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Sehnsucht nach dem Kalten Krieg


23.02.2006 15:13
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Freiheit und Fundamentalismus
von Niall Ferguson

Manchmal vermisse ich den Kalten Krieg. Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Denn nie würde ich mir eine Wiederkehr der Sowjetunion wünschen, schon allein wegen der Polen, Tschechen, Ungarn und all der anderen Völker, die 1989 ihre Freiheit zurückgewonnen haben. Obwohl viele Westeuropäer immer noch Schwierigkeiten haben, sich damit innerlich abzufinden, war die Sowjetunion Stalins ein ebenso mörderisches, totalitäres Regime wie Nazi-Deutschland. Auch unter Stalins Nachfolgern besserte es sich nur marginal.

Was mich nostalgisch macht, ist, daß die Schlechtigkeit der Sowjets die Weltpolitik in meiner Jugend soviel einfacher machte. Entweder man erkannte das Reich des Bösen als das, was es war, oder man war einer jener Gimpel, die auf seine Lügenpropaganda hereinfielen. Viele meiner universitären Zeitgenossen machten die Vereinigten Staaten in den Achtzigern für das Wettrüsten verantwortlich und schlossen sich der Kampagne für (einseitige) atomare Abrüstung an. Andere predigten die Idee einer "Annäherung" zwischen den Wirtschaftssystemen von Ost und West. Arme Narren. Sie hätten nur einmal in den Ostblock reisen müssen, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie ein echter militärisch-industrieller Komplex aussieht - und um am eigenen Leib zu erfahren, wie sich das Leben in Unfreiheit anfühlt.

Jedesmal wenn ich die S-Bahn zur Friedrichstraße nahm, dem damaligen Grenzbahnhof nach Ost-Berlin, schauderte ich angesichts der Tatsache, daß ich mich eben in ein Reich des Despotismus begab - in ein Land, in dem es kein Recht auf Privatsphäre, Eigentum und politische Selbstvertretung gab. Heute muß man schon eine Reise nach Nordkorea unternehmen, um dieses heilsame Gefühl zu verspüren, das so sehr dazu beigetragen hat, mein politisches Weltbild zu prägen. Ein neuer Kalter Krieg könnte also ebenso gut für Westeuropa sein, wie er schlecht für Osteuropa wäre - einfach, weil er uns an den Wert unserer harterkämpften Freiheiten, die wir zunehmend für selbstverständlich zu halten scheinen, erinnern würde.

Heute ist die Welt multipolar, und zwar nicht nur wirtschaftlich (in der Volksrepublik China werden fast dreimal soviel Güter und Dienstleistungen produziert wie in Rußland), sondern auch militärisch. Man denke nur an all die anderen Atommächte: Großbritannien und Frankreich, China und Nordkorea, Pakistan und Indien, Israel und - vielleicht bald auch - der Iran. Jedes dieser Staatenpaare könnte sich nach Belieben einen eigenen kleinen Kalten Krieg auf regionaler Ebene gönnen.

Der andere wesentliche Unterschied zur Ära des Kalten Kriegs ist natürlich die Rolle des islamischen Fundamentalismus in der Welt. Im nachhinein betrachtet war 1989 gar nicht der entscheidende Wendepunkt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der kam zehn Jahre früher mit der Iranischen Revolution von 1979. Und der militante Islamismus bereitet den Russen heute ebenso sehr Kopfzerbrechen wie Westeuropa. Rund zehn Prozent der russischen Bevölkerung sind Moslems, und in Tschetschenien, Dagestan, Kabardino-Balkarien, Nordossetien und Tartastan stellen die Anhänger des Islam sogar die Mehrheit. Die ersten vier dieser Republiken befinden sich in einem Zustand andauernder politischer Instabilität, da dort separatistische Bewegungen aktiv sind, die sich einen zunehmend islamistischen Anstrich geben. In Dagestan wurden unlängst Polizisten von Mitgliedern einer Organisation angegriffen, die sich selbst Scharia Dschamaat nennt. In Kasan bemerkte ich vergangenes Jahr erste Anzeichen ähnlicher Tendenzen bei den Tartaren, was auch im Bau einer riesigen neuen Moschee im Kreml der Stadt (übrigens finanziert mit saudiarabischem Geld) seinen Ausdruck fand.

Angesichts der Bedrohung, die islamistische Separatisten inzwischen für den territorialen Zusammenhalt Rußlands darstellen, muß sich Putin wohl fragen, warum Russen wie er jemals als Vertreter des "Ostblocks" wahrgenommen werden konnten. Die Islamisten sind es, die den echten Osten, den Orient, repräsentieren. Im Vergleich mit ihnen ist Putin so sehr Teil des Westens wie ich.

Und dies ist bei näherem Hinsehen ein weiterer Grund, warum ich nicht umhinkann, den Kalten Krieg zu vermissen.

A. d. Engl. von Daniel Eckert

Niall Ferguson ist Laurence A. Tisch, Professor für Geschichte an der Harvard University.

© Niall Ferguson 2006




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