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PARIS - Die zweite

ImpudentButch..
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17.09.2026 22:47
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Pariser Köpfe
Jeder, der auf Reisen gewesen ist, wird sich schon einmal über die verschiedenen Grade von Fremdheit und Gewöhnung, Nähe und Ferne, Erschlossenheit und Spröde, die er im Verhältnis zu Städten gekannt hat, klar geworden sein. Gott sei Dank gibt es eine große Anzahl von Stufen zwischen der Existenz eines Vergnügungsreisenden oder Touristen und eines Menschen, der ansässig ist und arbeitet. Gewiß hat die Einteilung der Leute in solche, die in einer Stadt Geld ausgeben und die es in ihr verdienen, einiges Berechtigte, und sie trifft ja auch für dieses große Fremden- und Vergnügungszentrum Paris viel weitgehender zu als für andre Städte.

Der Schriftsteller aber ist ihr jedenfalls – und das ist eine seiner großen Chancen – enthoben. Ihm wird bei einiger Konzentration jeder Ort, an dem er eine Weile gelebt hat, zur Arbeitsstätte. Und es erstaunt ihn vielleicht – mir jedenfalls war es unerwartet –, wie nach langer Abwesenheit selbst im Rahmen eines flüchtigen und programmatisch wenig belasteten Aufenthalts die strengeren Arbeits- und Lebensgewohnheiten sich schnell wieder herstellen. Ich werde Ihnen darum weniger von Neuigkeiten des Theater- und Kunstlebens als von zufälligen Konstellationen des Alltags, vor allem von Begegnungen und Menschen zu sprechen haben, dem wenigen Neuen und dem vielen Alten, das mich frappierte. Es gibt vielleicht keinen größeren Glücksfall für ein Wiedersehen mit der Stadt als lange dort gelebt und gelernt zu haben, noch länger fortgewesen zu sein und dann nach vielen vereitelten Reiseprojekten beinah überrascht eines Morgens wieder in ihr zu erwachen. Im übrigen ist es für mich ein etwas snobistischer aber schöner Trost gewesen, beim Zeitunglesen die Entdeckung zu machen, daß meine halb freiwillige Abwesenheit von der Stadt beinah auf Jahr und Tag mit der erzwungenen eines ihrer interessantesten Bewohner zusammenfiel. Léon Daudet, der Sohn des berühmten Tartarin-Dichters, der Chefredakteur der royalistischen »Action francaise«
(…)
Ich sage mir, wie viele Prozeduren es gibt, als Literat zu reüssieren, und wie wenige darunter mit Literatur das geringste zu tun haben. Ein Champion in dieser Kunst: Jean Cocteau. Es gibt selbst in Paris nicht viele Autoren, die auch ohne zu dichten dem Publikum so beständig sich in Erinnerung zu bringen wissen wie Cocteau. Noch kürzlich, in einer Art von Propagandaschrift im Programmheft des neu eröffneten Théatre Pigalle, das von dem Baron Rothschild für eine Schauspielerin mit enormem Aufwand erbaut wurde. Im Pariser Volksmund hat es den Namen »Théatre de la monnaie« bekommen. Die Innengestaltung erhält ihren Charakter durch das Widerspiel der konstruktiven, meist metallischen oder gläsernen Teile und der verschiedenfarbigen, wechselnden Lichtbündel, unter deren Schein sie hervortreten. Im Zwischenakt bietet das Vestibül mit seinen Auslagen, Buch-, Blumen- und Schallplattenhandlungen einem, der Pariser Sitte gemäß immer noch verhältnismäßig festlich gekleideten Publikum ein sehr helles und eigentümliches Bild. Freilich ist ungewiß, wieviel man davon dem Kontrast gegen die verstaubten, mit zähen Alexandrinern beschrifteten Bildern von Guitrys »Histoires de France«, die sich im Innern des Theaters abrollen, zuschreiben muß. »Der große Nutzen der Werke von Cocteau«, so hieß es neulich in einer Pariser Zeitung, »besteht – abgesehen selbstverständlich von ihrem literarischen Wert – in ihrer Eignung, nach ihnen Bars zu benennen, die ohne sein Protektorat vermutlich im Banalen versanden würden. Der ›Bœuf sur le toit‹ machte den Anfang, dann kam der ›Grand écart‹ und das neueste ist die blendende Einweihung der ›Enfants terribles‹.« In der Tat, dies alles sind zugleich Titel Cocteauscher Werke. Das kann man sich noch gefallen lassen. Zweifelhafter ist der Geschmack, mit dem man den Namen einer kleinen mondänen Bar an der Place de l'Odéon dem Werke Rimbauds entnehmen zu wollen glaubte: »Le bâteau ivre«, das trunkene Schiff. Nun gibt es drinnen allerdings Kommandobrücken, Bullaugen, Schallrohre, viel Messing, viel weiß Lackiertes, und die Patronin des Unternehmens, die Prinzessin d'Erlanger, hat sich bemüht, dem Namen, den sie wählte, gerecht zu werden. Es ist nämlich neueste Mode, daß die Boîtes de nuit von Damen der Aristokratie unterhalten werden. Da der Gin-Fizz außerdem zwanzig Francs kostet, so kann die Aristokratie nebenbei noch Geschäfte machen und dies mit um so besserem Gewissen, als sich an ihren geistigen Getränken zum guten Teil Schriftsteller inspirieren, der Betrieb also den geistigen Schatz der Nation mehrt. Im übrigen habe ich persönlich keinen Grund, mit dem Bâteau ivre und der Prinzessin, die es befehligt, unzufrieden zu sein. Denn dort begegnete mir lange nach Mitternacht, glutheiß, gewissermaßen aus dem Kesselraum auftauchend, der selten sichtbare Léon-Paul Fargue. Nicht ganz einfach, diesen Mann vorzustellen. Man könnte zum Beispiel sagen, Besitzer eines schönen Vollbarts, dessen er sich jedoch, wenn's ihm einfällt, von einem Tag zum andern entäußert. Man könnte auch sagen, Besitzer einer gut gehenden Majolikafabrik. Als er da plötzlich vor mir auftauchte, blieb mir aber nur Zeit, meiner Nachbarin zuzuflüstern: »Der größte Lyriker Frankreichs.« Das wiederum war vielleicht etwas übereilt.
Man muß diesen Platz für Valéry reservieren. Abgesehen davon aber, daß Fargue in der Tat ein großer Lyriker ist, an diesem Abend lernten wir ihn als einen der bestrickendsten Erzähler kennen. Er hatte kaum erfahren, daß ich mich mit Marcel Proust viel beschäftigt habe, als er seine ganze Ehre dareinlegte, das kolorierteste und zerrissenste Bild seines ehemaligen Freundes vor uns aufzurufen. Das war aber nicht nur die Physiognomie des Mannes, die erstaunlich in Fargues Stimme auflebte, nicht nur das laute exaltierte Lachen des jungen Proust, des Salonlöwen, der, am ganzen Körper geschüttelt, die weiß behandschuhten Hände vor den weit aufgerissenen Mund preßte, während sein viereckiges Monokel am breiten schwarzen Band vor ihm hertanzt; nicht nur der kranke Proust, der in einem Zimmer, das sich vom Möbelspeicher eines Auktionshauses kaum unterschied, in tagelang ungemachtem Bett, vielmehr in einer Höhle aus Manuskripten, beschriebenen, unbeschriebenen Blättern, Schreibunterlagen, Büchern hauste, die sich zu Bergen türmten, in den Ritzen zwischen Bett und Wand sich verfingen, auf dem Nachttisch gestapelt lagen – nicht nur diesen Proust rief er auf, er skizzierte die zwanzigjährige Geschichte dieser Freundschaft, die Ausbrüche rührender Zärtlichkeit, die Anfälle irrsinnigen Mißtrauens – dies »Vous m'avez trahi« à propos de tout et de rien –, nicht zu vergessen die denkwürdige Darstellung, die er von dem Diner und freilich auch von seiner eignen Regie des Diners gab, zu dem er Marcel Proust und James Joyce, die sich dabei zum ersten und letzten Mal sahen, zu sich gebeten hatte. »Die Unterhaltung in Gang zu halten«, sagt Fargue, »hieß für mich eine Zentnerlast stemmen. Dabei hatte ich schon vorsorglich zwei schöne Frauen eingeladen, um den Zusammenstoß etwas zu mildern. Aber das hinderte nicht, daß Joyce beim Fortgehn sich hoch und teuer verschwor, nie wieder den Fuß in ein Zimmer zu setzen, wo er dieser Figur zu begegnen Gefahr laufen könne.« Und Fargue ahmte das Entsetzen nach, das den Iren durchzitterte, als Proust von irgendeiner kaiserlichen oder prinzlichen Hoheit mit aufgerissenen leuchtenden Augen beteuerte: »C'était ma première altesse.« (Das war meine erste Hoheit.) –
Dieser frühe Proust vom Ende der neunziger Jahre stand am Beginn eines Weges, dessen Verlauf er selbst noch nicht absehen konnte. Damals suchte er die Identität im Menschen. Sie erschien ihm als das was den Menschen vergottet. So begann der größte Zerstörer des Begriffs von Persönlichkeit, den die neue Literatur kennt. – Wir blieben unter einem kleinen Feuerregen von Erinnerungen und Maximen zusammen, bis man uns um drei Uhr heraussetzte. Es ist noch nicht achtundvierzig Stunden her, daß mein letzter Pariser Abend, mit dem ich hier schließen will, mir aus sehr anderem Spiegel das Bild Prousts erscheinen ließ. Dem Spiegel Albertinens, wenn wir so einen Mann nennen dürfen, der bei seinen Freunden und bei allen Parisern, die Proust kennen, Monsieur Albert heißt. Nicht so sehr daß das, was Monsieur Albert von Proust zu erzählen weiß, dieser Spiegel gewesen wäre – nicht alles, was er mir zum Besten gab, war neu, und noch weniger war es zur weiteren Verbreitung bestimmt – aber in diesem Manne selbst ist noch etwas, was spiegelhaft den Abglanz des Dichters gibt. Jedenfalls verrät die Diskretion, die Monsieur Albert im Sprechen wie im Auftreten hat, mehr den ehemaligen Leibdiener des Prinzen Orloff, den späteren Kammerjunker des Fürsten von Radziwill, als den heutigen Besitzer der Kaschemme »Trois colonnes« in der Nähe der Place de la Bastille. Monsieur Albert wollte mir noch die Ehren dieses Etablissements erweisen. Ich aber zog es vor, in der vornehmeren Kaschemme, in der wir unser ausgezeichnetes Abendbrot eingenommen hatten, ihn beim Kaffee festzuhalten und dem angenehmen Tonfall zu lauschen, mit dem er die Erinnerung an die früheren gemeinsamen Nachtspaziergänge auf dem Boulevard Haussmann zu Seiten des Dichters heraufrief, der die wechselnden Effekte des Mondlichts jeweilen mit den geeignetsten Versen von Vigny, Hugo, Lamartine oder Mallarmé begleitete. Paris hat mir in diesen Wochen kein anziehenderes Bild gegeben, als diese Worte von Monsieur Albert vor mir auftauchen ließen.
Walter Benjamin