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wie ein Ägypter beinahe einen Mann heiratete.


09.04.2006 08:37
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Der Polizist lacht, grob, heiser. Mach schon, sagt er zu der jungen Frau, zieh dich aus!

Der Nachmittag des 20. Dezember 2005, drei Personen befinden sich im Vernehmungszimmer des Polizeireviers Isba Cheir Allah, im Süden Kairos, im Stadtteil Basatin: Der Polizist, der die Verhaftung durchgeführt hat, die junge Frau namens "Muna", verdächtigt des Betrugs, die dritte Person ist ihr Bräutigam, Tamir Sabir Schaaban. Tamir, der Bräutigam, zittert, der Schock.

Ausziehen, los!, jetzt schreit der Polizist.

Tamir, der Bräutigam, schlägt die Hände vors Gesicht. Er ist 24 Jahre jung, Vorarbeiter in der Bonbonfabrik "Bom Bom", liiert mit Muna seit drei Jahren, ein fröhlicher, romantischer Mann, sagen seine Freunde - jetzt ist er alles andere als fröhlich.

Er hört, wie Muna sich auszieht.

Hört sie schluchzen.

Dann ist es still.

Na also, sagt der Polizist.

Tamir zuckt zusammen, der Polizist hat ihm auf die Schulter gepatscht, na los, sagt er, mach doch mal die Augen auf, du Bräutigam, willst du nicht mal einen Blick werfen auf deine hübsche Frau, bevor du das Protokoll unterschreibst?

Tamir reißt sich los. Raus aus der Tür, er rennt den Flur entlang, raus aus dem Polizeirevier, er hastet durch die Straßen und Gassen des Viertels, ziellos. Wo soll er auch hin, nach Hause? Niemals!

Tamir lebt bei seinen Eltern, unweit vom Polizeirevier, nahe der U-Bahn-Station Sahra. Das Haus hat Wände aus Lehmziegeln, als Dach ein paar Holzbretter, Plastikplanen. Zwei Zimmer, in einem schlafen die Eltern und die Schwester, im anderen Tamir und seine drei Brüder. Die Miete ist vergleichsweise hoch: 120 ägyptische Pfund (17 Euro), Strom müssen sie heimlich abzapfen. Hinter dem Slum liegt eine wilde Müllkippe.

Es wird Abend. Tamir irrt noch durch die Straßen. In seinem Kopf hämmert die eine Frage: Wie konnte das geschehen?

Tamir und Muna lernten sich vor drei Jahren kennen. Muna arbeitete damals in einer Papierfabrik, als ungelernte Hilfskraft. Aber Tamir verschaffte ihr einen besseren Job, er kannte jemanden in einer Manufaktur für Damenhandtaschen. Als Muna fragte, wie sie ihre Dankbarkeit zeigen könne, sagte Tamir: Indem du mit mir spazieren gehst.

Und so fuhren sie mit dem Bus zu einem Park und gingen spazieren. Immer öfter trafen sie sich, nur donnerstags nicht, da spielte Tamir Fußball. Wenn sie spazieren gingen, rezitierte Tamir Liebesgedichte, manchmal sangen sie Lieder, zweistimmig: "Weit von dir ist mein Leben eine Qual".

Dann war Muna weg. Verschwunden. Urplötzlich. Sie kam nicht zur Arbeit, sie kam nicht mehr in den Park.

Muna, in Wahrheit ein junger Mann namens Ahmed Abu Seid, 18 Jahre alt, war zum Arzt gegangen - aus Liebe zu Tamir. Er hatte im Behandlungszimmer gesessen, hatte dem Arzt gestanden, dass er sich als Frau fühle, schon immer sei es so gewesen, doch jetzt hätte er einen jungen Mann kennengelernt, den er liebe, und ob man ihn zur Frau machen könne?

Der Arzt hörte sich Muna/Ahmeds Geschichte an, dann stand er auf, holte aus seinem Schrank einen Gummischlauch und drosch auf seinen Patienten ein, brüllte ihn an, und Muna/Ahmed heulte vor Schmerz und Demütigung und floh.

Es gab also keine Rettung. Zwei Monate lang nach jenem Arztbesuch versteckte sich Ahmed vor der Welt, aber irgendwann hielt er es nicht mehr aus.

Und er wurde wieder Muna, so trafen sie sich wieder.

Tamirs Fragen wich Muna aus. Eines furchtbaren Tages würde Tamir alles erfahren, doch bis dahin war Zeit, jede einzelne Sekunde wollte Muna genießen.

Drei Jahre lang schöpfte Tamir keinen Verdacht. Er hätte gern mal ihren Busen gesehen, doch Muna sagte nein, so eine sei sie nicht, Tamir liebte sie umso mehr. Muna machte manchmal dunkle Andeutungen, es gäbe ein Geheimnis in ihrem Leben - Tamir verstand kein Wort, aber hat nicht jeder ein Geheimnis? Ende November setzten sie einen Termin an für die Heirat. Sie gingen zu einem Laden, um Brautkleidung auszuleihen, fuhren zum Basar Chan al-Chalili, um eine goldene Kette zu kaufen, einen Ring, Ohrringe, Tamirs gesamte Ersparnisse 1300 Pfund (etwa 188 Euro) gingen dafür drauf. Nach der Geburtsurkunde - die Ahmed seiner kleinen Halbschwester gestohlen hatte - war Muna erst 13 Jahre alt, ein Computerfehler, erklärte sie Tamir. Na ja, kommt halt vor, dachte der.

In den Wochen vor der Hochzeit war Muna oft zu Besuch bei Tamir; auch an jenem schrecklichen Tag, als die Frau kam. Ein Gerücht kursierte im Viertel, ein schreckliches Gerücht, und die Frau, eine Nachbarin, sagte, es sei ihre Pflicht vor Allah und den Menschen, die Familie zu warnen.

Und sie erzählte.

Muna wurde gerufen. Sie war bleich, willigte aber schließlich ein in die Untersuchung. Die älteren Frauen tasteten die Schwiegertochter in spe ab, griffen unter ihr Kleid, und plötzlich schrien sie auf, grell, durchdringend, jemand rannte los, um die Polizei zu holen.

Ahmed kam in Untersuchungshaft. Anfang Mai soll der Prozess sein, Ahmed rechnet mit drei Monaten Gefängnis. Tamir, der betrogene Bräutigam, hat sich etwas erholt. Eines Tages, sagt er, wolle er Ahmed wiedersehen, er trägt ihm nichts nach, vielleicht können sie Freunde sein.


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