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Forum » News, Politik & Wissenschaft » ThreadHamed Abdel-Samad über Integration und....
28.12.2010 13:36
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0 Ich LIEBE ihn ja, und lese (und sehe) ihn immer wieder gerne! Auch SEINE Bücher (im Gegensatz zu Sarrazin) sind absolut lesenswert! Der Ägypter, Moslem und Politologe Hamed Abdel-Samad über Integration, Islamfeindlichkeit Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad (Jahrgang 1972) tritt für einen europäischen Islam ohne extremistische Strömungen ein. Einem breiteren Publikum ist der gebürtige Ägypter und Moslem durch seine Bücher "Mein Abschied vom Himmel" und "Der Untergang der islamischen Welt“ sowie seine Rolle in der ARD-Serie "Entweder Broder – die Deutschland-Safari" bekannt geworden. Abdel-Samad ist deutscher Staatsbürger und Mitglied der Islam-Konferenz. Im Interview mit "Welt Online" spricht er darüber, was er von Thilo Sarrazins Thesen zur Integration von Muslimen in Deutschland hält, wie man den Sozialstaat sinnvoll umbauen könnte und warum die Aufklärung der Wertemaßstab für Deutschland und Europa sein muss. Welt Online: Hat die Sarrazin-Debatte auch etwas Positives ausgelöst? Hamed Abdel-Samad: Ich bin zunächst einmal dankbar für jedes Buch, was die Gleichgültigkeit bricht und eine heftige Debatte auslöst. Welche Auswirkungen genau daraus erwachsen, lässt sich noch nicht absehen. Welt Online: Gibt es Anlass zur Sorge über eine anschwellende Islamfeindlichkeit? Abdel-Samad: Das glaube ich nicht. Das Buch von Sarrazin ist eher vergleichbar mit den Enthüllungen von Wikileaks. Es steht nichts wirklich Neues darin, aber es schärft die Wahrnehmung und führt zu einer Polarisierung. Viele Deutsche denken, das Hauptproblem des Landes sei die Integration. Das ist nicht der Fall. Welt Online: Sie denken, mit der Integration ist alles prima? Abdel-Samad: Nein. Das Kernproblem ist aber nicht die Integration an sich, sondern die Geisteshaltung beider Seiten. Wenn etwas schiefläuft auf diesem Gebiet, denken die Deutschen, die Muslime sind schuld. Die Muslime denken, die Deutschen denken alle wie Sarrazin – die sind schuld. Wenn es eine negative Folge des Buches gibt, dann die: Diese Kulturalisierung der Probleme hat sich auf beiden Seiten verfestigt. Das bringt uns nicht weiter. Jetzt hat sich jeder aufgeregt, sozusagen die Sau rausgelassen, und nun ist wichtig: What’s next? Welt Online: Was braucht es, damit die Debatte nicht wieder versandet, sondern endlich über konkrete Maßnahmen geredet wird? Mal abgesehen von einer Schönheitskorrektur, die den Tatbestand der Zwangsverheiratung nun auch offiziell unter Strafe stellt, hat es keine bahnbrechenden Vorstöße gegeben. Abdel-Samad: Wenn es um die Beschreibung der Missstände geht, haben wir gefühlte 80 Millionen Migrationsexperten in Deutschland! (lacht) Wenn wir aber nach Lösungen suchen, landen wir oft nur bei den üblichen symbolischen Aktionen: Burka-Verbot hier, Gesetz gegen Zwangsehe da. Die Frage ist doch, wie entsteht eine neue Dynamik? Wenn ein Großteil der Muslime weiterhin ihre Religion als Hauptmerkmal seiner Identität begreift, ist das ein großes Problem, das man nicht ausblenden kann. Auf der anderen Seite bejubeln viele Deutsche unreflektiert die Thesen von Herrn Sarrazin, ohne sich klarzumachen, wohin das führen könnte. Die politische Klasse verbündete sich gegen Sarrazin, die Bevölkerung applaudierte ihm. Ich kenne aber selber keine jungen gebildeten Menschen, die sagen: Sarrazin hat recht! Ich kenne dagegen viele 50-, 60-Jährige, die sich hinter Sarrazin stellen. Da tut sich eine Generationskluft auf. Deswegen sollten sich vermehrt junge Leute in die Integrationsdebatte einschalten. Welt Online: Was machen die Jungen anders? Abdel-Samad: I Ich habe einen Freund in Berlin. Der beste Freund seines Sohnes ist Ausländer. Sein Vater fragte: Woher kommt denn dein Freund? Aus Berlin-Schöneberg!, sagte sein Sohn. Nein, sagte der Vater, ich meine, woher kommen seine Eltern? Aus dem Iran? Aus Afghanistan? Keine Ahnung, Papa!, antwortete sein Sohn. Für den ist das vollkommen egal. Der sieht seinen Freund als Deutschen. Ich glaube, in 15 Jahren werden die unterschiedlichen Wurzeln keine große Rolle mehr spielen – zumindest in bürgerlichen Familien. Anders sieht es in sozialen Brennpunkten aus. Und es gibt eine zweite Ausnahme. Es gibt viele Deutsche, die noch nie in Kontakt gekommen sind mit „neuen“ Deutschen, die haben ein romantisch verklärtes Bild, in dem alles in ihrer Umgebung urdeutsch ist und der Opa mit dem Enkel Goethe liest. Eine Kultur, die ihre Zukunft in der Vergangenheit sucht, ist aber dem Tod geweiht. Welt Online: Wir müssen uns also neu erfinden? Abdel-Samad: So könnte man sagen. Wir dürfen unsere Identität nicht an Religion oder ein veraltetes Deutschland-Bild koppeln. Unsere Orientierung kann nicht Blut und Boden sein, sondern eine neue Geisteshaltung. Denn Deutschlands und Europas Wertemaßstab ist nicht die viel zitierte christlich-jüdische Tradition, sondern die Aufklärung. Dieses Erbe sollten wir mit Reißzähnen verteidigen. Jeder, der sich daran hält, sollte ein Teil dieses Landes werden können. Welt Online: Im Geiste der Aufklärung brauchen wir mehr Selbstreflexion? Abdel-Samad: Ja, die Deutschen sollten sich fragen: Haben wir ein Problem mit Migranten oder vielleicht doch eher mit der Organisation unseres Sozialstaates? Projizieren wir unsere Zukunftsängste auf Ausländer, oder sind sie wirklich das Problem? Genauso sollten muslimische Intellektuelle die Debatte zum Anlass nehmen, über die Probleme ihrer Landsleute nachzudenken, anstatt die Keule der Islamfeindlichkeit zu schwingen. Jeder kann seinen Teil zu einer neuen Geisteshaltung beitragen. Und sei es nur, dass einer schweigt, wenn er von Integration eigentlich keine Ahnung hat. Welt Online: Sehen Sie Anlass für eine optimistische Prognose beim Thema Integration? Abdel-Samad: Ich sehe die Zukunft Deutschlands gelassen. Das Problem wird sich auswachsen. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten unsere Identität neu verhandeln hin zu einem elastischeren, aufnahmefähigerem Selbstbild, das dem Zeitalter der Globalisierung entspricht. Wir dürfen unsere Freiheit nicht aufgeben zugunsten traditioneller Muslime, die archaischen Ehrvorstellungen und Geschlechter-Apartheid anhängen. Gleichzeitig wäre es fatal, jemanden auszugrenzen, nur weil er Muslim ist. Aber die Zeit ist auf der Seite der Pluralität. weiter: (unten) http://www.welt.de/politi [...] hat.html
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