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Frischer Wind (1)

von CosimaRakas


„Warum willst du eigentlich nicht heiraten? Du hast doch jetzt so einen tollen Freund.“
Alexandra zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Ihre Arbeitskollegin hatte offenbar nichts Besseres zu tun, als in ihre Privatsphäre einzudringen. Wie sie es hasste, wenn Menschen so aufdringlich wurden.
„Das hat nichts mit meinem Partner zu tun. Mir geht es um das Prinzip der Ehe. Ich brauche weder einen Vertrag, noch Kinderum glücklich zu sein.“ Hannah schien mit der Antwort zufrieden zu sein, oder sie wusste, dass es keinen Sinn machte weitere störende Fragen zu stellen.
Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie das erste Mal mit Hannah darüber gesprochen hatte. Aber sie konnte ihre Meinung zu damals nicht revidieren. Obwohl ihre Meinung über die Ehe inzwischen ins Wanken geraten war.
Ihr Leben lang, war sie mit dem Gedanken aufgewachsen, dass die Gesellschaft ihr dieses Recht verwehren wollte. Dass sie es nicht wert war. Also hatte sie sich angewöhnt über die Ehe herzuziehen. Seit einem Jahr musste sie verarbeite, dass dieses Recht auch ihr zustand. Ihr kam es wie ein Wunder vor. Unvorstellbar.
Die Ehe für alle. Hätte man ihr noch vor einem Jahr gesagt, dass dies eintreffen würde, sie hätte denjenigen ausgelacht.
Alexandra ließ Hannah in dem Glauben, es gäbe einen Mann in ihrem Leben. Dies ersparte ihr so manche unangenehme Frage über ihr tatsächliches Privatleben. Wie der Zufall es wollte, hatte Hannah und einige ihrer anderen Kollegin sie eines Abends unverhofft mit einem Freund getroffen. Offenbar hatte keiner von ihnen ein ausgeprägten Gay-Radar. Für alle schien es daher selbstverständlich, dass es sich bei dem Mann an ihrer Seite, um ihren Freund handelte. Alexandra war damals keine plausible heterofeste Alternative eingefallen. Also hatte sie sich kurzerhand darauf eingelassen. Schnell merkte sie, welche Vorzüge es hatte. Sie musste sich nicht mehr den ständigen Fragen über ihr Singleleben stellen. Der beste Punkt daran war jedoch, dass es ihr die Perfekte Heterofassade bot. In den Jahren an der Uni hatte sie einen echten Einblick in die Heterowelt geworfen. Inkognito. Das erste Mal in ihrem Leben, nahmen ihre Mitmenschen kein Blatt vor dem Mund, wenn sie über Homosexuelle sprachen. So war es auch das erste Mal, dass sie hörte, was diese Menschen wirklich über sie dachten. Jeder Ruf nach Gleichbehandlung wurde als Sonderbehandlung wahrgenommen. Der CSD als Eskalation und obszöne Ausschreitung. In den Augen mancher Kommilitonen waren selbst Schwulen- und Lesbenpartys eine Anmaßung. In ihren Augen stellten sie eine Ausgrenzung von Heteros dar. Zudem verstanden sie nicht, warum ausgerechnet bei Partys eine Sonderbehandlung vonnöten war. Alexandra hatte es aufgegeben, zu erklären, warum Homosexuelle es auf regulären Partys schwer hatten. Ohne sich zu outen war dies auch ein Ding der Unmöglichkeit.
Alexandra hatte in den vergangenen Jahren jede Spur der Naivität verloren. Keine noch so dreiste Diskriminierung schockte sie mehr. Inzwischen war ihr Misstrauen so allgegenwärtig, dass sie ihr Privatleben und ihre Arbeit scharf voneinander trennte. Zwischen diesen beiden Leben klaffte ein kilometerbreiter Canyon.

Vera umklammerte nervös ihre Unterlagen. Wie ein Schild hielt sie sich diese vor die Brust. Als ihr bewusst wurde, wie erbärmlich sie damit aussehen musste, zwang sie sich zur Ruhe. Sie lockerte ihre steifen Glieder und atmete tief durch. Hastig blickte sie auf ihre Uhr, um sich zu vergewissern, dass sie bis zu ihrem Termin noch Zeit hatte. Nachdem ihre Haltung endlich nicht mehr der eines Teenagers vor einem Date glich, drückte sie endlich die Taste des Aufzuges. In Gedanken ging sie abermals ihr Konzept durch, als die Türen sich endlich öffneten. Vera stockte unmerklich, als sie sah, dass der Aufzug nicht leer war. Eine junge Frau nickte ihr zu, während sie eintrat. Zwar lächelte die Frau, doch es war ein freudloses Lächeln. Ihre haselnussbraunen Haare, waren zu einem strengen Dutt hochgesteckt. Ihre schmale Brille vollendete das Fräulein Rottenmeier Outfit perfekt.
Endlich kam der Aufzug mit einem musikalischen Gong ächzend zum Stehen. Hastig verließ Vera die kleine Zelle und war erleichtert, dass die unfreundlich wirkende Frau ihr nicht folgte.
Sie fand sich in einer hellen Eingangshalle wieder. Tüchtige Geschäftsleute wuselten gehetzt umher. Vera kam sich plötzlich mit ihrer bordeauxroten Bluse wie ein exotischer Vogel vor. Allesamt trugen sie schicke Kostümchen oder Anzüge aus teuren Stoffen. Schwarz und weiß schienen die einzig erlaubten Nuancen zu sein. Wenigstens trug sie eine schwarze Jeans. Mit einem freundlichen Lächeln wandte sie sich dem Empfang zu. Als sie sich leise räusperte, schaute die Empfangsdame auf und begrüßte sie mit einem professionellen Lächeln.
„Guten Tag. Mein Name ist Vera Bergmann. Ich habe heute einen Termin für eine Projektbesprechung mit Herrn Friedrichs.“
Wortlos nickte die Dame und wandte sich ihren Computer zu. Nach einer kurzen Wartezeit wies sie ihr den Weg und verabschiedete sich. Vera fühlte sich wie ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank, als sie den Flur entlang ging. Es war ihr schleierhaft, warum ein so konservatives Unternehmen ausgerechnet ihr Büro beauftragte.
Erhobenen Hauptes klopfte sie an die Besprechungstüre. Ein älterer, gesetzter Herr öffnete ihr. Trotz seines Alters hatte er etwas Jungenhaftes an sich. Vielleicht war es sein wacher und neugieriger Blick. Er stellte sich höflich als Friedrichs vor und bat sie Platz zu nehmen. Während Vera sich setzte begutachtete sie aufmerksam alle anderen Projektteilnehmer. Der Herr neben ihr setzte eine düstere Miene auf. Er schien nicht freiwillig oder gar wohlwollend an dem Termin teilzunehmen. Die zwei jüngeren Herren schienen zwar deutlich wohl gesinnter zu sein, allerdings umgab sie diese Aura von Ungeduld. Der Platz zu ihrer linken blieb frei. Vera nutzte diesen, um ihre Konzeptunterlagen vor sich auszubreiten.
Friedrichs stellte sie nach der Reihe vor und erklärte den Anwesenden den Grund für das Meeting.
„Wie sie sicher wissen basiert unser guter Ruf auf Seriosität und Tradition. Allerdings hat dies in den letzten Jahren auch zu einem erheblichen Nachteil geführt. Unser Unternehmen altert rapide. Zudem wird es immer schwerer gut qualifiziertes Personal zu gewinnen. Aus diesem Grund haben wir uns für einen umfassendes Neukonzept entschlossen. Die Veränderungen in der Personalakquirierung ist ihnen sicher schon aufgefallen. Frau Bergmann wird uns bei einem weiteren Schritt zu einer besseren Außenwirkung begleiten und unterstützen.“
Ohne Vorwarnung wurde plötzlich die Bürotüre aufgerissen. Überrascht stellte Vera fest, dass die junge Dame aus dem Aufzug mit grimmiger Miene den Raum betrat.
„Guten Morgen Frau Freiburg. Sehr schön, damit sind wir nun vollständig“, begrüßte Friedrichs die Dame übertrieben freundlich. Ohne ihr Missfallen zu verbergen, nahm sie auf dem leeren Stuhl neben Vera Platz.
„Ich würde Sie höflich darum bitten, mir das nächste Mal etwas Vorbereitungszeit zu gewähren. Ich konnte mich, in der kürze der Zeit leider nicht angemessen in das Projekt einlesen.“ Vera hätte sich nicht gewundert, wenn sie bei der kühlen Atmosphäre ihren Atem hätte sehen können.
„Das ist auch nicht nötig. Ich werde ihnen allen das Projekt kurz erläutern.“ Friedrich schien die Stimmung schlicht zu ignorieren und fuhr mit seinem Monolog fort.
„Wie ich gerade erläutert habe, werden wir versuchen etwas frischen Wind in unsere Firma zu bringen. Um dies zu realisieren, hat sich die Geschäftsführung entschlossen, dass ein Diversity-Konzept umgesetzt werden soll.“
Vera spürte, wie die Luft zu ihrer linken Seite scharf eingesogen wurde. Anscheinend stieß dieser frischer Wind nicht bei jedem auf Zuspruch. Vera versuchte die Dame zu ignorieren und begann mit der Präsentation des Konzeptes. Alles verlief reibungslos und Vera war erleichtert, als sie zum Ende der Vorstellung kam.
„Um das Konzept auch in die Tat umzusetzen, empfehle ich auch die Gründung oder Beteiligung an einem LSBTI Mitarbeiternetzwerk.“ Die Dame neben ihr verschränkte die Arme vor der Brust und räusperte sich.
„Könnten sie diesen Begriff bitte erläutern. Ich glaube, es dürfte nicht jedem klar sein, wo von sie sprechen.“ Vera folgte ihrer Bitte und fuhr sogleich mit der Präsentation fort. Sie hatte Ablehnung in den Gesichtern erwartet. Doch alle Anwesenden nickten zustimmend und zufrieden. Erleichtert setzte Vera sich wieder und lauschte entspannt der folgenden Diskussion. Danach übernahm Friedrichs wieder das Wort.
„Frau Bergmann ich danke ihnen vielmals für ihre gute Arbeit. Frau Freiburg, könnten sie so freundlich sein mit unserer neuen Kollegin die rechtliche Ausgestaltung zu besprechen. Zudem möchte ich, dass sie ihr die erforderlichen Daten und Informationen bereitstellen.“
Veras Magen verdrehte sich innerlich bei dem Gedanken, dass ausgerechnet diese Frau ihre Ansprechpartnerin sein sollte. Widerstandslos folgte sie ihr. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihre Begleiterin unauffällig. Ihre Miene war jedoch undurchschaubar.

Als Vera endlich in ihrem eigenen Büro war, atmete sie erleichtert aus. Das erste Mal an diesem Tag, dass sie sich wirklich entspannen konnte. Sie fühlte sich gleich um Tonnen leichter. Dann kam ihr Ärger des Tages wieder hoch. Sie ärgerte sich über diese Freiburg. Egal wie sehr sie auch versucht hatte freundlich zu sein, diese Frau begegnete ihr nur mit Kälte und Arroganz. Jedes Mal, wenn sie etwas hatte erklären wollen, wurde ihr das Wort abgeschnitten, mit einem genervten „Danke, das müssen sie mir nicht erklären.“
Vera graute es, dieser Person wieder begegnen zu müssen. Ein zaghaftes Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Ein Rotschopf schlüpfte durch ihre Türe.
„Hallo Vera. Wie lief der Termin mit unseren grauen Herren?“, fragte Lisa, ihre Kollegin neugierig. Vera musste über diesen Spitznamen herzhaft lachen.
„Die Herren sind bei weitem nicht so grau, wie die Frau mit der ich gerade zu tun hatte. Ein Drachen ohnegleichen! Ich wette sie verspeist kleine Kinder zum Frühstück.“




copyright © by CosimaRakas. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.




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