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Forum » News, Politik & Wissenschaft » ThreadDas Virus eines kranken Landes
19.04.2009 18:06
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0 SZ | Leben| 14.04.2009 Mehr als eine halbe Million Menschen in der Ukraine sind HIV-infiziert. Gleich hinter den Grenzen der EU greift die Epidemie rasant um sich. Sie findet ideale Voraussetzungen: Armut, Drogensucht, Unkenntnis, gepaart mit Ignoranz. Und ein desolates staatliches Gesundheitswesen Kiew/Odessa - Hinter dem Fenster, tief unten im Tal, ist der Dnjepr zu sehen. Grau und wintermüde fließt der Strom dahin, Richtung Schwarzes Meer, dorthin, wo Ira zu Hause ist: in einem Dorf weit südlich der Hauptstadt Kiew. Wenn sie sich aus ihrem Krankenbett im Viererzimmer aufrappelt und hinwegschaut über den schmutzigen Innenhof der Klosterklinik, in der sie seit Wochen behandelt wird, hinweg über goldene Kuppeln und graue Mauern, dann überkommt sie regelmäßig großes Heimweh. "Daheim warten sie auf mich", sagt sie. "Ich habe mehrere Kinder und Enkel, die habe ich täglich versorgt. Und jetzt? Jetzt liegt die Babuschka im Krankenhaus - und hat Aids." Eine Oma mit Aids, in der Ukraine ist das nicht ungewöhnlich. Das Virus hat das Land im Würgegriff, jedes Jahr stecken sich zehn Prozent mehr an als im Vorjahr. Nach konservativen Schätzungen liegt die Zahl der HIV-Infizierten gleich hinter der Ostgrenze der EU bei mehr als einer halben Million. Es ist die höchste Rate in ganz Europa, mindestens zehnmal so hoch wie in Deutschland, Tendenz: rasant steigend. Das Virus bedroht eine ganze Nation - und alle Versuche, die Epidemie einzudämmen, sind bisher gescheitert. Babuschka Ira gehört nicht zu einer klassischen Risikogruppe, nicht zu den Drogensüchtigen, Obdachlosen und Straßenkindern, Prostituierten und Homosexuellen, und andererseits tut sie es doch: Immer häufiger wird das Virus durch normalen Sex verbreitet; vielerorts sind 40 Prozent der Neuinfizierten Frauen. Auch unter infizierten Schwangeren hat das Land die höchste Rate Europas. Die Infektion ist in der Ukraine schneller als anderswo in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ira hat sich bei ihrem Mann angesteckt; der ist längst über alle Berge. Mit ihren grellroten Haaren und ihrem massigen Körper wirkt Ira müde, aber so gesund, als könne sie jederzeit heimfahren. Das täuscht: Medikamente halten sie am Leben. Damit hat sie Glück im Unglück. Sie hat einen Platz in Kiews Vorzeigeklinik ergattert, in einem Seitengebäude des berühmten Höhlenklosters am Rand der Innenstadt, sie liegt in einem sauberen Bett, sie bekommt an diesem Mittag Nudeln und Wasser ans Bett. Sie hat mehr Glück jedenfalls als die ausgemergelten Kranken im Endstadium, die aus Platzmangel teilweise auf den Gängen liegen - und für die auch die anti-retrovirale Therapie, im Westen fast selbstverständlich bei der Behandlung von Aids, zu spät kommt. Andererseits: Diese Aids-Klinik hat gerade 30 Betten, seit drei Monaten war kein Geld mehr da zum Kauf von Brot, einen Teil der Medikamente und der Ausrüstung haben die Ärzte über Spenden aus dem Ausland erbettelt, das Büromobiliar stammt aus den Privatwohnungen des Personals. Der Neuropathologe, der im Nebenzimmer einen Aids-Patienten mit einer Sehnerv-Lähmung examiniert, kommt aus Gefälligkeit für die Oberärztin. Die Medikamente, die er verschreibt, müssen Angehörige des Kranken selber bezahlen. "Wir haben 30 Betten und allein 3000 Patienten als Laufkundschaft", sagt die resolute, international renommierte Oberärztin der Aids-Abteilung, Swetlana Antonjak. Offiziell hat allein Kiew mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern knapp 6000 Infizierte. Fachleute tippen auf ein Mehrfaches, manche gehen von der achtfachen Zahl aus. "Wir könnten und müssten weit mehr Patienten behandeln. Aber in diesem Land fehlen nicht nur die medizinischen Möglichkeiten, es fehlt auch der politische Wille", fügt Antonjak bitter hinzu. Bitterkeit ist Oma Iras Sache nicht, eher Ratlosigkeit, vielleicht Fassungslosigkeit: Wie kann es sein, dass diese Krankheit, über die sie so wenig weiß, sie in ihrem Alter noch überfällt? Und wird sie zu Hause an die nötigen Medikamente kommen - oder wird sie erleben, was die meisten HIV-Patienten in der Ukraine erleben: unwillige oder inkompetente Ärzte, die sich weigern, Infizierte zu behandeln; Kliniken, die sich reihenweise für unzuständig erklären; korrupte Mediziner, die für die Ausgabe der eigentlich kostenlosen Medikamente Geld verlangen? Ignoranz, Unwissen, Ablehnung? Eine Reise durch die Ukraine auf den Spuren der Aids-Epidemie führt durch ein verseuchtes, ein krankes Land. Dabei besteht die ukrainische Krankheit nicht nur aus dem Virus und seinen allgegenwärtigen Begleitern Tuberkulose und Hepatitis, sondern auch aus dem Umgang damit: wegschauen, durchlavieren. Armut, Tristesse, eine schwerfällige Bürokratie, Korruption und altes Denken sind keine guten Voraussetzungen, um gegen einen Feind zu kämpfen, der Geld kostet und Offenheit verlangt. Odessa, die verarmte Millionenstadt am Schwarzen Meer, Hochburg der ukrainischen Krankheit. Drogenumschlagplatz, Zufluchtsort Tausender illegaler Einwanderer aus Moldawien und Transnistrien, Boomtown der Prostitution. Ein Café im Zentrum, Schenja erzählt von seiner Freundin. Aljona ist vor zwei Wochen gestorben. Beide haben Drogen genommen, sich an dreckigen Spritzen angesteckt, der Ex-Junkie Schenja saß zweimal im Knast, zuletzt aber war er draußen und nur für Aljona da. Die Sozialpädagogin, 37 war sie erst, entwickelte im Endstadium ihrer Aids-Krankheit einen Tumor des Lymphgewebes, mitten im Gesicht. Das Lymphom war riesig, es schmerzte unerträglich, platzte später auf. Aids tut so was. Die Ärzte taten nichts. Schenjas Geschichte dauert eine Stunde lang, sie enthält Namen und Adressen, Briefe und Unterlagen von zwölf Kliniken, die der Patientin eine Behandlung verweigerten, mit Unzuständigkeit oder Überfüllung argumentierten. Warum? "Die einen ekeln sich, die anderen wissen zu wenig, manche Kliniken wollen ihr Budget nicht für Aidskranke ausgeben. Dabei hätten wir jeden Arzt bestochen - nur um an Morphium und ein Krankenhausbett zu kommen." Allein zum Sterben durfte Aljona doch noch in eine Klinik - ganze zwölf Stunden. Nachdem die Besatzung eines Notarztwagens sich geweigert hatte, sie anzufassen und aus der Wohnung zu tragen, hatte ein herbeigerufener Mediziner schließlich ein Einsehen. Schenja, hager und graugesichtig, weiß seit Jahren, dass auch er HIV-infiziert ist. Im Gefängnis haben sie ihn getestet; noch geht es ihm gut, aber nach der katastrophalen Zeit mit Aljona fürchtet er sich vor dem Tag, an dem er selbst Hilfe brauchen wird. "Ich wünschte", sagt er, während er seine Unterlagen zusammenpackt, "ich wüsste nichts über das Virus, dann würde ich leichter leben." Kaum einer in der Ukraine weiß, ob er oder sie infiziert ist: Wer lässt sich schon testen in einem Land, in dem die Krankheit mit immensem Stigma belegt ist? Wo Übertragungswege unbekannt sind, die Sexualaufklärung noch in den Anfängen steckt? Wo Prävention ebenso ein Fremdwort ist wie "Harm-Reduktion" für Süchtige, also Spritzentausch und Substitution. Welcher Junkie ließe sich freiwillig testen und registrieren, wo er schon für den Besitz kleinster Drogenmengen zu drei und mehr Jahren Lager verurteilt werden kann? Und vor allem: Wer geht zum Arzt, wo sich die wenigsten eine Behandlung jenseits des staatlichen Minimalangebots leisten können? Wo es keine staatliche Krankenversicherung gibt und das post-sowjetische Gesundheitssystem längst kollabiert ist? Armut und soziale Verwahrlosung, Alkoholismus und Drogensucht sind allgegenwärtig in diesem Land im Niedergang; Finanzkrise, drohender Staatsbankrott und der Rückgang der Industrieproduktion um 30 Prozent tun ein Übriges, um die Ausbreitung der ukrainischen Krankheit voranzutreiben. Die Opfer, unter anderem: Kinder. Allein in Odessa gibt es Tausende Straßenkinder, die Eltern tot oder verschwunden; die Kinder leben von Gelegenheitsprostitution und kleinen Diebstählen, sie betteln oder dealen. Manche sind seit Jahren auf der Straße, Greisengesichter über kleinen, ungewaschenen Körpern. 30 Prozent sind HIV-infiziert, schätzt Sergej Kostin, der die Hilfsorganisation Way home leitet und die Kids bisweilen zu Tests überreden kann. Ein Vorort von Odessa, der Weg führt vorbei an verrosteten Spielgeräten in einen matschigen Hinterhof. Treppe runter, ein langer, schwarzer Tunnel, tropfende Heißwasserrohre, über allem liegt der Gestank von Kot, Erbrochenem und feuchtem Beton. Der Boden ist mit Glassplittern, Plastikmüll und alten Kleidern bedeckt, dahinter ein Loch in der Wand, das in einen Kellerraum führt. Hier leben Mitja, Aljoscha, Kostja und Anja, drei Jungen, die sich von einem Kumpel die Köpfe haben kahlscheren lassen, damit die Läuse sich nicht festsetzen, und eine 16-jährige Schwangere, deren Arme vom Ritzen vernarbt sind; sie leben auf drei Matratzen, die Wände sind mit Wolldecken gegen Feuchtigkeit und Kälte verhängt. Das einzige, was an Kinder erinnert, sind die verfilzten Kuscheltiere auf den Bettdecken. An einem wackeligen Tisch schärft sich eine Katze die Krallen. Sergejs Mitarbeiterin Ina ist zu Besuch gekommen; sie ist durch das unterirdische Labyrinth gekrochen, um die vier Jugendlichen für einige Minuten ans Tageslicht zu holen. Ina, neonfarbene Fingernägel an der linken Hand, anstelle der rechten eine Prothese, knallrote Haare, Stimme wie ein Kerl, bringt in einem Kleinbus Kleider und Essen, Decken, Hustensaft und Vitamintabletten. Ina bringt die Kids manchmal dazu, mitzukommen, sich bei Way home zu duschen, etwas Warmes zu essen. Manchmal kann sie sie zu einem Arztbesuch überreden, zum Aids-Test. Nur: Was dann? "Es gibt kaum Betreuung nach dem Schnelltest", sagt sie, "die Kids wissen Bescheid, zucken die Schultern, gehen wieder auf die Straße, suchen Freier, stecken den nächsten an. Wo sollen sie auch hin?" Gleiches, sagt Sergej, gelte für die Junkies, die sein Verein in einem zweiten Projekt betreut. Ein positiver Schnelltest, die schlechte Nachricht, und fort sind viele auf nimmer Wiedersehen. Sie leben wie zuvor, auf der Flucht vor einem Virus, dem man nicht entfliehen kann, auf der Suche nach Vergessen. Bis zu 60 Prozent der Prostituierten, sagen Experten, seien auch infiziert, und mit der Armut wächst die Gelegenheitsprostitution. So zieht das Virus seine Kreise. Die Ukraine hat ein fortschrittliches Gesetz, das die Versorgung der Kranken garantieren will, doch nur 35 Aids-Zentren und wenige Aids-Kliniken. Aber allein in Odessa tragen schätzungsweise 50 000 Menschen das HI-Virus. Manche finden den Weg in die Klinik im Norden der Stadt, auch wenn kein Bus hinfährt, kein Schild den Weg weist. Manche suchen einen der vom Gesundheitsministerium eingerichteten "Vertrauenspunkte" auf; meist ist das ein Zimmer in einer Poliklinik. Aber was nützt all das ohne Vorsorge, ohne Nachsorge, ohne Fürsorge? Die National Aids Response, ein Zusammenschluss der großen Hilfsorganisationen, die in der Ukraine die Epidemie bekämpfen, hat in ihrem Report 2008 eine fast verzweifelte Bilanz gezogen: "Dem staatlichen Gesundheitssystem fehlt es an Kapazitäten für Diagnose, Überwachung und Behandlung für Hunderttausende von Ukrainern, die mutmaßlich mit dem Virus leben." Auch das Urteil über die politischen Bemühungen fällt vernichtend aus: "Das Engagement der Staatsführung kann den Mangel an Engagement und Kompetenz im Regierungsapparat nicht kompensieren." Auch der Augsburger Pastor Frieder Alberth, der sich mit seinem Verein Connect Plus seit Jahren engagiert und Hilfsprojekte mitfinanziert, weiß manchmal nicht, ob seine Frustration größer ist oder sein Durchhaltewille: "Man kann und darf hier nicht aufgeben, es gibt kleine Hoffnungsschimmer bei Therapie und Aufklärung, aber das System krankt an sich" - zu wenig Initiative des Staats, zu viel Korruption bei der Vergabe der Hilfsgelder, zu wenig Bereitschaft, das Drama als Drama anzuerkennen. Die Kritik ist bei allen Gesprächspartnern, der Weltgesundheitsorganisation und deutschen Experten, bei Mitarbeitern der UN und freiwilligen Helfern gleich: Alles Geld der Welt und alle Hilfe von außen können eine Krankheit nicht eindämmen, die ein Land von innen zersetzt. Die Zersetzung ist allgegenwärtig. Suvorovskij Rayon, ein Vorort von Odessa, 300 000 Einwohner auf engstem Raum, Plattenbauten, dazwischen kleine Gärten. Hier betreibt die Sächsin Nicole Borisuk, die mit einem Ukrainer verheiratet ist, mit ihrem Verein "Schiwa Nadija" (Lebendige Hoffnung) ein Tageszentrum für Kinder, in deren Leben das HI-Virus eine immer größere, eine bedrohliche Rolle spielt. Der Hort ist das einzige kostenlose Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche der Gegend. Die Nachfrage ist riesig, aber Nicole Borisuk kann nur 40 Plätze anbieten. Auf dem Tisch steht eine Platte mit Honigbroten, ein paar Kinder machen Hausaufgaben, zwei Teenager spielen mit ihren Babys, die Waschmaschine läuft. 150 Quadratmeter heile Welt. "Wir versuchen, für Kinder da zu sein, für die niemand mehr da ist", sagt Borisuk, und von denen gibt es im Suvorovskij Rayon Tausende. Alkohol, Drogen - und Aids sind hier die Erziehungsberechtigten. "Erst kürzlich hat mich ein Zehnjähriger zur Hilfe gerufen, dessen Mutter drogensüchtig und aidskrank war. Sie hat ein Kind bekommen, daheim auf dem Klo, der Kleine musste die Nabelschnur durchschneiden", erzählt Nicole Borisuk. Die Mutter ist inzwischen verstorben, der Junge lebt auf der Straße. "Der Tod ist unser ständiger Begleiter; vielen Aidskranken geht es so schlecht, dass sie bei uns um Hilfe bitten. Für sich - und für ihre Kinder." Ab und zu macht sie Deals mit der Stadt. Damit die Waisenkinder nicht auf der Straße landen, dürfen sie in ihren Wohnungen bleiben, allein. Tagsüber gehen sie zu Nicole, abends in das leere Zuhause. Die beste Prävention, findet Nicole, sei es, wenn die Kinder gar nicht erst auf der Straße oder an der Spritze landen. Knapp 300 Nicht-Regierungsorganisationen hat die Epidemie in der Ukraine auf den Plan gerufen, Millionenspenden aus aller Welt ins Land gespült; der Global Fund, ein UN-initiierter Fonds zur Bekämpfung von Aids und HIV, hat allein 200 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt Geld von Stiftungen, Kirchen und Regierungen, auch das Bundesgesundheitsministerium finanziert mit sechs Millionen Euro Programme. So viel Geld, soviel guter Wille - und kaum sichtbare Erfolge. Die Ukrainerin Anna Dovbach arbeitet für die Aids Alliance, eine britische Organisation mit 100 Mitarbeitern, die sich seit 2000 hier engagiert, das Geld des Global Fund verteilt und 150 nationale Organisationen unterstützt. Die junge Managerin beschreibt die ukrainische Krankheit so: "Die Korruption reicht bis hinauf in die Stäbe von Präsident und Ministerpräsidentin. Die Behörden bekriegen sich und haben wenig Interesse an der Bekämpfung einer Infektion, die vor allem sozial Schwache und Ausgegrenzte befällt, Schwule und Nutten, Junkies und Obdachlose. Außerdem: Die meisten, die Aids haben, sterben schließlich an Tuberkulose oder Hepatitis. Das macht die Katastrophe weniger sichtbar - zumindest statistisch."
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