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Gedichte » Detail

Der alte Mann

von Pokerqueen


Dieser alte Mann.
Mit dem ich ein paar schöne Gespräche geführt habe.
Dem ich von meinem Weg erzählt habe, von meinen Fortschritten.
Der aber auch wusste, dass ich schon ganz tief unten war in meinem Leben.
Diesen alten Mann habe ich umarmt.
Einfach, weil ich ihn mag.
Aus Wertschätzung.
Aus Dankbarkeit.
Weil ich weiß, wie einsam er ist.

Dieser alte Mann hat dann versucht mich zu küssen.
Ich drehte meinen Kopf hin und her und er erwischte immer nur irgendeine Backe.
Er verstand mein Winden nicht.
Also versuchte ich mich aus der Umarmung zu lösen,
mein Oberkörper war schon einen halben Meter von seinem entfernt,
doch seine Schnute war schneller.
Also sagte ich laut und deutlich „Nein, ich will das nicht.“
Er löste sich sofort.

Ich sagte mir, ok, ich werde ihn einfach nicht mehr umarmen.
Dann wird das schon ok sein.
Ein alter Mann hat da wohl mehr hineininterpretiert, als meine Absicht war.
Ich verzieh ihm sofort.

Doch mit einem Mal war seine Stimmung eine andere.
Wo vorher Herzlichkeit und Wärme herrschten, brach eine Kälte in ihn hinein.
Er fing an seltsame Dinge zu sagen.
Er machte mich richtig klein.

Vielleicht fühlte er sich weggestoßen,
vielleicht dachte er, meine Umarmung wäre eine Einladung für mehr.
Irgendwie verstehe ich das auch.
Doch ich verstehe nicht, dass er dann anfing mich klein zu machen.

Deswegen ging ich.
Und er wird mich nie mehr wiedersehen.
Und er weiß auch warum,
weil ich es ihm bevor ich ging, gesagt habe.

Ich lasse nicht mehr zu,
dass man mich für die Unzulänglichkeiten der anderen verantwortlich macht.
Ich lasse nicht mehr zu, dass mich andere abwerten, nur weil ich nein gesagt habe.
Ich lasse nicht mehr zu, dass ich bleibe, obwohl ich gehen will.
Ich lasse nicht mehr zu, dass Menschen meine Herzlichkeit mit Naivität verwechseln.
Ich habe keine Angst mehr vor dem allein sein.
Denn ich war mein ganzes Leben lang allein.
Die Gründe waren nur anders.

Dieser alte Mann steht für mich Sinnbildlich für Grenzüberschreitungen.
Für ein sich verlieren, wenn man nicht stopp sagt,
wenn man nicht bei sich selbst bleibt.

Sein Bedürfnis nach Sexualität hat ihn so handeln lassen.
Doch triggern wir nicht auch Bedürfnisse der Menschen nach Macht und Kontrolle und vieles Andere, wenn wir Grenzüberschreitungen zulassen?

Das schlechte Gewissen, dass uns eingeredet wird.
Die Schuld, die auf uns abgeladen wird.
Der Neid, der Menschen dazu verleitet, dich abzuwerten für das was du hast, was sie sich selbst wünschen und nicht selbst haben.
Und noch so vieles mehr.

Wenn ein Mensch mit nicht so guten Absichten merkt,
dass er Kontrolle über dich gewinnen kann,
wird er sein Verhalten dir gegenüber immer wieder wiederholen.
So ein Mensch wird dich immer wieder abwerten,
wenn du es zulässt.
Und noch so vieles mehr.

Setze Grenzen,
laut und deutlich.
Ein Winden verstehen die Menschen nicht.
Ein Winden wird aufgefasst als Chance, es nochmal zu versuchen.
Ein Wegdrehen verstehen die Menschen nicht.
Es ist nur eine weitere Option, die ausgetestet wird.
Setze Grenzen.
Laut und deutlich.

Steh für dich ein.
Kein anderer tut das für dich.
Du willst etwas nicht?
Dann sag es.

Du bist wichtig.
Es geht um dich selbst.
Es geht wirklich nur um dich.

Und wenn der andere dich deswegen abwertet,
ist das sein Problem.
Nicht deines.

Mach es nicht zu deinem Problem.
Das habe ich viel zu lange gemacht.
Und war deswegen komplett kaputt.

Steh für dich ein.
Kein anderer tut das.

Wirklich.
Glaub mir.
Kein anderer.





copyright © by Pokerqueen. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.





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