Kalt
Sie sah mir lange in die Augen. Sie wartete lange auf eine Antwort. „Sie verstehen das nicht“, sagte ich gleichgültig. Es war schon unser drittes Gespräch, aber ich hielt Hanna, wie ich sie nennen durfte, immer noch für unfähig. Aber sie brachte mich dazu zu reden. Das ist gut, sagte sie immer.
„Mit mir und Jonas ist das wie mit einer Tüte Gummibärchen.“ Sie schrieb alles mit Gummibärchen. Als ob Gummibärchen ein Hinweis auf meine Ernährung wären. „Man öffnet sie, isst ein paar – bis man sie nicht mehr sehen kann und in den Schrank zurückstellt. Irgendwann hat man dann wieder Lust auf sie und erinnert sich, dass da noch eine Tüte im Schrank steht.“ Sie notiert alles – Fortschritt – Ich hatte das Wort Essen im Zusammenhang mit Jonas erwähnt – wichtig. Natürlich dachte sie nicht so, aber in jenem Moment machte ich mich über Hanna lustig, innerlich.
„Du hast dich nach ihm gesehnt?“
„Nein, aber es hatte etwas mit Gewohnheit zu tun, mit dem Gefühl sich auf jemanden verlassen zu können. Sicherheit vielleicht.“
„Aber du liebt doch die Unabhängigkeit, die Freiheit.“
„Ich brauchte Hilfe, jemanden der mir Grenzen setzt.“
„Was waren das für Grenzen?“
Ich sah vor mir seine starke hand, die mich packte und gegen den Schrank schleuderte, sah seine glühenden Augen, die Wunden an meinem Körper.
„Gewalt“, antwortete ich. „Er machte mir Angst. Das war es nicht was ich wollte. Aber ich brauchte JEMANDEN.“
„Keine besonders guten Grenzen. Aber du bliebst, weil du ihn geliebt hast?“
„Es wird Tage geben an denen ich das behaupte, aber dann ist es eine Lüge. Sie haben nicht verstanden.“ Sie beugte sich nach vorn, ihre Augen zwinkerten in unregelmäßigem Takt. ich sah zum Fenster.
„Er ist wie ich – und auch er brauchte IRGENDJEMANDEN. Sein Leben war hart, sein einziges Ventil verbotene Dinge zu tun, Gewalt, Drogen. Ich versteh ihn. Ich will ihn nicht rechtfertigen, aber ich verstehe ihn. Wir sind beide kalt.“ Auch ich hatte mein Ventil gefunden. Wie er war ich über viele verbotne Dinge dazu gekommen. Sie hätte gefragt, was mein Ventil ist, hätte sie es nicht schon gewusst. Noch bereute ich nicht, doch ich hoffte auf den Tag, an dem mir alles leid tat und ich Jonas dafür hassen konnte, dass er mich in sein trauriges Leben mit hineingezogen hatte, mit sich Probleme Brachte, von denen ich sonst nie erfahren hätte, und dafür dass er selbst ein Problem – mein Problem – war.
„Kalt?“ fragte sie und sah mich erschüttert an.
„Eiskalt“, sagte ich.
„Mit mir und Jonas ist das wie mit einer Tüte Gummibärchen.“ Sie schrieb alles mit Gummibärchen. Als ob Gummibärchen ein Hinweis auf meine Ernährung wären. „Man öffnet sie, isst ein paar – bis man sie nicht mehr sehen kann und in den Schrank zurückstellt. Irgendwann hat man dann wieder Lust auf sie und erinnert sich, dass da noch eine Tüte im Schrank steht.“ Sie notiert alles – Fortschritt – Ich hatte das Wort Essen im Zusammenhang mit Jonas erwähnt – wichtig. Natürlich dachte sie nicht so, aber in jenem Moment machte ich mich über Hanna lustig, innerlich.
„Du hast dich nach ihm gesehnt?“
„Nein, aber es hatte etwas mit Gewohnheit zu tun, mit dem Gefühl sich auf jemanden verlassen zu können. Sicherheit vielleicht.“
„Aber du liebt doch die Unabhängigkeit, die Freiheit.“
„Ich brauchte Hilfe, jemanden der mir Grenzen setzt.“
„Was waren das für Grenzen?“
Ich sah vor mir seine starke hand, die mich packte und gegen den Schrank schleuderte, sah seine glühenden Augen, die Wunden an meinem Körper.
„Gewalt“, antwortete ich. „Er machte mir Angst. Das war es nicht was ich wollte. Aber ich brauchte JEMANDEN.“
„Keine besonders guten Grenzen. Aber du bliebst, weil du ihn geliebt hast?“
„Es wird Tage geben an denen ich das behaupte, aber dann ist es eine Lüge. Sie haben nicht verstanden.“ Sie beugte sich nach vorn, ihre Augen zwinkerten in unregelmäßigem Takt. ich sah zum Fenster.
„Er ist wie ich – und auch er brauchte IRGENDJEMANDEN. Sein Leben war hart, sein einziges Ventil verbotene Dinge zu tun, Gewalt, Drogen. Ich versteh ihn. Ich will ihn nicht rechtfertigen, aber ich verstehe ihn. Wir sind beide kalt.“ Auch ich hatte mein Ventil gefunden. Wie er war ich über viele verbotne Dinge dazu gekommen. Sie hätte gefragt, was mein Ventil ist, hätte sie es nicht schon gewusst. Noch bereute ich nicht, doch ich hoffte auf den Tag, an dem mir alles leid tat und ich Jonas dafür hassen konnte, dass er mich in sein trauriges Leben mit hineingezogen hatte, mit sich Probleme Brachte, von denen ich sonst nie erfahren hätte, und dafür dass er selbst ein Problem – mein Problem – war.
„Kalt?“ fragte sie und sah mich erschüttert an.
„Eiskalt“, sagte ich.