Um LESARION optimal zu gestalten und fortlaufend zu verbessern verwenden wir zur Auswertung Cookies. Mehr Informationen über Cookies findest du in unseren Datenschutzbestimmungen. Wenn du LESARION nutzst erklärst du dich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.




Forum » Transgender/Intersexuell » Thread

Tintenfischalarm

05.04.2006 23:41
HiddenNickname
0

"Rechtlich gesehen, gibt's mich gar nicht"

Elisabeth Scharangs Film "Tintenfischalarm"

Junge? Oder Mädchen? Junge! Sagen die Ärzte. Zuerst. Aber das Geschlecht ist verkümmert. Auch nach zwei Jahren noch. Also doch: Mädchen. Penisamputation. Hodenamputation. Vaginalplastik. Die Leidensgeschichte eines Intersexuellen in einem bewegenden Filmporträt: "Tintenfischalarm" von Elisabeth Scharang ist jetzt auf der Berlinale zu sehen.

Alex ist intersexuell. Als er am 7.9.1976 auf die Welt kommt, sind die Ärzte ratlos: Geschlecht uneindeutig. Das Kind wird auf den Namen Jürgen getauft.

Aus Jürgen wird Alexandra
Als Jürgen zwei ist, raten die Ärzte, ihn doch lieber als Mädchen zu erziehen. Aus Jürgen wird Alexandra, die in einem Dorf in Oberösterreich heranwächst. Die männlichen Geschlechtsteile werden kurzerhand amputiert. "Ich habe alles getan, um das Mädchen zu spielen," erinnert sich Alex heute, "habe OB und Binden eingesteckt, denn wenn mich jemand fragte, musste ich so etwas ja dabei haben, weil Frauen so etwas eben dabei haben. Ich habe mir die Haare gemacht, habe mich geschminkt. Aber was ich auch versucht habe, es ist nichts besser geworden."

Ob Jürgen Alexandra werden wollte, hat ihn nie jemand gefragt. Nur so viel war dem Kind klar: So wie es war, konnte es offensichtlich nicht bleiben. Es musste wohl eine Missgeburt sein. Sein Leben lang hat es nie dazu gehört, nirgendwo, blieb immer allein mit sich, seinem Geheimnis und vielen Problemen: "Als ich als Mädchen auf dem Dorf in Oberösterreich aufwuchs, gab es immer Burschen, die gerne grabschen. Ich hatte immer das Gefühl, als wären es viel mehr als zwei Hände. Wenn dann die Hände in Richtung Unterleib wanderten, war das für mich 'Tintenfischalarm'. Ich hatte ja keine Vagina und große Angst enttarnt zu werden."

Eine künstliche Vagina
Während die Gleichaltrigen die Pubertät durchleben und eine eigene Identität entwickeln, muss sich Alexandra schlimmsten Torturen unterziehen. Chirurgen "bauen" ihr eine künstliche Vagina, die durch das Einführen und Tragen phallusartiger so genannter "Phantome" weit gehalten werden muss. "Ich habe gedacht, mich zerreißt's innerlich," berichtet Alex vor der Kamera und führt "Phantome" unterschiedlicher Dicke und Länge vor. Das beste sei es, sagen die Ärzte damals, wenn Alexandra regelmäßig Sex hätte, damit die Vagina nicht schrumpft. Kein Wort davon, dass die Nerven durchtrennt sind und lustvoller Sex ohnehin nicht mehr möglich ist.

Eine schwere Krebserkrankung mit neunzehn und fast vier Monate Koma bringen die Wende. Hat der Hass auf den eigenen Körper sie krank gemacht? Alexandra jedenfalls will sich nicht länger verstecken, nicht länger verbiegen lassen. Im Herbst 2002, jetzt 26 Jahre alt, outet sie sich öffentlich als Intersexuelle - in der Radiosendung der Moderatorin und Filmemacherin Elisabeth Scharang. Aus dieser Begegnung entsteht die Idee, einen gemeinsamen Film zu machen. Heute ist aus Alexandra, der Frau, Alex, der Mann, geworden. Den Weg dorthin haben er und Elisabeth Scharang mit der Kamera festgehalten

Eine Frage der Nähe"
"Tintenfischalarm" ist ein Gesprächsfilm. "Es war eine Frage der Nähe und der Höflichkeit," sagt Scharang, als Gesprächspartnerin selbst Teil des Films, "dass ich mich dabei nicht hinter einer Kamera versteckt habe." Entstanden ist ein wunderbares und sehr intensives Filmporträt. Über einen Menschen, der mit ungeheurem Kampfesgeist und gegen alle Widerstände zu sich selbst gefunden hat, über einen Menschen, der uns in charmantem Oberösterreichisch mit viel Humor und ohne jede Larmoyanz mit auf die Reise in die eigene Vergangenheit und in sein eigenes Innerstes nimmt, über einen Menschen, der uns mit seinem Mut und seiner unglaublichen Offenheit unverzüglich für sich einnimmt - und das sowohl als Frau, wie auch als Mann.

Der Film war für Alex auch eine Art, die eigene Geschichte zu bewältigen. Doch sein eigentliches Anliegen ist ein anderes: Kinder, die heute mit uneindeutigem Geschlecht geboren werden, vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Deshalb ist er an die Öffentlichkeit gegangen. Deshalb das Filmprojekt. Deshalb der Wunsch, dass "Intersexualität" endlich auch in der "Lindenstrasse" thematisiert wird. Vorgeschlagen hat er's den Machern schon.

" Tintenfischalarm "

Österreich, 2005
Länge: 107 Minuten
Regie: Elisabeth Scharang
Sektion: Panorama Dokumente

http://www.tintenfischalarm.at/


0










>>> Laufband-Message ab nur 5,95 € für 3 Tage! <<<