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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadDas Leben
08.11.2008 22:13
HiddenNickname
0 Das Leben hat schon ein merkwürdiges Spiel … Die Sonne scheint einem strafend auf den Kopf, der von ein paar schwarzen Haaren bedeckt wird und man dadurch noch mehr von der unerträglichen Hitze anmutet, die einen trifft. Der ganze Platz um mich herum besteht aus Kopfsteinpflaster und hinter meiner Bank, auf der ich sitze, lehnt sich die alte Friedhofsmauer standhaft gegen die Erdanziehung auf. Der Baum neben meiner Bank steht ungünstig zur Sonneneinstrahlung. Selbst, wenn ich mich direkt darunter setzen würde, hätte ich nicht einmal den Hauch von einem Schatten, der mir Linderung versprechen könnte. Der Asphalt vor dem Kopfsteinpflaster glüht bedächtig vor sich hin und ich seh das Wasser, das sich über der Straße sammelt und einen Spiegelfilm hinterlässt. Vor mir, über die Straße hinüber, steht eine Allee einiger Bäume. Der leichte Wind verfängt sich in den Blättern, die ihn ungern wieder ziehen lassen wollen. Dahinter pflügt ein Bauer seinen Acker. Das brummende Geräusch des Traktors reicht bis zu mir herüber und ich beobachte ihn mit einer stillen Faszination, denn direkt hinter mir, auf dem Friedhof wird jemand beerdigt. Bei ihm geht das Leben weiter, während hinter mir das Leben vorüber gegangen ist. Meine Mutter ist bei der Beerdigung. Ich weiß, dass sie trauert. Zwar nicht so, wie man trauert, wenn man einen Familienangehörigen, oder einen engen Freund verliert, aber sie trauert, weil sie einen Teil ihres Lebens mit diesem Menschen verbracht hatte. Mit ihr sind noch 30 weitere Personen versammelt und ich höre den Pfarrer predigen. Sicherlich braucht der Verstorbene die Wünsche, glücklich zu werden und das Heil des Herrn, der ihn bei sich aufnimmt. Manchmal frag ich mich, wer so was erfunden hat. Immerhin weiß keiner von uns, ob das, was nach dem Tod kommt oder nicht kommt, so ist, wie es dieser eine Mensch auf dem Friedhof sagt. Dennoch stehen sie alle herum und trauern und hoffen mit ihm, dass alles gut wird. Bestimmt hat man das nur erfunden, um die Hinterbliebenen zu trösten, ihren Schmerz wenigstens etwas zu lindern. Ich weiß nicht, ob ich das einmal haben möchte, zumindest nicht so. Der Gedankengang zieht mich zurück in die Realität. Immer noch sitz ich auf der Bank vor dem Friedhof und warte auf meine Mutter. Mein Blick schweift über meine Hose, hinauf zu meinen Händen, die ich ineinander verschränkt habe. Meine Hände. Gerade noch vor einer Stunde lag ich im Bett. Wie paradox. Schon wieder vergleiche ich den Bauern auf der gegenüberliegenden Straße mit der Szenerie, die sich hinter mir abspielt. Aber diesmal kommt noch ein entscheidender Faktor dazu. Meine Hände riechen immer noch nach ihr, nach ihrer Haut und nach ihrem Stöhnen, genauso wie mein ganzer Körper danach riecht und ich eigentlich die Luft mit diesem Geruch verpesten müsste. Gerade noch vor einer Stunde lag ich mit ihr im Bett und hab mit ihr geschlafen. Ich hab das Leben gelebt, so, wie es passiert, wenn ein Kind auf die Welt kommt und der Bauer mir gegenüber seinen Acker zur Ernte treibt und hinter mir ein Leben vergangen ist. Natürlich verpeste ich nicht die Luft und natürlich sieht mir keiner in meiner Jeans und meinem roten T-Shirt an, dass ich gerade Sex hatte und selbstverständlich passe ich eigentlich gar nicht in die ganze Szenerie, die von der Sonne belacht wird. Aber ich bin nun mal hier und bemerke mein Leben als eines von vielen, die sich irgendwann irgendwo treffen und wieder auseinander gehen. Auch das Scheiden voneinander, was mir logischerweise durch den Kopf geht, nach dem, was gerade alles um mich herum passiert, bringt mich auf den Gedanken. Schon allein die Tatsache, dass die verstorbene Person viel jünger war als meine Mutter, erzeugt in mir den Gedanken. Es ist nicht mehr weit hin, bis ich irgendwann selbst dort stehen und trauern muss. Ohne Jeans und ohne rotem T-Shirt, sondern in schwarzen Klamotten. Und ich werde wohl diesem Pfarrer zuhören und die Heilswünsche über mich ergehen lassen müssen. Und nichts von alledem werde ich glauben. In mir ist viel zu sehr der Zweifler, der, der das alles nicht glaubt und immer wieder weiter fragt. Mich kann er nicht trösten mit seinen leeren Sätzen und ich werde stark sein müssen, weil ich jetzt schon weiß, dass ich nicht immer in einer Familie aufgehoben sein werde, weil auch sie sich irgendwann auflöst. Mein Leben wird sich auch irgendwann auflösen, das steht außer Frage, nur werde ich dann nicht zurückgelassen sein, sondern ich selbst werde zurück lassen, was sich mir doch als eindeutig einfacher darstellt, als die Tatsache, dass ich dort stehen werde und damit umgehen muss, wenn ich jemanden verliere, der mir mehr als am Herzen liegt. Es wird nicht die erste Beerdigung sein, die ich besuche, aber vermutlich die erste, in der ich eine Person verloren habe, die mein Leben ausmachte. Genau das macht mir Gedanken. Nicht das Problem, dass sich Wege treffen und wieder trennen, egal auf welche Weise. Auch nicht, dass ich einer Beerdigung beiwohne, bei der ich den Menschen kannte. Sicherlich kannte ich den Verstorben hier auch, wenn auch nur vom sehen, aber immerhin, ich kannte ihn … sie … tot ist tot, egal, welches Geschlecht. Das Problem ist, dass ich mein Leben viel zu lange mit diesen Menschen geteilt haben werde, als dass ich sie einfach gehen lassen könnte. Die Glocken. Die Beerdigung ist vorbei und die Menschen strömen nach Hause und leben ihr Leben weiter. Vermutlich werden sie sich nicht um jene kümmern, die genau das durchlebt haben, wie ich es mir gerade vorstellte. Warum auch? Man macht sich sein eigenes Leben unnötig schwer mit dem Ballast anderer. Wenn man sich auch noch darum kümmern will, dann hat man gar keine Zeit mehr, seine eigene kurze Zeit zu nutzen. So geht es insgeheim auch mir. Ich möchte gar niemanden von den Trauernden sehen, passe nur schnell meine Mutter ab, um ihr zu sagen, dass ich da bin und mich freue, sie nachher zu sehen. Darum hab ich die gesamte Beerdigung ausgeharrt und den Bauern beobachtet, der bereits auch fertig mit seiner Arbeit ist. Endlich steh ich von der Bank auf und rede mit ihr, als sie aus dem Friedhofstor hinaus kommt, noch ganz verwirrt von dem Geschehen, das sie gerade erlebt hat – so völlig anders als meines. Ich sage ihr das, was ich ihr sagen wollte, drücke sie noch schnell und verlasse den bepflasterten Platz vor dem Friedhof. Die Sonne strahlt immer noch auf meine schwarzen Haare, die die Wärme förmlich in sich aufsaugen. Nur, bis ich im Wagen einsteige und davon fahre.
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10.11.2008 18:05
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