Der Glaube setzt nur falsche Hoffnung frei
Und plötzlich stand sie vor mir. Sie hatte noch die gleichen langen, dunkelrotgefärbten Haare wie damals. Ihre graublauen Augen leuchteten und ließen mich alles um mich herum vergessen. Ihr Gesicht hatte sich kein Bisschen verändert, es strahlte noch immer die gleiche Wärme und Liebenswürdigkeit aus, in die ich mich damals verliebt habe. Ich wusste nicht, wie es um mich geschah. Die letzten Jahre versuchte ich immer meine Gefühle zu unterdrücken und erstickte sie letztendlich irgendwann. Die unerfüllte Liebe schmerzte zu sehr als dass ich sie weiter ertragen wollte. Ich dachte, ich wäre darüber hinweg, dachte, die Liebe wäre erloschen. Und nun durchflutete mich ein einziges Gefühlschaos. Ich hatte völlig vergessen, wie wunderschön sie war. Warum war sie da? Was wollte sie von mir? Sagte sie mir doch damals noch, sie empfinde nicht das gleiche für mich und suche auch nicht den Kontakt zu mir, bis ich sie völlig aus den Augen verlor. Ich vernahm ein leichtes Lächeln von ihr. Doch wir beide sagten nichts. Sie schien nach Worten zu suchen und ich war wie erstarrt vor Glückseeligkeit sie wiedersehen zu dürfen. Endlich öffnete sie ihren Mund und sagte: „Ich bin so froh, dich zu sehen.“ Es war nicht das, was ich hören wollte. Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht genau, was ich hören wollte. Aber ich erwartete eine Erklärung. Die Freude wich langsam der Wut. Was bildete sie sich eigentlich ein, so plötzlich wieder in mein Leben treten zu können und alle Gefühle in mir wieder aufleben zu lassen. Durch sie erlebte ich die bis damals schmerzhafteste Erfahrung und sie hatte nicht das Recht dazu, mir noch einmal so weh zu tun. Auch wenn sie nichts dafür konnte, denn Gefühle kann man bekanntlich nicht erzwingen, sah ich keinen Grund, diese schreckliche Zeit noch einmal durchmachen zu müssen. Anscheinend merkte sie mir an, dass meine Begeisterung mit der Zeit langsam schwand und sie startete den ersten Versuch der Erklärung: „Ich habe die ganze Zeit sehr oft an dich denken müssen. Fast jeden Tag habe ich mir deinen Brief wieder und wieder durchgelesen und er berührte mich von mal zu mal mehr. Ich hatte Angst, zu meinen Gefühlen zu stehen. Du weißt, dass ich damals einen Freund hatte und mir nie etwas mit einer Frau hätte vorstellen können. Doch irgendwann habe ich begriffen, dass ich doch mehr für dich empfinde und inzwischen kann ich es einfach nicht mehr unterdrücken.“ Sie lächelte nicht mehr und sah mir mit ernstem Blick tief in die Augen. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Hätte sie das noch ein Jahr zuvor gesagt, so wäre ich die glücklichste Frau der Welt gewesen. Doch nun wusste ich nicht mehr genau, was ich für sie empfand. Natürlich ließ sich die dreijährige Liebe nicht einfach vergessen, doch sie war längst nicht mehr so ausgeprägt. Ich fühlte mich immer noch zu ihr hingezogen und wollte dieser Nähe, die ich nun spürte auch nicht weichen, doch liebte ich sie noch? Ich wusste, dass sie eine Antwort von mir erwartete. Doch was sollte ich sagen. Sie gestand mir quasi ihre Liebe und war sich ihrer scheinbar sehr sicher. Ich im Gegensatz war die Unsicherheit in Person und wollte aber gleichzeitig den Menschen, der mir das Meiste in meinem Leben bedeutet hat, nicht verletzen. Sie berührte meine Hände mit ihren und umschlung sie schließlich fest. Ein unglaubliches Gefühl der Wärme durchflutete meinen ganzen Körper. Ich hatte das Verlangen, sie zu küssen. Doch es wäre falsch gewesen. Also löste ich ihren Griff und versuchte, meine Gedanken in Worte zu fassen: „Ich weiß nicht so richtig, wo ich anfangen soll, denn was für dich jetzt vielleicht einfach erscheint, ist für mich nur noch komplizierter geworden. Den Brief habe ich dir vor einem Jahr geschrieben und darin habe ich dir alle meine Gefühle gestanden. Doch du hast mich abgewiesen, was ich akzeptieren musste. Ich habe irgendwann gelernt, damit fertig zu werden und nun denkst du, ich könnte all meine Gefühle einfach so wieder heraufbeschwören? Du bist die wundervollste Frau, die ich jemals kennenlernen durfte. Auch ich konnte dich nie vergessen. Und alles was ich mir damals gewünscht habe, steht nun vor mir. Ich würde dir so gern sagen, dass alles noch wie früher ist. Ich würde die Zeit so gern zurückdrehen und mit dir noch einmal neu aufleben lassen, aber ich kann es nicht. Ich weiß nicht, was genau ich noch für dich empfinde, aber mir scheint, die Liebe wie sie es früher war, ist vorüber. Es ist zu spät.“ Ihre hoffnungsvollen Augen fingen an zu glitzern. Ich sah die Tränen, die sich darin bildeten und eine davon begann langsam über ihr Gesicht zu rinnen. Wie gern hätte ich diese Träne, die all den Schmerz verkörperte, den ich ihr nun zufügte, weggeküsst. Ich wusste, wie sehr ich sie verletzt habe, denn genau die gleiche Wunde fügte sie mir damals zu. Doch ich konnte sie nicht in dem Glauben lassen, dass ich sie noch immer liebe. Denn der Glaube setzt nur falsche Hoffnung frei.