Hilfe!Borderline!
Geneigte Leserin,
wenn du dich jetzt auf einen Lesarion-Borderline-Thread Vol. XX gefreut hast und schon mal die Tüte mit den Chips griffbereit hältst, dann muss ich dich leider enttäuschen. Pack die Chips weg – die sind sowieso nicht gut für die Figur. Geh ins Eroforum oder in eines der anderen humorigen Unterforen, wenn dir heute nicht der Sinn nach tiefschürfenden Denkprozessen ist.
Doch noch hier? Na ich hoffe, dass ich deine Erwartungen nicht enttäusche. Frag mich jetzt bitte nicht, warum ich diesen Beitrag schreibe, dass weiß ich selber nicht so recht. Aber ich fand, dass es an der Zeit dafür war.
Ich habe emotionsgeladen die zahlreichen Beiträge verfolgt, es gab sogar mal eine Zeit, da habe ich selber den Ratschlag gegeben: Halt dich von solchen Frauen fern! Das sage ich, damit ich ohne eine Lüge in diesen Beitrag gehen kann. Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Daher habe ich meine Steine heute daheim gelassen und mir lieber die Tastatur zur Hand genommen.
Was war der Konsens der meisten Borderlinethreads?
Die Frauen sind unberechenbar und gefährlich und dass sie eine Therapie brauchen sehen sie sowieso nicht ein. Jetzt frage ich mich natürlich, woher nimmt man das Recht zu sagen, dass eine Frau, die offensichtlich Verhaltensweisen zeigt, welche in das „Borderlineschema“ passt, selber Schuld an ihren Problemen trägt? Das sie eine Therapie braucht, das ist offensichtlich. Aber warum macht sie keine? Weil genau das verpönt ist, weil Stammtischparolen ihr das verbieten. Sie fühlt sich schuldig an ihrem Problem, also muss sie das doch auch selber in den Griff kriegen.
Na klar, wenn man eine Grippe hat, dann sind das böse Bakterien die einen krank machen (das war früher ja auch mal anders, da war es die Strafe Gottes oder ein Pakt mit dem Teufel), dann darf man ohne schlechtes Gewissen zu einem Arzt gehen, man bekommt Tabletten und wird schließlich gesund. Da werden die Nachbarn nicht im Flur stehen und hinter vorgehaltener Hand flüstern: „Die von Gegenüber, die ist eine… KRANKE… die geht doch tatsächlich zum ARZT!“
Tja, jetzt hat man aber dieses blöde psychische Problem, was man früher der Galle oder sonst einem Körpersaft zuschrieb, was später Hysterie genannt wurde und einem viel Zeit in geschlossenen Anstalten und Elektroschocks einbrachte. Was irgendwann von findigen Medizinern, die sich so recht keinen Reim auf dieses merkwürdige Verhalten machen konnten, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp genannt wurde. Aber man ist doch selber Schuld, man hat doch eine schlechte, falsche Persönlichkeit. Man muss sich doch zusammenreißen, endlich mal erwachsen werden. Was soll man da denn dann beim Psychotherapeuten? Und überhaupt, da gehen doch nur Verrückte hin, das sagen doch immer alle. Möchte ich wirklich diesen Stempel tragen?
Und jetzt kommt da auch noch ein weiteres Schamgefühl ins Spiel, eins, das immer gerne übersehen und unter den Tisch gekehrt wird, es ist aber auch einfach kein schönes Thema. Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und Kindesmissbrauch. Ein Teil der Wissenschaftler sagt natürlich weiterhin: Ja und? Dann haben eben 80 % der Borderliner Erinnerungen an solche traumatischen Erlebnisse, das beweist noch gar nichts. Einmal davon abgesehen, dass eine so enorme Korrelation (ein Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen) in der Korrelationsforschung (wo Experimente durch ethische oder andere wichtige Gründe nicht erlaubt/möglich sind)gigantisch und sehr selten ist, beweist eine Korrelation erstmal gar nichts. Sie sagt, dass da ein Zusammenhang ist, aber nicht, dass das eine Ursache vom anderen ist. Glücklicherweise müssen wir aber nicht auf diesem Niveau stehen bleiben.
Was ist denn, wenn man mal annimmt, dass Borderliner schwertraumatisierte Menschen sind und sie einfach mal therapeutisch so behandelt?
Eine wirklich fruchtbare Theorie in der klinischen Forschung geht nämlich genau davon aus und sagt, dass diese ganzen komischen Verhaltensweisen auf eine Anpassung an diese schreckliche Umwelt, die von Gewalt und Angst geprägt ist, sei. Die sagt: der Mensch ist in diesem Moment nicht in der Lage, dass Erlebnis vernünftig zu verarbeiten und in seine Geschichte zu integrieren -als „das war und das ist mir passiert“-Erinnerung. Und welche Teile des sich beim Kind noch entwickelnden „ICH“ werden dann abgespalten? Natürlich die, die in diesen Situationen gebraucht werden. Das Flucht-und Verteidigungssystem. Das Kind muss ja im Alltag weiterleben, zur Schule gehen und so tun, als wäre nie etwas passiert. Es glaubt im vermutlich ja sowieso keiner oder der Täter sagt ihm: Wenn du das weitererzählst, dann bring ich dich um! Das Kind kann gar nicht wissen, dass es Kinderschutzorganisationen, Frauenhäuser usw. gibt. Das es gerettet werden kann. Woher denn?
Und plötzlich macht das alles irgendwie Sinn. Diese Impulsivität, das manchmal aggressive Verhalten, die Selbstverletzungen. Der Borderliner (ich behalte den Begriff jetzt mal bei, auch wenn er mir persönlich zutiefst zuwider ist und das ganze eigentlich als sekundäre strukturelle Dissoziation bezeichne) macht nämlich einen Sprung vom Alltagssystem (in der Theorie der strukturellen Dissoziation heißt das ANP [anscheinend normale Persönlichkeit]) in diesen Überlebensmechanismus (EP oder emotionale( r) Persönlichkeit(santeil)). Der „weiß“ nur, dass er jetzt aktiv ist und handeln muss, also muss es ja um Leben und Tod gehen. Und er handelt, so wie es seine Möglichkeiten sind. Er läuft weg (trennt sich vielleicht von der Partnerin) oder verteidigt sich (wird wütend und schreit rum) oder er versucht mit diesen ganzen überwältigenden Gefühlen klarzukommen (Selbstverletzung ist –nachgewiesen- Stressabbau).Und da kann man dem ANP 100 Mal sagen, dass es doch gar nichts bringt sich zu verletzen, davon wird der EP, der im Alltag „ganz weit weg“ ist niemals profitieren. Da sind auch häufig Hirnareale am Werk, die evolutiv entstanden sind, als der Mensch noch gar nicht sprechen konnte und die ganz schlecht auf Logik reagieren.
Jetzt werden einige sagen, aber ich wurde doch als Kind auch geschlagen, und trotzdem bin ich nicht so geworden. Da würde ich entgegnen: Glück gehabt. Vielleicht hatte man doch noch jemanden, der einem „beibringen“ konnte mit bestimmten Gefühlen umzugehen oder man war einfach emotional stark genug oder oder…
Und jetzt zurück zu diesem Satz:
Was ist denn, wenn man mal annimmt, dass Borderliner schwertraumatisierte Menschen sind und sie einfach mal therapeutisch so behandelt? Vielleicht erinnert sich die eine oder andere Leserin ja noch.
Genau das wurde probiert und ein Wunder, es klappt. Es klappt wirklich. Nur die meisten Menschen, die den Borderlinestempel aufgedrückt bekommen, haben überhaupt nie die Chance zu probieren, ob es bei ihnen klappen würde. Weil die Therapeuten schlichtweg nicht daran glauben, dass Trauma die Ursache sein könnte, oder weil sie die Störung gar nicht erkennen. Oder weil die Betroffenen so oft gehört haben, dass sie es gar nicht anders verdienen und selber Schuld sind, dass sie gar keine Hilfe in Anspruch nehmen.
Und nein, ich will niemanden sagen: Haltet das alles aus, die Betroffene ist schließlich unschuldig. Um Gottes willen, man muss zuerst sich schützen und auf sich achten und dann alle anderen.
Aber vielleicht kann das ja zum Nachdenken anregen? Die Ex lieber zur Frauenberatungsstelle und nicht zum Teufel zu schicken?
Vielen Dank fürs Lesen.
Frau Gedankenwald[/anscheinend]
wenn du dich jetzt auf einen Lesarion-Borderline-Thread Vol. XX gefreut hast und schon mal die Tüte mit den Chips griffbereit hältst, dann muss ich dich leider enttäuschen. Pack die Chips weg – die sind sowieso nicht gut für die Figur. Geh ins Eroforum oder in eines der anderen humorigen Unterforen, wenn dir heute nicht der Sinn nach tiefschürfenden Denkprozessen ist.
Doch noch hier? Na ich hoffe, dass ich deine Erwartungen nicht enttäusche. Frag mich jetzt bitte nicht, warum ich diesen Beitrag schreibe, dass weiß ich selber nicht so recht. Aber ich fand, dass es an der Zeit dafür war.
Ich habe emotionsgeladen die zahlreichen Beiträge verfolgt, es gab sogar mal eine Zeit, da habe ich selber den Ratschlag gegeben: Halt dich von solchen Frauen fern! Das sage ich, damit ich ohne eine Lüge in diesen Beitrag gehen kann. Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Daher habe ich meine Steine heute daheim gelassen und mir lieber die Tastatur zur Hand genommen.
Was war der Konsens der meisten Borderlinethreads?
Die Frauen sind unberechenbar und gefährlich und dass sie eine Therapie brauchen sehen sie sowieso nicht ein. Jetzt frage ich mich natürlich, woher nimmt man das Recht zu sagen, dass eine Frau, die offensichtlich Verhaltensweisen zeigt, welche in das „Borderlineschema“ passt, selber Schuld an ihren Problemen trägt? Das sie eine Therapie braucht, das ist offensichtlich. Aber warum macht sie keine? Weil genau das verpönt ist, weil Stammtischparolen ihr das verbieten. Sie fühlt sich schuldig an ihrem Problem, also muss sie das doch auch selber in den Griff kriegen.
Na klar, wenn man eine Grippe hat, dann sind das böse Bakterien die einen krank machen (das war früher ja auch mal anders, da war es die Strafe Gottes oder ein Pakt mit dem Teufel), dann darf man ohne schlechtes Gewissen zu einem Arzt gehen, man bekommt Tabletten und wird schließlich gesund. Da werden die Nachbarn nicht im Flur stehen und hinter vorgehaltener Hand flüstern: „Die von Gegenüber, die ist eine… KRANKE… die geht doch tatsächlich zum ARZT!“
Tja, jetzt hat man aber dieses blöde psychische Problem, was man früher der Galle oder sonst einem Körpersaft zuschrieb, was später Hysterie genannt wurde und einem viel Zeit in geschlossenen Anstalten und Elektroschocks einbrachte. Was irgendwann von findigen Medizinern, die sich so recht keinen Reim auf dieses merkwürdige Verhalten machen konnten, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp genannt wurde. Aber man ist doch selber Schuld, man hat doch eine schlechte, falsche Persönlichkeit. Man muss sich doch zusammenreißen, endlich mal erwachsen werden. Was soll man da denn dann beim Psychotherapeuten? Und überhaupt, da gehen doch nur Verrückte hin, das sagen doch immer alle. Möchte ich wirklich diesen Stempel tragen?
Und jetzt kommt da auch noch ein weiteres Schamgefühl ins Spiel, eins, das immer gerne übersehen und unter den Tisch gekehrt wird, es ist aber auch einfach kein schönes Thema. Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und Kindesmissbrauch. Ein Teil der Wissenschaftler sagt natürlich weiterhin: Ja und? Dann haben eben 80 % der Borderliner Erinnerungen an solche traumatischen Erlebnisse, das beweist noch gar nichts. Einmal davon abgesehen, dass eine so enorme Korrelation (ein Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen) in der Korrelationsforschung (wo Experimente durch ethische oder andere wichtige Gründe nicht erlaubt/möglich sind)gigantisch und sehr selten ist, beweist eine Korrelation erstmal gar nichts. Sie sagt, dass da ein Zusammenhang ist, aber nicht, dass das eine Ursache vom anderen ist. Glücklicherweise müssen wir aber nicht auf diesem Niveau stehen bleiben.
Was ist denn, wenn man mal annimmt, dass Borderliner schwertraumatisierte Menschen sind und sie einfach mal therapeutisch so behandelt?
Eine wirklich fruchtbare Theorie in der klinischen Forschung geht nämlich genau davon aus und sagt, dass diese ganzen komischen Verhaltensweisen auf eine Anpassung an diese schreckliche Umwelt, die von Gewalt und Angst geprägt ist, sei. Die sagt: der Mensch ist in diesem Moment nicht in der Lage, dass Erlebnis vernünftig zu verarbeiten und in seine Geschichte zu integrieren -als „das war und das ist mir passiert“-Erinnerung. Und welche Teile des sich beim Kind noch entwickelnden „ICH“ werden dann abgespalten? Natürlich die, die in diesen Situationen gebraucht werden. Das Flucht-und Verteidigungssystem. Das Kind muss ja im Alltag weiterleben, zur Schule gehen und so tun, als wäre nie etwas passiert. Es glaubt im vermutlich ja sowieso keiner oder der Täter sagt ihm: Wenn du das weitererzählst, dann bring ich dich um! Das Kind kann gar nicht wissen, dass es Kinderschutzorganisationen, Frauenhäuser usw. gibt. Das es gerettet werden kann. Woher denn?
Und plötzlich macht das alles irgendwie Sinn. Diese Impulsivität, das manchmal aggressive Verhalten, die Selbstverletzungen. Der Borderliner (ich behalte den Begriff jetzt mal bei, auch wenn er mir persönlich zutiefst zuwider ist und das ganze eigentlich als sekundäre strukturelle Dissoziation bezeichne) macht nämlich einen Sprung vom Alltagssystem (in der Theorie der strukturellen Dissoziation heißt das ANP [anscheinend normale Persönlichkeit]) in diesen Überlebensmechanismus (EP oder emotionale( r) Persönlichkeit(santeil)). Der „weiß“ nur, dass er jetzt aktiv ist und handeln muss, also muss es ja um Leben und Tod gehen. Und er handelt, so wie es seine Möglichkeiten sind. Er läuft weg (trennt sich vielleicht von der Partnerin) oder verteidigt sich (wird wütend und schreit rum) oder er versucht mit diesen ganzen überwältigenden Gefühlen klarzukommen (Selbstverletzung ist –nachgewiesen- Stressabbau).Und da kann man dem ANP 100 Mal sagen, dass es doch gar nichts bringt sich zu verletzen, davon wird der EP, der im Alltag „ganz weit weg“ ist niemals profitieren. Da sind auch häufig Hirnareale am Werk, die evolutiv entstanden sind, als der Mensch noch gar nicht sprechen konnte und die ganz schlecht auf Logik reagieren.
Jetzt werden einige sagen, aber ich wurde doch als Kind auch geschlagen, und trotzdem bin ich nicht so geworden. Da würde ich entgegnen: Glück gehabt. Vielleicht hatte man doch noch jemanden, der einem „beibringen“ konnte mit bestimmten Gefühlen umzugehen oder man war einfach emotional stark genug oder oder…
Und jetzt zurück zu diesem Satz:
Was ist denn, wenn man mal annimmt, dass Borderliner schwertraumatisierte Menschen sind und sie einfach mal therapeutisch so behandelt? Vielleicht erinnert sich die eine oder andere Leserin ja noch.
Genau das wurde probiert und ein Wunder, es klappt. Es klappt wirklich. Nur die meisten Menschen, die den Borderlinestempel aufgedrückt bekommen, haben überhaupt nie die Chance zu probieren, ob es bei ihnen klappen würde. Weil die Therapeuten schlichtweg nicht daran glauben, dass Trauma die Ursache sein könnte, oder weil sie die Störung gar nicht erkennen. Oder weil die Betroffenen so oft gehört haben, dass sie es gar nicht anders verdienen und selber Schuld sind, dass sie gar keine Hilfe in Anspruch nehmen.
Und nein, ich will niemanden sagen: Haltet das alles aus, die Betroffene ist schließlich unschuldig. Um Gottes willen, man muss zuerst sich schützen und auf sich achten und dann alle anderen.
Aber vielleicht kann das ja zum Nachdenken anregen? Die Ex lieber zur Frauenberatungsstelle und nicht zum Teufel zu schicken?
Vielen Dank fürs Lesen.
Frau Gedankenwald[/anscheinend]
Dieses Thema wurde geschlossen. (max. 200 Beiträge)
Dieses Thema wurde geschlossen. (max. 200 Beiträge)