgendwann die Mutter Erde gen Himmel verlassen, möchte ich ein Intro, wie bei einem Boxkampf. Und hier die einzigartige Söngül, die gutes vollbracht hat und glücklich die Erde verlassen hat. Einen Applaus bitte. Und dann ertönt irgendein saugeiler Song und die Engelsfrauen werden schon ganz wuschig und neugierig auf mich. Ja, so stell ich mir den Abgang und Neuanfang vor.
Noch zwei Stationen zur Polizeiwache. Ich werde die berühmte Polizeiwache auf St.Pauli aufsuchen. Die können sicherlich mein geliebtes Fahrrad orten.
 
Mittlerweile befinde ich mich an der Rezeption der Wache, hier riecht es auch nicht angenehm. Da kommt auch schon ein bäriger Polizist auf mich zu und starrt mich nur an. Wieso gucken mich denn immer alle so an? „Moin, ich möchte eine Anzeige aufgeben, mein Fahrrad ist geklaut worden.“ „Bitte nehmen Sie Platz.“ Ich setze mich auf einen alten Holzstuhl und sage: „ So sieht also die berühmte Davidswache von innen aus.“ Da faucht der Polizeibär mich doch tatsächlich an: „Davidwache!“ Auweia ist ja gut Brauner, das eine "s" mehr ist doch kein Weltuntergang. Mein Vater meint, Polizisten seien postmoderne Sklaven. Ich bestätige, dass so eben mal mental. Wie spät ist es eigentlich? In weniger als zwei Stunden geht meine Vorlesung los. Ob ich das noch schaffe?  
Die Anzeigenaufnahme soll ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch nehmen, mir kommt das aber irgendwie länger vor. Geduld ist eine meiner nicht vorhandenen Tugenden. Plötzlich nehme ich einen angenehmen frischen Duft war. Ich drehe mich zur Seite und falle fast vom Folterstuhl. Nele, mein heimlicher Schwarm aus der Vorlesung betritt die Polizeiwache. Sie ist so unheimlich anziehend. Ich darf sie bloß nicht anstarren. Was die wohl hier will? Der Polizist lächelt sie freundlich an, ich lächle ebenfalls etwas verschämt in ihre Richtung. Sie grüßt mit einem freundlichen: „Hallo.“. Eine andere Polizistin kommt dazu und nimmt sich ihrer Sache an. Ich höre, wie sie von ihrem Fahrraddiebstahl berichtet. Zufälle gibt’s! Ich muss anfangen zu lachen. Ich blicke erneut zu ihr rüber und sage:
„Meins wurde auch gestohlen, ob das mit einem Tandem auch passiert wäre?“ Nele lacht und streicht sich dabei durch ihre zauberhaften Locken. „ Ein Tandem?“ Oh je, hab ich das wirklich gesagt, wie schwachsinnig von mir. Doch plötzlich sagt sie: „ Keine Ahnung, Tandem bin ich noch nie gefahren, ich wollte es aber schon immer mal ausprobieren.“ Ich freue mich tierisch über diesen Dialog, versuche aber cool zu bleiben. „ Es gibt für alles ein erstes Mal. Hier unten am Hafen ist ein toller Tandemverleih.“
„Wieso eigentlich nicht?“ „ Und was ist mit der Vorlesung?“ frage ich.
„Also bei dem was mir am heutigen Tag widerfahren ist, tangiert mich die Vorlesung wirklich peripher!“ ertönt es aus ihrem Mund.
Damit habe ich nun gar nicht gerechnet. In mir explodiert ein chinesisches Feuerwerk. Wenn das mal mal kein Grund ist, nicht in die Vorlesung zu gehen.

--kleine kurzgeschichte...die ich noch während der studienzeit geschrieben habe..vielleicht gefällt´s- --


0


06.10.2011 23:13
06.10.2011 23:00
06.10.2011 22:52
06.10.2011 22:41
06.10.2011 22:26
06.10.2011 22:11
HiddenNickname
0
06.10.2011 22:01
06.10.2011 22:00
HiddenNickname
0
06.10.2011 21:44
06.10.2011 21:40
06.10.2011 21:29
06.10.2011 20:56
06.10.2011 20:49
06.10.2011 20:44
06.10.2011 20:40
06.10.2011 20:39
06.10.2011 20:33

0









>>> Laufband-Message ab nur 5,95 € für 3 Tage! <<<