Hand in Hand
Mein Freund,
ich bin nicht dein Freund. Mein Schein ist bloß ein sorgfältig gewobenes Kleid, das ich trage, um mich vor deinen Fragen und dich vor meiner Gleichgültigkeit zu schützen.
Das «Ich» in mir, mein Freund, wohnt in dem Haus der Stille. Dort soll es bleiben, immerdar, unerkannt und unnahbar. Du sollst meinen Worten keinen Glauben schenken und sollst meinem Tun mißtrauen - denn
meine Worte sind nur das Echo deiner Gedanken
und meine Taten bloß deine verwirklichten
Wünsche.
Sagst du: «Der Wind weht von Osten »,
so sage ich: «Ja, er weht von Osten.»
Du sollst nicht wissen, daß nicht der Wind meinen Sinn bewegt, sondern die See.
Du kannst meine seefahrenden Gedanken nicht erraten. Ich will mit der See allein sein.
Wenn für dich Tag ist, mein Freund, ist für mich
Nacht. Und doch rede ich von Mittagsglanz, der
über Hügeln tanzt, und von dem Purpurschatten,
der sich durch das Tal stiehlt.
Du kannst die Lieder meiner Finsternis nicht hören und siehst nicht, wie meine Flügel gegen die Sterne schlagen. Du sollst nicht sehen und sollst nicht hören.
Ich will mit der Nacht allein sein.
Wenn du in deinen Himmel aufsteigst, steige ich in
meine Hölle hinab und sogar dann noch rufst du
über den unüberbrückbaren Golf:
«Mein Gefährte, mein Kamerad!»,
und ich rufe zurück: «Mein Kamerad, mein Gefährte!», denn du sollst meine Hölle nicht sehen!
Die Flamme würde dir das Augenlicht verbrennen und der Rauch deine Nüstern schwären.
Ich liebe meine Hölle zu sehr, als daß du sie besuchest. Ich will in der Hölle allein sein.
Du liebst die Wahrheit, die Schönheit und das
Recht. Um deinetwillen heiße ich dies alles auch
gut. In meinem Herzen aber lache ich über deine
Liebe. Doch sollst du mein Lachen nicht hören. Ich
will alleine lachen.
Du bist gut, mein Freund, behutsam und weise.
Nein, vollkommen bist du! Und ich: ich rede
behutsam und weise mit dir. Und doch bin ich ein
Narr. Aber ich habe meine Narrheit maskiert. Ich
will in meiner Narrheit allein sein.
Mein Freund, du bist nicht mein Freund.
Wie kannst du das verstehen?
Mein Weg ist nicht dein Weg, und doch gehen wir gemeinsam, Hand in Hand.
Khalil Gibran
(1883 - 1931
ich bin nicht dein Freund. Mein Schein ist bloß ein sorgfältig gewobenes Kleid, das ich trage, um mich vor deinen Fragen und dich vor meiner Gleichgültigkeit zu schützen.
Das «Ich» in mir, mein Freund, wohnt in dem Haus der Stille. Dort soll es bleiben, immerdar, unerkannt und unnahbar. Du sollst meinen Worten keinen Glauben schenken und sollst meinem Tun mißtrauen - denn
meine Worte sind nur das Echo deiner Gedanken
und meine Taten bloß deine verwirklichten
Wünsche.
Sagst du: «Der Wind weht von Osten »,
so sage ich: «Ja, er weht von Osten.»
Du sollst nicht wissen, daß nicht der Wind meinen Sinn bewegt, sondern die See.
Du kannst meine seefahrenden Gedanken nicht erraten. Ich will mit der See allein sein.
Wenn für dich Tag ist, mein Freund, ist für mich
Nacht. Und doch rede ich von Mittagsglanz, der
über Hügeln tanzt, und von dem Purpurschatten,
der sich durch das Tal stiehlt.
Du kannst die Lieder meiner Finsternis nicht hören und siehst nicht, wie meine Flügel gegen die Sterne schlagen. Du sollst nicht sehen und sollst nicht hören.
Ich will mit der Nacht allein sein.
Wenn du in deinen Himmel aufsteigst, steige ich in
meine Hölle hinab und sogar dann noch rufst du
über den unüberbrückbaren Golf:
«Mein Gefährte, mein Kamerad!»,
und ich rufe zurück: «Mein Kamerad, mein Gefährte!», denn du sollst meine Hölle nicht sehen!
Die Flamme würde dir das Augenlicht verbrennen und der Rauch deine Nüstern schwären.
Ich liebe meine Hölle zu sehr, als daß du sie besuchest. Ich will in der Hölle allein sein.
Du liebst die Wahrheit, die Schönheit und das
Recht. Um deinetwillen heiße ich dies alles auch
gut. In meinem Herzen aber lache ich über deine
Liebe. Doch sollst du mein Lachen nicht hören. Ich
will alleine lachen.
Du bist gut, mein Freund, behutsam und weise.
Nein, vollkommen bist du! Und ich: ich rede
behutsam und weise mit dir. Und doch bin ich ein
Narr. Aber ich habe meine Narrheit maskiert. Ich
will in meiner Narrheit allein sein.
Mein Freund, du bist nicht mein Freund.
Wie kannst du das verstehen?
Mein Weg ist nicht dein Weg, und doch gehen wir gemeinsam, Hand in Hand.
Khalil Gibran
(1883 - 1931