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Forum » Die Lounge » Thread

Kommunikation...

15.03.2009 05:10
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Wie ein Internetforum funktioniert…

Freitag Abend, 18:30. Frau K. liegt seit 1 ½ Stunden weinend auf der Couch neben ihrem Telefonhörer. Ihre Freundin Frau A., mit der sie seit kurzem eine Fernbeziehung führte, in der es von Anfang an kriselte, hat die Beziehung heute um 16:30 beendet nachdem sie sich in eine neue Frau verliebt hat. Frau K. versteht die Welt nicht mehr, glaubte sie doch in Frau A. endlich nach langen Enttäuschungen ihre Traumfrau gefunden zu haben. Verzweifelt über die Situation und in Ermangelung kurzfristig erreichbarer Freunde, begibt sich Frau K. an die Tastatur des heimischen Rechners, um ihr Leid dem Internet anzuvertrauen, in der Hoffnung Trost zu finden. In einem nicht näher genannten Forum schreibt sie um 18:55 einen Eintrag auf die böse Frauenwelt und die Liebe, deren Lieblingsopfer sie zu sein scheint und erzählt ihre Geschichte aus subjektiver schmerzerfüllter Sicht.
Zum selben Zeitpunkt betritt Frau S. nach einem langen Arbeitstag gereizt fluchend ihre Wohnung. Ein Streit mit dem Chef und die Faulheit ihrer Kollegen, die selbst nichts zustande bringen, die Schuld aber ihr zuschieben, anstatt für ihre Fehler grade zu stehen, liegt ihr schwer im Magen. Den unterdrückten Wutanfall versucht Frau S. mit einem Beruhigungstee zu beschwichtigen. Während das Wasser im Wasserkocher kocht, schaltet Frau S. ihren PC ein, um sich zwischenzeitlich ein wenig im Netz von ihrem Ärger abzulenken. Um Punkt 19:00 loggt sich Frau S. in der selben Community ein und entdeckt den Beitrag von Frau K.
Keine 5 Minuten später streckt sich die Studentin Fräulein M. nach 7 Stunden und 2 Minuten World of Warcraft spielen träge und gelangweilt auf dem Sessel im Haus ihrer Eltern auf dem Lande, wo sie die Semesterferien verbringt. Vor Langeweile betäubt und dem sich aufdrängenden Gefühl, mal was anderes tun zu müssen, als WoW zu zocken, begibt auch sie sich in jene Community in der leisen Hoffnung, an diesem Tag in der Pampa doch noch etwas halbwegs spannendes zu erleben.

Während Fräulein M. noch kurz vor dem Einschlafen stehend beim checken ihrer PMs frustriert feststellt, dass sich auch in ihrem Postkasten nichts neues befindet, fühlt sich Frau S. durch Frau K.s Forumsbeitrag und den scheinbaren Parallelen zu ihren unfähigen Kollegen, in ihren Plänen, sich zu entspannen, empfindlich gestört,. Frau K. die aufgrund der schlechten Lage am Arbeitsmarkt, sich außerstande sieht, ihren Kollegen und ihrem Chef an die Gurgel zu springen, nutzt die Gunst die Stunde. In einem zynischen Beitrag zu Frau Ks Leidenserzählungen lässt sie ihrer aufgestauten Aggression freien Lauf und empfindet augenblicklich ein Gefühl der Entspannung, nachdem sie auf den „Beitrag senden“-Button klickt. Ihrem Chef und den blöden Kollegen hat sie’s gezeigt.

Am anderen Ende der Leitung, betätigt die aufgelöste Frau K. währenddessen kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehend im Sekundentakt die „Aktualisieren“ -Taste ihres Browsers. In der verzweifelten Hoffnung ein paar aufmunternde Worte oder zumindest echte Hilfe für ihr schwerwiegendes Problem zu finden, wird sie von einer Welle der Freude erfasst, als sie feststellt, dass ein lieber Mensch sich erbarmt hat, ihr zu antworten. Frau K. klickt auf ihren Beitrag, um die Antwort zu lesen.

Zu gleichen Zeit entschließt sich nun auch Fräulein M. nachzuschauen, ob es wenigstens im Forum etwas neues gibt, wenn schon der PM-Postkasten nur gähnende Leere zeigt. Schon halb im Schlaf versunken, wird sich Fräulein M. Frau Ks und Frau S. Dialog gewahr. Mit der plötzlich in das dämmernde Bewusstsein Fräulein Ms eindringenden Erkenntnis, dass dies die langersehnte Chance auf ein bisschen Action an diesem Abend sein könnte, erwacht Fräulein M. augenblicklich aus ihrer Lethargie. Im Befreiungsschlag gegen die Langeweile, verfasst Fräulein M. eine kurze Kommentierung des Beitrags von Frau S., wissend und voller Vorfreude, dass sich in diesem Thread an diesem Abend sicherlich noch einiges an spannender Action abspielen würde.

Noch ehe sie. Fräulein Ms. Posting zu lesen bekommen, sitzt Frau K. zu einer Salzsäule erstarrt vor Frau S. Beitrags und kann nicht glauben, was sie dort liest. Ein tiefer Stich, der ihr bestätigt, dass die Damenwelt böse zu ihr ist, zieht ihr ganzes Herz zusammen. Wie kann eine Frau nur so grausam zu ihr sein, denkt sich Frau K. Schwer getroffen und in ihrer Depression die ganze Welt mit Steinen nach ihr werfend sehend, sammelt Frau K. ihre letzten Kräfte, um Frau S. die Frage zu stellen, was sie ihr denn bitteschön angetan hätte, damit man sie so behandelt. Vielleicht, denkt Frau K. leise bei sich mit dem letzten Funken Hoffnung auf das Gute im Menschen, würde Frau S. so einsehen, was sie ihr angetan hat.

Um 19:10 und während Frau S. Fräulein Ms Beitrag liest und nicht weiß, ob sie sich freuen oder wieder ärgern soll, wird der Internetjunkie und Forumsgutmensch Fräulein W., die bis dato noch bei einem schönen Feierabendtee in allabendlicher Plauderlaune in einem anderen Thread über den Sinn und Unsinn von Urinierhilfe für Frauen ausließ, auf den Thread aufmerksam. Entsetzt über den Verfall der Diskussionskultur des Forums und der Werte der Gesellschaft, verfasst Fräulein W. eine flammende Rede gegen die Beiträge von Frau S., nimmt Fräulein K. in Schutz und sichert ihr alle Unterstützung zu.

Da Frau S. sich zu diesem Zeitpunkt grade vor dem Wasserkocher befindet, um dessen Inhalt in ein Keramikgefäß mit Henkel umzufüllen und Frau K. in ihrer Wohnung verzweifelt nach der 10. Packung Kleenex-Tücher sucht, wird Fräulein Ws Beitrag als erstes von Fräulein M. entdeckt, die sich in ihrem Glauben, dass es in diesem Thread „noch richtig abgehen“ wird, bestätigt sieht. Um der Langeweile keine Chance zu lassen, beschließt Fräulein M. auch Fräulein Ws Beitrag witzig zu kommentieren und freut sich insgeheim schon auf deren Reaktion.

Fräulein W., die sich zwischenzeitlich wieder kurz den Urinierhilfen zugewandt hatte, entdeckt nur Bruchteile von Sekunden nachdem Fräulein M. ihren Beitrag abgeschickt hat, selbigen im Thread. Empört von den Stichelein Fräulein Ks und in ihrem Idealismus schwer gekränkt, holt Fräulein W. aus zum Gegenschlag und vergisst dabei in ihrem Antwortposting die von ihr zuvor so hochgelobte Diskussionskultur zu pflegen. Zwischen die Beiträge von Fräulein M und Fräulein W mogelt sich indessen noch eine Antwort von Frau K, die auf ihrer Suche schnell fündig wurde, so beide Beiträge noch zügig nachlesen konnte und eine Milisekunde vor Frau Fräulein W. ihren Dank an selbige, die ihren Glauben an die Menschheit und vor allem an die Frauen, rettete, abschickte. Frau S. hingegen zieht es währenddessen vor, statt ihrem geliebten Hagebuttentee einen Beutel verhassten Pfefferminztee ins heiße Wasser zu schmeißen und beginnt die Aktion verärgert von neuem.

Während Frau S. sich in ihrer Wohnung mit der Qual der Wahl des richtigen Tees abmüht, werden indessen noch weitere Userinnen der Community auf Frau Ks Thread aufmerksam. Ein buntes Durcheinander aus Zustimmungen für Fräulein M und Fräulein W, Kommentierungen von Fräulein S und Fräulein K. sowie vereinzelte Tipps und aufbauende Worte, zieren den Bildschirm, als Frau S. an den Monitor zurückkehrt und aktualisiert. Angenervt von all den aufbauenden Worten für Frau K. und besonders der Beiträge von Fräulein W, die sie allesamt an das „Bla Bla“ und fehlende Rückgrat ihrer Kollegen sowiedie Blindheit ihres Chefs, der selbige auch noch in Schutz nimmt, erinnern, kommentiert Frau S. nun auch Fräulein Ws Posting in aller Kunst des Zynismus und empfindet dabei sarkastische Genugtuung. Durch den Katharsischen Effekt jener Tat gewinnt Frau S. allmählich Gefallen an diesem Vorgehen und beschließt in einem Moment des Verfallens sadistisch aggressiver Lust, das Gespräch auf diese Art und Weise für den Rest des Abends fort zu führen, bis sämtliche Frustration verbrannt ist. Eine Schlammschlacht, die sich über 10 Seiten ziehen soll, nimmt ihren Lauf.

20: 00. Irgendwo weit weg von Frau Ks Wohnung, versuchen grade Frau A und ihre neue Flamme sich verzweifelt aus dem Knoten, der beim Ausprobieren einiger Stellungen aus dem „Kamasutra für Lesben“-Buch entstanden ist, zu befreien, als Frau As Handy klingelt. Unter Aufbietung aller Kräfte zum vermutlichen Preis einer Muskelüberdehnung, ergreift Frau A ihr Mobiltelefon, um sich von der schreienden Stimme einer guten Freundin lieblich ins Ohr flüstern zu lassen, dass eine gewisse Schlampe namens Ex-freundin unerhörte Sachen über sie ins Internet schreiben würde. Ungeachtet der möglichen Folgen springt Frau A. aus dem Bett, bricht dabei der in sie verkeilten Frau T. ein paar Knochen und hetzt an den PC. In heller Aufregung und voller Wut über die Lügen Frau Ks (die in Wirklichkeit zu Teil natürlich der Wahrheit entsprechen) schreibt Frau A. eine reihe aufschlussreicher Erklärungen über den „wahren“ Sachverhalt der Dinge, wobei sie nicht vergisst, der Höflichkeit wegen, Frau Ks richtigen Namen samt Nachnamen auszuschreiben.

Etwa zur selben Zeit entdecken nun auch die gelangweilte intellektuelle Hobbyphilosophin Fräulein E. und die nicht weniger beschäftigte allwissende Hobbypsychologin Fräulein P. den Thread und beginnen sowohl zu analysieren, welche psychischen Störungen bei den einzelnen Diskussionsteilnehmern sowie der bis dato abwesenden Frau A. wohl zu diagnostizieren seien sowie eine Grundsatzdiskussion, die sich aus dem Thread ergibt, anzukurbeln.

Um 20:01 schließlich entdeckt Frau K. mit Entsetzen den Beitrag von Frau A. und beginnt in aufkeimender Panik sofort eine Rechtfertigung in die Tastatur zu hauen, die auch den Hinweis beinhaltet, dass Frau A. eine elende Lügnerin ist. Fräulein W. die den kurzen Dialog als erste entdeckt, fühlt sich in ihrem schwarz-weißem Weltbild und kämpferischen Idealismus durch Frau As. Beitrag enorm verunsichert, was sie in einem flammenden Beitrag, der nun gegen Frau K. und die Lüge an sich gerichtet ist, kompensiert. Enttäuscht und frustriert darüber, dass jemand es wagt, ihre Hilfe so auszunutzen, beschließt Fräulein W nicht ohne darauf hinzuweisen, wie schlecht die ganze Welt ist, sich aus dem Thread zurückzuziehen, was sie in pompösen Worten ankündigt. Enttäusch über den „Tod“ ihrer Heldin, folgen ihr sämtliche Userinnen, die ihr zustimmten begleitet von den Stichelein und Seitenhieben Fräulein Ms, die sich sichtlich amüsiert und offenkundig dem Grau des Semsterferienalltags auf dem Lande entkommen konnte.

Frau S., die währenddessen ihren Hagebuttentee trinkt, erfährt die neuesten Entwicklungen erst wesentlich später um 20:03, als sich der Dialog zwischen Frau K. und Frau A. zu einem Kleinkrieg zwischen zwei Personen entwickelt. Beim Lesen wird Frau S. allmählich der desillusionierende Umstand bewusst, dass Frau K. nun ihre ganze Aufmerksamkeit Frau A. schenkt und jedes weitere zynische Kommentar vermutlich ignoriert werden würde. Wütend über diese verlorene Möglichkeit, ihre Wut auf den Chef und die Kollegen auf eine adäquate Weise rauszulassen, verfasst Frau S. noch einen Beitrag, der mit dem Hinweis endet, dass sie viel zu schade, für eine solch dumme Diskussion sei und beschließt für sich stattdessen, sich über Omas gutes Porzellan zwecks Aggressionsabbau herzumachen. Die letzten Seiten gehören Frau A, Frau K, Frau E und Frau P, bis der Thread geschlossen wird.

10:15 am nächsten Morgen: die bisher an der Diskussion unbeteiligte Frau T. wacht mit mehreren Knochenbrüchen, die ihr ihre Freundin A. gestern durch eine Unachtsamkeit zugefügt hat mit Schmerzen im Krankenhaus auf. Tief enttäuscht über die Grobheit Frau As und in Ermangelung eines geeigneten Ansprechpartnern beschließt Frau T. ihrem Frust im Internet Luft zu machen und sich die Enttäuschung über die böse Frauenwelt in einer bestimmen Community von der Seele zu schreiben…



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