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Brausepulver

von Abbeyroad


Jenseits der Industriebahn, wo moderne Flachbauten die Kirschbäume verdrängt haben, führt noch derselbe unbefestigte Weg zur Siedlung. Erwachsene benutzen ihn als Abkürzung und Kinder als Abenteuerpfad. Die Gärten, die er durchquerte, sind längst verwildert; die Zäune haben nichts mehr zu bewachen, ihre rostigen Maschen starren blicklos wie Fensterlöcher aus Ruinen.

Die Sommerhitze aber ist dieselbe, als wären nicht so viele Winter darüber hingegangen. Wieder riecht es nach warmem Gras. Und da kommt die Erinnerung.

Der Baumschatten ist spärlich, als ich an der Gartenklause nach Brausepulver anstehe, ein paar Münzen in der schweißnassen Hand. Von ferne singt die S-Bahn ihr Lied. Die Zehennägel habe ich sorgfältig lackiert, kein Staub soll sie beschmutzen. Ich trage ein ärmelloses Sommerkleid, fühle mich unbehaglich, wo es sich rundet. Die Blicke der Biertrinker machen mich verlegen und ihr Lachen, einst anziehend und vertraut, widert mich an. Es ist, als hätten sie ein Versprechen gebrochen, und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich mich zu ihrer Komplizin machen lasse. Denn ein bisschen bin ich auch stolz, dass sie mich bemerken.

Noch im Gehen spüre ich ihre Blicke in meinem Rücken. Ich fühle mich nackt und schmutzig. Verstohlen hebe ich den Arm und erprobe meine Achselhöhle. Es duftet süß und nach Frau.

- Lange nicht gesehen. Bist ein hübsches Mädchen geworden, sagt eine Stimme. Ich fahre herum. Da steht Frau Fraenkel am Gartentor und lächelt. Sie trägt einen Badeanzug und ihre Lippen leuchten. Unwillkürlich vergleiche ich mich mit ihr und geniere mich im selben Augenblick dafür.

Sie ist geschieden, gilt in der Kolonie als ein bisschen verrucht.

- Magst du Brause? fragt sie und öffnet die Pforte.

Das Holz riecht nach Schatten. Die Laube ist beengt, aber irgendwie anheimelnd. Alles Mobiliar, alles Geschirr, das zu unfein für die Stadtwohnung geworden ist, findet hier noch Verwendung. Mag es zusammenpassen oder nicht.

Frau Fraenkel reicht mir ein Glas. Wir trinken schweigend. Ihr Gesicht und ihre Hände zeigen winzige Fältchen. Sie lächelt. Gepflegte Fingernägel hat sie und einen silbernen Armreif, passend dazu eine Kette. Ihr Teint ist bronzefarben, ihre Figur atemberaubend. Ich starre sie an. Ich werde nie so sein, so - weiblich.

- Bei der Hitze ruht man besser aus, findest du nicht? fragt sie. Möchtest du dich ein bisschen hinlegen?

Dankbar strecke ich mich auf der Couch aus. An der Wand hängen Fotografien ihrer großen Söhne.

- Du solltest dich entspannen, flüstert sie und zieht einen Hocker an das Ende, wo mein Kopf liegt. Behutsam berührt sie meine Schläfen. Ihre Hände sind überraschend kühl.

Langsam beginnt sie mich zu massieren: mein Haar, meine Kopfhaut, meine Schultern. Es ist beruhigend und zugleich irgendwie aufregend, sie so nah zu spüren. Leise klickt ihr Silberschmuck an meinem Ohr.

- Tut das gut? fragt sie.

Anstelle einer Antwort schließe ich die Augen und lasse meine Gedanken frei. Ich bin ein Schmetterling und tanze von Blüte zu Blüte. Es ist so schön mit Frau Fraenkel. Sie soll nicht aufhören. Nie, nie wieder.

Sie streicht mir die Träger von den Schultern. Verschreckt fahre ich auf.

- Ruhig, ganz ruhig! flüstert sie und zwingt mich mit sanfter Gewalt zurück.

Ich leiste keinen Widerstand. Mein Herz rast. Ich sehne mich nach dem, was kommen wird, und fürchte mich davor.

- Du brauchst keine Angst zu haben, sagt Frau Fraenkel, als könne sie Gedanken lesen.

Der dunkle, melodische Klang ihrer Stimme beruhigt mich, und wieder schließe ich die Augen. Ich möchte, dass sie weiterredet, will mich in dieser Musik verlieren, diesem betörenden Auf und Ab von sanften Lauten.

- Wie gut du riechst, flüstert sie und bringt ihr Gesicht dicht neben meine Schulter. Sie küsst mir die Nässe aus den Achselhöhlen, von den Oberarmen. Ich spüre, wie meine Brüste fest werden und mir die Nässe einschießt. Ich will nicht, dass sie es merkt, und will es doch.

- Du bist so schön. Du bist so wunderschön.

Ganz zart umschließt sie meinen Busen. Auch hier massiert sie mich. Noch immer halte ich die Augen geschlossen. Ich bin atemlos vor Erregung.

Ihre Finger fahren um meine Brustspitzen, die jetzt ganz hart sind und sich ihr entgegen recken. Sanft drückt der Daumen sie in die Höfe zurück, lässt sie wieder hervorschnellen, nimmt sie zusammen mit dem Zeigefinger in die Zange, dreht sie, liebkost sie zärtlich. Jäh drücke ich den Rücken durch.

Da fällt ihre Kette in mein Gesicht. Wir küssen uns, verstohlen und zart zuerst. Dann will ihre Zunge wissen, wie erfahren meine ist, und ich den Atem der Älteren trinken, mich daran berauschen, darin vergehen.

Ein Blitz durchzuckt mich, als sie an meiner Scham entlang streicht. Es ist, als habe sie Brausepulver hineingeschüttet. Das Aufschäumen ist überwältigend. Unwillkürlich stoße ich einen Schrei aus, kralle mich fest. Und lasse jäh los. Ich darf das nicht.

Elektrisiert springe ich auf.

“Ich muss jetzt gehen, Frau Fraenkel”, stammele ich und bedecke eilends meine Brüste, auf denen ich noch ihre Hände spüre.

“Danke für die Brause”, setze ich töricht hinzu. Ich gehe, ohne mich umzudrehen. Ich möchte, dass sie mich zu sich ruft, mich aufhält. Nie zuvor habe ich etwas so sehr gewollt. Aber sie sagt kein Wort.

Ich habe den Pfad seither nicht mehr betreten, habe Umwege genommen, das Holzhaus an den Kirschbäumen gemieden. Und doch nie aufgehört, davon zu träumen.

Heute ist Ödnis, wo die Laube stand. Von ferne singt die S-Bahn ihr Lied, doch klingt es anders als damals. Irgendwo ruft eine Amsel. Ihre Stimme verhallt, genau wie meine Sehnsucht.

Langsam gehe ich den Weg zurück. Am Rand finde ich Kiesel und lasse sie durch meine Hände rinnen. Fast klingt es wie das leise Klicken von Silberschmuck.




copyright © by Abbeyroad. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.





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