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Verlangen (12)

von Any1217


Auch wenn wir uns in den nächsten Wochen seltener sahen, gab es zwischen mir und Marie ein paar wenige Momente, in denen sie mich küssen wollte. Da mein schlechtes Gewissen immer stärker wurde und ich zudem Angst hatte meine Ehe – und somit das Glück meiner ganzen Familie – aufs Spiel zu setzen, ging ich nie darauf ein.

Immer versuchte ich auszuweichen und jedes einzelne Mal kostete mich sehr viel Überwindung und Disziplin. Es fiel mir unglaublich schwer, Marie immer aufs neue abzuweisen. Obwohl ich nichts sehnlicher wollte, als auf sie einzugehen, mich ihr hinzugeben. Vermutlich war es mein Fehler, dass sie sich jetzt nicht mehr so zurück hielt. Ich hätte es nie zu diesem zweiten Kuss kommen lassen sollen. Gerade nachdem ich ihr zuvor gesagt hatte, dass es nicht wieder passieren dürfe und ich nicht mehr als eine gute Freundin sein kann. Ihren latent enttäuschten, traurigen Blick zu sehen, wenn ich sie abwies, tat mir in der Seele weh.

Es war der zweite Weihnachtsfeiertag und die anstrengenden Feiertage mit der ganzen Familie waren überstanden. Thomas und ich lagen voll gefuttert auf der Couch, Mia spielte oben in ihrem Zimmer mit den tollen neuen Geschenken. Vor allem der Reiterhof von Oma und Opa hatten es ihr angetan.
Es klingelte an der Tür. „Gehst du?" fragte Thomas. Ich ächzte und schüttelte den Kopf. „Hmm.. Dann geh ich eben selber" brummte er und rappelte sich auf.

Ich hörte wie er jemanden begrüßte und herein bat, dann vernahm ich Maries Stimme. Schlagartig war meine Trägheit verschwunden und ich sprang geradezu auf, um Marie ebenfalls zu begrüßen.
Strahlend kam Marie mit einer Flasche Wein und einem Teller mit Plätzchen ins Wohnzimmer gelaufen. „Hey Lena, ich wollte euch frohe Weihnachten wünschen – wenn auch etwas verspätet. Musste über die Feiertage arbeiten". "Dir auch Marie, komm und setz dich zu uns!", strahlte ich sie an. Wir umarmten uns, wobei ich sie sehr fest an mich drückte. Da wir uns vor allem in der letzten Woche so gut wie gar nicht sahen, merkte ich wie sehr sie mir fehlte. Ich war so froh, sie jetzt im Arm zu halten, dass ich gar nicht mehr los lies.
Erst als sich Marie sanft von mir weg drückte, bemerkte ich wie unnormal lange ich sie im Arm gehalten hatte.

Thomas schien das gar nicht registriert zu haben, er ging in die Küche um Gläser für den Wein zu holen. Marie stand noch vor mir, beugte sich vor und gab mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund. „Schön dich zu sehen", sagte sie. Ich wurde rot und sah verlegen zu Boden. „Geht mir auch so", nuschelte ich. So gerne hätte ich sie einfach wieder in den Arm genommen, ihren Duft gerochen, ihre Wärme gespürt. Und noch einiges mehr.

Dann kam Thomas mit den Gläsern und wir stießen auf einander und auf Weihnachten an. Wir unterhielten uns über die Feiertage, unsere Jobs und unsere Pläne für Silvester. Marie musste arbeiten, was ich – obwohl wir ja nichts zusammen geplant hatten – sehr schade fand. „Hmm.. dann kommen wir ja gar nicht dazu mal richtig zusammen zu feiern", sagte ich enttäuscht. „Na wenn du mit mir feiern gehen willst, brauchst du doch nur was zu sagen. Hast du spontan Lust und Zeit heute Abend mit meinen Mädels und mir weg zu gehen? Wir wollten in die Stadt zum P9", sagte Marie und sah mich fragend an. Ich sah zu Thomas, geplant hatten wir heute Abend nichts. „Wäre das in Ordnung?", fragte ich an Thomas gewandt. „Na klar, kein Problem – ich bleib hier und pass auf Mia auf. Macht euch einen schönen Mädels Abend", zwinkerte er uns zu.


Mein Herz fing an zu pochen. Marie und ich würden das erste mal gemeinsam weg gehen. Klar, ihre Mädels waren dabei. Dennoch war es etwas besonders und ich war aufgeregt wie ein junger Teenager.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann verabschiedete sich Marie wieder. „Dann bis später, ich hol dich ab", winkte sie mir zu, als ich sie zur Haustür begleitet hatte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an heute Abend. Wie würde es werden, was könnte passieren und was zum Teufel ziehe ich an?

Kurz nach 22:00 Uhr klingelte es an der Tür. Ich war furchtbar aufgeregt und hatte es gerade so geschafft, rechtzeitig fertig zu werden. Ich war schon lange nicht mehr richtig feiern, so dass es wirklich verdammt schwierig war, ein passendes Outfit zu finden.
Letztendlich hatte ich mich für eine eng anliegende Jeans und eine schicke weiße Bluse entschieden. Meine schwarzen Stiefel, die mir fast bis zum Knie reichten, hatten einen etwas höheren Absatz. Da es schon eine Weile her ist, seit ich das letzte mal mit Absatz lief, war es zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Nach kurzer Zeit ging es aber wieder und ich fühlte mich richtig sexy als ich mich fertig gestylt im Spiegel betrachtete.

Ich öffnete die Tür. Marie stand vor mir und ich roch das Parfüm, das sie aufgelegt hatte. Sie sah atemberaubend aus. Bisher hatte ich sie nur in Jeans und T-Shirts oder Pullis gesehen. Alltagskleidung eben. Jetzt hatte sie einen kurzen, eng anliegenden Rock an. Die hauchdünne, hautfarbene Strumpfhose glänzte im Schein der Eingangslampe. Sie trug kuschelige Boots und ein weit ausgeschnittenes, graues Top. Darüber hatte sie ein dünnes, schwarzes Strickjäckchen gezogen. Ihre dicke Winterjacke hatte sie offen gelassen. Ein riesig wirkender Schlauchschal rundete alles ab. Ihr Haar hatte sie offen, es fiel in leichten Wellen über ihre Schultern.

Schnell zog ich mir meine Jacke über und rief ein „Tschüss, bis später" ins Wohnzimmer. Thomas wünschte mir viel Spaß und ich zog die Tür hinter mir zu.
„Nanu, werde ich heute gar nicht richtig begrüßt?", fragte Marie. Vor lauter Staunen hatte ich das wohl ganz vergessen. „Oh, entschuldige – doch natürlich", erwiderte ich und drückte Marie an mich. Dabei hauchte ich ihr einen Kuss auf die Wange. Marie grinste mich zufrieden an und wir stiegen in ihr Auto.

„Wir fahren erst zu Anna, von dort aus geht es mit der U-Bahn weiter in die Stadt rein. Anna ist eine Arbeitskollegin von mir." sagte Marie und drehte die Musik lauter. Sie hatte eine Playlist mit RnB laufen – wohl um uns auf die Party einzustimmen.
„Wer kommt denn noch alles?", fragte ich mit etwas lauterer Stimme, um die Musik zu übertönen. „Sophie und Ida, zwei meiner besten Freundinnen aus dem Nachbarort, wo ich vorher wohnte. Ich kenne beide schon seit der 1.Klasse. Außerdem noch eine weitere Kollegin, Ramona. Ramona ist schon bei Anna, Sophie und Ida treffen wir in der Stadt." Irgendwie war ich überrascht, da ich annahm, wir würden mit einer Clique Lesben weg gehen und nicht mit Arbeitskolleginnen und alten Schulfreunden.
Aber vielleicht dachte ich da zu sehr in Klischees, warum sollten Lesben auch nur lesbische Freundinnen haben? Eigentlich blödsinnig. Ich nickte ihr lächelnd zu. Bis wir bei Anna ankamen redeten wir nicht mehr viel, sondern wippten und trommelten zum Klang der Bässe.

Als wir nach 15 Minuten Fahrt unser erstes Ziel erreichten, war ich schon etwas aufgekratzt. Der Trick mit der Musik hatte gewirkt. Als wir Annas Wohnung betraten, wurden wir von ihr und Ramona gleich mit einem Plastikbecher Sekt in Empfang genommen. „Hey, du musst Lena sein. Marie hat schon viel von dir erzählt, cool das du so kurzfristig mit uns feiern gehst. So lernen wir dich auch mal kennen!", begrüßte mich die blonde Frau mit kurzen Locken und drückte mich fest an sich. „Ich bin übrigens Anna", schob sie noch hinterher.
Dann drückte mich auch Ramona, eine kleine, etwas fülligere Frau mit braunen Dreads. Ramona hatte unzählige Piercings und Tattoos, die sie mit ihrem recht freien Outfit zur Schau stellte. Anna hingegen war sehr schick angezogen und der krasse Gegensatz zu Ramona. Groß, schlank und elegant. Ein bisschen musste ich über dieses Duo schmunzeln.
Nachdem wir unseren Sekt ausgetrunken hatten, machten wir uns auf dem Weg zur U-Bahn. Von dort aus waren es nur noch ein paar Haltestellen bis in die Innenstadt.

Mittlerweile war es schon kurz vor halb zwölf. Das P9 lag ganz in der Nähe und wir mussten nicht allzu weit gehen. Als wir ankamen, meinte Marie, dass Sophie und Ida bereits drin wären und uns schon mal einen Platz frei gehalten hätten. Wir gaben unsere Jacken an der Garderobe ab und Marie steuerte zielstrebig auf eine VIP Lounge zu, in der zwei Mädels saßen. Eine hatte lange, rote, gelockte Harre und tausend Sommersprossen im Gesicht, die andere trug ihre schwarzen, glatten Haare zu einem hochgesteckten Zopf.
Marie stellte mich der rothaarigen vor, welche sich als Sophie zu erkennen gab. Nachdem ich Sophie begrüßt hatte, wandte ich mich an Ida: „du musst dann also Ida sein, freut mich euch alle kennen zu lernen", sagte ich und lächelte in die Runde.


Es war toll, mal wieder neue Leute kennen zu lernen. Noch besser war die Tatsache, dass es Maries Freunde waren. So fühlte ich mich irgendwie mehr in ihr Leben integriert, was mich sehr glücklich machte.

Nachdem wir uns zwei Runden Sambuca gegönnt hatten, machten Marie, Ida, Anna und ich uns auf den Weg zur Tanzfläche. Ramona und Sophie lehnten dankend ab.

Die Bässe wummerten und in meinem Kopf schwirrte es. Was mitunter auch am Alkohol liegen mochte. Ich schloss die Augen und gab mich den Bässen hin. Rhythmisch bewegte ich mich im Lichtgeflacker auf der Tanzfläche. Mein Kopf fühlte sich immer leerer an und ich genoss die innere Ruhe.
Ich spürte wie mich jemand von hinten antanzte und wünschte mir, dass es Marie ist und nicht irgend ein besoffener Kerl. Ich traute mich kaum meine Augen zu öffnen und mich umzublicken, aus Angst vor einer Enttäuschung, wenn es nicht Marie wäre.

Doch als ich meinen Kopf seitlich hielt und die Augen öffnete, hüpfte mein Herz. Marie lächelte mich an und ließ ihre Hände von meiner Taille nach unten auf meine Hüfte sinken. Ein wohliger Schauer erfasste mich und ich legte meinen Kopf in den Nacken, schloss dann wieder die Augen.
Marie zog mich näher an sich und schmiegte ihren Kopf an meinen Hals. Sie führte meine Hüfte im Takt der Bässe hin und her. Ich spürte ihren Körper hinter mir und wie sie schneller atmete. Ihr Atem kitzelte mich am Hals. Es erregte mich sehr und ich nahm wieder ein Pochen zwischen meinen Beinen wahr.
Behutsam schob Marie ihre Hände ein kleines bisschen weiter nach vorn und drückte mich an sich. Ich legte meine Hände auf ihre. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich Ida und Anna, die uns tanzender weise grinsend ansahen. Ich fühlte mich ertappt und drehte mich von Marie weg. Mein Gesicht glühte. Vor Erregung und aus Scham.

Nachdem wir noch eine Weile getanzt hatten, bedeutete mir Marie, dass sie zur Bar wolle. Ich folgte ihr. „Tut mir leid wegen eben. Ich hab irgendwie nicht so nachgedacht", sagte Marie schuldbewusst. Offensichtlich hatte sie bemerkt, dass es mir unangenehm war, von ihren Freundinnen so mit ihr gesehen zu werden. „Schon gut, es ist nur.. naja.. was denken deine Freunde denn jetzt?". „Ich weiß nicht. So wie sie uns angegrinst haben, werden sie sich wohl schon ihren Teil denken. Aber du musst keine Bedenken haben, die reden da nicht groß drüber", zwinkerte sie mir zu.

Ein bisschen unwohl war mir schon, aber ich versuchte mir keinen Kopf zu machen. Wir bestellten uns jeder einen Cocktail und gingen zur Lounge um zu verschnaufen. Ida und Anna waren noch auf der Tanzfläche und zeigten keinerlei Ermüdungserscheinungen.
Ramona und Sophie standen gerade auf, als wir kamen. „Wir sind kurz draußen zum Rauchen" sagte Ramona. Sophie widersprach „naja, ich begleite sie nur", grinste sie.
Wir nahmen auf der runden Bank um den kleinen Tisch platz und schlürften unsere Cocktails. Die Lounge lag ziemlich abseits. Ich fragte mich, was dieses VIP Plätzchen wohl gekostet hat. Auf jeden Fall würde ich nachher anbieten einen Teil davon zu zahlen, denn billig war es bestimmt nicht.
Marie sah mich mit einem verliebt wirkenden Blick an. Meine Knie wurden weich und mein Herz pochte. Ich lächelte. Dann kam sie näher, legte eine Hand auf meinen Oberschenkel und strich mir langsam darüber. Ich bekam Gänsehaut und fing leicht an zu zittern. Marie legte ihre andere Hand in meinen Nacken, schloss die Augen und küsste mich. Ich konnte nicht anders und erwiderte den Kuss. Vorsichtig fuhr sie mit ihrer Hand meinen Oberschenkel weiter nach oben. Wie ein Blitz durchfuhr mich ihre Berührung und ich spürte, wie ich feucht wurde. Ich stöhnte auf, was zum Glück bei der Lautstärke der Musik kaum zu hören war. Der Alkohol und Maries Parfüm vernebelten meinen Verstand.

„Na ihr zwei Turteltäubchen?", flötete es plötzlich aus Richtung Tanzfläche. Erschrocken fuhr ich zurück. Es war Anna, die mit Ida am Eingang der Lounge stand. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, so sehr schämte ich mich.
Wussten die beiden, dass ich eigentlich verheiratet war? Wussten sie mehr über mich und Marie? Was hatte sie ihnen erzählt?
Wut stieg in mir auf. Warum musste mich Marie auch hier küssen? Klar, ich hatte mich darauf eingelassen. Aber konnte ich denn anders? Warum hatte ich das Gefühl, dass Anna und Ida genau wussten, was mit uns beiden los war? „Ich.. muss mal an die frische Luft!", brachte ich heraus und verließ die Lounge. Tränen standen mir in den Augen und ich blickte mich nicht mehr um.



copyright © by Any1217. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.





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